Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 05
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 05



Schon hatt' ich mich entfernt von jenen Schatten,
Und folgete den Schritten meines Führers,
Als mit erhobnem Finger hinter mir

Da einer rief: Schau', wie der Sonne Licht,
Dem nicht zur Linken scheint, der unten geht
Und sich wie ein Lebendiger gebärdet.

Bei dieser Worte Klang wandt' ich die Augen,
Und sah wie vor Erstaunen sie nur mich,
Nur mich und den gebroch' nen Strahl beschauten. 9

Warum läßt deinen Geist du so bestricken,
Daß du das Gehen hemmest? sprach der Meister.
Was kümmert dich, was hier geflüstert wird?

Komm, folge mir, und laß die Leute reden!
Steh' wie ein fester Thurm, der seinen Gipfel,
Vom Windeswehen nie erschüttern läßt!

Denn wenn der Mensch Gedanken auf Gedanken
Anhäuft, entfernt er stets das Ziel von sich,
Weil eines Kraft die Kraft des andern lähmt. 18

Was sollt' erwidern ich als nur: Ich komme.
Ich sagt' es, von der Farbe angeflogen,
Die oft den Menschen der Verzeihung werth macht.

Indessen kamen seitwärts von dem Abhang,
Ein wenig vor uns, Leute auf uns zu,
Die Miserere sangen, Vers für Vers.

Als sie bemerkten, daß wegen des Leibes
Den Strahlen ich den Durchgang nicht erlaubte,
Ward aus dem Sang ein langes, rauhes Oh! 27

Und zwei von ihnen, in Gestalt von Boten,
Eilten entgegen uns und fragten uns:
Laßt uns erfahren, welches euer Zustand?

Ihr könnt zurückkehren, sprach der Meister,
Und denen, die euch sandten, kündigen,
Daß wahres Fleisch der Leib von diesem ist.

Das ist Antwort genug, wenn, wie ich meine,
Sie seines Schattens wegen stille stehn:
Lieb kann es ihnen sein, wenn sie ihn ehren. 36

Nie sah so schnell ich, beim Beginn der Nacht,
Sternschnuppen durch die Heitre ziehen, noch
Blitze des Abends durch die Wolken brechen,

Als diese schneller noch empor sich kehrten,
Und sich zu uns mit allen andern wandten,
Wie eine Schaar, die zügellos dahinläuft.

Dies Volk, das uns umdrängt, ist zahlreich, und
Sie kommen dich zu bitten, sprach der Dichter,
Drum geh nur zu,und hör' sie an im Gehen. 45

O Seele, die um froh zu werden wandelst
Mit jenen Gliedern, die bei der Geburt
Du hattest, schrie'n sie, hemm' den Schritt ein wenig!

Schau, ob von uns du einen je gesehen,
So daß du Kunde von ihm jenseits bringest.
Ach! warum eilst du, warum stehst du nicht?

Gewaltsam wurden alle wir getödtet,
Und waren Sünder bis zur letzten Stunde,
Wo uns des Himmels Licht aufmerksam machte; 54

So daß mit Reu' und mit Verzeihung wir
Vom Leben schieden, unversöhnt mit Gott,
Den noch zu schauen schmerzlich wir entbehren.

Und ich: Wie euer Antlitz immer ich
Betracht', erkenn' ich keinen, doch beliebt euch
Etwas, das ich vermag, ihr sel'gen Geister,

So sprecht, und thun will ich's, bei jenem Frieden,
Den ich, den Schritten eines solchen Führers
Folgend, von Welt zu Welt aufsuchen geh. 63

Jeder von uns, begann der eine nun,
Traut deiner Wohlthat, ohne daß du schwörest,
Wenn Ohnmacht nicht den guten Willen hemmt.

Weshalb ich, der ich vor den andern spreche,
Dich bitte, wenn du je das Land erblickest,
Daß zwischen Carl's und der Romagna liegt,

Daß du mit deinen Bitten freundlich winkest,
In Fano so, daß man für mich dort bete,
Daß ich die schweren Sünden tilgen möge. 72

Von dort war ich, allein die tiefen Wunden,
Aus denen mir das Lebensblut entströmte,
Erhielt im Schooß der Paduaner ich,

Wo ich am sichersten zu sein vermeinte.
Das ließ vollbringen der von Este, der
Mehr als das Recht erlaubte auf mich zürnte.

Doch wenn, als bei Oriaco überfallen,
Ich zu der Mira mich geflüchtet hätte,
So wär' ich jenseits noch, da wo man athmet. 81

Zum Sumpfe lief ich, wo das Moor und Röhrig
Mich so umfingen, daß ich fiel und sah
Mein Blut am Boden eine Lache bilden.

Drauf sprach ein andrer: Ach! so dir der Wunsch,
Der dich zum Berge zieht, erfüllet werde,
So hilf dem meinen auch aus frommem Herzen!

Ich war aus Montefeltr' und bin Buonconte.
Nicht kümmern sich um mich Johann' und andre,
Drum geh gesenkter Stirn ich unter diesen. 90

Und ich zu ihm: Welche Gewalt, welch Zufall
Riß dich so weit von Campaldino fort,
Daß deine Grabstätt' man niemals erfahren?

Oh! sprach er drauf, am Fuß des Casentino's
Da fließt ein Bach vorüber, der Archiano,
Im Apennin, über der Wüst', entspringt er.

Da, wo den Namen er verliert, kam ich
Zu Fuße fliehend mit durchbohrtem Hals an,
Und röthete mit meinem Blut den Boden. 99

An diesem Ort verlor Gesicht und Sprach' ich,
Maria's Namen auf den Lippen starb ich,
Dort fiel ich, und mein Fleisch blieb dort zurück.

Die Wahrheit sag' ich, sage du's den Menschen.
Es nahm mich Gottes Engel, der der Hölle
Schrie: Du vom Himmel, was beraubst du mich?

Du trägst das Ewige von dem davon,
Des Thränchens wegen, welches ihn mir raubt;
Doch mit dem andern treib' ich andres Spiel. 108

Du weißt, wie feuchte Dünste in der Luft
Sich sammeln, die alsdann zu Wasser werden,
Wenn in der Höhe sie die Kält' ergreift.

Der böse Wille, der nach Bösem trachtet,
Verbunden mit der Einsicht, trieb zusammen
Den Dunst und Wind durch die ihm eigne Kraft.

Drauf, als der Tag erloschen, deckte er
Das Thal von Pratomagno bis zum Gipfel
Mit Nebel und verdichtete den Himmel, 117

So daß die schwangre Luft zu Wasser ward,
Der Regen fiel, und was von ihm die Erde
Nicht aufnahm, floß in des Gebirges Bäche.

Und diese angeschwellt zu großen Flüssen,
Stürzten zum Hauptstrom sich mit solcher Schnelle,
Daß Widerstand zu leisten nichts vermochte.

Meinen erstarrten Leib fand der Archian
An seiner Mündung, und trieb ungestüm ihn
Zum Arno hin, und lösete das Kreuz, 126

Das ich im Schmerz auf meiner Brust gebildet.
Am Ufer und im Grunde wälzt er mich,
Und deckte dann mich ganz mit seiner Beute.

Ach! wenn du wirst zur Welt zurückgekehrt,
Und ausgeruht vom langen Wege sein,
Schloß an den zweiten sich der dritte Geist an,

Erinnre meiner dich! Ich bin die Pia.
Siena gab, Maremma nahm mir's Leben;
Das weiß der wohl, der früher mit dem Ringe 135

Bei der Verlobung mich gebunden hatte.

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