Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 20
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 20



Es kämpft ein Wille schwer gegen den bessren,
D'rum, ihm zu lieb, zog ich gegen den meinen,
Den Schwamm noch nicht gesättigt aus dem Wasser.

Auf macht' ich mich, und auch mein Führer machte
Sich auf den offnen Weg, stets längst der Felsen,
Wie man auf Mauern geht, dicht an den Zinnen,

Dieweil das Volk, das tropfenweis' das Laster
Abbüßet, das die ganze Welt beherrscht,
Zuweit nach außen sich dem Rande nähert. 9

Vermaledeiet seist du, alte Wölfin,
Die mehr als alle andre Thier' erbeutest
Vermöge deines bodenlosen Hungers!

O Himmel, dessen Kreisung man den Wechsel
Der ird'schen Dinge zuzuschreiben scheint,
Wann wird erscheinen der diese vertreibet?

Wir gingen langsamen und seltnen Schrittes,
Ich auf die Schatten aufmerksam, die ich
Jämmerlich weinen hört' und sich beklagen. 18

Zufällig hört' ich: O süße Maria,
Vor uns anrufen unter Weinen so,
Wie wohl ein Weib thut, das im Kreisen liegt,

Und dann fortfahren: Arm warst du so sehr,
Wie man ersehen kann aus der Herberge,
Wo du die heil'ge Bürde niederlegtest.

Und weiter hört' ich: O wackrer Fabricius,
Du wolltest lieber Tugend mit der Armuth,
Als mit dem Laster großen Reichthum haben. 27

Mir hatten diese Worte so gefallen,
Daß ich vorschritt, um Kunde zu erlangen
Vom Geist, von dem sie mir zu kommen schienen.

Er sprach auch noch von der Freigebigkeit,
Die Nikolaus übte an den Jungfraun,
Daß er zu Ehren ihre Jugend leite.

O Seele, sprach ich, die so wohl du redest,
Sag mir', wer du gewesen, und warum
Nur du allein solch würd'ges Lob erneuerst. 36

Ohne Belohnung soll dein Wort nicht bleiben,
Kehr' ich zurück, den kurzen Lauf zu enden
Von jenem Leben, das zu Ende eilt.

Und er: Ich sage dir's, nicht weil ich Trost
Von dort erwarte, sondern weil in dir
So große Gnad', eh' du noch todt, erglänzt.

Ich war die Wurzel jener schlimmen Pflanze,
Welche die ganze Christenheit beschattet,
Daß selten gute Frucht man davon bricht. 45

Doch hätten nur Donai, Gent, Lille und Brügge
Die Macht dazu, bald trät' die Rache ein,
Die ich von dem erfleh', der alles richtet.

Jenseits ward Hugo Capet ich genannt;
Von mir stammen die Philipp' und die Ludwig,
Von welchen Frankreich neuerdings beherrscht wird.

Sohn eines Fleischers war ich in Paris.
Als ausgestorben schon die alten Kön'ge,
Bis auf den einen, der Bußkleider anzog, 54

Hielt ich in meinen Händen fest den Zügel
Der Reichsregierung, und so reich an Macht,
Neuer Erwerbung und an Freunden war ich,

Daß meines Sohnes Haupt erhoben ward
Zu der verwaisten Krone, und mit ihm
Begannen die gesalbten Häupter jener.

So lang' die große provenzal'sche Mitgift
Meinem Geschlecht die Scham noch nicht genommen,
Taugt es nicht viel, doch Böses that es nicht. 63

Darauf begann, mit Lug und mit Gewalt,
Sein Raubsystem, und es nahm nun zur Büßung
Ponthien und Normandie und die Gascogne.

Es kam nun bald nach Welschland, und zur Büßung
Ward Conradin geopfert, und darauf
Thomas gesandt zum Himmel, auch zur Büßung.

Ich seh' 'ne Zeit, nicht lange nach der jetz'gen,
Die einen andern Carl aus Frankreich lockt,
Daß besser man ihn und die Seinen kenne. 72

Waffenlos kommt er, und bloß mit der Lanze,
Womit Judas gekämpft, und damit stößt er
So daß Florenz der Bauch davon zerplatzet.

Darauf wird er nicht Land, nur Sünd' und Schande
Daraus gewinnen, um so schlimmer für ihn,
Als solchen Schaden er für leicht nur achtet.

Den andern, der schon auszog, und gefangen
Zu Schiffe ward, seh' ich, wie er die Tochter
Verkauft, gleichwie Corsaren andre Sklaven. 81

O Geiz, was kannst du schlimmeres uns thun,
Da du mein Blut so sehr an dich gezogen,
Daß es des eignen Fleisches nicht mehr achtet!

Damit zukünft'ges und gethanes Uebel
Minder erscheine, seh' ich in Alagna
Christum gefang'n in seinem Stellvertreter.

Ich seh' auf's neue ihn verspottet, sehe
Den Essig und die Galle sich erneuen,
Getödtet ihn zwischen lebend'gen Räubern. 90

Pilat, den neuen seh' ich, der so grausam,
Daß ihm das nicht genügt, und ohn' Ermächt'gung
Er in den Tempel trägt die gier'gen Segel.

O mein Gebieter! wann werd' ich der Rache
Mich freuen, die verborgen im Geheimniß
Des Rathes dein, jetzt deinen Zorn noch mildert!

Was ich gesagt von jener einz'gen Braut
Des heil'gen Geistes, und was dich getrieben,
Erläut'rungswegen dich an mich zu wenden, 99

Ist unsern Bitten vorgeschrieben nur,
So lang' es Tag ist; doch sobald es nachtet,
Stimmen ein andres Lied wir dafür an.

Dann rufen wiederholt Pygmalion wir,
Den seine Gier nach Golde zum Verräther,
Zum Diebe und zum Vatermörder machte,

So wie des geiz'gen Midas Elend auch,
Welches auf seine gier'ge Bitte folgte,
Das jedermann zum Lachen noch bewegt. 108

Sodann erinnert jeder sich des Thoren
Achams, der von der Beute stahl, so daß
Ihn Josua's Zorn noch jetzt zu strafen scheint.

Drauf schelten wir Sapphir' und ihren Mann,
Loben die Tritte, die Heliodor
Empfing; und rings umkreist den Berg die Schande

Polymnestors, des Polydoros' Mörder.
Zuletzt wird noch gerufen hier: O Crassus,
Sag' uns, du weißt es ja, wie schmeckt das Gold? 117

Oft spricht der eine laut, der andre leise,
Je nach der Stimmung, die zum Reden treibt
Mit mehr und wen'ger Eifer es zu thun.

Drum war vorhin ich nicht allein beim Lobe,
Das wir bei Tag aussprechen, nur daß niemand
Hier in der Nähe so die Stimm' erhob.

Wir waren schon von ihm hinweggegangen,
Und strebeten den Weg zu überschreiten,
So schnell als unsre Kräfte es erlaubten, 126

Als ich den Berg, wie etwas was da einstürzt,
Erbeben fühlt' und mich ein Schauder packte,
Wie's dem geschieht, der da zum Tode geht.

Gewiß erbebte Delos nie so heftig,
Bevor Latona dort ihr Nest erbaute,
Um beide Himmelsaugen zu gebären.

Darauf begann ein Schrei von allen Seiten,
So daß der Meister zu mir trat und sprach:
Befürchte nichts so lange ich dich führe! 135

Gloria in excelsis, riefen alle, Deo,
So weit ich in der Nähe es vernahm,
Von wo den Ruf man wohl verstehen konnte.

Wir blieben unbeweglich stehn und zweifelnd,
Den Hirten gleich, die diesen Sang zuerst
Gehört, bis Beben und Gesang verstummten.

Dann nahmen wieder auf den heil'gen Weg wir,
Die Schatten, die am Boden liegen schauend,
Die rückgekehrt zu dem gewohnten Weinen. 144

Nie hat Unwissenheit mit solcher Plage
Begierig mich zu wissen je gemacht,
Wenn mein Gedächtniß hierin mich nicht täuschet,

Als ich nachdenkend zu empfinden glaubte.
Der Eile wegen wagt' ich nicht zu fragen,
Noch für mich selbst konnt' ich etwas erkennen:

So ging nachdenklich, schüchtern ich dahin.

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