Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 03
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 03



Die Sonne, die mit Lieb' erst mich erwärmt,
Hatte das Antlitz schöner Wahrheit mir
Durch Widerlegung und Beweis enthüllt.

Und ich, um überzeugt nun und gewiß
Mich zu bekennen, hatte schon das Haupt
Zur Antwort, wie es schicklich war, erhoben,

Als etwas mir erschien, das mich so gänzlich,
Um's recht zu sehen, auf sich zog, daß ich
Darüber mein Bekenntniß ganz vergaß. 9

So wie aus reinem und durchsicht'gem Glase,
Oder aus klarem, ruhigem Gewässer,
Daß nicht so tief, daß dunkel sei der Boden,

Die Züge unsres Bilds zurückstrahlen,
So schwach jedoch, daß leichter eine Perle
Auf weißer Stirn in unserm Aug' erglänzt:

So sah Gesichter ich bereit zu sprechen;
Drob mich ein Irthum dem entgegen faßte,
Der Lieb' einst weckte zwischen Mensch und Quelle. 18

Kaum hatt' ich wahrgenommen sie, so wandt' ich,
Da ich für Spiegelbilder sie gehalten,
Die Augen, um zu sehn, von wem sie kämen.

Da sah ich nichts, und wandte vorwärts sie
Grad' in das Licht der holden Führerin,
Die lächelnd in den heil'gen Augen glühte.

Wundre dich nicht, sprach sie, weshalb ich lächle
Ueber die kindische Einbildung, da
Dein Fuß der Wahrheit noch nicht ganz vertraut, 27

Vielmehr, so wie er pflegt, dich irre führt,
Denn wahre Wesen sind es die du schauest,
Wegen Gelübdes Bruch hierher verwiesen.

Drum sprich mit ihnen, höre sie und glaube,
Daß das wahrhaft'ge Licht, das sie beseligt,
Sie keinen Schritt von ihm sich läßt entfernen.

Ich wandte mich zum Schatten, der da zeigte
Die meiste Lust zu sprechen, und begann
Gleich einem, den die Ungeduld verzehrt: 36

O wohl erschaffner Geist, der in den Strahlen
Der ew'gen Liebe jene Wonn' empfindet,
Die nicht gekostet, nie begriffen wird;

Lieb wird mir's sein, wenn du mit deinem Namen
Und deines Schicksals Kenntniß mich erfreust.
Drob willig sie und mit lächelnden Augen:

Gerechtem Wunsche schließet unsre Liebe
Niemals das Thor, nicht mehr als jene Liebe,
Die ihren ganzen Hof sich ähnlich sehn will. 45

Als Klosterjungfrau lebt' ich in der Welt einst,
Und wenn du dein Gedächtniß recht erforschest,
Wird, daß ich schöner bin, mich dir nicht bergen.

Du wirst vielmehr erkennen. daß Piccarda
Ich bin, die hier mit diesen andern Seelen
In dieser trägsten Sphär' ich selig bin.

All' unsre Wünsche, die entflammet, um
Dem heil'gen Geiste zu gefallen, jauchzen,
Daß wir zu seinem Orden sind gebildet. 54

Und dieses Loos, das wohl so niedrig scheint,
Ward uns bestimmt, weil unsere Gelübde
Zum Theil verletzt und unerfüllt geblieben.

Drob ich zu ihr: In euren Angesichtern
Erglänzt ich weiß nicht was, doch göttliches,
Das euer frühres Bild in uns verwandelt.

Drum war ich nicht so rasch mich zu erinnern;
Doch jetzt hilft das mir was du mir gesagt,
Daß leichter ich jetzt wieder dich erkenne. 63

Doch sage mir: Ihr, die ihr selig hier,
Wünscht ihr wohl einen höhern Ort, um mehr
Zu schaun und Gott befreundeter zu werden?

Erst lächelte sie mit den andern Schatten
Ein wenig, dann sprach sie zu mir so heiter,
Als glänzte sie im ersten Liebesfeuer:

Mein Bruder, es befriedigt unsern Willen
Der Liebe Macht, die uns nur wünschen läßt
Was unser ist, und andern Durst nicht wecket. 72

Wenn höher wir hinauf zu kommen wünschten,
So stritten unsre Wünsche mit dem Willen
Dessen, der uns hierher gewiesen hat.

Das aber, wirst du sehn, kann nicht stattfinden
In diesem Kreis, wo Liebe nur darf herrschen,
Wenn du des Orts Natur dir recht betrachtest;

Vielmehr gehört zu diesem sel'gen Sein
Notwendig, daß man bleib' in Gottes Willen,
Und alle Willen so zu Einem werden, 81

So daß, wie wir von Stufe sind zu Stufe
In diesem Reich, dem ganzen Reich gefällt
Wie dem, der uns mit Lust zu ihm erfüllt.

In seinem Willen ruhet unser Friede;
Er ist das Meer, zu dem sich alles zieht,
Was er geschaffen und was die Natur macht.

Da ward mir klar, wie überall im Himmel
Es Paradies ist; ob des Höchsten Gnade
Auch nicht auf gleiche Weise hier hinabströmt. 90

Doch wie es wohl geschieht, wenn eine Speise
Uns sättigt und der Wunsch nach andrer bleibt,
Man diese dann begehrt, für jene danket:

So that auch ich mit Worten und Gebärden,
Um zu erfahren, welch Geweb' es war,
Das mit dem Webschiff sie nicht ausgeführt.

Vollkommnes Leben und hohes Verdienst
Erhebt ein Weib zum Himmel, deren Regel
Kleidung und Schleier in der Welt bestimmt, 99

Damit man bis zum Tode wach' und schlafe
Mit dem Gemahl, der jeden Wunsch annimmt,
Den Liebe bildet nach seinem Gefallen.

Ich floh jung aus der Welt, um ihr zu folgen,
Hüllte mich in ihr Kleid, und ich gelobte,
Den Weg zu wandeln, den sie vorgeschrieben.

Doch Männer mehr des Bösen als des Guten
Gewohnt, entrissen mich dem süßen Kloster,
Und Gott weiß wie mein Leben drauf beschaffen. 108

Und jener andre Glanz, der sich dir zeiget
Zu meiner rechten Seit' und ist entzündet
Vom ganzen Lichte dieser unsrer Sphäre,

Versteht von sich was ich von mir dir sagte.
Auch sie war Nonn' und auch ihr ward vom Haupte
Der heil'gen Binden Schatten so geraubt.

Doch ob sie auch zur Welt ohn' ihren Willen
Und gegen guten Brauch zurückgeführt ward,
Löste sie dennoch nie des Herzens Schleier. 117

Constanzens Licht, der großen, ist das hier,
Die mit dem zweiten Sturmwind, der aus Schwaben,
Den dritten und die letzte Macht erzeugte.

So sprach zu mir sie und begann zu singen
Ave Maria, und singend entschwand sie,
So wie in tiefes Wasser Schweres sinkt.

Mein Auge, das so lange sie verfolgte
Als möglich war, nachdem es sie verloren,
Wandte zum höchsten Ziel sich seiner Sehnsucht 126

Und richtete sich ganz auf Beatrice.
Doch diese blitzte so in meine Augen,
Daß es zuerst die Sehkraft nicht ertrug,

Was säumiger mich machte sie zu fragen.

<<< zweisprachig Inhalt list operone >>>