Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 05
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 05



Wenn ich in Liebesgluth dir so erglänze,
Wie man auf Erden niemals es erblickt,
So daß ich deine Sehkraft überwinde,

So wundre dich deß nicht, denn das ist Folge
Vollkommnen Schauens, das, wie es erkennt,
So auch nachher im Guten weiter schreitet.

Wohl seh' ich, wie in deinem Geiste schon
Das ew'ge Licht erglänzt, das wenn man es
Auch nur gesehn, nothwendig Lieb' entzündet. 9

Und wenn sonst was verlocket eure Liebe,
So ist's nur, weil auch darin eine Spur,
Wenn auch verkannt, des ew'gen Lichtes leuchtet.

Du möchtest wissen, ob mit andern Dingen
Man leisten kann für unerfüllt Gelübde
So viel Ersatz, daß sicher sei die Seele.

Also begann diesen Gesang Beatrix,
Und so wie wer die Rede nicht zerstückelt,
Fuhr sie im heiligen Beginnen fort. 18

Die größte Gabe, die mit seiner Güte
Am meisten stimmt, und er am höchsten schätzt,
Hat bei der Schöpfung Gott aus Liebesfülle

Verliehen, und das ist des Willens Freiheit,
Womit alle vernünftigen Geschöpfe,
Und sie allein nur, ausgestattet wurden.

Nun wird, so weiter du daraus willst schließen,
Dir des Gelübdes hoher Werth erscheinen,
Ist's so, daß Gott, was du gelobt, auch billigt. 27

Denn beim Vertrage zwischen Gott und Menschen
Wird jener Schatz, wie ich ihn schilderte,
Geopfert, und aus eigner Kraft des Willens.

Was kann es für Ersatz also wohl geben?
Meinst gut du anzuwenden was du aufgiebst,
So heißt das wohlthun mit geraubtem Gute.

Du bist des schwersten Punktes nun gewiß.
Indeß da doch Dispens die Kirch' ertheilet,
Was dem entgegen, was ich dir enthüllet, 36

Mußt an dem Tische du noch sitzen bleiben,
Weil, was an schwerer Speise du genossen,
Noch ein'ge Hülfe zur Verdauung fordert.

Oeffne den Geist dem, was ich dir verkünde,
Und halt' es fest, denn ohne das Behalten
Entsteht nicht Wissenschaft durch bloßes Hören.

Zwei Dinge sind zu dieses Opfers Wesen
Nothwendig; eines ist der Gegenstand
Jedes Gelübdes, der Vertrag das andre. 45

Der letzte kann allein nur durch Erfüllung
Gelöset werden, und in dieser Hinsicht
War meine Rede so bestimmt vorhin.

Drum war das Opfern selbst stets den Hebräern
Zur Pflicht gemacht, obwohl sie ein'ge Opfer
Vertauschen konnten, wie du wissen mußt.

Das andre, das als Gegenstand des Opfers
Ich dir genannt, kann so sein, daß man wohl
Nicht irrt, wenn man mit anderm es vertauschet. 54

Doch möge keiner seiner Schulter Last
Nach eigenem Ermessen wechseln, ohne
Des weißen und des gelben Schlüssels Drehung.

Drum sollst du jeden Tausch vermessen achten,
Wenn was du aufgiebst, in dem Uebernommnen
Nicht wie die Vier in Sechs enthalten ist.

Drum kann, was also wiegt nach seinem Werthe,
Daß es jedwede Wage niederdrückt,
Durch andres Opfer nie ersetzet werden. 63

Nicht mit Gelübden scherzt, ihr Sterblichen!
Erfüllet sie! doch seid nicht blind dabei,
Wie Jephta war mit seinem ersten Opfer,

Der lieber sagen sollte: Ich that übel
Als schlimmres thun durch Halten seines Wortes.
Wie thöricht that der große Fürst der Griechen,

Drob ihre Schönheit Iphigenia
Beweint' und weinen ließ Thoren und Weise,
Die da von solchem Gottesdienste hörten! 72

Seid, Christen, langsamer euch zu entschließen,
Seid nicht wie Federn leicht bei jedem Winde,
Und glaubt nicht, daß euch jedes Wasser wasche!

Ihr habt das alt' und neue Testament,
Den Hirten auch der Kirche, der euch leitet:
Dran lasset euch zu eurem Heil genügen!

Will böse Lust zu andrem euch verlocken,
Seid Menschen dann und nicht thörichte Schafe,
Daß unter euch der Jud' euch nicht verlache! 81

Thut's nicht dem Lamme gleich, das seiner Mutter
Milch aufgiebt, und einfältig übermüthig
Auf eigne Hand, nach eigner Lust umherspringt!

So sprach Beatrix, ganz so wie ich's schreibe,
Und wandte dann mit voller Sehnsucht sich
Nach jenem Theil der Welt, der glänzt am meisten.

Ihr Schweigen und ihres Gesichts Verklärung
Geboten Schweigen meinem gier'gen Geiste,
Der neue Fragen schon hielt in Bereitschaft. 90

Und gleich dem Pfeile, der das Ziel berührt,
Bevor die Sehne noch zur Ruh gekommen,
So flogen zu dem zweiten Reiche wir.

Dort sah ich meine Herrin also heiter,
Als in das Licht sie eintrat jenes Himmels,
Daß der Planet selbst leuchtender davon ward.

Und wenn der Stern sich wandelte und lachte,
Wie ward erst mir, der ich in jeder Weise
So gar verwandelbar bin von Natur. 99

So wie in einem Fischteich still und klar
Die Fische ziehn nach dem was da hineinfällt,
Sobald sie nur für Nahrung es erachten:

So zogen wohl der Geister mehr als tausend,
Der glänzenden, auf uns zu, und in jedem
Vernahm man: Schau, der mehret unser Lieben!

Und so wie jeglicher sich uns genahet,
Sah man am hellen Glanz, der von ihm ausging,
Wie voller Freude dieser Schatten war. 108

Denke dir, Leser, wenn, was hier begonnen
Nicht weiter vorwärts schritte, welchen Hunger
Du haben würdest mehr davon zu wissen.

Und selbst wirst du erkennen, wie ich wünschte
Ihr Loos von ihnen selber zu erfahren,
Sobald sie meinen Augen kund geworden.

O glücklich du geborner, dem die Gnade
Zu schaun des ewigen Triumphes Throne
Verliehn, eh' noch der Kriegsdienst abgelaufen! 117

Vom Licht, das durch den ganzen Himmel leuchtet,
Sind wir entzündet, und drum, wenn du wünschest
Kunde von uns, so sätt'ge dich nach Lust!

So ward von einem dieser frommen Geister
Zu mir gesagt, und von Beatrix: Sprich, sprich,
Und glaub' wie Göttern ihnen zuversichtlich!

Ich sehe wohl wie du dich selber birgst
Im eignen Licht, das aus den Augen strahlet,
Weshalb sie funkeln auch sobald du lächelst; 126

Doch weiß ich nicht, wer du bist, würd'ge Seele,
Noch warum du die Stufe dieser Sphäre
Einnimmst, die unter fremden Strahl sich birgt.

So sprach ich zu dem Lichte hingewandt,
Das erst mit mir gesprochen, weshalb es
Viel leuchtender noch ward als es zuvor war.

So wie die Sonne, die sich selbst verbirgt
Durch zu viel Licht, sobald die große Hitze
Die Milderung der Dünste hat verzehrt, 135

So aus vermehrter Freude barg sich mir
Im eignen Strahl die heilige Gestalt,
Und so verhüllt, verhüllt antwortet sie,

Wie es der folgende Gesang wird singen.

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