Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 07
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 07



Osanna, sanctus Deus Sabaoth,
Superillustrans claritate tua
Felices ignes horm malahoth! *)

Solchen Gesang schien anzustimmen mir
Das Wesen, sich zu seiner Kreisung wendend,
Auf welchem sich ein doppelt Licht verzwiefacht.

Er setzt' sich mit den andern in Bewegung,
Und gleich den schnellsten Funken bargen sie sich
Vor meinem Blick durch plötzliche Entfernung. 9

Ich war in Zweifel, und sprach zu mir selbst:
Sag' ihr, sprach ich, sag' ihr der Herrin mein,
Die meinen Durst mit süßen Tropfen stillet.

Doch jene Ehrfurcht, die sich meiner ganz
Bemächtigt, hör' ich B und ice nur,
Beugte mein Haupt, wie einem, der in Schlaf fällt.

Nicht lange duldete mich so Beatrix,
Vielmehr anstrahlend mich mit einem Lichte,
Das selbst im Feu'r den Menschen selig machte: 18

Nach meiner unfehlbaren Meinung macht
Bedenken dir, wie die gerechte Rache
Gerecht gestrafet worden, so begann sie,

Doch diesen Zweifel will ich bald dir lösen.
Hörst du mich an, so werden meine Worte,
Die Gabe großer Lehre dir verleihen.

Weil auch heilsamen Zügel seines Willens
Der Mensch, der nicht geboren, nicht ertrug,
Verdammt' er sich, sein ganz Geschlecht verdammend. 27

Weshalb in großem Irrthum und in Schwäche
Viele Jahrhunderte die Menschheit lag,
Bis es dem Wort gefiel hinabzusteigen,

Wo durch die That der ew'gen Liebe es
Mit sich zu einer Wesenheit vereinte
Die von Gott abgefallene Natur.

Nun richt' dein Auge du auf was ich sage!
Diese Natur, vereinet mit dem Schöpfer,
Wie sie geschaffen, war sie rein und gut; 36

Doch ward, durch ihre Schuld vom Paradiese
Verbannet sie, weil sie sich abgewandt
Vom Weg der Wahrheit und von ihrem Leben.

Drum mißt die Strafe, die das Kreuz gereicht,
Man mit der angenommenen Natur,
Ward keine je gerechter angewendet;

Und ungerechter keine wiederum
Sieht man auf die Person, die da gelitten,
In der jene Natur war aufgenommen. 45

Deshalb hatt' Eine That verschiedne Wirkung.
Derselbe Tod gefiel Gott und den Juden;
Die Erd' erbebt' und auf that sich der Himmel.

Nun darf es dir nicht mehr befremdend scheinen,
Sagt man, daß die gerechte Rache später
Gerächet wurde vom gerechten Richtstuhl.

Doch wie du von Gedanken zu Gedanken
In einem Knoten dich verfängst, seh' ich,
Deß Lösung du mit großer Sehnsucht harrst. 54

Du sagst: Wohl kann ich was ich hör' erkennen,
Doch dunkel ist mir, warum Gott gewählt
Nur diesen Weg zu unserer Erlösung.

Der Rathschluß, Bruder, lieget tief verborgen
Vor jedes Augen, dessen Geist noch nicht
Die Reise von der Liebe Flamm' empfangen.

Dennoch, weil viel nach diesem Ziel man spähet,
Und wenig unterscheidet, zeig' ich dir,
Weshalb der Weg der würdigste gewesen. 63

Die Güte Gottes, die jedweden Neid
Von sich entfernt, glüht so in sich von Liebe,
Daß sie die ew'ge Schönheit uns entfaltet.

Was nun von ihr unmittelbar herabträuft,
Bleibt ewiglich, weil das Gepräge, das
Sie aufgedrückt sich nimmermehr verwandelt.

Das was von ihr unmittelbar herabkommt,
Ist gänzlich frei, weil es nicht unterworfen
Dem Einfluß ist später geschaffner Wesen. 72

Ihr ähnlicher gefällt es ihr auch mehr,
Dieweil die heil'ge Lieb', alles bestrahlend,
Am meisten glänzt in dem was ähnlich ihr.

Mit allen diesen Dingen ist bevorzugt
Das menschliche Geschlecht; doch fehlt ihm Eines,
Sinkt es von seinem Adel gleich herab.

Die Sünd' allein beraubet es der Freiheit,
Und macht der höchsten Güte es unähnlich,
Weshalb es seines Lichts nicht viel empfängt. 81

Und nie kommt es zu seiner Würde wieder,
Wenn mit gerechten Strafen es nicht heilt
Die Wunde, die ihm böse Lust geschlagen.

Eure Natur, als sie in ihrem Keime
Ganz und durchaus gesündigt, ward beraubt
All dieser Würden, wie des Paradieses.

Und wiederhergestellt konnt' sie nicht werden
Auf keine andre Weise, siehst du's gründlich,
Als nur durch einen dieser beiden Wege: 90

Daß Gott allein durch seine Güt' erlassen,
Oder der Mensch auch durch sich selbst geleistet
Genugthuung für seiner Thorheit Schuld.

Versenke, um so viel du es vermagst,
Dein Auge in des ew'gen Rathes Abgrund,
Anschließend dich genau an meine Worte!

In seiner Lage konnte nie der Mensch
Genugthun, weil er nie so tief herab
Durch Demuth und Gehorsam steigen konnte, 99

Als er durch Trotz einst meint' empor zu steigen.
Und das ist nun der Grund, weshalb dem Menschen
Die Selbstgenugthuung war abgeschnitten.

Drum mußte Gott den Menschen wiederherstell'n
Mit seinen Wegen zum vollkommnen Leben,
Mit einem, sag' ich, oder auch mit beiden.

Doch da das Werk am meisten dann geschätzt wird,
Je mehr es von der Herzensgüte zeiget
Dessen, von dem es ausgegangen ist, 108

Fand es die Güte Gottes, die der Welt
Sich aufprägt, angemessen, euch zu retten
Mit allen Mitteln, die in ihrer Hand.

Und von dem ersten Tag zur letzten Nacht
Sah man niemals, und wird auch niemals sehen,
So hohe Wirkung von den beiden Wegen.

Denn selbst sich gebend hat Gott größre Güte
Gezeigt, damit ihr euch erheben könntet,
Als wenn er bloß von selbst vergeben hätte. 117

Denn alle andern Mittel g'nügten nicht
Dem Recht, es sei denn, daß sich Gottes Sohn
So weit erniedrigte ein Mensch zu werden.

Doch, um dir jeden Wunsch recht zu erfüllen,
Kehr' ich zurück zu etwas, das ich sagte,
Damit du dort auch sehest so wie ich.

Du sagst: Ich seh die Luft, ich seh das Feuer,
Das Wasser und die Erd' und jede Mischung
Sich bald verderben und nicht lange dauern. 126

Und diese Dinge sind Geschöpfe doch,
Weshalb, wenn was ich sagte, Wahrheit wäre,
Sie vor'm Verderben ja geschützt sein müßten.

Die Engel, Bruder, und das reine Land,
Worin du bist, kann man geschaffen nennen,
So wie sie sind, in ihrem vollen Sein;

Die Elemente aber, die du nanntest,
Und alle Dinge, die daraus gemacht sind,
Sie sind gebildet durch erschaffne Kraft. 135

Geschaffen ward der Stoff, den sie besitzen,
Geschaffen ward die Bildungskraft, die sich
In diesen Sternen kreisend um sie dreht.

Der Strahl und die Bewegung dieser heil'gen
Gestirne, zieht aus dem begabten Stoffe
Die Seele jedes Thieres und der Pflanzen.

Doch eure Seele haucht ohne Vermittlung
Die höchste Güte und stößt Lieb' ihr ein
Zu sich, daß sie sich ewig danach sehnen. 144

Und daraus kannst auf eure Auferstehung
Du schließen auch, wenn du bedenken willst,
Wie euer Fleisch damals gebildet worden

Mit jenem ersten Elternpaar zugleich.

*) Hosianna, heiliger Gott der Heerschaaren,
Der du mit deiner Klarheit überstrahlest
Die sel'gen Feuer dieser Reiche hier.

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