Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 08
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 08

Hier angelangt erblickt er auf dem Thurm zwei Flammen, denen eine dritte entspricht, worauf sie Phlegyas übersetzt, während dessen Dante dem Philipp Argenti begegnet. Die Dichter gelangen zur Stadt des Dis; doch werden sie am Eintritt durch Dämonen verhindert.

Fortfahrend sag' ich, daß viel früher noch,
Als wir am Fuß des hohen Thurmes waren,
Wir unsern Blick zu dessen Zinn' erhuben,

Weil wir zwei Flämmchen dort aufstecken sahen,
Ein andres dann das Zeichen wiedergeben,
So fern, daß kaum das Aug' es absehn konnte.

Und ich, zum Meer mich aller Einsicht wendend,
Sprach: „Was besagt dies? und was denn antwortet
Das andre Feu'r, und wer sind, die es machen?” 9

Und er zu mir: „Dort auf den schmutz'gen Wogen
Kannst du gewahren schon, was zu erwarten,
Wenn es des Sumpfes Dunst dir nicht entzieht.” -

Nie schnellt' ein Strang noch einen Pfeil von sich,
Der also rasch den Pfad der Luft durchschnitten,
Als ich ein kleines Schifflein kommen sah,

Her durch die Wogen auf uns zu gerichtet,
Von einem einz'gen Fährmann nur gelenkt,
Der schrie: „Bist du nun da, verruchte Seele?” - 18

„O Phlegias, für diesmal, Phlegias,
Schreist du umsonst”, sprach mein Gebieter; „länger
Hast du uns nicht, als wir den Sumpf durchfahren.” -

Gleich einem, der von großem Truge hört,
Der ihm gespielt ist, und sich drob ereifert:
So ward nun Phlegias vom Zorn ergriffen.

Mein Führer stieg hinab nun, in den Nachen
Und ließ darauf auch mich zu sich eintreten,
Und erst als ich drin war, schien er belastet. 27

Sobald wir beide nun im Nachen waren,
Zog hin der alte Kiel, weit tiefer furchend
Die Wasserflut, als er bei andern pflegt.

Dieweil wir so den todten Moor durcheilten,
Macht Einer voller Schlamm sich auf mich zu
Und sprach: „Wer bist du, der zu früh du kommst?” -

Und ich zu ihm: „Komm ich, bleib ich doch nicht.
Doch wer bist du, der also sich besudelt?” -
Er drauf: „Du siehst, ich bin ein Klagender.” - 36

Und ich zu ihm: „Mit Jammer und mit Schmutze
Bleib mir vom Leibe, maledeiter Geist;
Ich kenne dich, wie auch dich Schmutz besudelt.” -

Drauf griff er nach dem Kahn mit beiden Händen:
Deshalb stieß ihn zurück der weise Meister
Und sprach: „Mach weg dich nebst den andern Hunden!” -

Dann schlang die Arm' er um den Hals mir, küßte
Mich in's Gesicht und sprach: „Du Eiferseele,
Gesegnet Jene, die dich einst getragen! 45

Der war auf Erden ein hochmüthig Wesen;
Güt' ist es nicht, die sein Andenken schmückt;
Drum rast noch hier sein Schatten gegen sich.

Wie viel' ehrt man als Könige da droben,
Die hier als Schwein' im Kothe stehen werden,
Entsetzliche Verachtung hinterlassend.” -

Und ich: „O Meister, sehr würd' es mich freuen,
Säh' ich in dieser Brüh' ihn untertauchen,
Noch eh wir diesen See verlassen haben.” - 54

Und er zu mir: „Bevor noch das Gestade
Dem Blick sich zeigt, sollst du befriedigt sein;
Wohl ziemt sich's, daß sich dir dein Wunsch erfüllt.” -

Und kurz nachher sah ich derlei Zerfleischung
Begehn an Jenem von der schmutz'gen Menge,
Daß ich Gott noch deswegen lob' und preise.

Sie alle schrien: „Los auf Philipp Argenti!”
Da wandte sich des Florentiners Geist,
Der zorn'ge, auf sich selber mit den Zähnen. 63

Dort ließen wir ihn; weitres sag' ich nicht.
Doch an mein Ohr schlug mir ein Schmerzensschrei,
Daß mit gespanntem Aug' ich vorwärts starrte.

Der gute Meister sprach: „Nunmehr, mein Sohn,
Naht sich die Stadt, die führt den Namen Dis,
Mit argen Bürgern, mit der großen Rotte.” -

Und ich: „Mein Meister, schon erkenn' ich sicher
Dort innerhalb des Thales die Moscheen
Glutroth, wie wenn sie aus dem Feuer kämen!” - 72

Und er, er sprach zu mir: „Das ew'ge Feuer,
Das sie durchbrennt von innen, zeigt sie roth,
Wie du jetzt siehst in dieser untern Hölle.” -

Bald kamen wir auch in die tiefen Gräben,
Die jene trostverlaßne Stadt umzirken:
Die Mauer schien von Eisen mir zu sein.

Nicht ohne großen Umkreis erst zu machen,
Gelangten wir zum Ort, wo laut der Fährmann:
„Steigt aus!” uns zurief, „denn hier ist der Eingang.” 81

Ich sah wohl mehr als tausend der vom Himmel
Gestürzten auf den Thoren, die ergrimmt:
„Wer ist das”, riefen, „welcher ohne Tod

Die Reiche des gestorbnen Volks durchwandert?” -
Da gab mein weiser Meister einen Wink,
Daß er geheim mit ihnen sprechen wollte.

Nun hielten sie im Grimm ein wenig inne
Und sprachen: „Komm allein; der zieh von dannen,
Der also frech betreten dies Gebiet! 90

Allein geh' er zurück die thör'ge Straße;
Versuch' er, ob er's kann; hier bleibe du,
Der durch so finstre Gegend ihn geführt.” -

Nun denk, o Leser, ob ich muthlos wurde
Beim Laute der vermaledeiten Worte;
Denn nie glaubt' ich hierher zurückzukehren.

„O theurer Führer, der mir Zuversicht
Gab, mehr als siebenmal, und mich gezogen
Aus schwerer Fahr, die Hindrung mir gedroht: 99

„Verlasse”, sprach ich, „nicht den ganz Bestürzten!
Und wenn das Weitergehn versagt uns ist,
Laß schnell auf unsrer Spur zurück uns finden.” -

Und er, der Meister, der mich hingeführet,
Sprach: „Keine Furcht! von Mächt'gem ist bestimmt,
Daß unsern Gang hier Niemand hemmen darf.

Doch hier erwarte mich und nähr' und stärke
Mit guter Hoffnung den erschöpften Geist!
Nicht werd' ich in der untern Welt dich lassen.” - 108

So geht er denn, und läßt mich dort zurück,
Der süße Vater, und ich bleib' in Zweifeln,
So daß im Haupt mir Ja und Nein sich streiten.

Nicht konnt' ich hören, was er jenen sagte;
Doch stand er dort bei ihnen nicht gar lange,
Als jeder schleunigst nach dem Innern floh.

Die Pforten schlossen unsre Widersacher
Dem Meister vor der Brust, der außen blieb
Und sich zu mir gemachen Schrittes wandte. 117

Den Blick zu Boden und die Stirne baar
Jedweder Zuversicht, sprach er mit Seufzen:
„Wer wehrt mir Zutritt zu den Jammerstätten?” -

Zu mir nun sprach er: „Nicht erschrecke dich,
Daß ich erzürnt bin; diesen Kampf besteh' ich,
Was drin auch zur Vertheidigung sich rüste.

Nicht neu ist solcher Uebermuth; sie übten
Ihn schon an weniger geheimer Pforte,
Die sich seitdem noch ohne Schloß befindet: 126

Du sahest über ihr die düstre Schrift.
Schon steigt diesseits von ihr den Abhang nieder,
Hinwandelnd durch die Kreise sonder Führung.

Ein Solcher, dem für uns die Stadt sich öffnet.” -

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