Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

Auf Dante's Wunsch, mit einem der Glaubenslosen zu sprechen, führt Virgil ihn zu Farinata degli Uberti und zu Cavalcanti. Farinata sagt ihm seine Verbannung aus Florenz voraus. Cavalcanti sucht seinen Sohn Guido in Dante's Gesellschaft.

Nun gingen fort auf eingeengtem Pfade,
Zwischen der Stadt Gemäuer und den Martern,
Mein Meister vorn, ich hinter seinen Schultern.

„O hohe Kraft, die durch die Lasterkreise
Hindurch mich führt”, sprach ich, „wie's gut ihr dünkt,
Sprich, und befriedige mir meine Wünsche.

Das Volk, das da umherliegt in den Gräbern,
Kann man es sehn? Es sind ja alle Deckel
Gehoben schon, und Niemand stehet Wache.” - 9

Und er zu mir: „Zuthun wird man sie alle,
Wenn die von Josaphat rückkehren werden
Mit ihren Leibern, die sie droben ließen.

Grabstätte hat nach dieser Seite zu
Mit Epicur die ganze Zahl der Schüler.
Die mit dem Leib die Seel' auch todt sich denken.

Doch was die Frag' angeht, die du mir thust,
So sollst du bald hierin befriedigt werden.
Ja in dem Wunsche selbst, den du verschweigst.” - 18

Und ich: „Mein guter Führer, nicht verhehl' ich
Mein Herz dir anders, als um kurz zu sprechen,
Wie du ja eben mich dazu ermahnt.” --

„O Tusker, der du durch die Stadt der Flammen
Noch lebend gehst und so bescheiden redest,
Belieb', an dieser Stelle hier zu weilen.

Es macht dich deine Mundart offenkundig
Als Eingebornen jener edlen Stadt,
Der ich vielleicht zu lästig einst gewesen.” - 27

Aus einem von den Särgen tönt' urplötzlich
Dies Wort hervor; deswegen zog ich scheu
Mich etwas näher hin zu meinem Führer.

Er aber sagte: „Wende dich, was machst du?
Sieh Farinata dort, der auf sich richtet:
Vom Gürtel aufwärts kannst du ganz ihn sehen.” -

Schon haftete mein Aug' in seinem Auge;
Schon hob mit Brust und Stirn er sich empor,
Als ob die Höll' er ganz und gar verachte. 36

Des Führers muthig rasche Hände stießen
Mich zwischen die Grabstätten zu ihm hin,
Indem er sprach: „Bedacht sei'n deine Worte!”

Als ich am Fuß nun seines Grabes stand,
Blickt' er mich flüchtig an, und fast wie zornig
Fragt' er mich drauf: „Wer waren deine Väter?” -

Ich, der begierig war, ihm zu willfahren,
Verhehlt' ihm nichts, nein, ließ ihn alles wissen;
Worauf die Brauen er ein wenig hob. 45

„Sie waren”, sprach er dann, „grausame Gegner
Mir, meinen Vätern, wie auch meinem Anhang,
So daß ich zweimal sie vertreiben mußte.” -

„Ob auch vertrieben, kehrten beidemale
Von allen Seiten”, sprach ich, „sie zurück;
Schlecht aber lernten diese Kunst die Euren.” -

Drauf stand ein Schatten neben jenem auf,
Dem Blicke sich enthüllend bis zum Kinn,
Der auf den Knieen, glaub' ich, sich erhoben. 54

Er blickt' um mich herum, als wie begierig,
Zu sehn, ob noch ein Zweiter bei mir wäre;
Doch als sein Argwohn gänzlich war getilgt,

Sprach weinend er: „Wenn du auf höhern Antrieb
Durch dieses düstere Gefängniß wandelst,
Sag mir: wo ist mein Sohn? warum nicht mit dir?” -

Und ich zu ihm: „Nicht komm' ich von mir selber;
Der dorten wartet, führt mich hier hindurch,
Er, den eu'r Guido wohl verachtet hatte.” - 63

Es hatten seine Worte, wie die Art
Der Qual, an seinen Namen schon erinnert:
Drum gab ich ihm auch so entschiedne Antwort.

Im Nu erhob er sich und fragte: „Wie?
Er hatte, sagtest du? lebt er nicht mehr?
Nicht mehr erquickt das süße Licht sein Auge?” -

Als er gewahrte, daß, bevor ich Antwort
Hierüber gab, ich etwas zögerte:
Fiel er zurück und kam nicht mehr zum Vorschein. 72

Doch jener Andre, Stolze, dessentwegen
Ich stehn dort blieb, nicht ändert' er die Miene,
Bog nicht den Nacken, krümmte nicht die Seite.

So sprach er, seine früh're Red' ergänzend:
„Wenn jene Kunst sie schlecht verstanden haben,
Das peinigt mich weit mehr als dieses Lager.

Doch nicht mehr funfzigmale wird erstrahlen
Der Herrin Antlitz, welche hier regieret,
Daß du erfährst. wie schwer die Kunst hier lastet. 81

Und so du willst der süßen Welt dich freuen,
So sag: was macht bei jeglichem Gesetze
Dies Volk so grausam gegen mein Geschlecht?” -

Drauf ich: „Die Niederlage, das Gemetzel,
Das große, das die Arbia blutroth färbte,
Läßt solch Gebet in unserm Tempel thun.” -

Mit Seufzen schüttelt' er das Haupt und sprach:
„Das that ich nicht allein; auch wär' ich sicher
Ohn' Ursach mit den Andern nicht gegangen. 90

Doch war allein ich der, als jeder zuließ,
Daß man Florenz vom Boden tilgen sollte,
Der's offnen Angesichts verteidigte.” -

„Will jemals euer Samen Ruhe finden,
So löset”, bat ich ihn, „mir diesen Knoten,
Der hier mein Urtheil ganz umschlungen hält.

Ihr scheint vorauszusehn, wenn recht ich's fasse,
Das, was der Lauf der Zeiten mit sich bringt;
Doch anders scheint es für die Gegenwart.” - 99

„Wir sehn, wie der, der schwachen Auges ist,
Die Dinge”, sprach er, „die uns ferne liegen:
Soviel noch leuchtet uns der höchste Führer;

Doch sind sie vor uns oder nahn, ist nichtig
All unsre Einsicht, und belehrt uns Niemand,
Dann wissen wir von eurem Zustand nichts.

Begreifen kannst du nun, daß unser Wissen
Ganz todt wird sein von jenem Augenblick,
Wenn sich das Thor der Zukunft einst verschließt.” - 108

Hierauf, mich wie von Schuld ergriffen fühlend,
Sprach ich: „So sagt denn jenem Hingesunknen:
Daß den Lebend'gen noch sein Sohn gehöre;

Und war ich vorher für die Antwort stumm,
So wiss' er, daß ich's war, weil ich dem Irrthum
Schon nachgedacht, den ihr mir habt gelöst.” -

Schon rief der Meister mich zu sich zurück;
Weshalb den Geist ich bat, daß er mir eiligst
Ansage, wer im Grab noch bei ihm läge. 117

„Mit mehr als Tausenden lieg' ich zusammen”,
Sprach er; „der zweite Friedrich ist hier drinnen,
Der Kardinal auch; von den andern schweig' ich.” -

Hierauf verbarg er sich; ich aber wandte
Zum alten Dichter meine Schritt' und dachte
An jene Rede, die mir feindlich schien.

Und er schritt fürder, und da so wir gingen,
Sagt' er zu mir: „Was bist du so bedenklich?” -
Und seiner Frage that ich drauf Genüge. 126

„Bewahr' im Geiste, was du gegen dich
Vernommen hast”, ermahnte mich der Weise;
„Und merk' nun auf” - hierbei hob er den Finger: -

„Wann einst du stehst vor'm süßen Lichtstrahl Jener,
Vor deren schönem Aug' das All sich aufthut,
Wird klar durch sie dein Lebensweg dir werden.” -

Hierauf zur Linken wandt' er seinen Schritt;
Die Mauer lassend, gingen nach der Mitte
Wir einen Pfad, der führt zu einem Thale, 135

Das sein Gestank bis oben lästig machte.

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