Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 17
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 17

Es ist der Trug in der Gestalt Geryons. Beide Dichter steigen hinab zum Rande des achten Kreises; Virgil ruft den Geryon herbei, während sich Dante entfernt, um mit der dritten Art von Gewaltthätigen, den Wucherern, Reichen aus edlen Geschlechtern, zu sprechen. Dann lassen sich beide auf dem Geryon durch die Luft über den Abgrund zum achten Kreise hintragen.

„Sieh da das Ungethüm mit spitzem Schwanze,
Der Felsen spaltet, Mauern bricht und Waffen;
Sieh, was die ganze Welt mit Stank erfüllet!”

So fing mein Führer an zu mir zu reden
Und winkt' es an das Ufer zu uns her,
Dicht an den Rand der Felsen, wo wir gingen.

Und jenes greuelvolle Bild des Truges
Kam an und landete mit Kopf und Brust,
Doch bracht es nicht den Schwanz herauf an's Ufer. 9

Sein Antlitz glich dem eines guten Menschen,
So liebevoll schien seine Außenseite,
Doch alles Uebrige dem eines Drachen.

Zwei Pranken hatt' es, rauch bis zu den Achseln;
Ihm waren Rücken, Brust und beide Seiten
Mit Knoten und mit Schildchen bunt verziert.

Nicht webten Türken und Tartaren Tuch
Vielfarbiger nach Aufzug und nach Einschlag,
Noch zog ein solch Geweb' Arachne auf. 18

Wie an dem Ufer oft die Barken stehen,
Ein End' im Wasser, auf dem Land das andre;
Und wie sich dort bei den gefräß'gen Deutschen

Der Biber niederkauert für den Fang:
So hockte das heillose Ungeheuer
Nun auf dem Felsrand, der den Sand umschließt.

Es peitschte mit dem Schweife ganz im Leeren,
Den gift'gen Doppelstachel aufwärts drehend,
Der, wie beim Skorpion, die Spitze waffnet. 27

Der Führer sprach: „Nun müssen wir den Schritt
Ein wenig abwärts lenken, bis zu jenem
Bösart'gen Unthier, das sich dort gelagert.”

So stiegen wir zur Rechten denn hinab,
Bis auf zehn Schritt am äußern Rande gehend,
Um klüglich Sand und Flammen zu vermeiden.

Und als zu ihm wir hingekommen waren,
Sah ich etwas entfernter auf dem Sande
Volk, nahe dem beengten Raume, sitzen. 36

Der Meister sprach: „Damit von diesem Kreise
Du mit dir nimmst vollkommene Erfahrung,
So geh und siehe, was die dorten treiben.

Wenn du mit ihnen sprichst, so faß dich kurz;
Bis du rückkehrst, will ich mit diesem reden,
Daß es uns seine starken Schultern leihe.”

So ging ich an der äußersten Gemarkung
Des siebenten Umkreises denn allein
Hin, wo die wehevollen Leute saßen. 45

Es drängt' ihr Schmerz sich vor aus ihren Augen;
Hierhin und dorthin wehrten ihre Hände
Den Flammen bald und bald dem heißen Boden.

Nicht anders machen es die Hund' im Sommer
Mit Schnauz' und Bein, wenn sie gestochen werden
Von Flöhen oder Fliegen oder Bremsen.

Als manchem in die Augen ich geblickt,
Worein die schmerzenvollen Gluten fielen,
Erkannt' ich ihrer keinen, doch gewahrt' ich, 54

Daß an dem Hals jedwedem hing ein Seckel,
Besondrer Farb' und auch besondren Zeichens,
Woran ihr Auge sich zu weiden schien.

Und wie ich forschend unter sie mich wage,
Sah ich, auf gelbem Beutel, himmelblau
Das Antlitz und die Stellung eines Löwen.

Darauf, fortfahrend mit des Blickes Forschen,
Sah ich auf andrem, röther noch als Blut,
Sich eine Gans darstellen, weiß wie Butter. 63

Und Einer, der auf silberweißem Säckchen
Das Bild trug einer blauen trächt'gen Sau,
Sprach nun: „Was willst du denn in dieser Grube?

Geh jetzt hinweg; und weil du noch am Leben,
So wisse, daß mein Nachbar Vitaliano
Mir hier zur linken Seite sitzen wird.

Paduaner bin ich unter Florentinern,
Die oft den Schrei mir in die Ohren donnern:
Es komme nur der fürstlichste der Ritter, 72

Der tragen wird die Tasche mit drei Böcken!” -
Dann zog den Mund er schief und wies die Zunge,
Dem Ochsen gleich, der sich die Nase leckt.

Und ich, in Furcht, daß längres Stehn ihn ärgre,
Der, kurz zu weilen nur, mich schon ermahnt,
Ging nun hinweg von den beschwerten Seelen.

Ich traf den Führer, der bereits die Kruppe
Des grausenvollen Thiers bestiegen hatte
Und zu mir sprach: „Sei wacker nun und kühn! 81

Jetzt geht's hinab auf einer solchen Stiege;
Setz dich vor mich, ich will die Mitte halten,
Damit der Schweif dich nicht verletzen kann.” -

Wie einem, der das Wechselfieber hat,
Wann ihm der Schauer kommt, die Nägel bleichen,
Und er schon zittert, sieht er nur den Schatten:

So ward mir bei den angehörten Worten:
Allein sein Drohblick weckt' in mir die Scham,
Die Diener wacker macht vor guten Herren. 90

Ich setzte mich auf jenen Schulterstücken
Zurecht und wollte sagen - doch die Stimme
Kam nicht, wie ich gewollt: - „Umfasse mich!”

Doch jener, der schon sonst mir beigestanden
In mancher Fahr, sobald ich aufgestiegen,
Umfing und stützte mich mit seinen Armen,

Und sprach: „Nun, Geryon, setz dich in Gang;
Mach weite Kreis' und senke dich allmälig:
Denk an die neue Last, die du nun trägst.” - 99

Wie sich ein Kahn von seinem Standort langsam
Rückwärts bewegt, so jener auch von dort;
Und als er gänzlich sich im Freien fühlte,

Wandt' er den Schwanz, wo kurz vorher die Brust war,
Und streckt' ihn und bewegt' ihn, wie ein Aal,
Und rafft' an sich die Luft mit seinen Pranken.

Nicht größre Furcht war damals, wie ich glaube,
Als Phaëton die Zügel fahren ließ,
Wodurch, wie noch zu sehn, der Himmel brannte; 108

Noch als den Rücken Icarus, der Arme,
Sich fühlt' entfiedern durch des Wachses Schmelzen,
Indem der Vater rief: „Du lenkest schlecht!”

Als meine war, da ich mich ringsumher
Von Luft umgeben sah, und jeden Anblick
Erloschen, außer den des Ungeheuers.

Doch dies schwimmt langsam, langsam vor sich hin;
Es kreist und senkt sich; dies jedoch gewahr' ich
Nur durch ein Wehn in's Antlitz und von unten. 117

Schon hört' ich unter uns zur rechten Hand
Ein grauenvoll Geräusch den Strudel machen,
Weshalb dorthin den Kopf ich überbeugte.

Da wurd' ich noch viel scheuer ob dem Abgrund;
Denn Flammen sah ich dort und hörte heulen,
Drum klammert' ich, stark zitternd, fest mich an.

Nun merkt' ich, was vorher ich nicht gewahrt,
Das Drehn und Sinken, als die großen Leiden
Uns von verschiednen Seiten näher kamen. 126

So wie der Falk, der lang umhergeschwebt
Und weder Federspiel noch Vogel findet,
Den Falkner rufen macht: „Du senkst dich ja!” -

Erschöpft sich niederläßt, dann schnell auffliegt
In hundert Schwingungen und fern vom Meister
Sich hinsetzt, widerwillig und verstockt:

So setzte Geryon uns auf dem Grunde
Ganz dicht am Fuß des rauhen Felsens nieder.
Und als er unsrer Leiber sich entladen, 135

Verschwand er, wie der Pfeil der Senn' entfliegt.

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