Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 20
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 20

Strafe der Wahrsager, mit umgedrehtem Genick zu gehen, so daß das Gesicht nach hinten steht. Amphiaraus, Tiresias, Aruns, Manto, die Gründerin von Mantua, Virgil's Vaterstadt, und andere Zeichendeuter im Mittelalter.

Von neuen Qualen muß ich ferner singen,
Um Stoff dem zwanzigsten Gesang zu geben
Des ersten Lieds, das den Versenkten gilt.

Schon war mit ganzer Seel' ich drauf gefaßt,
Hinab in den enthüllten Schlund zu blicken,
Der von angstvollen Thränen ward benetzt:

Und schweigend Volk, das kläglich weinte, sah ich
Hinwandeln durch das runde Thal, im Schritte,
In dem man oben Betumgänge hält. 9

Als tiefer sich mein Blick zu ihnen senkte,
Schien jeder wunderbar verrenkt zu sein,
Vom Kinn hinab bis zum Beginn des Rumpfes,

So daß das Antlitz nach dem Rücken stand
Und er gezwungen war, rückwärts zu gehen,
Weil ihm der Blick nach vorn benommen war.

Vielleicht, daß Jemand durch Gewalt der Lähmung
So gänzliche Verrenkung einst erfuhr;
Doch sah ich's nie, noch halt' ich es für möglich. 18

Soll, Leser, Gott dich Frucht gewinnen lassen
Von deinem Lesen, so bedenke selbst nun,
Ob mir die Augen trocken bleiben konnten,

Als in der Näh' ich unser Bild erblickte
So arg verkehrt, daß ihm der Augen Weinen
Die Hintertheile durch den Spalt benetzte.

Fürwahr, da weint' ich, an ein Horn gelehnet
Der harten Klippe, so, daß mein Geleiter
Ausrief: „Auch du bist wie die andern Thoren? 27

Hier lebt die Lieb' erst recht, wann sie erstorben.
Wer zeigt wohl mehr Gottlosigkeit als jener,
Der ob dem Urtheil Gottes Schmerzen hegt?

Richt' auf dein Haupt! sieh den, dem einst die Erde
Sich aufthat vor den Augen der Thebaner,
Die schrieen allgesammt: Amphiaraus,

Wohin denn stürzest du und fliehst den Kampf?
Doch unaufhaltsam stürzt' er nach dem Abgrund
Zu Minos hin, der jeden Sünder greifet. 36

Schau, wie die Schultern ihm zur Brust geworden:
Denn weil zu viel voraus er schauen wollte,
Blickt er rückwärts und macht verkehrt den Weg.

Sieh den Tiresias, der sein Ansehn tauschte,
Als er aus einem Mann zum Weibe wurde,
Da sich ihm wandelten all seine Glieder.

Und mehrmals mußt' er erst mit seinem Stabe
Die zwei verschlungnen Schlangen wieder schlagen,
Eh er sein Manneshaar zurückerhielt. 45

Aruns ist der, so hinter'm Bauch ihm folgt,
Der in den Bergen Luni's, dort wo jätet
Der Carrarese, der am Fuße wohnet,

Einst zwischen weißem Marmor eine Höhle
Zur Wohnung hatte, wo ihm nicht benommen
Der Anblick war des Meeres und der Sterne.

Und jene, so die Brüste sich bedeckt,
Die du nicht siehst, mit den gelösten Flechten,
Und alles sonst'ge Haar nach jenseit wendet, 54

War Manto, die durch viele Länder irrte
Und dann sich niederließ, wo ich geboren:
Drum mich ein wenig freut, wenn du mich anhörst.

Denn als ihr Vater aus dem Leben schied,
Und Bacchus' Stadt zur Sklavin war geworden,
Durchirrte jene lange Zeit die Welt.

Im schonen Welschland droben liegt ein See
Am Fuß der Alpen, welche Deutschland schließen
Dort oberhalb Tirol; er heißt Venacus. 63

Aus mehr denn tausend Quellen, zwischen Garda
Und Val Camonica, wird der Pennin
Von Wassern feucht, die in dem See sich sammeln.

Inmitten ist ein Ort, allwo der Hirt
Trients, wie der von Brescia und Verona,
Sich segnen könnte, wenn des Wegs er käme.

Da ragt Peschiera's schöne, starke Veste,
Den Bergamasken und Brescianern trotzend,
Wo ringsher steiler sich das Ufer neigt. 72

Hierher muß alles das herab sich stürzen,
Was in Benacus Schooß nicht bleiben kann,
Und geht als Fluß hinab durch grüne Triften.

Sobald das Wasser seinen Lauf beginnt,
Heißt es nicht mehr Benacus, sondern Mincio,
Bis in den Po es mündet bei Governo.

In kurzem trifft's auf eine Niederung,
Wo sich's vertheilt und dann zum Sumpfe wird,
Und oft nachtheilig pflegt zu sein im Sommer. 81

Die wilde Jungfrau, dort vorüberstreifend,
Gewahrt' inmitten dieses Sumpfes Land,
Das, unbebaut, entblößt war von Bewohnern.

Dort, jeglichen Verkehr mit Menschen fliehend,
Blieb mit den Dienern sie und trieb ihr Wesen,
Und lebt' und ließ den leeren Körper dort.

Drauf ließen Menschen, die zerstreut dort lebten,
Sich nieder an dem Ort, der durch den Sumpf
Von allen Seiten rings befestigt wurde. 90

Auf den Gebeinen bauten sie die Stadt,
Und nannten Mantua sie, ohn' andres Zeichen,
Nach Jener, die den Ort zuerst sich wählte.

Einst war darin des Volkes Menge dichter,
Eh noch die Thorheit des von Cosalodi
Durch Pinamonte argen Trug erfahren.

Darum bericht' ich dich, wenn meiner Stadt
Du jemals andern Ursprung geben hörest,
So laß die Wahrheit nicht durch Lüge fälschen.” - 99

Und ich: „O Meister, deine Worte finden
In mir ein solch Vertraun und solchen Glauben,
Daß andre mir erloschne Kohlen wären.

Doch sag, ob unter'm Volk, das dort einherzieht,
Du einen siehst, der des Bemerkens würdig;
Denn nur auf solches ist mein Sinn gerichtet.”

Und er zu mir: „Der, welchem von der Wange
Der Bart sich ob den dunklen Schultern breitet,
War, als einst Griechenland an Männern darbte, 108

So daß kaum welche für die Wiegen blieben,
Augur, und gab mit Kalchas an die Zeit,
Daß man das erste Tau in Aulis kappte.

Er hieß Eurypilus, und so besingt ihn
Mein hohes Lied an irgend einer Stelle;
Du weißt es wohl, der durch und durch es kennt.

Der andre dorten, mit den magern Seiten,
War Michael Scotus, der in voller Wahrheit
Der magischen Blendwerke Spiel verstand. 117

Guido Bonatti sieh, sieh dort Asdente,
Der jetzt wohl wünscht, hätt' er auf Draht und Leder
Sich nur beflissen; doch zu spät bereut er's.

Sieh die Elenden, welche, Spul' und Nadel
Und Weberschiff verlassend, Zauber übten
Und Kräuter und Wachsbilder böslich brauchten.

Doch komme nun; denn schon betritt die Grenze
Der zwei Halbkugeln und berührt die Woge,
Jenseit Sevilla, Kain mit seinen Dornen. 126

Und gestern Nacht bereits war voll der Mond:
Wohl mußt du deß gedenken, denn nicht einmal
War er zum Schaden dir im tiefen Walde.” -

So sprach er, unterdeß wir weiter gingen.

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