Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 32
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 32

Sie kommen in die Eisregion, deren erste Abtheilung, Caïna, diejenigen enthält, welche die eigenen Verwandten verrathen haben. Alberto Camicion dei Pazzi berichtet von Andern. Die zweite Abtheilung enthält die Vaterlandsverräther; Boca Abati.

Könnt' ich mein Wort so rauh erschallen lassen,
Wie's für das traurig düstre Loch sich paßte,
Nach welchem hin all andre Felsen wuchten:

So würd' ich dem, was mir im Sinn liegt, voller
Den Saft ausziehn; doch da mir dies unmöglich,
So geh' ich nur mit Furcht an den Bericht.

Denn, traun, kein Scherz ist solch ein Unternehmen,
Noch für die Zunge, die Mama, Papa lallt,
Den Grund des ganzen Weltalls zu beschreiben. 9

Doch mögen meinem Lied die Jungfrau'n beistehn,
Die Thebens Mauern einst errichten halfen,
Daß nicht das Wort nachsteh' dem, was ich sahe.

O du zu allem Weh geschaffner Haufe,
Deß Aufenthalt zu schildern so beschwerlich,
Wärt lieber Schaf' und Ziegen ihr gewesen!

Als wir im tiefen Schacht nun drunten waren,
Weit tiefer noch, als wo der Riese stand,
Und ich noch auf zur hohen Mauer blickte, 18

Hört' ich mir sagen: „Wahre deine Schritte;
Gib acht, daß den erschöpften, armen Brüdern
Nicht deine Sohlen auf die Köpfe treten.”

Deshalb nun wandt' ich mich, und sah vor mir
Zu Füßen einen See, der durch die Kälte
Von Glas den Anschein hatte, nicht von Wasser.

Nicht macht in ihrem Lauf so stark die Decke
Zur Winterszeit in Oesterreich die Donau,
Noch unter'm kalten Himmelsstrich der Don, 27

Als hier sich fand; denn wär' auch Tabernicks,
Auch Pietrapana's Berg darauf gefallen,
Doch hätt es nicht am Ufer „krick” gemacht.

Und wie der Frosch, zu quaken, mit dem Maule
Heraus kommt aus dem Wasser, wenn bisweilen
Die Bäuerin vom Aehrenlesen träumet:

So staken Unglücksschatten in dem Eise,
Fahlgrau bis dahin, wo sich zeigt das Schamroth,
Und mit den Zähnen klappernd wie die Störche. 36

Jedweder hielt sein Angesicht nach unten;
Vom Froste gab der Mund, die Augen gaben
Vom traur'gen Herzen Zeugniß unter ihnen.

Als ich umher geblickt ein wenig hatte
Sah ich zu Füßen zwei so eng Verschlungne,
Daß ihre Haare ganz vermischt erschienen.

„Ihr da”, sprach ich, „was eint euch so die Brüste?
Wer seid ihr?” - Hierauf bogen sie die Hälse;
Und als zu mir sie das Gesicht erhoben, 45

Da tropften ihre Augen, noch erst feucht
Von innen, durch die Lider, und die Thränen
Zog Frost zusammen und verschloß sie wieder.

Nie zogen Klammern also fest zusammen
Holz gegen Holz: weshalb sie wie zwei Böcke
Einander stießen; so ergriff der Zorn sie.

Und einer, dem die Kälte beide Ohren
Hatt' abgesprengt, das Antlitz stets nach unten,
Er sprach: „Warum siehst du so lang uns an? 54

Verlangst du, wer die beiden sind, zu wissen?
Das Thal, von dem herabkommt der Bisenzio,
War ihres Vaters Albert, dann ihr eignes.

Ein Leib gebar sie, und wohl ganz Caïna
Magst du durchsuchen und nicht einen Schatten
Würdiger finden, so im Eis zu stecken.

Nicht jenen, dem zugleich so Brust als Schatten
Mit einem Streich von Artus ward durchstochen;
Foccaccia nicht, nicht diesen, der mich hindert 63

Mit seinem Kopfe, daß ich nicht kann sehen,
Und dessen Name Sassol Mascheroni:
Bist du ein Tusker, weißt du nun, wer's war.

Und daß du mich nicht ferner plagst, zu reden,
So kenne mich als Camicion de' Pazzi,
Und warte drauf, daß mich Carlin entschuldigt.” -

Dann sah ich tausend von Gesichtern, hündisch,
Entstellt von Frost; weshalb mir Schauder ankommt
Und stets ankommen wird vor eis'gem Lachen. 72

Und während nach der Mitte hin wir gingen,
In welcher alle Schwere sich vereinigt,
Und Schauern mich befiel im ew'gen Schatten:

War's Wille, war es Schicksal oder Zufall -
Nicht weiß ich's; aber wandelnd durch die Köpfe,
Stieß hart ich einen mit dem Fuß in's Antlitz.

Und weinend rief er: „Warum trittst du mich?
Wenn du nicht kommst, die Rache zu vermehren
Für Mont' Aperti, warum quälst du mich?” 81

Und ich: „O Meister, warte mein doch hier,
Daß dieser hier mir einen Zweifel löse,
Dann treibe mich, so viel du willst, zur Eile.” -

Stehn blieb der Führer, und ich sprach zu jenem,
Der immer noch mit herben Worten schmähte:
„Wer bist du, der du so die Leute schiltst?” -

„Wer du denn”, sprach er, „der durch Antenora
Hingeht und Anderen die Wangen schrammt,
Daß, wenn ich lebte, mir's zu derb erschiene?” - 90

„Ich lebe noch, und lieb kann dir es sein”,
Gab ich zur Antwort, „wenn du Ruhm begehrest,
Daß an bekannte sich dein Nam' auch reihet.” -

Und er: „Ich wünsche grad das Gegentheil.
Geh weg von hier und quäle mich nicht weiter,
Denn hier ist Schmeicheln wahrlich nicht am Orte.” -

Jetzt faßt ich ihn am Haar des Hinterhauptes
Und sprach zu ihm: „Du mußt durchaus dich nennen,
Sonst lass' ich dir kein Haar hier oben übrig!” - 99

Er dann zu mir: „Rauf immer nur drauf los,
Ich will mich dir nicht nennen, noch bezeichnen,
Fällst du auch tausendmal mir über'n Schopf her.” -

Schon hatt' ich um die Hand sein Haar gewunden
Uud mehr als einen Busch ihm ausgezogen,
Indessen er, den Blick nach unten, bellte, -

Als ihm ein Andrer rief: „Was hast du Bocca?
Hast du noch nicht genug am Zähneklappen?
Mußt auch noch bellen? welcher Teufel juckt dich?” 108

„Jetzt”, sprach ich, „brauchst du weiter nichts zu sagen,
Heimtückischer Verräther; dir zur Schande
Werd' ich von dir wahrhafte Kund' ausbreiten.” -

„Geh”, sprach er, „weg, erzähle was du willst;
Doch kommst du hier heraus, schweig auch von dem nicht,
Dem eben jetzt so flink die Zunge war;

Er jammert hier um's Silber der Franzosen.
Den von Duera, sag nur, sah ich dorten,
Wo kühl die Sünder in dem Eise stehn. 117

Und würdest du gefragt, wer sonst noch da war:
Dort steht der von Beccaria dir nahe,
Dem einst Florenz die Gurgel abgeschnitten.

Gianni de Soldanier steht, glaub' ich, weiter
Dorthin bei Ganelon und Tribaldello,
Der, als man schlief, Faenza's Thor eröffnet.” -

Schon waren wir von ihm hinweggegangen,
Als in ein Loch ich zwei sah eingefroren,
So daß ein Kopf dem andern dient' als Kappe: 126

Und wie aus Hunger man in's Brot hineinbeißt,
Setzt' ein die Zähn' in's untre Haupt das obre
Da, wo Gehirn und Nacken sich verbinden.

Ganz gleicher Weise nagte Tydeus einst
In Wuth dem Melanippus an den Schläfen,
Wie der am Schädel und den nächsten Theilen.

„O du, der durch so thierisches Gebahren
Du Haß bezeigest dem, an dem du nagest,
Sag mir, warum?” sprach ich, „und ich verspreche, 135

Wenn du dich über ihn mit Recht beklagst,
Will ich, kenn' ich euch beid' und sein Vergehen,
Dir droben in der Welt Vergeltung schaffen,

Vertrocknet jene nicht, womit ich spreche.” -

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