Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 33
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 33

Schilderung des gräßlichen Todes Ugolino's und seiner Kinder. - Die dritte Sphäre Ptolomea enthält die Verräther am Vertrauen. Alberigo de' Mansredi als Beispiel; desgleichen Branco Doria, dessen Seele hier schon büßt, während der Körper in Genua noch lebend ist.

Den Mund erhub von seinem wilden Mahle
Der Sünder, ihn abwischend an den Haaren
Des Kopfes, den von hinten er verwüstet.

Drauf fing er an: „Du willst, ich soll erneuen
Verzweiflungswehe, so das Herz mir presset,
Denk' ich nur dran, eh noch ein Wort ich spreche.

Doch sollen meine Wort' ein Same sein,
Der Schmach bringt dem Verräther, den ich nage.
Vernimm zugleich denn, wie ich red' und weine. 9

Ich weiß nicht, wer du bist, noch welcher Weise
Herab du kamest; aber Florentiner
Scheinst du wahrhaftig mir, wenn ich dich höre.

Dir ist bekannt, ich war Graf Ugolino,
Und dieser hier der Erzbischof Ruggieri:
Erfahre nun, warum wir Nachbarn sind.

Daß durch die Wirkung seiner bösen Anschläg'
Ich ihm vertraute, drauf gefangen ward
Und dann getödtet, brauch' ich nicht zu sagen. 18

Doch was du nicht erfahren haben kannst,
Ist, welche Todesqualen ich erlitten.
So hör' und wiss', ob er mir Leid zufügte!

Ein enges Loch in jenem finstern Kerker,
Genannt der Hungerkerker meinetwegen,
Der manchen noch wird müssen in sich schließen, -

Mir hatt' es mehrmals schon durch seine Scharte
Den Mond gezeigt, als mir der schlimme Traum ward,
Der mir zerriß der Zukunft dichten Schleier. 27

Der schien der Herr und Meister mir zu sein,
Der Wolf und Wölflein hin zum Berge jagte,
Der den Pisanern Lucca wehrt zu sehen.

Mit magern, gier'gen, wohldressirten Hunden
Hatt' er Gualandi, und dazu Sismondi,
Zusammt Lanfranchi vor sich her gehetzet.

Nach kurzem Laufe schienen mir der Vater
Und auch die Söhne müd', und ihre Seiten
Sah ich von scharfen Hauern aufgeschlitzt. 36

Als vor der Morgenfrüh' ich schon erwachte,
Hört' ich im Schlafe meine Söhne weinen,
Die bei mir waren und nach Brot verlangten.

Du wärst hartherzig, sollt' es dich nicht schmerzen,
Wenn du bedenkst, was hier mein Herz mir sagte:
Und weinst du nicht, worüber weinst du dann?

Wir waren auf schon, als die Stunde nahte,
Da man uns Speise sonst zu bringen pflegte,
Und jeder dachte bang an seinen Traum: 45

Als ich die Thür des Schreckensthurmes unten
Zufchließen hört', und ohn ein Wort zu sagen.
Blickt' ich hierauf den Söhnen in's Gesicht.

Nicht weint' ich, so versteint war ich im Innern;
Doch sie, sie weinten, und mein Anselmuccio
Begann: „Was blickst du, Vater, so, was hast du?” -

Doch weint' ich nicht, auch gab ich Antwort nicht
Den ganzen Tag und nicht die Nacht, die folgte,
Bis zu der Welt die Sonn' auf's neu hervorkam. 54

Als nun ein kleiner Strahl in's Schmerzgefängniß
Sich eingeschlichen, und an vier Gesichtern
Ich meines eignen Aussehns inne wurde,

Biß ich vor Schmerz mich in die beiden Hände.
Und sie, die glaubten, daß ich's thät aus Gier
Nach Speise, standen plötzlich auf und sagten:

„O Vater, wolltest du von uns dich sätt'gen,
Es wär uns mindrer Schmerz. Du hast gegeben
Uns dieses arme Fleisch, nimm es nun wieder.” 63

Da faßt' ich mich, sie mehr nicht zu betrüben.
Den und den nächsten Tag verharrten stumm wir.
Warum thatst du nicht auf dich, harte Erde?

Als nun der vierte Tag herbeigekommen,
Warf sich längshin mir Gaddo vor die Füße
Und rief: „Mein Vater, warum hilfst du nicht?”

Da starb er. Und so, wie du hier mich siehest,
Sah ich die drei, vom fünften Tag zum sechsten,
Hinsinken, einen nach dem andern. Blind schon, 72

Müht' ich darnach mich, jeden zu betasten,
Und rief drei Tage sie, nachdem sie starben:
Dann that das Fasten mehr, als Schmerz vermochte.” -

Als dies gesagt, erfaßt' er grassen Blickes
Den armen Schädel mit den Zähnen wieder,
Die, wie des Hundes, stark am Knochen nagten.

Ach Pisa, Pisa! Schandfleck du der Völker
Des schönen Landes, wo das ertönet:
Sind deine Nachbarn, dich zu strafen, langsam, 81

So schwimm herbei Capraja und Gorgona,
Um deines Arno Mündung einzudämmen,
Damit er jede Seel' in dir ersäufe.

Denn wenn man auch Graf Ugolin bezichtigt,
Daß er aus den Kastellen dich verrieth,
War's doch kein Grund, die Söhne so zu martern.

Unschuldig macht' ihr jugendliches Alter
Uguccion und Brigata - neues Theben! -
So wie die zwei, die der Gesang schon nannte. - 90

Wir schritten weiter fort, bis wo das Eis
Grausam ein andres Volk in sich verkittet,
Nicht vorgebeugt, nein, ganz zurück gebogen.

Ihr Weinen selbst verhindert sie am Weinen;
Der Schmerz, der Ausweg nicht durch's Auge findet,
Wirft sich nach innen und vermehrt die Angst;

Die ersten Thränen, die zu Klumpen werden,
Erfüllen, gleich Visiren von Krystall,
Die ganze Höhlung unterhalb der Brauen. 99

Und war mir auch, wie unter einer Hornhaut,
Durch die Erstarrung jegliches Gefühl
Aus dem ersteiften Angesicht gewichen,

So war mir doch, als ob ich Wind empfände.
Drum ich: „Mein Meister, wer erreget diesen?
Ist nicht hier unten jeder Hauch erloschen?” -

Drauf er zu mir: „Sehr bald wirst dort du sein,
Wo dir darob antworten wird das Auge,
Siehst du die Ursach, die den Wind herabweht.” - 108

Und ein Gequälter in der Eiseskruste
Schrie zu uns her: „O ihr so Grausamen,
Daß ihr die letzte Stelle hier erhalten!

Nehmt mir doch vom Gesicht den harten Schleier,
Daß ich dem Weh, so mir das Herz bedrücket,
Ein wenig Luft geb', eh das Weinen Eis wird.” -

Drum ich zu ihm: „Wenn ich dir helfen soll,
Sag, wer du bist; befrei' ich dann dich nicht,
So müss' ich bis zum Grund des Eises gehen.” - 117

Da sprach er: „Bruder Alberigo bin ich,
Ich bin der mit des schlimmen Gartens Früchten,
Der hier für Feigen Datteln nun empfängt.” -

„O”, sprach ich, „bist auch du denn schon gestorben?” -
Und er zu mir: „Wie's oben in der Welt
Um meinen Körper steht, hab' ich nicht Kunde.

Denn diesen Vorzug hat die Ptolomäa,
Daß oftmals schon die Seele hier hinab stürzt,
Eh Atropos ihr noch den Tod gegeben. 126

Und daß du williger vom Angesichte
Mir die verglasten Thränen lösest, wisse,
Daß, wenn verrätherisch die Seele handelt,

Wie ich es that, ihr Leib von einem Dämon
Ergriffen wird, der ihn nach Willkür lenket,
Bis seine Lebenszeit ist abgelaufen.

Sie aber stürzt in solcherlei Behälter;
Und so auch lebt wohl droben noch der Körper
Des Schattens, der eineis't hier hinter mir. 135

Du weißt's ja, wenn du eben erst herabkamst:
Herr Branco d'Oria ist es und so liegt er
Der Jahre mehrere schon eingeschlossen.” -

„Ich glaube”, sagt' ich ihm, „du hintergehst mich,
Da Branco d'Oria noch nicht gestorben;
Er ißt und trinkt und schläft und kleidet gut sich.” -

„Dort oben, in der Uebeltatzen Bulge”,
Sprach er, „da wo das Pech, das zähe, siedet,
War Michael Zanche noch nicht angekommen, 144

Als der an seiner Statt ließ einen Teufel
In seinem Leib und dem auch eines Vetters,
Der den Verrath mit ihm zugleich beging.

Doch strecke nun die Hand hierher und öffne
Die Augen mir.” - Ich öffnet' ihm sie nicht;
Und edel war's, an ihm unedel handeln.

Ach Genuesen, Menschen, ganz entfremdet
Jedweder Sitt' und voll jedweden Unrechts,
Warum nicht seid ihr aus der Welt verstoßen? 153

Denn bei dem schlimmsten Geiste der Romagna
Fand einen ich von euch, der, seines Thuns halb,
Der Seele nach schon im Cocyt sich badet,

Dem Leib nach droben noch zu leben scheint.

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