Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 06
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Fegfeuer - Gesang 06

Von denselben Säumigen, welche mit der Reue bis zu ihrem gewaltsamen Tode zögerten. Er findet zuletzt den Mantuaner Dichter Sordello und spricht gegen Italien, insbesondere gegen Florenz.

Beim Auseinandergehn vom Würfelspiele
Bleibt, wer verlor, verdrießlich noch zurück
Und probt verstört noch einmal durch die Würfe,

Indeß die Menge mit dem andern weggeht;
Der rennt voraus, der zupfet ihn von hinten,
Der bringt sich von der Seit' ihm in's Gedächtniß.

Doch sonder Aufhalt hört er den und jenen;
Wem er die Hand reicht, dringt in ihn nicht weiter,
Und also macht er vom Gedräng sich los. 9

So ging es mir in jenem dichten Haufen,
Da mein Gesicht ich hin und wieder wandte
Und mit Versprechen mich von ihm befreite.

Hier war der Aretiner, der den Tod
Von Ghin di Tacco's wildem Arm empfangen,
Und jener, so ertrunken bei der Hetzjagd.

Hier hat, erhobnen Armes, Federigo
Novello, wie von Pisa der, der wacker
Sich zeigen ließ den trefflichen Marzucco. 18

Den Grafen Orso sah ich und die Seele
Getrennt von ihrem Leib durch Haß und Neid,
Nicht durch begangne Schuld, wie sie mir sagte;

Pierre de la Prosse mein' ich. Mag sich vorsehn,
So lang sie athmet, die Brabanterin,
Daß drob sie nicht zu schlimmrer Schaar einst zähle.

Als ich nun los all jener Schatten war,
Die flehten, daß ein Andrer für sie bitte,
Daß ihre Heiligung beschleunigt werde: 27

Begann ich nun: „Du scheinest mir ausdrücklich
An einer Stell', o du mein Licht, zu leugnen,
Daß das Gebet des Himmels Rathschluß beuge;

Und diese Leute bitten stets um solches.
Sollt' ihre Hoffnung deshalb eitel sein?
Wie, oder ist dein Wort mir nicht recht klar?” -

Und er zu mir drauf: „Meine Schrift ist deutlich,
Und auch die Hoffnung Jener ist kein Irrthum,
Erwägt man es mit recht gesundem Geiste; 36

Denn Gottes hoher Spruch wird nicht erniedrigt,
Wenn feur'ge Lieb' in einem Nu erfüllet
Das, welchem gnügen muß, wer hier verweilet.

Und dort, wo diesen Satz ich aufgestellt,
Ward kein Vergehen durch Gebet gesühnet,
Weil das Gebet von Gott ja noch nichts wußte.

Drum wahrlich, nicht in so erhabnen Zweifel
Vertiefe dich, wenn Jene dir's nicht sagt,
Die Licht bringt zwischen Wahrheit und Vernunft. 45

Vielleicht verstehst du's nicht: Beatrix mein' ich,
Die lächelnd und glückselig du wirst sehen
Hier oben auf dem Gipfel dieses Berges.” -

Und ich: „Laß eilen uns, mein guter Führer;
Schon fühl' ich mich so matt nicht als vorher
Und seh' auch, daß der Berg nun Schatten wirft.” -

„Wir werden fürder gehn an diesem Tage”,
Erwiedert' er, „so weit wir immer können;
Doch anders steht die Sach, als du dir denkest. 54

Denn eh du oben, siehst du wiederkehren
Die, so sich hinterm Abhang jetzt verbirgt,
So daß du ihren Strahl nicht unterbrichst.

Doch sieh dort eine einsam stehnde Seele,
Die unverwandt nach uns herüber blicket,
Die soll den kürzesten der Pfad' uns zeigen.” -

Wir gingen zu ihr. O Lombardenseele,
Wie standest stolz du und verachtend da,
So würdig langsam deinen Blick bewegend! 63

Sie sprach zu uns nicht das geringste Wort,
Nein, ließ uns gehn und blickt' allein uns an,
Nach Art des Löwen, wenn er ruhend daliegt.

Doch nahete sich ihr Virgil und bat sie,
Den besten Pfad zum Aufgang uns zu zeigen;
Doch Antwort nicht gab jen' auf seine Bitte;

Vielmehr nach unserm Lande frug sie uns,
Nach unserm Leben. Da begann mein Führer:
„In Mantua” ... Die ganz in sich Versunkne 72

Hub jetzt sich zu ihm hin von ihrer Stelle
Und sprach: „Ich bin Sordell, o Mantuaner,
Aus deiner Stadt” - und beid' umarmten sich.

Ach, Magd Italien, Wohnhaus du des Jammers,
Schiff ohne Steuermann in argem Sturme,
Nicht Herrin von Provinzen, sondern Lusthaus!

Wie eilig war doch jene edle Seele,
Blos ob des süßen Klangs der Vaterstadt,
Hier ihren Landsmann festlich zu begrüßen! 81

Und jetzt nicht können ohne Zwietracht bleiben,
Die in dir leben, und einander nagen,
Die eine Mauer einschließt und ein Graben.

Du Jammervolle, such an deiner Meere
Gestaden doch und schau dir dann in's Innre,
Ob sich ein Theil in dir des Friedens freuet.

Was hilft's, daß dir Justinian den Zügel
Hat wieder angelegt, wenn leer der Sattel?
Gäb's kein Gesetz, so wär' die Schmach geringer. 90

O Volk, du solltest doch dich unterwerfen
Und Cäsar in dem Sattel sitzen lassen,
Wenn, was dir Gott vorschreibt, du recht verständest.

Sieh, wie's so ganz zum wilden Thier geworden,
Weil du es nicht mit deinen Sporen zähmtest,
Als an den Zügel du die Hand gelegt.

O deutscher Albrecht, warum gibst du auf
Das Thier ob seiner Störrigkeit und Wildheit,
Und solltest seinen Sattel doch beschreiten. 99

Drum mag gerechte Schickung der Gestirne
Dein Blut betreffen, unerhört und offen,
So daß sein Nachfahr Furcht davor empfinde!

Denn ihr, du und dein Vater, habt geduldet,
Daß, da von Habsucht jenseits ihr befangen,
Des Reiches Garten wüst gelassen würde.

Komm, die Montecchi sieh, die Cappelletti,
Monald' und Filippeschi, Mann, sorgloser!
Die voller Furcht und jene voll Betrübniß. 108

Komm, Grausamer, und sieh die Unterdrückung
All deiner Edlen, heil auch ihre Schäden,
Und du wirst sehn, wie sicher Santafior' ist.

Komm, komm und sieh, wie sich dein Rom beklagt,
Einsam und Wittwe; wie es Tag und Nacht ruft:
„Mein Cäsar, ach, warum bist du nicht bei mir?”

Komm her und sieh dein Volk, wie es sich liebt:
Und wenn Mitleid mit uns dich gar nicht anficht,
So schäme wenigstens dich deines Rufes! 117

Und, wenn es mir erlaubt ist, höchster Jovis,
Der du für uns am Kreuz hienieden littest,
Worauf sonst ruht denn dein gerechtes Auge?

Ist's eine Vorbereitung etwa, die du triffst
Zu einem Heil in deines Rathes Tiefen,
Das gänzlich unsern Blick verborgen ist?

Denn von Tyrannen voll sind alle Länder
Italiens, und zum Marcellus wird
Ein jeder Schuft, der nur Parteiung stiftet. 126

O mein Florenz, mit dieser Abschweifung,
Die dich nicht trifft, kannst du zufrieden sein,
Dank deinem Volk, das solche Vorsicht zeiget.

In Vielen wohnt Gerechtigkeit, doch säumt sie,
Um ohne Rath zum Bogen nicht zu greifen;
Doch dein Volk trägt sie auf der Zungenspitze.

Wie Viel' entziehn sich den gemeinen Lasten;
Allein dein Volk antwortet gar behend,
Und ungerufen schreit's: „Ich nehm' es auf mich!” 135

Sei fröhlich denn; wohl hast du Grund dazu,
Du Reiche, Friedensvolle, du Verständ'ge!
Ob wahr ich rede, spürt man an der Wirkung.

Athen und Lacedämon, die vor Zeiten
Gesetz' ertheilten und der Sitte pflegten:
Nur wenig Zeichen guten Lebens gaben

Sie im Vergleich mit dir, die du so feine
Vorkehrung triffst, daß bis Novembers Mitte
Nicht ausreicht, was du im Oktober spannest. 144

Wie vielmal hast du, seit du dich erinnerst,
Gesetze, Münzen, Aemter und Gebräuche
Gewechselt und erneut des Rathes Glieder?

Und wenn du's recht bedenkst und Licht dir wird,
So wirst du sehn, du gleichest jenem Kranken,
Der Ruh nicht finden kann auf weichen Federn

Und durch Umwenden gegen Schmerzen kämpfet.

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