Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 16
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Fegfeuer - Gesang 16

Unter den Zornigen trifft Dante den Marco Lombardo an, der ihm den Irrthum derer beweist, welche glauben, daß all unser Wirken von himmlischen Einflüssen bestimmt werde.

Der Hölle Schwarz und einer Nacht, ermangelnd
Jedweden Sternes unter traur'gem Himmel,
So schwer als möglich von Gewölk beschattet,

War meinem Antlitz nicht so dichter Schleier,
Noch dem Gefühle je so widerwärtig,
Wie jener Rauch, der uns daselbst bedeckte,

Denn nicht ertrugen ihn die offnen Augen:
Weshalb mein kundiger und treuer Führer
Sich zu mir stellt' und mir die Schulter bot. 9

Wie hinter seinem Führer geht der Blinde,
Daß er sich nicht verirr' und stoß' an etwas,
Das ihn verletze oder gar ihn tödte:

So schritt ich durch die herbe, trübe Luft,
Auf meinen Führer horchend, der blos sagte:
„Hab Acht, daß du von mir getrennt nicht werdest.” -

Ich hörte Stimmen und jedwede schien mir
Um Frieden und um Mitleid anzuflehen
Das Gotteslamm, das unsre Sünden trägt. 18

Ihr Eingang war nur immer „Agnus Dei”.
Es hielten All' ein Wort und eine Weise,
So daß vollkommne Eintracht sie bezeigten.

„Sind Geister dies, was ich jetzt hör', o Meister?”
Sagt' ich, und er mir: „Du vermuthest recht,
Und wollen so des Zornes Knoten lösen.” -

„Wer bist du denn, der unsern Rauch du theilest
Und von uns sprichst, als wenn du immer noch,
Wie Menschen thun, die Zeit nach Tagen mäßest?” - 27

So hört' ich eine Stimme dorten sagen.
Worauf der Meister sprach: „Antwort' ihm nur,
Und frag ihn, ob von hier man aufwärts steige.

Und ich zu jenem: „Wesen, das sich läutert,
Um rein zu deinem Schöpfer rückzukehren:
Wenn du mir folgst, so sollst du Wunder hören.” -

„So weit's erlaubt mir ist, werd' ich dir folgen”,
Sprach er, „und wenn das Sehn der Rauch verhindert,
Soll uns an dessen Statt das Hören gelten.” - 36

Worauf ich nun begann: „Mit jener Hülle,
Die einst der Tod mir löset, steig' empor ich,
Und durch der Hölle Jammer kam ich her.

Und schloß Gott also mich in seine Gnade,
Daß er mich seinen Hof will schauen lassen
In solcher Art, die wider neuern Brauch:

So birg mir nicht, wer vor dem Tod du warest,
Nein, sag mir's, sag auch, bin auf rechtem Weg ich?
Es sollen deine Wort' uns Führer sein.” - 45

„Ich war Lombard', und Marco war mein Name;
Die Welt kannt' ich und liebte jene Tugend,
Worauf jetzt niemand mehr den Bogen spannet.

Um aufzusteigen, gehst den rechten Weg du.”
So sprach er und hinzu fügt' er: „Ich fleh' dich,
Daß, wenn du oben bist, du für mich betest.” -

Und ich zu ihm: „Auf Treu gelob' ich dir,
Zu thun, was du verlangst; doch macht ein Zweifel
Mich bersten fast, wenn ich ihn mir nicht löse. 54

Erst war er einfach, jetzo wirkt er doppelt
Durch deinen Ausspruch, der gewiß mir macht,
Womit ich ihn verbinde, hier wie sonstwo.

In Wahrheit ist die Welt so ganz verlassen
Von jeder Tugend, wie du ausgesagt,
Und so geschwängert nnd bedeckt von Bosheit;

Allein ich bitte, zeige mir die Ursach,
Daß ich sie seh' und sie auch andern zeige;
Es sucht sie der im Himmel, der auf Erden.” - 63

Erst tiefen Seufzer stieß er aus, vom Schmerze
Zum Ach verstärkt, und dann begann er: „Bruder,
Die Welt ist blind, und du kommst recht von ihr.

Ihr, die ihr lebt, bezieht jedwede Ursach
Stets auf den Himmel oben, wie wenn alles
Sich mit Nothwendigkeit durch ihn bewegte.

Wenn dies so wäre, wäre ja vernichtet
Der freie Will', und wär's Gerechtigkeit,
Für Gutes Lust, für Böses Trauer ernten? 72

Der Himmel legt den Grund zu euren Trieben;
Nicht, sag' ich, allen; doch gesetzt, ich sagt' es,
So bleibt euch Einsicht ja für Gut und Böses,

Und freier Wille, der, wenn er die Mühen
Der ersten Kämpf' ausdauert mit dem Himmel
Und wohl erstarkt ist, dann auch gänzlich sieget.

Ihr unterwerft euch besserer Natur
Und größrer Macht freiwillig; diese schafft
Den Geist in euch, der nicht vom Himmel abhängt. 81

Drum, weicht die jetz'ge Welt vom rechten Wege,
So liegt der Grund in euch, in euch nur sucht ihn;
Dies will ich wahrhaft dir ausspähen helfen.

Hervor geht aus der Hand deß, der sie zärtlich
Anschaut, noch eh sie ist, nach Kindes Weise,
Das bald mit Weinen, bald mit Lachen tändelt,

Die Seele, die, einfältig, noch nichts weiß,
Als daß, vom heitern Schöpfer angetrieben,
Sie gern zu dem sich wendet, was ergetzet. 90

Erst findet an Geringem sie Vergnügen:
Hier täuscht sie sich und rennt ihm eifrig nach,
Lenkt ihre Liebe Zaum nicht oder Führer.

Darum bedarf's als Zügel der Gesetze,
Bedarf's des Herrschers, der zum wenigsten
Den Thurm der wahren Stadt erkennen lasse.

Gesetze gibt's; doch wer befolgt sie? Niemand.
Der Hirt, der anführt, wiederkäun zwar kann er,
Allein es sind die Klaun ihm nicht gespalten. 99

Weshalb das Volk, das seinen Führer sieht
Nach dem nur trachten, was es selbst begehret,
Daran sich weidet und nichts weiter fordert.

Wohl kannst du sehen, daß die schlechte Leitung
Der Grund ist, daß die Welt so schlimm geworden,
Nicht weil in euch verderbt sei die Natur.

Zwei Sonnen hatte Rom, als es die Welt
In Ordnung brachte, welche beide Straßen
Erleuchteten, die Gottes und der Welt. 108

Verlöscht hat jene diese; und gelangt ist
Das Schwert zum Hirtenstab; so muß nun beides
Sehr übel fahren durch Gewaltsamkeit,

Da so verbunden Keins das Andre fürchtet.
Glaubst du nur nicht, betrachte nur die Aehre;
Denn jedes Kraut erkennt man an dem Samen.

Im Lande, welches Etsch und Po bewässern,
War einstens Muth und edler Sinn zu finden,
Eh Friedrich noch in Streit verwickelt wurde. 117

Jetzt kann sie jeder sicher dort entbehren,
Wer sonst aus Scham es unterlassen möchte,
Zn sprechen oder umzugehn mit Guten.

Noch sind drei Alte dort, aus denen schilt
Die alte Welt die neue; denen scheint es
Zu lang, eh Gott sie ruft zu besserm Leben;

Der gute Gerhard, Conrad von Palazzo
Und Guido von Castel, den man auf fränkisch
Wohl besser nennt den einfachen Lombarden. 126

Gestehe nun, ob nicht die Kirche Roms,
Da zwei Gewalten sie in sich vereinigt,
In Schlamm versinkt, sich und die Last besudelnd?” -

„Du folgerst richtig”, sprach ich, „o mein Marco;
Und jetzt begreif' ich, weshalb von dem Erbe
Die Söhne Levi's waren ausgeschlossen.

Doch wer ist Gerhard, den du weise nennest,
Der vom vertilgten Volk ist übrig blieben,
Zum Vorwurf dem verwilderten Jahrhundert?” - 135

„Entweder täuscht dein Wort mich oder prüft mich”,
Antwortet' er, „da du, toskanisch redend,
Vorgibst, vom guten Gerhard nichts zu wissen.

Ein andrer Beinam' ist mir nicht bekannt,
Ich nähm' ihn denn von seiner Tochter Gaja.
Gott sei mit euch; ich geh' mit euch nicht weiter.

Sieh dort die Dämmrung, die den Rauch durchleuchtet,
Bereits erglänzen; deshalb muß ich scheiden,
Eh noch der Engel, der dort ist, sich zeiget.” - 144

So sprach er und nicht weiter wollt' er hören.

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