Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 19
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Fegfeuer - Gesang 19

Nach einer Vision, welche Dante hat, ersteigen sie den fünften Umgang, wo er den Papst Hadrian V. antrifft, welcher ihn belehrt, daß man sich dort von der Sünde des Geizes reinige.

Zur Stunde, da nicht mehr des Tages Wärme
Des Mondes Kälte lauer machen kann,
Besiegt von Tellus, manchmal von Saturn auch;

Wann fern im Morgenland die Geomanten
Erscheinen sehn ihr „größer Glück” auf Wegen,
Die kurz nur noch die Dämmrung dunkel läßt:

Kam eine Frau zu mir im Traume, stotternd,
Mit schiefem Blick, mit ganz verkrümmten Füßen,
Verkrüppelt an der Hand und fahler Farbe. 9

Ich sah sie an; und wie die Sonn' entstrickt
Die kalten Glieder, so die Nacht ersteifte,
So macht' auch ihr mein Blick die Zunge schmeidig,

Und kurz darauf hob sie sich ganz empor,
Und ihr verstört Gesicht bekam die Farbe,
Wie nur sie sich die Liebe wünschen mag.

Dann, als ihr so gelöst die Sprache war,
Sang sie jetzt so, daß ich mit Müh nur hätte
Von ihr den aufmerksamen Sinn gewendet. 18

„Ich bin”, sang sie, „die lockende Sirene,
Die auf dem Meer die Schiffer irre leitet,
So voller Anmuth bin ich, hört man mich.

Ich zog Ulyß, entzückt ob meinem Sange,
Von seinem Pfad, und wer mit mir verkehret,
Geht selten weg, so ganz bezaubr' ich ihn.” -

Noch hatte sie nicht ihren Mund geschlossen,
Als augenblicks ein heilig Weib erschien,
Dicht in der Näh' mir, jene zu beschämen. 27

„Virgil, Virgil, wer ist denn diese da?”
Sprach sie voll Zorn; und jener kam herbei,
Der Ehrbaren stets mit dem Blicke folgend.

Und diese faßte jen', und auseinander
Schlug sie ihr das Gewand und wies den Leib mir;
Der weckte mich mit Stank, so von ihm ausging.

Die Augen wandt' ich, und Virgil, der gute,
Sprach: „Dreimal mindstens rief ich: Auf und komme!
Laß uns die Oeffnung suchen, wo du eintrittst.” - 36

Ich stand jetzt auf, und alle Kreise waren
Des heil'gen Bergs schon voll vom hohen Tage;
Hingingen wir, die neue Sonn' im Rücken.

Dem Führer folgend, senkt' ich meine Stirne,
Wie einer, welchen der Gedanken Schwere
Zn einem halben Brückenbogen macht;

Als: „Kommt, hier geht man durch!” ich hörte sagen
In solchem lieblichen und güt'gen Tone,
Wie man in ird'schem Land ihn nicht vernimmt. 45

Mit offnen Flügeln, denen gleich des Schwanes,
Kam zwischen den zwei Wänden harten Felsens
Der nun herauf, der so zu uns gesprochen.

Die Schwingen regt' er dann und fächelt' uns,
Versichernd, daß glückselig sei'n „qui lugent”,
Weil gute Seelen Trost erlangen werden.

„Was hast du, daß du stets zu Boden schauest?”
Begann zu mir mein Führer, als wir beide
Nun etwas höher waren, als der Engel. 54

Und ich: „Mit solchem Zweifel hemmt den Schritt mir
Ein neu Gesicht, das zu sich hin mich ziehet,
Daß ich des Sinnens nicht mich kann entschlagen.” -

„Sahst du die alte Zauberin”, so sprach er,
„Um die man über uns allein noch weinet?
Sahst du wohl, wie der Mensch von ihr sich frei macht?

Das gnüge dir; den Fuß stampf auf die Erde:
Heb auf den Blick zum Lockspiel, welches schwinget
Der ew'ge König mit den großen Kreisen.” - 63

So wie der Falk, der auf die Klaun erst schaut,
Dann nach dem Ruf sich wendet und sich ausstreckt
Vor Gierde nach der Atzung, die ihn locket;

So that auch ich und ging, so lang der Felsen
Sich spaltet, um zum Aufgang Bahn zu geben,
Bis dahin, wo den Umkreis man beginnt.

Als frei nun in dem fünften Kreis ich stand,
Sah Volk ich auf demselben, welches weinte
Und mit dem Antlitz auf dem Boden lag. 72

„Adhaesit pavimento anima mea”
Hört' ich sie sagen mit so tiefem Seufzen,
Daß kaum die Worte man verstehen konnte.

„O ihr Erwählten Gottes, deren Leiden
Gerechtigkeit und Hoffnung linder machen!
Zeigt uns den Weg doch zu den hohen Stiegen.” -

„Wenn ihr euch hier nicht niederwerfen dürfet,
Und wollt den Pfad zum Aufgang früher finden,
So haltet eure Rechte stets nach außen.” 81

So bat der Dichter, und so war die Antwort
Nicht weit vor uns; weshalb ich aus der Rede
Das andre, was verschwiegen blieb, entnahm.

Auf des Gebieters Blicke wandt' ich meine;
Worauf er mir mit heitrem Wink erlaubte,
Daß ich dem Blick des Wunsches Worte gäbe.

Jetzt, als nach meinem Sinn ich schalten konnte,
Begab ich mich zu jenem Wesen hin,
Deß Wort es mir vorher bemerkbar machte. 90

Ich sagte: „Geist, in dessen Thränen reifet,
Wo ohne man zu Gott nicht kehren kann,
Laß deine größre Sorg' etwas bei Seite!

Wer warst du, und warum kehrt ihr den Rücken
Nach oben? sag mir auch, ob ich dir etwas
Erflehn soll dort, von wo ich lebend komme.” -

Und er zu mir: „Weswegen unsre Rücken
Der Himmel sich zukehrt, weißt du; doch vorher
Scias, quod ego fui successor Petri. 99

Es stürzt sich zwischen Chiaveri und Sestri
Ein schöner Fluß herab; von seinem Namen
Schreibt sich der Anspruch meines Blutes her.

Kaum mehr als einen Mond prüft' ich, wie schwer sei
Der große Mantel dem, der rein ihn hält:
Flaumfedern scheinen alle andern Lasten.

Spät leider! war es, daß ich mich bekehrte;
Doch als ich röm'scher Hirt geworden war,
Entdeckt' ich so das lügnerische Leben. 108

Ich fand, daß dorten man das Herz nicht stillet,
Noch höher steigen kann im ird'schen Leben;
Deshalb entbrannte Lieb' in mir zu diesem.

Bis zu dem Augenblick war meine Seele
Elend, von Gott geschieden, voller Geizes:
Jetzt werd' ich, wie du siehst, deshalb gestraft.

Was Geiz verübt, das wird hier offenbar,
Indem sich die bekehrten Seelen läutern;
Und keine härtre Strafe hat der Berg. 117

Denn wie dort unser Aug' auf ird'sche Dinge
Geheftet, sich nach oben nicht erhob,
So drückt es hier Gerechtigkeit zu Boden.

Wie unsre Liebe für jedwedes Gute
Der Geiz erstickte, drob das Thun erstarb:
Hält hier Gerechtigkeit uns hingestreckt,

An Händen und an Füßen festgebunden,
Und wie des Herrn gerechter Will' es ist,
So lange haften reglos wir am Boden.” - 126

Ich war zu ihm gekniet und wollte sprechen;
Doch als ich anfing, und, wenn auch durch's Ohr nur,
Er merkte, daß ich Ehrfurcht ihm bezeigte:

Da sprach er: „Welch ein Grund beugt so herab dich?” -
Und ich zu ihm: „Um eurer Würde willen
Hat mich gepeinigt mein gerecht Gewissen.” -

„Richt' auf die Füße dich, steh auf, mein Bruder”,
Antwortet' er; „nicht irr'; ich bin nur Mitknecht
Von dir und mit den andern einer Macht. 135

Wenn je des heil'gen Evangeliums Worte,
Die „neque nubent”, lauten, du verstandest,
Erkennst du wohl, warum ich also rede.

Doch gehe nun, verweile dich nicht länger,
Da dies dein Bleiben mich im Weinen störet,
Womit ich das, wovon du sprachest, fördre.

Jenseits hab' ich noch eine Nicht', Alagia
Mit Namen, gut an sich, wenn unser Haus nur
Sie durch sein schlimmes Beispiel nicht verderbet: 144

Die ist allein mir dort zurückgeblieben.”

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