Karl Eitner - Dante's Leben und Werke

Zum finstern Abgrund stieg er von der Erde,
Sah beide Höllen; dann zu Gott erhub
Er sich, begeistert von erhabnem Wollen,
Und gab davon uns nachmals wahre Kunde.

Ein Stern von hoher Kraft, erschloß er strahlend
Uns Blinden die Geheimnisse, die ew'gen;
Dafür ward ihm der Lohn der schnöden Welt,
Den oft sie zahlt den preiseswerthsten Helden.

Geringe Schätzung wurde Dante's Werken
Und heil'gem Drang beim undankbaren Volke,
Das jeglichem Verdienst Beifall verweigert.

Doch wär' ich auch zu gleichem Loos geboren:
Für harten Bann wollt' ich mit seiner Größe
Dem höchsten Glücke dieser Welt entsagen!

Diese Worte des dem Schöpfer der „Göttlichen Komödie” verwandten, ja ebenbürtigen Geistes, seines großen, dreihundert Jahre später lebenden Landsmannes Michelangelo Buonarotti (s. dessen Gedichte, das einunddreißigste Sonett), möchten wohl auf keinen andern Dichter eine solche Anwendung finden, wie auf den, zu dessen Preise sie ausgesprochen wurden. Denn bei Dante war Leben, Denken und Dichten dermaßen auf's innigste verschmolzen, daß bei ihm jedes Wort zugleich eine That war. Sein großes Gedicht ist daher auch nicht ein Ergebniß blos seines Talentes, sondern vielmehr seines auf seine Zeit und sein Volk gerichteten Denkens und Strebens, und nimmt durch historisch individuelle Beziehungen unsere Aufmerksamkeit dergestalt in Anspruch, daß es uns, während es als ein Dichtwerk vor unsern Augen steht, doch mit dem Eindruck der lebensvollsten Wirklichkeit ergreift. „Die Göttliche Komödie” ist somit das subjectivste Epos, wenn es überhaupt als solches bezeichnet werden kann. Zu dessen Verständniß bedarf es daher einer, wenn auch gedrängten, doch möglichst vollständigen Darlegung sowohl der politischen Lage seines Volks zu seiner Zeit, wie deren Vorbedingungen, als auch der Lebensumstände des Dichters, wie wir sie theilweise Blanc's, Floto's und Wegele's ausführlicheren Darstellungen verdanken.

Florenz, die Vaterstadt Dante's, bestand schon seit fast zweihundert Jahren als Republik, besonders nachdem sich die Plebejer gegen Ende des 11. Jahrhunderts die Anerkennung als vollberechtigte Bürger verschafft und auf neue städtische Verfassung gedrungen hatten. Die kleinen Geschäftsleute, Handwerker und Arbeiter machten den größern und etwa hundert Familien, welche man die Nobili und Grandi nannte, bestehend aus Nachkömmlingen alter patrizischer Familien oder durch Handel reich gewordenen Plebejern, den kleinem Theil der Bevölkerung aus. Ihre Häuser waren Burgen gleich, mit Thürmen von 200-240 Fuß Höhe versehen. Das Volk überließ die Regierung damals einem aus den Nobili und Granden gewählten Magistrat, stimmte nur in der Volksversammlung und wählte seine Bürgermeister und Senatoren. Ein Jahrhundert lang blieb es so, und Florenz war dabei stark und mächtig; die Burgen des Adels der Landschaft, welcher sich der Oberherrlichkit der Stadt widersetzte, wurden gebrochen, und man zwang ihn, in ihr zu wohnen und der Republik Dienste zu leisten; so die Buondelmonti und die Grafen Guidi, welche seitdem ihre Feinde wurden. Die Sitten waren damals patriarchalisch einfach, der Geist des ganzen Volkes ritterlich; mit dem Reichthum verschwand dies. Sonst aber war das Volk sehr unruhig, von wilden Leidenschaften bewegt und also sehr rachsüchtig, weshalb die Justiz schwer zu handhaben war. Diesem Uebel abzuhelfen, wurde 1207 ein Podestà gewählt, der aber der Unparteilichkeit wegen kein Florentiner sein durfte, woneben jedoch die bisherige Signoria von vier, später sechs einjährigen Konsuln und ein Senat von hundert Männern fortbestanden. Jener hatte die Gerichtspflege, diese die übrige Verwaltung zu besorgen.

Im Jahr 1215 zerfiel der Adel von Florenz in zwei sich auf den Tod befeindende Parteien, die Guelfen und Ghibellinen. Sie sind bekannt aus den Kämpfen der Hohenstaufen mit den Päpsten, worin die letzteren zu den Kaisern, die ersteren aber zu den Päpsten standen, jene demokratisch, diese aristokratisch gesinnt waren. In Florenz jedoch war, nach Dino Compagni, dem Geschichtschreiber und Zeitgenossen des Dante, vielmehr das Umgekehrte der Fall, und zwar aus folgendem Grunde. Im Jahr 1215 hatte sich ein junger Ritter aus dem Hause der Buondelmonti mit einem Fräulein aus dem der Amadei verlobt. Eines Tages am Palast der Donati vorübergehend, wird er vom Balkon herab von Frau Aldruda Donati heraufgerufen, welche auf eine ihrer Töchter hinzeigt und sagt: „Diese da hatte ich Dir zugedacht.” Auf seine Antwort, er sei nicht mehr frei, versetzt sie: „Wohl bist Du's; ich werde die Buße für Dich zahlen!” Buondelmonte, betroffen von der Schönheit der ihm Bestimmten, spricht: „Ich will sie haben” - und verlobt sich mit ihr. Dafür wird er am Hochzeittage von den Amadei, mit denen sich die Uberti verbinden, ermordet, und von da an schied sich der ganze florentinische Adel in zwei feindliche Parteien, die eine aus den Donati und Buondelmonti, die andere aus den Amadei und Uberti bestehend, die jedoch noch dreißig Jahre in der Stadt neben einander lebten. In diesen Parteikämpfen für Privatinteressen suchte die eine Partei beim Kaiser, die andere bald in Rom, bald in Frankreich Hülfe. Trotzdem aber nahm Florenz an Macht und Reichthum zu, weil die Bürgerschaft einig blieb und sich so den Frieden wahrte.

Doch nun begann der große Kampf zwischen dem Kaiser Friedrich II. und Papst Innocenz IV. Um Florenz in seiner Gewalt zu haben, warf der Kaiser deutsche Soldaten hinein, und 1244 verließen sie die Guelfen, von deren Palästen die Ghibellinen vier und zwanzig niederrissen. Aber diese regierten so, daß die Bürger unzufrieden wurden, und die Guelfen befehdeten die Stadt. Jene erlitten 1250 eine solche Niederlage, daß die Bürger eine Volksverfassung einrichteten. Der Podestà wurde abgeschafft, alle übrigen Stellen wurden neu besetzt; an die der Konsuln aus dem Adel kamen zwölf Aelteste aus dem Volk; man ernannte einen Volksgeneral aus der Fremde und sieben und dreißig Volkshauptleute und machte Volk und Landschaft kriegsfähig. Die Bürger wurden übermüthig und gewaltthätig, zeigten aber echt republikanischen Gemeinsinn. Nach Friedrichs Tode wurden die Guelfen zurückberufen und mußten sich mit den Ghibellinen aussöhnen, was natürlich von keiner Dauer war. Denn nach wenigen Jahren verschworen sich diese zum Umsturz der Verfassung, das Volk erhob sich, und sie mußten 1258 in die Verbannung wandern. Sie zogen nach Siena, wandten sich an Manfred, Friedrich's II. Sohn, König von Neapel und Sicilien, und mit Hülfe deutscher Reiter siegten sie 1260 bei Mont' Aperti; die Guelfen mußten in die Verbannung wandern. Jene stürzten die Volksverfassung, herrschten wiederum sieben Jahre, die Bürger klagten über Druck, und nachdem Manfred gefallen war, regten sich die Bürger und die Guelfen dermaßen, daß die Ghibellinen zwei Ritter vom Orden der Jungfrau Maria (fratri godenti) beriefen, die gleichzeitig Podestà sein und die Beschwerden des Volkes abstellen sollten; der eine war ein Guelfe, der andere ein Ghibelline. Diese aber organisirten das Volk wieder militärisch, und wiederum ward dieses so mächtig, daß es die Guelfen zurückrief und beide Parteien durch Heiraten zu versöhnen suchte. Doch vergeblich. Denn kaum in Florenz eingezogen, sandten die Guelfen an Karl von Anjou. König von Neapel, und baten um Hülfe. Graf Guido von Montfort erschien mit achthundert Reitern, und die Ghibellinen zogen um Ostern 1267 bei Nacht aus der Stadt nach Pisa und Siena. Dies brach die Macht derselben in Florenz für immer; aber um so leichter brach nun der Streit zwischen den Guelfen und der Bürgerschaft aus.

Guelfen und Volk errichteten nun eine Verfassung und zogen die Güter der verbannten Ghibellinen ein. Mit dem Frieden brach aber auch zugleich Feindschaft zwischen einzelnen guelsischen Geschlechtern aus, woran sich die ganze Stadt betheiligte. Deshalb wandte sich die Obrigkeit an den Papst Nieolaus III., den auch die Ghibellinen um Hülfe angingen wegen ihrer Rückkehr nach Florenz. Nicolaus, dem Karl von Anjou feind, schickte den Cardinal Latino als Friedensstifter, und es fand im Februar 1280 eine große Versöhnungsfeier statt; die Ghibellinen kehrten, bis auf einige, zurück, auch die Guelfen versöhnten sich unter einander, und Florenz genoß unter der Regierung von vierzehn Edeln und Bürgern, deren Amtsführung nur zwei Monate währte, eine Weile Frieden.

Aber nach zwei Jahren erhoben sich die Guelfen wieder gegen die Ghibellinen, das Volk aber gegen den Uebermuth Jener, und man errichtete wieder eine Volksverfassung 1282, eine Zunftverfassung, welche, mannichfach verändert, Jahrhunderte lang Bestehen hatte. Zuerst wählten die Bürger drei Vorsteher aus den drei reichsten Zünften, den Tuchhändlern, Wechslern und Wollenwebern; kurze Zeit darauf sechs Vorsteher, Prioren der Zünfte genannt, die auch aus den zwölf obern Zünften gewählt werden sollten. Diese nebst dem Volksgeneral (capitano del popolo) hatten das Regiment in Händen und fungirten nur zwei Monate, während deren sie die Amtswohnung nicht verlassen durften. Ihre Wahl geschah durch ihre Vorgänger im Amte, die Konsuln der zwölf obern Zünfte, zu denen auch die Edelleute gehörten, und andere erlesene Bürger. Die Abstimmung war geheim. Anfangs befand sich die Stadt dabei im besten Zustand; aber schon 1284 begann wieder Zwietracht zwischen dem Volk und den Großen, die in den Streit der Weißen und Schwarzen (bianchi und neri) auslief. Florenz befand sich damals in großem Wohlstande und hatte eine Bevölkerung von über 200.000 Einwohnern; die Häuser waren prachtvoll, und die Bürgerschaft wurde reich, üppig, stolz und streitsüchtig. Die drei genannten Zünfte waren die reichsten; unter ihnen wiederum die Wechsler. Sie umgingen die Wucherverbote der Kirche, und Fürsten und Könige machten sich von ihnen abhängig.

Dies ist das in kurze Züge zusammengedrängte Bild der Entwickelung der florentinischen Republik während zwei Jahrhunderten, wie es Floto (Dante Alighieri, sein Leben und seine Werke, Stuttgart 1858) entworfen hat, bis zur Zeit der Geburt und der Jugendjahre Dante's; hier wurde er im Mai 1265 geboren. Der Vater Alighiero degli Alighieri war Rechtsgelehrter, und seine Familie gehörte zu den ältesten und achtbarsten Geschlechtern von Florenz. Dante (abgekürzt aus Durante) selbst kennt keinen andern Stammvater als den Cacciaguida, einen tapfern Krieger, geboren um 1090, welcher eine Alighieri zur Frau hatte. Einer ihrer Söhne (starb um 1200) nahm den Namen der Mutter an und ward der Stifter des Geschlechts der Alighieri in Florenz; dessen Enkel war der Vater des Dichters. Er starb früh, als Dante etwa neun Jahre alt war, hinterließ aber ein ziemliches Vermögen an liegenden Gründen. Die Mutter, Bella, scheint für die Erziehung Dante's sehr besorgt gewesen zu sein, und dabei Brunetto Latini, ein höchst gelehrter und ausgezeichneter Schriftsteller und Staatssekretär der Republik, großen Einfluß gehabt zu haben, da Dante seiner in der Göttlichen Komödie, wie auch in einer andern Schrift, mit dankbarer Ehrerbietung und Liebe gedenkt. Früh schon kindischen Beschäftigungen abgeneigt, wandte er sich, nach Erlernung der Elemente der Wissenschaften, den strengeren Studien zu, studirte an verschiedenen Orten, namentlich zu Bologna und Padua Philosophie und widmete sich besonders der Theologie (1290-1293). Neben den strengen Studien beschäftigte er sich auch mit den heitern Künsten, war Freund der Maler Giotto und Oderisi, wie er auch selbst zeichnete, so wie des Sängers und Musikers Casella. Wie früh er die Dichtkunst getrieben, läßt sich nicht bestimmen, wohl aber sagt er selbst, daß er die Provenzalen kannte und bewunderte. Von dichterischen Freunden nennt Dante den ausgezeichneten Guido Cavalcanti, an welchen er das erste öffentlich von ihm bekannt gemachte Sonett richtet, den er später verbannt sehen mußte und bald nachher (1301) durch den Tod verlor. Ein zweiter war der berühmte Rechtsgelehrte Cino von Pistoja, welcher später den Dante in einer Canzone beklagt. Andere waren Dante da Majano, Bonagiunta da Lucca und Dino Frescobaldi. Eng mit seiner Liebe zur Poesie ist seine idealische Liebe zu einem weiblichen Wesen, Beatribe (abgekürzt Bice), der Tochter des angesehenen Bürgers Folco dei Portinari, verbunden. Er hatte sie am 1. Mai 1274 unter ihren Geschwistern bei einem häuslichen Feste ihrer Familie gesehen, als er neun, sie aber acht Jahre zählte. Von diesem Begegnen sagt er in dem „Neuen Leben” (vita nuova), welches erste seiner Werke er muthmaßlich um 1291 bis 1293 geschrieben, und das, neben Sonetten, Balladen und Canzonen, welche diese Liebe feiern, die Geschichte derselben erzählt:„ Bei diesem Anblick geschah es, wie ich der Wahrheit gemäß sage, daß der Geist des Lebens, der in der tiefsten Kammer meines Herzens wohnt, heftig zu erzittern begann und diese Worte sprach: Siehe da, ein Gott, der ist starker als ich; er kommt und wird mich beherrschen!” Damals habe er kein Wort mit ihr gesprochen, er habe öfter ihren Anblick gesucht, und in späteren Jahren einmal ihren holdseligen Gruß empfangen. Er berichtet, wie er sich aus zarter Rücksicht den Schein der Liebe zu einer Andern gegeben; wie er erkrankt sei und im Traum den Tod und die Verklärung der Geliebten gesehen, wie sie im jugendlichen Alter gestorben sie (starb 1290); wie tiefer Gram an seiner Seele genagt und seine Gesundheit untergraben und das zärtliche Mitleid einer andern Dame ihn fast zur Untreue verleitet, wie aber die Geliebte ihm im Geiste wiedererschienen und alle seine Gedanken auf sich gerichtet; wie endlich eine Vision in ihm den Entschluß erzeugt: „nicht mehr von dieser Gebenedeiten zu sprechen, bis er im Stande wäre, würdiger von ihr und zu ihr zu reden, so daß er hoffe, einst von ihr zu sagen, was noch niemals von einem Weibe gesagt worden.” Uebrigens ist jedes Gedicht von trockenen scholastischen Erklärungen begleitet.

Von dieser ersten Jugendliebe blieb ihm der tiefste Eindruck für das ganze Leben, der sich in ihm zu jener Verklärung der Erscheinung und Bedeutung Beatricens steigerte, welche er in seinem großen Gedicht geltend macht. Nach unsern Begriffen setzt es uns daher in Erstaunen, zu erfahren, daß er, etwa ein oder zwei Jahre nach Beatricens Tode, sich mit Donna Gemma dei Donati vermählt. Aber abgesehen davon, daß diese Heirat von dem ersten Biographen Dante's, Boccaccio, als ein Werk der Verwandten dargestellt wird, so hat auch die Ehe im Süden eine minder unverletzliche Bedeutung als im Norden. Dazu kam noch das aus Südfrankreich, namentlich der Provence, fortdauernde Herüberwirken des ritterlichen oder höfischen Frauen- oder Minnedienstes, dessen geistige Träger die Troubadours oder Minnedichter waren. Dieser Franendienst war, etwa hundert Jahre vor Dante, der Mittelpunkt des Ritterwesens und bestand darin, sich die Achtung und das Lob einer Dame zu erwerben, die man zur Richterin seines Werthes erhob; doch durfte diese Dame nicht die Gattin des Ritters sein. Die Gräfin von Champagne. eine der gefeiertsten Damen in Frankreich, war gefragt worden: si l'amour était possible dans le mariage - und ihre Antwort, in aller Form eines Richterspruchs abgefaßt, im April 1174, und noch heute vorhanden, war Nein! „Und dieser Spruch”, sagt sie, „ist für immer als unumstößliche Wahrheit festzuhalten; denn wir haben ihn erst nach reiflicher Erwägung gefällt und nachdem wir uns mit vielen Damen berathen.” - Ehe und Minne waren also zwei ganz geschiedene Verhältnisse, die in jener Zeit nebeneinander bestehen konnten, ohne sich gegenseitig zu beirren. Freilich hielt sich der Minnedienst nicht immer auf jener idealen Höhe, wie ihn uns Uhland in seinem „Kastellan von Couci” darstellt, aber der Dichter Dante hob ihn rein in das platonische Gebiet empor. In ihm vereinigte sich der auch noch das ritterliche mit dem religiösen Element des Frauenkultus jener Tage. „Die Gottesgebärerin, als der Religion der Sinnlichkeit wie der Entsagung gleich entsprechend, wurde auf den Himmelsthron erhoben. In Gedicht und Bildwerk der Sirene, Frau Venus und Frau Welt entgegengesetzt, wurde doch unbewußt auch die Natur in ihr angebetet, und die Volkssage hat manches Anmuthige von Freya (also selbst im Norden) auf sie übergetragen.” So Hase in seiner Kirchengeschichte. Der Marienkultus war die Verehrung des idealen Gottweibes, und Dante's Begeisterung feierte, sie nur dieser subordinirend, seine Beatriee als die ideale göttliche Jungfrau, und die gefühlvoll phantastische Richtung des Zeitalters, so wie das mystisch allegorisirende Streben der Scholastik, in welche Dante tief eingeweiht war, unterstützten seine idealisirende Anschauung. Doch gehörte er zu jenen großen, Alles umfassenden und scharfblickenden Geistern, die, trotz solcher idealen Richtung, die Wirklichkeit nach andern Seiten hin nie aus den Augen verloren, wie ja auch sowohl einzelne Troubadours, als einzelne Scholastiker heftig gegen die Mißbräuche der Kirche, namentlich des Papstthums, zu Felde zogen. Und so sehen wir ihn auch früh genug in die politische Laufbahn eintreten.

Da jeder florentinische Bürger, der zu Staatsämtern gelangen wollte, sich bei einer der Zünfte (arti) einschreiben lassen mußte, so trat Dante in die der Aerzte und Apotheker. Ferner that er auch Kriegsdienste und focht 1289 unter den Reitern in der Schlacht bei Campaldino oder Certomondo, wo die Guelfen von Florenz und Arezzo den Ghibellinen, aus Aretinern und ausgewanderten Florentinern bestehend, eine große Niederlage beibrachten, Dante selbst sich aber dabei in großer Gefahr befand. Im folgenden Jahre war er bei dem Zuge nach Pisa, durch welchen unter des Podestà, Guido Novelle da Polenta, Anführung die Veste Caprona erobert wurde. Außerdem ist in der Zeit von 1295-1302 von einigen Gesandtschaften die Rede, zu welchen Dante verwendet wurde, da man sich bei Geschäften von solcher Art gelehrter Männer bediente. Gewiß ist es, daß Dante sich 1302 als Abgesandter in Rom befand. In seinem 35. Jahre (dem gesetzlichen Alter) ward er zu einem der Prioren gewählt, was für ihn, nach seinem eigenen Ausspruch, der Ursprung aller seiner Leiden und seines Unglücks wurde. Zur Erklärung dessen ist es nöthig, etwas in der Zeit zurückzugreifen.

1232 war eine Spaltung zwischen den Großen und dem Volk entstanden, auf welche die der Weißen und Schwarzen folgte. Die Bürger hatten Ursache, mit den Prioren, weil sie ihre Pflicht nicht thaten, unzufrieden zu sein; deshalb bemächtigte sich Giano della Bella, ein edler, rechtschaffener und reicher Bürger, an der Spitze der Volkshauptleute des Regiments. Er gehörte zu den Prioren vom 15. Februar 1292. Zu den sechs Prioren wurde noch ein siebenter hinzugefügt, welcher Bannerträger der Gerechtigkeit (gonfaloniere della giustizia) genannt wurde und gegen die bedrückenden Edelleute einschreiten sollte, so wie man auch neue Ordnungen der Gerechtigkeit gegen die Großen verfaßte, unter Anderm, daß keiner als Prior gewählt werden sollte. Diese geriethen hierüber in Wuth und suchten Giano zu stürzen. Sie brachten also Prioren ins Amt, die ihm feind waren, und obgleich das Volk zu ihm stand, so wurde er doch verbannt, und man zog seine Güter ein. Bald darauf starb er in der Verbannung. Obgleich das Volk den Muth verlor, so blieben doch die Ordnungen der Gerechtigkeit noch in Kraft, und die Großen, statt dem Volke gegenüber einig zu sein, befehdeten sich heftig, in die Parteien der Weißen und Schwarzen geschieden. Emporkömmlinge durch Reichthum, wie die Bardi, Freseobaldi, Cavalcanti, besonders aber die Cerchi waren mit den ersten Geschlechtern verschwägert. Feinde der Letzteren waren die Donati, aus welcher alten, mächtigen Familie Dante's Gattin, Donna Gemma, stammte. Einige der Cerchi kauften den Palast des Grafen Guidi, welcher neben dem der Donati lag, weshalb sich diese über die emporgeschossenen ehemaligen Bauern ärgerten. So entstand nun Todfeindschaft zwischen den beiden Geschlechtern, zu denen sich nach beiden Seiten hin die übrigen Edelleute gesellten, und es kämpften so wiederum zwei Adelsparteien gegen einander, jedoch beide guelfisch gesinnt. Die Donati hießen die Schwarzen, die Cerchi die Weißen. So stand denn um 1296 der Adel den Bürgern gegenüber, spaltete sich aber unter sich in die Weißen und Schwarzen; jenes geschah aus politischen, dies aus persönlichen und Privatinteressen.

Am 23. April 1300 brach bei einem Gastmahl die Erbitterung beider Parteien aus, und am 1. Mai floß das erste Blut bei einem zufällig auf der Straße entstandenen Streite. In diesem fanden die Schwarzen bei dem tyrannischen und gewaltsamen Papst Bonifacius VIII., der den Corso Donati schützte, Unterstützung, weil sie ihn überredeten, daß die Weißen ghibellinisch gesinnt und Feinde des Papstthums seien. Der sandte den Cardinal Matteo d'Acquasparta, der, da er nichts ausrichtete, weil er die Cerchi erniedrigen wollte, Bann und Interdikt über die Stadt aussprach. In eben dieser Zeit vom 15. Juni bis zum 15. August 1300 war Dante einer der Prioren und befand sich in der traurigen Nöthigung, für die Verbannung der Häupter beider Parteien aus Florenz mit zu stimmen, worunter Verwandte von ihm auf Seiten der Schwarzen, sein Freund Cavalcanti auf der der Weißen waren. In kurzem fielen neue Feindseligkeiten und Kämpfe der Parteien vor, und die Schwarzen beriethen sich heimlich, Bonifaz VIII. um einen guelfischen Prinzen zu bitten, der in Florenz den Frieden herstellen, eigentlich aber ihrer Partei beistehen sollte. Wegen dieser Versammlung wurden die Häupter der Schwarzen, namentlich Corso Donati, so wie der Weißen verbannt, letzterer Rückkehr aber sehr bald wieder gestattet; doch starb Cavalcanti kurz nachher. Ueber diese Begünstigung erbittert, eilte Corso Donati nach Rom, wo er den Papst vermochte, Karl von Valois, Bruder Philipps des Schönen von Frankreich, einen durchaus unbedeutenden und unehrenhaften Charakter voll Habsucht und Wortbrüchigkeit, der gegen die Aragoneser in Sicilien ziehen sollte, nach Florenz als Friedensstifter zu senden. Dies abzuwenden, schickte man Gesandte nach Rom, unter ihnen Dante, gegen Ende des Jahres 1301. Unterdeß war Karl in Florenz eingezogen, und Corso Donati verwüstete unter seinem Schutze, trotz dessen Eid, nichts an den Gesetzen zu ändern und Frieden zu stiften, die Häuser seiner Feinde in der Stadt und auf dem Land. Erdichtete Anschläge der Weißen gegen die Schwarzen gaben den Vorwand, alle Häupter der Weißen, an Zahl 600, anfangs April 1302 zu verbannen, ihre Paläste niederzureißen und ihre Güter zu verwüsten. Bald darauf verließ Karl von Valois Florenz.

Während dies in Florenz vorfiel und Dante in Rom war, verbannten ihn seine Feinde und zogen seine Güter ein, weil er sich dem Einrücken Karls von Valois widersetzt hatte. Sein Haus in der Stadt war zerstört, seine Güter in der Landschaft verwüstet, und ihm selbst, ließe er sich daheim wieder blicken, drohte der Scheiterhaufen. So ließ er denn die Seinen, seine Frau und fünf Kinder, in Florenz zurück, besonders, da er in der Erst hoffte, bald aus der Verbannung zurückzukehren. Aber er kehrte nie in die Heimat wieder; zwanzig Jahre, bis an seinen Tod, irrte er in der Fremde umher, indeß seine Gattin, um 1308, so wie zwei Kinder, wahrscheinlich an der Pest, starben. Mehrmals bot sich Dante die Gelegenheit zur Rückkehr, doch scheiterte diese an der Ungeschicklichkeit seiner Verbannungsgenossen, von denen er sich 1307 gänzlich zurückzog. „Schmerzenvolle Armuth war nun seine Gefährtin, während er faft alle Theile Oberitaliens durchwanderte; nie war er lange an einem Orte, selbst nicht an den Höfen der Fürsten, und drückender Mangel und Abweisung hatte er oft zu erdulden. Nur einige Orte kennt man bestimmter, an denen Dante länger verweilte. Zuerst waudte er sich nach Siena; bald aber nach Arezzo, wo sich viele Verbannte und ausgewanderte Weiße befanden, und wo er den Podestà der Stadt, Uguccione della Fagginola, kennen lernte; dann an den Hof der Scaligeri zu Verona, wo Bartolomeo, der älteste Sohn des Alberto della Scala, herrschte, den Dante später eben so hoch feierte, indem er ihn „den großen Lomdarden” nennt, wie nachmals dessen jüngsten Bruder (nach dem Tode des zweiten, Alboin) Cangrande, den man unter dem „Veltro” d. i. Windhund (Hölle I, 101) verstanden wissen will. Dante hielt sich also 1302-1304 das erstemal in Verona auf. Während dessen starb Papst Bonifaz VIII. (1303), und ihm folgte Benedict XI., der, fromm und friedliebend, den Cardinal Nicolo da Prato wegen Friedensvermittelungen nach Florenz schickte. Die Schwarzen vereitelten diese; er ließ die Stadt im Bann hinter sich, und da Corso Donati sich mit seiner Partei nach Pistoja begeben, so ermunterte Jener die Weißen zu einer Unternehmung gegen Florenz, in welchem eben eine Feuersbrunst 1700 Häuser verzehrt hatte. Doch durch Uebereilung mißglückte es: die Weißen, nur zum Theil in Florenz eingedrungen, mußten es schimpflich wieder räumen. Zwei Tage darauf starb Benedict XI. (22. Juli), Mit Recht sah Dante dies Unglück als die Verewigung seiner Verbannung an. Nun hielt er sich wahrscheinlich im Casentiner Thal unweit der Quellen des Arno bei dem Grafen Guido Salvatico, einem Vetter des Alessandro von Romena, auf. 1306 finden wir ihn in Padua und Bologna und 1307 wieder im Toscanischen, wo Cardinal Orsini die Weißen versammelte und Versuche zu ihrer Zurückberufung machte, wobei auch Dante sich in einem Dokument unterschrieb. Von da ab bis 1310 finden sich nur sehr unsichere Nachrichten über seinen Aufenthalt, daß er sich wieder nach Bologna, Padua und Verona und von da nach Paris gewendet, woselbst er sich ganz dem Studium der Wissenschaften, vorzüglich der Philosophie und Theologie ergeben habe. Denn daß Corso Donati sich mit dem damals mächtigsten Ghibellinenführer Uguccione della Fagginola durch Heirat eine Familienverbindung geschaffen, worüber die Schwarzen empört ihn zur Flucht zwangen, auf der er umkam, vereitelte die letzte Hoffnung Dante's, durch Uguccione zur Heimkehr zu gelangen, und er wandte sich wahrscheinlich deshalb nach Verona, wo indeß (1308) Alboin seinen Bruder, Cangrande, zum Mitregenten angenommen hatte, und von da nach Paris. Dort blieb er, bis die Kunde von dem Zuge König Heinrichs VII. nach Italien neue Hoffnungen in ihm erweckte und ihn nach dem Vaterlande zurückrief. Heinrich verweilte sich einige Monate in Lausanne, wo er Abgesandte vieler Fürsten und Städte Italiens empfing; nur die Florentiner schickten keine. Im Dezember 1310 kam er nach Mailand, wo Dante (der schon früher einen Ermahnungsbrief an die Fürsten und Völker Italiens erlassen hatte, daß sie sich dem Kaiser unterwerfen sollten) und viele andere Verbannte ihn begrüßten, und als Heimich jenem zu lange in Oberitalien zögerte, schrieb Dante ihm selbst einen feurigen Brief, der ihn auffordert, unverweilt die Axt an die Wurzel des Uebels, Florenz, zu legen (16. April 1311). Dies bewog seine Feinde, als beinahe alle Verbannte zurückberufen wurden, ihn allein auszuschließen. Nach langen vergeblichen Mühen, Oberitalien zu beruhigen, kam Heinrich endlich im October nach Genua, setzte im März zur See nach Pisa über, kam im Mai nach Rom und ward am 29. Juni zum Kaiser gekrönt. Nun zog er gegen Florenz, das aber, vom König Robert von Neapel und vielen guelsischen Städten mächtig unterstützt, so tapfer widerstand, daß er mit großem Verluste unverrichteter Sache abzog. Im folgenden Sommer rüstete er sich in Pisa gegen Robert, starb aber auf diesem Zuge den 24. August 1313. - Ob Dante persönlichen Antheil an diesen Begebenheiten genommen, oder wo er sich indessen aufgehalten, läßt sich nicht ermitteln. Vielleicht hätte Dante die Rückkehr in die Vaterstadt erlangt, wenn Florenz nicht vor den Ghibellinen in Furcht hätte sein müssen. Aber Uguvvione della Fagginola, dem man in Pisa die Signoria übertragen hatte, diente der unterdrückten Partei als neuer Leiter, und die Florentiner mußten also umsomehr in der Härte gegen die Verbannten beharren. Daher wurde das Urtheil gegen Dante 1315 wiederholt. Damals scheint er längere Zeit in Lucca welches Uguccione unterworfen hatte, verweilt und sich ein platonisches Liebesverhältniß zwischen ihm und einer Dame Namens Gentucca, gebildet zu haben. Auch war er hier noch außerdem, daß er an seinem großen Werk, der Göttlichen Komödie, fortschuf, geistig thätig für seine politischen Zwecke. Wie er während des Römerzuges Heinrichs das Werk „Ueber die Monarchie” schrieb, so hier das gleich jenem lateinisch abgefaßte Büchlein „Ueber die Volkssprache”, welches zum Zweck hatte, darzuthun, auf welche Weise sich eine reine, edle Volkssprache finden ließe, und wie die gereinigte in der Poesie anzuwenden wäre. Desgleichen eine kleine Schrift nach Clemens' V. Tode, als die Cardinäle versammelt waren, worin er die Entartung und Knechtschaft der Kirche unter dem französischen Drucke in Avignon schildert und die Rückkehr des Papstes nach Rom fordert; doch vergebens, da wieder ein französischer Papst gewählt wurde. Bald sollte er wieder Toscana verlaffen; denn Uguccione verlor seine Macht und ging 1316 nach Verona zu Cangrande della Scala. Hier verwandten sich Freunde bei der Republik, die nun nichts mehr zu besorgen hatte, für die Rückkehr Dante's. Sie wurde ihm auch gewährt, aber unter Bedingungen, die der Dichter in einem noch erhaltenen Briefe mit großartigem Selbstbewußtsein entschieden zurückwies. So zog er denn wieder in die Fremde und brachte einige Jahre bei dem heldenmüthigen Cangrande in Verona zu, dessen er in seinem großen Gedicht so ruhmvoll gedenkt (Paradies XVII). Doch störten auch hier die fast ununterbrochenen Fehden seine Ruhe, und er setzte seinen Wanderstab weiter, ohne daß wir erfahren, wohin, bis er endlich um 1320 die letzte Zuflucht in Ravenna findet bei Guido Novello von Polenta, dem Neffen der Francesca von Rimini und des Bernardino von Polenta. Hier fand er eine bleibende Stätte und soll seine drei noch übrig gebliebenen Kinder: Jacopo, Pietro und Beatrice, um sich versammelt, und der Fürst ihn noch für eine Gesandtschaft nach Venedig verwandt haben. Hier starb er, nach ungefähr zwei Jahren Ruhe und nach der Vollendung der Gottlichen Komödie am 14. September 1321 im Alter von 56 Jahren. Ehrenvoll war sein Begräbnis, der Fürst selbst hielt ihm die Grabrede und wollte ihm ein Denkmal errichten; allein schon im folgenden Jahre verlor er die Herrschaft von Ravenna und starb als Vertriebener in Bologna. Im Jahr 1373 ward in Florenz ein Lehrstuhl für die Erklärung der Göttlichen Komödie errichtet, und 1396 versuchten es die Florentiner, die Asche ihres großen Landsmanns der Heimat zu erwerben, aber sie wurde ihnen verweigert.

Außer den angeführten Werken schrieb Dante „Das Gastmahl” (il convito), eine Art philosophischer Encyclopädie, welche unvollendet blieb. Er setzte sich darin vor, die in Bezug auf sein Liebesverhältniß zu Beatricen gesungenen 14 Canzonen so zu erläutern, als wären sie ganz allegorisch gemeint und bezögen sich auf seine Liebe zur Philosophie. Glücklicherweise hat er nur von dreien den Kommentar gegeben; das Buch blieb unvollendet. Den Namen hat es davon, weil er die Erklärung gleichsam als Brod zu den Gerichten der Canzonen auftischen wollte. Im Grunde wollte er wohl damit seine Liebespoesie gegen die der Troubadours in ein höheres Licht stellen.

Wahrscheinlich zur Zeit, als Heinrich VII. das kaiserliche Ansehen in Italien wiederherzustellen bemüht war, etwa um 1310-1313, schrieb Dante zur Ermuthigung seiner Anhänger das Buch „Von der Monarchie” in lateinischer Sprache, worin er sein politisches Glaubensbekenntniß ablegt. Dante war Kosmopolit: „Mir ist die Welt das Vaterland, wie den Fischen das Meer!” ruft er einmal feierlich und bestimmt aus. Aber die Menschheit ist ihm nicht blos eine ideale, sondern auch eine reale Totalität, d. h. eine politisch-religiöse Einheit nach Gottes Willen, und der Papst und der Kaiser sind ihre Beherrscher. Das Kaiserthum ist ihm ein eben so göttliches Institut als die Kirche; darum war er seiner Gesinnung nach Ghibelline. Die Erde sollte nur ein Reich, eine einzige große Monarchie sein, während die Menschheit ohne Kaiser ein vielköpfiges Ungeheuer ist. Darum ist die Oberherrlichkeit des Kaisers nothwendig zum Wohle der Menschheit. Der Grund des Kaiserthums ist das menschliche Recht. Des Kaisers Amt ist Frieden und Gerechtigkeit und Freiheit, als die Grundlagen des Wohls der Menschheit, aufrecht zu erhalten. Im zweiten Buche des Werkes beweist Dante: daß Gott selbst erst das römische Volk, dann den romischen Kaiser zu jener Oberherrlichkeit über die Menschheit auserkoren hätte; im dritten Buche, daß die Autoritat des Kaisers unmittelbar von Gott verliehen sei und nicht von einem Andern, dem Papste, als dem Stellvertreter Gottes. Hier sucht er die Gegner, die den Papst über den Kaiser stellen wollen, zu widerlegen. Wie das alte und neue Testament vorhanden war, ehe es eine Kirche gab, nebst den Traditionen, die erst wieder nach dieser entstanden sind: so ist auch die Kirche nicht die Grundlage der kaiserlichen Autorität; denn das Kaisetthum stand schon in der Blüthe, als die Kirche noch nicht vorhanden war, und folglich stammt die Macht des Kaisers unmittelbar von Gott. Vernunft und Offenbarung beweisen und bezeugen die Prädestination und Rechtmäßigkeit der römischen Weltherrschaft. Beide Mächte sollen daher, als Gewalten Eines göttlichen Ursprungs, gleichberechtigt nebeneinander zum Wohle der Menschheit wirken, deren Existenz einen doppelten Zweck hat, nämlich die Seligkeit dieses Lebens, wonach sie der Kaiser nach philosophischer Unterweisung dem zeitlichen Glücke zuführe, nnd die Seligkeit des ewigen Lebens, nach welcher sie der Papst vermittelst der Offenbarung hinleite. Dante wollte die Wiederherstellung des Kaiserthums zur Reformation des Papstthums; er wollte eine weltliche Universalmonarchie. Diese Monarchie ist zum Heile der Welt unbedingt nothwendig: das römische Volk ist der Träger derselben; der (römische) Kaiser hat sein Amt unmittelbar von Gott und steht völlig ebenbürtig neben dem Papste. Darum ist Dante Ghibelline; darum läßt er in der Hölle, nächst dem höchsten Verräther, dem Judas Ischariot, die beiden Verräther an Cäsar, den Brutus und den Cassius, zwischen den Zähnen des Lucifer zermalmen.

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