Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 04
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 04

Dante, vermöge eines Wunders (vergl. Hölle 1 V. 11 und Fegef. 9 V. 10-63) im Schlaf über den Acheron entrückt, findet sich am Rande des Höllenschlundes, geweckt vom Donner der Klagen, die aus dem finsteren Abgrunde so heraufhallen, dass selbst Virgil vor Mitleid erbleicht. Hinabsteigend gelangen sie in den Aufenthalt der ungetauften unschuldigen Kinder und tugendhaften Heiden (also auch Virgils), in die Vorhölle. Zuerst, im weitesten dunkleren Umkreise derselben, begegnen sie unzähligen Seelen unberühmter Heiden jedes Alters und Geschlechtes, deren Menge Dante, gewiß nicht ohne Bezug auf den Wald im ersten Gesange, einen Wald von Geistern nennt. Keine Klage hallt dort, nur Seufzen, und Virgil sagt, dass unerfülltes Sehnen ihre einzige Qual sei. - Dante läßt sich Christi Höllenfahrt und die Erlösung der Erzväter von ihm erzählen und so, zu Stärkung seines Glaubens, in der Hölle selbst bestätigen. In dem Kreise, weiter nach innen schreitend, sieht er eine Lichtglorie die Heroen von den Unberühmten scheiden, eine Begnadigung Gottes um ihres edlen Ruhmes willen. Der innere Rand ihres Kreises erhebt sich um den tieferen Höllenabgrund als ein grünendes Gebirge, wie von dem Lichtglanz, so auch von sieben Mauern und einem schönen Bächlein umzogen und beschirmt, alles überwölbt von den Finsternissen, die rings auf den Seelen der Unberühmten ruhen. Nun erschallt eine Stimme aus der Glorie, welche gebeut, den wiederkehrenden, erhabenen Dichter (Virgil) ehrenvoll zu empfangen. Homer, Horaz, Ovid und Lucan kommen dahergewandelt, begrüßen den Nahenden und nehmen Dante in ihre Schar auf, welche vereint, die Dichtkunst selbst vorbildend, über den Bach, der nur die geringeren bang seufzenden Geister abhält, wie festen Boden schreitet, durch die Pforten der sieben aristotelischen Tugenden, denn diese bedeuten jene Mauern, zu den ewig begrünten Höhen der Heroen. Von den Heroen nennt Dante vor allen solche, die auf Aeneas Vaterstadt Troja und das von ihm begründete römische Reich Bezug haben. Besonders tritt Cäsar als Vorbild des Kaisertums glänzend hervor, gerüstet und mit Falkenaugen. Über allen Heroen gewahrt unser Dichter endlich, als er das Haupt noch mehr erhebt, den von den edelsten Weltweisen und Gelehrten umgebenen Meister aller die da wissen, den Aristoteles. Er ehrt ihn, sicher, dass man ihn dennoch ewig erkennen werde, damit - dass er ihn nicht mit Namen nennt, zugleich in ihm aller Wissenschaft Summe vorbildend, welche die Menschheit zu erreichen vermocht, ohne christlichen Glauben. Nachdem er so die Heroen und Weltweisen in ihrer unterirdischen Glorie geschaut, trennt sich Dante von den anderen Dichtern und geht mit Virgil über das grünende Gebirge hinab in den dunklen Abgrund.

001 Den tiefen Schlaf im Haupt brach mir mit Krachen
002 Ein Donner, und ich fuhr empor wie Der,
003 Den man gewaltsam nöthigt zum Erwachen.

004 Mein ausgeruhtes Auge schweift' umher;
005 Grad aufgerichtet, blickt ich in die Runde,
006 Die Stätte zu erspähn, an der ich wär'.

007 Und ich erfand mich an dem jähen Schlunde
008 Des schmerzenvollen Thales, dessen Kluft
009 Endloser Klagen Donner birgt im Grunde.

010 Tief war es, dunkel, nebelvoll die Luft,
011 Und unterscheiden konnt' ich dort nichts weiter,
012 Wie forschend auch der Blick drang in die Gruft.

013 Und todtenbleich begann nun mein Geleiter:
014 'So mög' uns denn die blinde Welt umfangen;
015 Ich sei der erste, solge du als zweiter.'

016 Und ich, dem sein Erbleichen nicht entgangen,
017 Sprach: Wie komm' ich hinab, wenn du willst zagen,
018 Der du mein Trost in meines Zweifels Bangen?

019 Und er zu mir: 'Das jammervolle Klagen
020 Des Volkes da drunten malt auf mein Gesicht
021 Des Mitleids Farbe; nimm es nicht zür Zagen.

022 Auf, säumen läßt der lange Weg uns nicht.'
023 So trat er ein, so sah ich mich gekommen
024 Zum ersten Kreise, der den Schlund umflicht.

025 Dorther entstieg, so viel mein Ohr vernommen,
026 Kein Klageruf, es bebte nur wie Weiden
027 Die ewige Luft von Seufzern bangbeklommen.

028 Und dieses kam von marterlosem Leiden,
029 Das viele große, ungezählte Scharen
030 Von Kindern, Fraun und Männern dort erleiden.

031 Der Meister sprach: 'Und willst du nicht erfahren,
032 Was dies für Geister, die du schaust allhie?
033 Laß, eh du fortgehst, mich dirs offenbaren.

034 Nicht Sünder sind sie; doch Verdinest kann nie
035 Der Taufe Mangel zum Ersatze dienen,
036 Denn deines Glaubens Pforte ja ist sie.

037 Sie lebten, eh das Christenthum erschienen,
038 Drum dienten Gott nicht würdig ihre Seelen;
039 Und auch ich selbst bin einer unter ihnen.

040 Um diesen Mangel, nicht um andres Fehlen
041 Sind wir verdammt in solch ein leidvoll Leben,
042 Daß hoffnungslos wir uns in Sehnsucht quälen.'

043 Als ich das hörte, fühlt' ich schmerzlich beben
044 Mein Herz, weil Seelen höchsten Werthes ich
045 Gewahrt' in diesem Höllenvorhof schweben.

046 Sprich, o mein Meister, mein Gebieter, sprich,
047 Begann ich, um Gewißheit zu gewinnen
048 Des Glaubens, vor dem jeder Irrthum wich:

049 Half Keinem eigenes Verdienst von hinnen
050 Noch fremdes, daß er kam ins selige Land?
051 Und er, durchschauend mein geheimes Sinnen,

052 Versetzt: 'Ich war noch neu in diesem Stand,
053 Da ist ein Mächtiger hereingekommen,
054 Dem um die Stirn des Sieges Kranz sich wand.

055 Den ersten Vater hat er mitgenommen,
056 Und Abel, seinen Sohn, und Noahs Schatten,
057 Und Moses, des Gesetzes Hort, den frommen,

058 David und Abram, Joseph, Rahels Gatten,
059 Sie selbst, die langumworbne,und die Schar
060 Der Söhne, die durch ihn das Dasein hatten:

061 Sie macht' er selig und viel' andre gar,
062 Und wissen sollst du, daß vor ihnen keine
063 Menschliche Seele je erlöset war.'

064 Wir standen still, indeß er sprach, nicht eine
065 Minut' im Hain, den rüstig wir durchschritten,
066 Ich mein' in der gedrängten Geister Haine.

067 Wir hatten wenig erst des Wegs durchschritten
068 Vom Gipfel, als ich Feuer strahlen sah
069 In dieser finstern Hemisphäre Mitten.

070 Wir waren zwar dem Ort nicht völlig nah,
071 Doch nicht so fern, daß nicht zu sehen wäre,
072 Nur auskerkorne Seelen weilten da.

073 Du, aller Künst' und Wissenschaften Ehre,
074 Wer sind denn diese, die solch Ansehn haben,
075 Daß sie getrennt hält von der Andern Heere?

076 Und er zu mir: 'Der Name hoch erhaben,
077 Der sie noch droben schmückt in deinem Leben,
078 Schafft ihnen dieses Vorzugs Gnadengaben.'

079 Da hört' ich eine Stimme sich erheben:
080 'Laßt uns dem hohen Dichter Ehr' erzeigen
081 Sein Schatten kehrt, der sich hinwegbegeben.'

082 Als diese Stimme dann versank in Schweigen,
083 Sah ich heran vier hehre Schatten schreiten,
084 Ihr Antlitz schien nicht Luft noch Schmerz zu zeigen.

085 Da sprach der gute Meister mir zur Seiten:
086 'Sieh Diesen, in der Hand das Schwert, voran
087 Den Dreien gehn, als Herrscher sie zu leiten.

088 Du  siehst Homer, den Dichterfürsten, nahn,
089 Sodann Horaz, den Dichter der Satiren,
090 Dann kommt Ovid, als letzter folgt Lucan.

091 Weil sie wie ich den gleichen Namen führen,
092 Der mir ertheilt von jener Stimme war,
093 Thun sie mir Ehr' an und thun nach Gebühren.'

094 So stand vereint die schöne Jüngerschar
095 Des Meisters im erhabensten Gesange,
096 Der ob den andern schwebt gleich wie ein Aar.

097 Sie sprachen mit einander, doch nicht lange,
098 Worauf sie grüßend mich willkommen hießen,
099 Und lächelnd stand mein Meister beim Empfange.

100 Mehr Ehre ließen sie mich noch genießen,
101 Vergönnend, ihrer Schar mich als Geselle,
102 Als sechster solchen Geistern anzuschließen.

103 So schritten wir nun vor bis zu der Helle
104 Und sprachen was ich hier verschweigen muß,
105 Weil dort davon zu reden war die Stelle.

106 Wir nahten eines edlen Schlosses Fuß,
107 Von hohen Mauern siebenfach umfangen
108 Und rings geschirmt durch einen schönen Fluß.

109 Der ward von uns wie trocken Land durchgangen,
110 Durch sieben Thore dann gings weiter fort
111 Zu einer Au in grünen Frühlingsprangen.

112 Ernstblickend ruhige Leute waren dort,
113 Mit hoher Würd' in allen ihren Mienen;
114 Sanft war ihr Ton, doch selten klang ihr Wort.

115 Wir wählten einen Platz, nicht fern von ihnen,
116 Wo freien Blick wir über alle hatten,
117 Hoch, hell und offen, wie sie da erschienen.

118 Uns gegenüber auf den grünen Matten
119 (Noch rühm' ich mich, daß dies mir ward erschlossen)
120 Wies mir mein Führer all die großen Schatten.

121 Ich sah Elektra dort mit viel Genossen,
122 Erkannte Hektor und Aeneas, sah
123 Caesarn, deß Falkenaugen Blitze schossen.

124 Camilla war, Penthesilea da,
125 Zur andern Seite sah ich Fürst Latinen
126 Bei seiner Tochter, bei Lavinia.

127 Ich sah den Brutus, der vertrieb Tarquinen,
128 Lucrezia, Julia, Martia, edle Frauen,
129 Cornelia auch, und abseits Saladinen.

130 Als ich ein wenig höher hob die Brauen,
131 Konnt' ich den Meister Aller, die da weise,
132 Umringt von Philosophenschülern schauen;

133 Vereint sie all' in seinem Ruhm und Preise.
134 Hier sah ich Plato, sah den Sokrates,
135 Am nächsten sie vor andern ihm im Kreise;

136 Sah Diogenen und Empedokles,
137 Sah, dem die Welt ein Zufall, Demokriten,
138 Den Pflanzenforscher Dioskorides,

139 Zeno, Averroës, des Stagiriten
140 Erklärer, Orpheus, Anaxagoras,
141 Sah Ptolemäus, Linus, Herakliten,

142 Thales, Eukliden, der die Flächen maß,
143 Sah Avicenna, Hippokrat, Galenen,
144 Sah Tullius und die Strenge Seneca's.

145 Eingehend sprechen kann ich nicht von Jenen;
146 Des Stoffes Größe heißt so kurz mich sein,
147 Daß oft mein Wort nicht nachkommt dem Geschehnen.

148 Die Dichtersechszahl schmilzt auf zwei nun ein:
149 Mich führt auf anderm Pfad mein weiser Leiter
150 Aus stiller Luft in bebende hinein,

151 Und wo kein Schimmer hindringt, schritt ich weiter.

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