Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01 [*]Dieser Gesang ist die Einleitung zu der ganzen göttlichen Komödie. Außer demselben enthält jeder Theil 33, das Ganze folglich 99 Gesänge. Wir dürfen glauben, daß der Dichter, wegen der Deutung, welche er, wie wir in der Einleitung gesehen, den Zahlen 3 und 9 giebt, dem Gedichte absichtlich diesen Bau gegeben habe.

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand [*]V. 1 - 28. Dante nimmt an, daß das Menschenleben gewöhnlich 70 Jahre dauere. Im fünf und dreißigsten Jahre also, in dem Alter, wo der Mann den Gipfel seiner Kraft erreicht hat, wo die Leidenschaften, ohne noch an Stärke verloren zu haben, von uns nicht mehr nur dunkel gefühlt, sondern erkannt werden, tritt er in der heiligen Woche seine verhängnißvolle Reise an. Er sieht sich in einem Labirinth von Irrthümern (dem dunkeln Walde), in welchen er, er weiß selbst nicht wie, seinen Jugendtraum träumend, gerathen ist. Aber, indem er zum Bewußtsein gelangt, findet er sich schon am Ausgange des Waldes und vor ihm liegt der steile Berg der Tugend, von der Sonne der Wahrheit bestrahlt. Noch einmal blickt er zurück auf den Weg, den er bewußtlos zurückgelegt, und schreitet dann vor, um dem Bessern sich zuzuwenden.
Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.

Wie schwer ist's doch, von diesem Wald zu sagen,
Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
Schon der Gedank' erneuert noch mein Zagen.

Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;
Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu kunden,
Sag' ich, was sonst sich dort den Blicken bot. 9

Nicht weiß ich, wie ich mich hineingewunden,
So ganz war ich von tiefem Schlaf berückt,
Zur Zeit, da mir der wahre Weg verschwunden.

Doch bis zum Fuß des Hügels vorgerückt,
Der an dem Ende lag von jenem Tale,
Das mir mit schwerer Furcht das Herz gedrückt,

Schaut' ich empor und sah, den Rücken male
Ihm der Planet, der uns auf jeder Bahn
Gerad zum Ziele führt mit seinem Strahle. 18

Da fingen Angst und Furcht zu schwinden an,
Die mir des Herzens Blut erstarren machten,
In jener Nacht, da Grausen mich umfah'n.

Und so wie atemlos, nach Angst und Schmachten,
Schiffbrüchige vom Strand, entfloh'n der Flut,
Starr rückwärts schauend, ihren Grimm betrachten;

So kehr't ich, noch mit halberstorbnem Mut,
Mich jetzt zurück, nach jenem Passe sehend,
Der jeglichem verlöscht des Lebens Glut. 27

Und, etwas ausgerastet, weitergehend,
Wählt' ich bergan den Weg der Wildnis mir,
Fest immer auf dem tiefern Fuße stehend.

Sieh, beim Anbeginn des steilen Weges schier, [*]V. 31 - 36. Da hemmt ihn (der Panther mit dem buntgefleckten Felle) die sinnliche Begier der Jugend, die in jenem Alter noch nicht geschwächt ist, im Vorschreiten.
Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder,
Gewandt und sehr behend ein Panthertier.

Nicht wich's von meinem Angesichte wieder,
Und also hemmt es meinen weitern Lauf,
Daß ich mich öfters wandt' ins Tal hernieder. 36

Am Morgen war's, die Sonne stieg itzt auf, [*]V. 37 - 43. Doch eben ihm der Morgen der Wahrheit aufgegangem, und in und außer ihm ists Frühling (die Jahreszeit, in welcher, wie er voraussetzt, Gott die Welt schuf) und so hofft er, noch der jugendlichen Begier Meister zu werden. (Das heitre Fell des Panther zu erstreben). Das Original drückt sich nicht deutlicher aus.)
Von jenen Sternen, so wie einst, umgeben,
Als Gottes Lieb' aus ödem Nichts herauf

Die schöne Welt berief zu Sein und Leben;
So ward mir Grund zu guter Hoffnung zwar
Durch jenes Tieres heitres Fell gegeben

Und durch die Frühstund' und das junge Jahr,
Doch so nicht, daß in mir nicht Furcht sich regte, [*]V. 44 - 48. Da bedrängt ihn aufs neue der Ehrgeiz (der Löwe), die Leidenschaft dcs männlichen Alters.
Als furchtbar mir ein Leu erschienen war. 45

Es schien, daß er sich gegen mich bewegte,
Mit hohem Haupt und mit des Hungers Wut,
So daß er Schrecken, schien's, der Luft erregte.

Auch eine Wölfin, welche jede Glut [*]V. 49 - 59. Diesem folgt, unter dem Bilde des Wolfs, der Geiz, der im spätern Alter die Seele zu bethören pflegt, und er sieht sich seiner Hoffnung, zum Bessern zu gelangen, beraubt, und aufs neue vom Fuße des sonnenbestrahlten Bergs in die nächtige Tiefe zurückgestürtzt.
Der Gier durch Magerkeit mir schien zu zeigen,
Die schon auf viele schweren Jammer lud.

Vor dieser mußte so mein Mut sich neigen
Aus Furcht, die bei dem Anblick mich durchbebt,
Daß mir die Hoffnung schwand, zur Höh' zu steigen. 54

Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,
Wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen,
In Kümmernis und tiefem Bangen lebt;

So machte dieses Untier mich beklommen;
Von ihm gedrängt, mußt' ich mich rückwärts zieh'n
Dorthin, wo nimmer noch der Tag entglommen.

Als ich zur Tiefe niederstürzt' im Flieh'n, [*]V. 60 u. ff. Da bietet sich ihm die Vernunft (der klare besonneneVirgil) zur Führerin an. Von ihr geleitet, soll er Laster und Tugenden durch ihre Folgen in ihrer wahren Gestalt erkennen, und durch diese Erkenntniß zum Rechten und Wahren gelangen.
Da war ein Wesen dorten zu erkennen,
Das durch zu langes Schweigen heiser schien. 63

Ich rief, sobald ich's nur gewahren können
In großer Wildnis: Oh, erbarme dich,
Du, seist du Schatten, seist du Mensch zu nennen.

Und jener sprach: Nicht bin, doch Mensch war ich!
Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich.

Eh', spät, die Römer sich dem Julius beugten, [*]V. 70. Im Originale: Nacqui sub Julio, ancor che fosse tardi.. Da diese Stelle auf das Ganze nicht vom geringsten Einflusse ist, so verschont der Uebers. die Leser mit sämmtlichen Muthmaßungen der Kommentatoren, und bemerkt nur, daß er selbst sie mehr zu erläutern, als zu übersetzen versucht hat.
Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
Zur Zeit der Götter, jener Trugerzeugten. 72

Ich war Poet und sang Achises' Sohn,
Der Troja floh, besiegt durch Feindesstücke,
Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion.

Und du - du kehrst zu solchem Gram zurücke?
Was bleibt die freud'ge Höhe nicht dein Ziel,
Die Anfang ist und Grund zum vollen Glücke?

So bist du, rief ich, bist du der Virgil,
Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?
Ich sprach's mit Scham, die meine Stirn befiel. 81

O Ehr' und Licht der andern Kunstgenossen, [*]V. 82. Sämmtliche Schriften des Dichters beweisen, daß er, so wenig auch seine Natur mit der des ruhigen Virgil übereinstimmen mag, die Werke desselben zum Gegenstande seines fleißigsten Studiums gemacht hatte.
Mir gelt' itzt große Lieb' und langer Fleiß,
Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen.

Mein Meister, Vorbild! dir gebührt der Preis,
Den ich durch schönen Stil davongetragen,
Denn dir entnahm ich, was ich kann und weiß.

Sieh dieses Tier, o sieh' mich's rückwärts jagen,
Berühmter Weiser, sei vor ihm mein Hort.
Es macht mir zitternd Puls' und Adern schlagen. 90

Du mußt auf einem andern Wege fort,
Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen,
Willst du entfliehn aus diesem wilden Ort.

Denn dieses Tier, das dich mit Gram durchdrungen,
Läßt keinen zieh'n auf seines Weges Spur,
Hemmt jeden, bis es endlich ihn verschlungen.

Es ist von böser, tückischer Natur
Und nimmer fühlt's die wilde Gier ermatten,
Ja, jeder Fraß schärft seinen Hunger nur. 99

Mit vielen Tieren [*]Der Geiz wird sich noch mit vielen andern Lastern verbinden. wird sich's noch begatten,
Bis daß die edle Dogge [*]Can della Scala. s. die Einleitung. kommt, die kühn
Es würgt und hinstürzt in die ew'gen Schatten.

Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glüh'n,
Doch wird sie nie an Lieb' und Weisheit darben;
Inmitten Feltr' und Feltro wird sie blüh'n,

Zu Welschlands Heil, des Ruhm und Glück verdarben,
Obwohl vordem Camilla [*]Kamilla und Turnus starben, nach der Aeneis, bei der Vertheidigung, Eurialus und Nisus, bei der Eroberung Latiums. für dies Land,
Eurialus, Turnus und Nisus starben. 108

Nicht wird sie ruh'n, bis sie dies Tier verbannt;
Sie wird es wieder in die Hölle senken,
Von wo's zuerst der Neid heraufgesandt.

Du folg' itzt mir zu deinem Heil - mein Denken
Und Urteil ist's - ich will dein Führer sein,
Und dich durch ew'gen Ort von hinnen lenken.

Dort wirst du hören der Verzweiflung Schrei'n,
Wirst alte Geister schau'n, die brünstig flehen
Um zweiten Tod in ihrer langen Pein. 117

Wirst jene dann im Feu'r zufrieden sehen,
Weil sie verhoffen, zu dem sel'gen Chor,
Sei's wann es immer sei, noch einzugehen.

Und willst du auch zu diesem dann empor,
Würd'ger als ich, wird eine Seel' erscheinen, [*]Dem der Beatrice, die ihn durch das Paradies leitet.
Die geht, schied ich, als Führerin dir vor.

Denn jener, der dort oben herrscht, läßt keinen
Eingehn, von mir geführt, in seine Stadt,
Weil ich mich nicht verbunden mit den Seinen. 126

Er herrscht im All, dort ist die Herrscherstatt,
Sein Thron und seine Burg in jener Höhe.
Heil dem, den er erwählt dort oben hat.

O Dichter, sprach ich jetzt zu ihm, ich flehe
Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt,
Daß diesem Leid und schlimmerm ich entgehe,

Bring' an die Orte mich, die du genannt,
So, daß ich Petri Tor erschauen möge
Und jene, wie du sprachst, zur Qual verbannt. 135

Da schritt er fort, ich folgte seinem Wege.

V. 123. einem würdigeem Geiste. Dem der Beatrice, die ihn durch das Paradies leitet.

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