Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 02
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 02

1   Sol war zum Horizont herabgestiegen,
2   Des Mittagskreis, wo er am höchsten steht,
3   Sieht unter sich die Feste Zions liegen.

4   Nacht, welche sich ihm gegenüber dreht,
5   War mit der Wag' am Ganges vorgegangen,
6   Die, wenn sie zunimmt, ihrer Hand entgeht.

7   Drum hatten Eos weiß' und rote Wangen
8   Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand,
9   In hohem Gelb zu schimmern angefangen.

10   Wir waren noch am niedern Meeresstrand,
11   Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen,
12   Im Herzen fort, indes der Körper stand.

13   Und wie in trüber Röte, wenn der Morgen
14   Sich nähert, Mars, im Westen, nah dem Meer
15   Sich zeigt, von dichten Dünsten fast verborgen,

16   So sah ich jetzt ein Licht - o säh' ich's mehr!
17   Und eilig, wie kein Vogel je geflogen,
18   Glitt's auf des Meeres glattem Spiegel her.

19   Als ich von ihm die Augen abgezogen
20   Ein wenig hatt' und zu dem Führer sprach,
21   Schien's heller dann und größer ob den Wogen.

22   Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach
23   Ein weißer Glanz hervor, und er entbrannte,
24   Wie's näher kam, von unten nach und nach.

25   Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,
26   Solang der Flügel erstes Weiß erschien,
27   Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte:

28   "O eile jetzt, o eile, hinzuknien!
29   Sieh Gottes Engel! Falte deine Händel
30   Nun siehst du solche Gottes Wink vollziehen.

31   Sieh, er verschmäht, was Menschenwitz erfände.
32   Nicht Segel, Ruder nicht - sein Flügelpaar
33   Braucht er zur Fahrt ans ferneste Gelände.

34   Sieh, wie's gen Himmel strebt so schön und klar!
35   Die Luft bewegt das ewige Gefieder,
36   Das nicht sich ändert wie der Menschen Haar."

37   Und wieder naht' er sich indes und wieder
38   In hellerm Glanz, daß näher solchen Schein
39   Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ich's nieder.

40   Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein
41   Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen,
42   Auch drückt' es kaum die Spur den Fluten ein.

43   Und als ein Sel'ger stand vor meinen Sinnen
44   Am Hinterteil des Schiffes Steuermann,
45   Und mehr als hundert Geister saßen drinnen.

46   "Als aus Ägypten Israel entrann";
47   Die Schar, gewiß, das Ufer zu erreichen,
48   Fing diesen Psalm einstimm'gen Sanges an.

49   Er macht' auf sie des heil'gen Kreuzes Zeichen,
50   Drum warf sich jeder hin am Meeresbord,
51   Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen.

52   Fremd schienen alle, welche blieben, dort,
53   Und um sich blickend sah ich sie verweilen,
54   Wie den, der Neues sieht am fremden Ort.

55   Von allen Seiten schoß mit Feuerpfeilen
56   Den Tag die Sonne, die vom Meridian
57   Den Steinbock schon gezwungen, zu enteilen

58   Da hoben, die wir eben kommen sahn,
59   Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte:
60   "Zeigt uns, dafern ihr könnt, zum Berg die Bahn."

61   Erwidert ward darauf von meinem Horte:
62   "Wißt, wenn ihr wähnt, wir wüßten hier Bescheid;
63   Wir sind so fremd wie ihr an diesem Orte.

64   Denn kurz vorher, eh' ihr gekommen seid,
65   Sind auf so rauhem Weg wir angekommen,
66   Daß hier zu klimmen Spiel, nicht Müh' und Leid."

67   Wie jene nun am Atmen wahrgenommen,
68   Daß ich noch lebe, schienen sie bewegt,
69   Ja, vor Erstaunen ängstlich und beklommen.

70   Und wie dem Boten, der den Ölzweig trägt,
71   Die Menge folgt, voll Neubegier sich pressend,
72   Und Tritt' und Stöße sonder Scheu erträgt,

73   So drängten jetzt, mich mit den Augen messend,
74   Zu mir die hochbeglückten Seelen sich,
75   Beinah den Gang zur Reinigung vergessend.

76   Hervor trat eine jetzt, so inniglich
77   Mich zu umarmen, mit so holden Mienen,
78   Daß mein Verlangen ganz dem ihren glich.

79   Leere Schatten, die Gestalt nur schienen!
80   Dreimal halt' ich die Hände hinter ihr,
81   Und dreimal kehrt' ich zu der Brust mit ihnen.

82   Das Antlitz, glaub' ich, malt' Erstaunen mir,
83   Und jenen sah ich lächelnd rückwärts schweben,
84   Doch folgt' ich ihm mit liebender Begier.

85   Und lieblich hört' ich ihn die Stimm' erheben:
86   "Sei ruhig!" Da erkannt' ich ihn und bat,
87   Er möge weilen und mir Antwort geben.

88   "Dich lieb' ich," sprach er, als ich ihn genaht,
89   "Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden,
90   Drum weil' ich - doch was gehst du diesen Pfad?"

91   "O mein Casella, hier nur eingefunden
92   Hab' ich mich, um zur Welt zurückzugehn.
93   Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?"

94   Und er: "Drob ist kein Unrecht mir gescheh'n.
95   Mußt' er auch öfters mich zurückeweisen,
96   Der mit sich fortnimmt, wann er will und wen.

97   Denn sein Will' ist nur der des Ewig-Weisen.
98   Und seit drei Monden hat er gern gewährt,
99   Wenn irgendwer verlangt hat, mitzureisen.

100   Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt,
101   Wo salzig wird der Tiber süße Welle,
102   Empfing er liebevoll, da ich's begehrt.

103   Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,
104   Wo er vereint mit freudigem Empfang
105   Die, so nicht Sünde stürzt zur Nacht der Hölle."

106   Und ich: "Hat dir nicht jenen Liebessang,
107   Den du geübt, ein neu Gesetz entrissen,
108   Der öfters mir gestillt des Herzens Drang,

109   So laß mich jetzt nicht seinen Trost vermissen;
110   Denn meine Seele, die der Leib umflicht,
111   Schwebt, da sie hier erscheint, in Kümmernissen."

112   "Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht
113   Begann er jetzt, und ach, die süße Weise
114   Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht.

115   Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise
116   Der andern dort und alle so beglückt,
117   Als kennten wir kein andres Ziel der Reise,

118   Nur seinen Tönen horchend, hochentzückt.
119   Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten:
120   "Was, träge Geister, ist's, das euch berückt?

121   Nachlässige, so lang' euch aufzuhalten!
122   Zum Berg hin, wo man frei der Hüllen wird,
123   Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten!

124   Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt,
125   Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen
126   Und keine mehr umherstolziert und girrt,

127   Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen,
128   Sie alle jäh, mit größrer Sorg' im Sinn,
129   Von ihrer Weid' empor im Fluge brausen;

130   So lief die Schar der Seelen jetzt dahin,
131   Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile,
132   Wie wer da läuft, allein nicht weiß wohin;

133   Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile.

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