Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 08
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 08

1   Die Stunde war es, die zu stillem Weinen
2   Vor Heimweh den gerührten Schiffer zwingt,
3   Am Tag, da er verließ die teuren Seinen,

4   Die Liebesleid dem neuen Pilgram bringt,
5   Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen,
6   Der Abendglocken Trauerlied erklingt.

7   Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen,
8   Und eine von den Seelen trat hervor
9   Und heischt' Aufmerksamkeit mit einem Zeichen

10   Und naht' und hob die beiden Händ' empor,
11   Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten!
12   Indem ihr Blick im Osten sich verlor.

13   Te Lucis Ante- diese Worte brachten
14   Dann ihre Lippen vor. So fromm, so schön,
15   Daß sie mich meiner Selbst vergessen machten.

16   Mit andachtsvollem lieblichem Getön
17   Stimmt' ein der Chor zu reicher Wohllauts Fülle,
18   Den Blick emporgewandt zu Himmelshöh'n.

19   Die Wahrheit liegt hier unter leichter Hülle;
20   Ist, Leser, jetzt dein Blick nur scharf und klar,
21   So wirst du leicht erspäh'n, was sie verhülle.

22   Demütig, bleich, sah ich die edle Schar
23   Nach oben schau'n, erwartungsvoll und schweigend,
24   Und sah aus himmlischem Gewölb' ein Paar

25   Von Engeln durch die Luft herniedersteigend,
26   Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand,
27   Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend;

28   Grün wie das Laub, das eben erst entstand,
29   Und, von der grünen Flügel Weh'n getrieben,
30   Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand.

31   Der eine blieb nah über uns, und drüben,
32   Jenseit des Tales, blieb der andre stehn,
33   So, daß die Schatten in der Mitte blieben.

34   Ich konnte wohl die blonden Häupter sehn,
35   Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet,
36   Wie oft die Sinn' am Übermaß vergehn.

37   "Dies Paar ist aus Marias Schoß gesendet,
38   Zur Hut des Tales, weil die Schlange naht."
39   So sprach Sordell, uns beiden zugewendet.

40   Und ich, der ich nicht wußt', auf welchem Pfad,
41   Ich schaut' umher, indem ich starr vor Grauen
42   Fest an des treuen Führers Rücken trat.

43   Sordell begann aufs neu: "Geht mit Vertrauen
44   Jetzt zu den Großen hin und sprecht sie an,
45   Denn lieb wird's ihnen sein, euch hier zu schauen.

46   Ich war im Grund, wie ich drei Schritt' getan,
47   Und nach mir forschend späh'n sah ich den einen,
48   Als sah' er ein bekanntes Antlitz nah'n.

49   Schon schwärzte sich die Luft, doch zwischen seinen
50   Und meinen Blicken ließ sie, nah, was sich
51   Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen.

52   Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich.
53   "Mein edler Richter Nin, o welch Vergnügen!
54   Hier - nicht bei den Verdammten - find' ich dich!"

55   Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen.
56   Und er: "Wann bist du aus dem weiten Meer
57   Am Fuße dieses Berges ausgestiegen?"

58   "Heut morgen kam ich aus der Hölle her",
59   Entgegnet' ich, "und bin im ersten Leben,
60   Doch suche hier des künftigen Gewähr."

61   Und wie ich ihnen den Bescheid gegeben,
62   Da fuhr Sordell und er zurück, verstört,
63   Als halt' ein Wunder plötzlich sich begeben,

64   Der dem Virgil, der einem zugekehrt,
65   Der dorten saß, am grünen Talgestade:
66   "Auf, Konrad, sieh, was uns der Herr beschert."

67   Und drauf zu mir: "Erwies besondre Gnade
68   Dir der, des erster Grund verborgen ruht,
69   Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade,

70   So sag' einst jenseits dieser weiten Flut
71   Meiner Johanna, daß sie für mich flehe,
72   Zu ihm, der nach dem Fleh'n der Unschuld tut.

73   Nicht liebt die Mutter wohl mich noch wie ehe,
74   Da sie den Witwenschleier abgelegt,
75   Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe.

76   An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt,
77   Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette
78   Jetzt Anschau'n, jetzt Betastung, neu erregt.

79   Gewiß wird einstens ihre Grabesstätte
80   Von Mailands Schlange nicht so schön geschmückt,
81   Als sie geschmückt der Hahn Galluras hätte."

82   Er sprach's, und ihm im Antlitz ausgedrückt
83   War ein gerechter Eifer, der dem Weisen
84   Wohl durch das Herz, doch nur gemäßigt, zückt.

85   Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen
86   Dorthin, wo träger ist der Sterne Lauf,
87   So wie, der Achse nah, des Rades Kreisen.

88   Mein Führer sprach: "Was blickst du dort hinauf?"
89   Und ich: "Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen
90   Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf."

91   Und er: "Die vier, die dir heut morgen schienen,
92   Sind tief jetzt unterm Horizont versteckt,
93   Und diese sind an ihrer Stell' erschienen."

94   Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt:
95   "Den Widersacher seht!" Er sprach's und zeigte
96   Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt,

97   Wo sich das kleine Tal geöffnet neigte;
98   Dort war die Schlange, die wohl jener glich,
99   Die Even einst die bittre Speise reichte.

100   Wie sie daher durch Gras und Blumen strich,
101   Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rücken
102   Verdreht empor und leckt' und putzte sich.

103   Nicht sah ich und vermag's nicht auszudrücken,
104   Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug,
105   Doch deutlich sah ich sie herniederzücken.

106   Und wie ihr Flügelpaar die Lüfte schlug,
107   Entfloh die Schlang', und jene beiden flogen
108   Zu ihrem Platz zurück in gleichem Zug.

109   Der Schatten, der von Ninos Ruf bewogen
110   Sich uns genähert, hatte bei dem Strauß
111   Die Blicke nimmer von mir abgezogen.

112   "Die Leuchte, die dich führt zu Gottes Haus,
113   Sie find' in deinem Willen und Verstande
114   Ihr Öl und gehe bis zum Ziel nicht aus."

115   So sprach er, "doch wenn von der Magra Strande
116   Du wahre Kunde hast, so gib sie mir,
117   Denn wiss', ich war einst groß in seinem Lande.

118   Corrado Malaspina spricht mit dir,
119   Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen;
120   Die Meinen liebt' ich stets, doch reiner hier."

121   "Oh," sprach ich, "nimmer noch ist mir's gelungen,
122   Dies Land zu sehn, allein sein Nam' und Wert
123   Ist, wo man in Europa sei, erklungen.

124   Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt,
125   Schallt zu der Herrn, schallt zu des Landes Preise,
126   So daß, wer dort nicht war, davon erfährt.

127   Ich schwör' es dir beim Ziele meiner Reise,
128   Daß dein Geschlecht in voller Blüte steht,
129   Des Muts, der Gastlichkeit, der edlen Weise.

130   Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht,
131   Sitt' und Natur wird ihm den Vorzug schenken,
132   Daß es allein den schlechten Weg verschmäht."

133   Und er: "Jetzt geh, nicht siebenmal versenken
134   Wird sich die Sonn' im Bett an jenem Ort,
135   Den ringsumher des Widders Füß' umschränken,

136   So wird dir diese gute Meinung dort
137   In deinem Kopfe festgenagelt werden,
138   Mit bessern Nägeln als mit andrer Wort,

139   Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden."

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