Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 13
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 13

1   Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen,
2   Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt,
3   Des Bergs, der läutert, die hinaufgestiegen.

4   Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt,
5   Der, gleich dem ersten, rings die Höh' umwindet,
6   Nur daß ein Bogen noch sich schneller beugt,

7   Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet,
8   Daher man glatt den Weg und das Gestad
9   Von des Gesteins schwarzgelber Farbe findet.

10   "Dafern wir harrten, bis der Führer naht,"
11   So sprach Virgil darauf, "hier säumig stehend,
12   So wählten wir zu spät wohl unsern Pfad."

13   Dann macht' er, festen Blicks zur Sonne sehend,
14   Für die Bewegung seinen rechten Fuß
15   Zum Mittelpunkt, sich mit dem linken drehend.

16   "O süßes Licht, du flößest den Entschluß
17   Zum neuen Weg mir ein, du führ' uns weiter,"
18   Begann er, "wie ein treuer Führer muß.

19   Du wärmst die Welt, du machst sie hell und heiter;
20   Nie wandle man, wenn sich dein Glanz verhehlt,
21   Drängt nicht die Not, und er sei unser Leiter."

22   Soviel man hier auf eine Miglie zählt,
23   So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden
24   In wenig Zeit, vom regen Trieb beseelt.

25   Ein Geisterzug flog längs den Felsgestaden,
26   Gehört, doch nicht gesehn, herbei und schien
27   Zum Tisch der Lieb' uns freundlich einzuladen.

28   Der erste Geist rief im Vorüberflieh'n:
29   Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen
30   Dann nochmals hinter uns im Weiterzieh'n.

31   Und eh' sie, sich entfernend, ganz verklangen,
32   Da rief: Ich bin Orest! - ein zweiter Geist,
33   Und war im schnellen Flug vorbeigegangen.

34   "O", sprach ich, "Vater, sage, was dies heißt?"
35   Da klang die dritte Stimm' in meine Frage
36   Und rief: Liebt den, der Böses euch erweist.

37   Und er: "Du findest hier des Neides Plage!
38   Gegeißelt wird er hier, doch Liebe schwingt
39   Der strengen Geißel Schnur zu jedem Schlage.

40   Doch wisse, daß der Zügel anders klingt.
41   Du wirst ihn hören, eh' im Weitergehen
42   Dein Fuß zum Passe der Verzeihung dringt.

43   Versuch' es jetzo, scharf dorthin zu spähen,
44   Und vor uns wirst du Leute, langgereiht,
45   An dieser Wand des Felsens sitzen sehen.

46   Da öffnet' ich sogleich die Augen weit
47   Und sah die Schatten an der Felsenhalle,
48   An Farbe dem Gesteine gleich ihr Kleid.

49   Und näher hört' ich sie mit lautem Schalle
50   "Bitte für uns, Maria!" brünstig schrei'n,
51   "Michael und Petrus und ihr Heil'gen alle!"

52   Möcht' einer noch so hart und grausam sein,
53   Vor Mitleid wäre doch sein Herz entglommen,
54   Hält' er, wie ich, gesehn der Armen Pein.

55   Denn als ich nun so nahe hingekommen,
56   Daß ich Gebärd' und Angesicht erkannt,
57   Da ward mein Herz durchs Auge schwer beklommen.

58   Ihr Anzug war ein schlechtes Bußgewand;
59   Sie lehnten sich an sich und ihren Rücken
60   Sie allesamt an jene Felsenwand;

61   Den Blinden gleich, die Not und Hunger drücken,
62   Und die an Ablaßtagen bettelnd stehn,
63   Und, Kopf an Kopf gedrängt, sich kläglich bücken,

64   Indem sie, um das Mitleid zu erhöh'n,
65   Nicht minder mit den jämmerlichen Mienen,
66   Als mit den lauten Jammerworten fleh'n.

67   Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnen
68   Den bangen Schatten, welchen ich genaht,
69   Der Glanz des Himmelslichts umsonst erschienen.

70   Gebohrt war durch die Augenlider Draht,
71   Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernähen;
72   Der, wild, nicht nach des Jägers Willen tat.

73   Mir aber schien es unrecht, daß ich sehend,
74   Doch ungesehn dort ging, drum wandt' ich mich
75   Zum weisen Rat, nach seiner Meinung spähend.

76   Er, der sogleich erriet, weswegen ich
77   Noch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte,
78   Sprach: "Rede jetzt, doch kurz und sinnig sprich."

79   An jener Seite, wo der Fels sich senkte,
80   Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war,
81   Weil kein Geländer dort den Rand verschränkte;

82   Zur andern Seite saß die fromme Schar,
83   Und durch die grause Naht gepreßte Zähren,
84   Die ihre Wangen netzten, nahm ich wahr.

85   "Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklären,"
86   Begann ich nun, "das einzig euer Traum,
87   Das einzig euer Wunsch ist und Begehren,

88   Die Gnade lös' euch des Gewissens Schaum
89   Und mache drin auf reinem lauterm Grunde
90   Der Seele klaren Fluß zum Strömen Raum.

91   Doch bitt' ich euch, gebt mir gefällig Kunde:
92   Ist eine Seel' aus Latium hier? - Ich bin
93   Für sie vielleicht dann hier zur guten Stunde."

94   "O Bruder, jede Seel' ist Bürgerin
95   Von einer wahren Stadt - doch willst du fragen,
96   Ob ein' in Welschland lebt als Pilgerin."

97   So schien's, von mir noch etwas fern, zu sagen,
98   Daher ich, weil ich fast das Wort verlor,
99   Sogleich beschloß, mich weiter vor zu wagen.

100   Und eine wartete, so kam mir's vor,
101   Auf Antwort, und, um's deutlicher zu zeigen,
102   Hob sie, dem Blinden gleich, das Kinn empor.

103   "Du," sprach ich, "die sich beugt, um aufzusteigen,
104   Warst du's, die Antwort gab, so magst du mir
105   Jetzt deinen Ort und Namen nicht verschweigen."

106   "Ich war von Siena, und mit diesen hier",
107   So sprach sie, "läutr' ich mich vom Lasterleben,
108   Und weinend fleh'n um Gottes Gnade wir.

109   Sapia hieß ich, ob ich gleich ergeben
110   Der Torheit war, denn mir schien andrer Leid
111   Weit größre Lust, als eignes Glück zu geben.

112   Doch zweifelst du an meinem tollen Neid,
113   So höre nur! - Die Jugend war verflossen,
114   Und abwärts ging der Bogen meiner Zeit,

115   Als nah bei Colle meine Landsgenossen
116   Den kampfbereiten starken Feind erreicht;
117   Da bat ich Gott um das, was er beschlossen.

118   Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht,
119   Und ich, erblickend, wie der Feind es jage,
120   Fühl' eine Lust, der keine weiter gleicht,

121   So daß ich kühn den Blick gen Himmel schlage
122   Und rufe: Gott, nicht fürcht' ich mehr dich jetzt!
123   Der Amsel gleich am ersten warmen Tage.

124   Nach Gottes Frieden sehnt' ich mich zuletzt
125   Am Rand des Lebens, aber meine Schulden,
126   Durch Reue wären sie nicht ausgewetzt,

127   Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden
128   Gedacht in seinem heiligen Gebet;
129   Noch müßt' ich vor dem Tore harrend dulden.

130   Doch wer bist du, der offnen Auges geht,
131   So scheint's, um unsern Zustand zu erkunden,
132   Und dessen Atem noch beim Sprechen weht?" -

133   "Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden,"
134   So sprach ich, "doch ich hoffe kurze Frist,
135   Weil man's nur selten scheel vor Neid gefunden.

136   Mehr als das Leid, ob des du traurig bist,
137   Hat Sorge mir die untre Qual bereitet.
138   Schon fühl' ich, wie die Bürde drückend ist."

139   Und sie: "Wer also hat dich hergeleitet,
140   Daß du, um rückzukehren, hier erscheinst?"
141   "Er, der dort schweigend steht, hat mich begleitet.

142   Ich leb', erwählter Geist, und wenn ich einst
143   Jenseits als Sterblicher für dich bewegen
144   Die Füße soll, so fordre, was du meinst."

145   "So Neues sagtest du," sprach sie dagegen,
146   "Daß es dir sicher Gottes Huld bewährt.
147   Verwende drum dein Fleh'n zu meinem Segen.

148   Ich bitte dich, bei allem, was dir wert,
149   Wirst du dich je im Tuscierland befinden,
150   So sei zum Bessern dort mein Ruf gekehrt.

151   Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden,
152   Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn;
153   Und wie bei Dianas Quelle wird er schwinden,

154   Doch setzen mehr die Admirale dran."

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