Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 15
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 15

1   So viel, als bis zum Schluß der dritten Stunde,
2   Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphäre macht,
3   Die wie ein Kindlein tanzt im ew'gen Runde,

4   So viel des Weges halt', eh' noch vollbracht
5   Ihr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen;
6   Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.

7   Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen,
8   Schien uns die Sonne mitten ins Gesicht,
9   Weil wir jetzt g'rade gegen Westen gingen.

10   Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht
11   Mir auf die Stirn, mich mehr als erst zu blenden.
12   Ich staunt', und was es war, begriff ich nicht.

13   Schnell deckt' ich mir die Augen mit den Händen
14   Als wie mit einem Schirm, daß vor der Glut
15   Die schwachen Blicke Schutz und Ruhe fänden.

16   Gleich wie der Strahl vom Spiegel, von der Flut
17   Nach jenseits hüpft, und dann beim Aufwärtssteigen,
18   So wie vorher beim Niedersteigen tut,

19   Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen,
20   So hier wie dort abweicht in gleichem Zug,
21   Wie uns die Kunst und die Erfahrung zeigen;

22   So ward mein Auge jetzt in jähem Flug
23   Getroffen vom zurückgeworfnen Lichte,
24   Drob ich's in Eile schloß und niederschlug.

25   "Was, süßer Vater, ist dies? Dem Gesichte
26   Will, was ich tue, nicht zum Schutz gedeih'n.
27   Es scheint, als ob der Glanz hierher sich richte!"

28   Drauf er: "Nicht staune, wenn in solchem Schein
29   Noch blendend dir des Himmels Diener nahen.
30   Ein Bote kommt und lädt zum Steigen ein.

31   Bald wird, was erst die Augen tränend sahen,
32   Dir so zur Lust, als du nur Fähigkeit,
33   Sie zu empfinden, von Natur empfahen."

34   Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit:
35   "Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen,
36   Als jene sind, die ihr gestiegen seid."

37   Indem wir nun zusammen aufwärts stiegen,
38   Sang's hinter uns: "Heil den Barmherz'gen, Heil!"
39   Und wieder klang's: "Sei froh in deinen Siegen!"

40   Und da wir beid' allein, und minder steil
41   Die Treppen waren, dacht' ich: Noch im Gehen
42   Wird Lehre wohl vom Meister dir zuteil.

43   "Was mochte Guido bei dem Gut verstehen,
44   Das Ausschluß der Genossenschaft gebeut?"
45   Ich sprach's, gewandt, ihm ins Gesicht zu sehen.

46   "Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut"
47   Sprach drauf Virgil, "will er dich weiser machen
48   Und tadelt drum, was er nun schwer bereut.

49   Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen,
50   Die Mitbesitz verringert, die durch Neid
51   In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen.

52   Doch möchten in des Himmels Herrlichkeit
53   Des Menschen Wünsch' ihr rechtes Ziel erkennen,
54   War' eure Brust von solcher Angst befreit.

55   Je mehrere dies Gut ihr eigen nennen,
56   Je mehr besitzt des Guts ein jeder dort,
57   Je stärker fühlt er sich in Lieb' entbrennen."

58   "Noch fass ich nichts," versetzt' ich meinem Hort,
59   "Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen
60   In meiner Seel' erweckt, als jetzt dein Wort.

61   Kann höher je der Reichtum vieler steigen,
62   Wenn man ein Gut verteilt, als wenn es nicht
63   Gemeinsam wäre. Sondern einem eigen?"

64   Und er: "Weil, nur auf Erdengut erpicht,
65   Dein Geist noch nicht den höhern Flug gewonnen,
66   Drum schöpfst du Finsternis aus wahrem Licht.

67   Des Himmels unaussprechlich große Wonnen,
68   Sie eilen so ins liebende Gemüt,
69   Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen

70   Sie geben sich je mehr, je mehr es glüht,
71   Und reicher strömt die ew'ge Kraft hernieder,
72   Je freudiger des Herzens Lieb' erblüht.

73   Erhebt die Seel' erst aufwärts ihr Gefieder,
74   Dann liebt sie mehr, je mehr zu lieben ist,
75   Denn eine strahlt den Glanz der andern wieder -

76   Und g'nügt mein Wort dir nicht, in kurzer Frist
77   Wird dort von dir Beatrix aufgefunden,
78   Durch welche du dann ganz befriedigt bist.

79   Jetzt sorge nur, daß bald von deinen Wunden
80   Die fünf sich schließen wie das erste Paar,
81   Das von der Stirn durch Reu' und Leid geschwunden."

82   Schon wollt' ich sagen: Deine Red' ist klar!
83   Da war ich an des andern Kreises Saume,
84   Wo schnell mein Wort gehemmt durch Schaulust war.

85   In einen Tempel schien, von wachem Traume
86   Dahingerissen, meine Seel' entfloh'n,
87   Und Leute sah ich viel in seinem Raume.

88   Am Eingang schien mit süßem Mutterton
89   Und zärtlicher Gebärd' ein Weib zu sagen:
90   "Was hast du dies an uns getan, mein Sohn?

91   Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen,
92   Ich und der Vater" - sprach's, und wundersam
93   Schien sie vom Weh'n der Luft davongetragen.

94   Drauf vors Gesicht mir eine zweite kam,
95   Von Zähren naß, die - wohl war's zu erkennen -
96   Dem Aug' entpreßte zornerzeugter Gram.

97   Sie rief: "Willst du den Herr'n der Stadt dich nennen,
98   Ob deren Namen Götter sich gegrollt,
99   Wo Strahlen jeder Wissenschaft entbrennen,

100   Dann, Pisistrat, zahl' ihm der Frechheit Sold,
101   Der's wagte, deine Tochter zu umfassen!"
102   Allein der Herr, der liebreich schien und hold,

103   Entgegnet' ihr, die also rief, gelassen:
104   "Wird jener, der uns liebt, von uns verdammt,
105   Was tun wir dann an solchen, die uns hoffen?"-

106   Dann sah ich eine Schar, von Zorn entflammt,
107   Und einen Jüngling dort, von ihr gesteinigt,
108   Tod! Tod! so schrien sie wütend allesamt.

109   Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt,
110   Des Last ihn zu der Erde niederrang,
111   Doch seinen Blick dem Himmel stets vereinigt,

112   Und fleht' empor zu Gott in solchem Drang:
113   "Vergib der Wut, die gegen mich entbrannte!"
114   Mit einem Blicke, der zum Mitleid zwang.

115   Als meine Seele sich von außen wandte
116   Zurück zu dem, was wahr ist außer ihr,
117   Und ich nun den nicht falschen Wahn erkannte,

118   Da sprach mein Führer, der, nicht weit von mir,
119   Mich gleich dem Schläfer, der erwacht, erblickte:
120   "Nicht halten kannst du dich! Was ist mit dir?

121   Bereits seit einer halben Stunde knickte
122   Dein Knie, du taumeltest, dein Auge brach,
123   Als ob dich Schlummer oder Wein bestrickte."

124   "O süßer Vater, hörst du's an" - dies sprach
125   Ich drauf zu ihm - "so will ich dir verkünden,
126   Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach."

127   "Ob mir entgegen hundert Masken stünden,"
128   Entgegnet' er, "und deckten dein Gesicht,
129   Doch würd' ich, was du denkst, genau ergründen.

130   Das, was du sahst, du sahst's, damit du nicht
131   Dich ungemahnt verschlössest jenem Frieden,
132   Des Strom hervor aus ew'ger Quelle bricht.

133   Was ist dir? fragt' ich nicht, wie der danieden
134   Zu fragen pflegt, des Auge nicht mehr schaut,
135   Sobald die Seel' aus seinem Leib geschieden.

136   Die Füße dir zu kräft'gen, fragt' ich laut,
137   Denn treiben muß man so den wachen Trägen,
138   Den Tag zu nützen, eh' der Abend graut."

139   Wir gingen beid' in sinnigem Erwägen
140   Dem Abend zu und sah'n, soweit man kann,
141   Der Sonne tiefem Strahlenglanz entgegen.

142   Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran,
143   Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte,
144   Und nirgends traf man Raum zum Weichen an,

145   Daher er bald uns Aug' und Himmel deckte.

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