Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 21
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 21

1   Der Durst, den die Natur gegeben hat,
2   Den nur das Wasser stillt, um dessen Gnade
3   Die Samariterin den Heiland bat,

4   Verzehrte mich, und auf verengtem Pfade
5   Trieb Eile mich, dem Führer nachzuzieh'n,
6   Voll Gram, daß Schuld uns so mit Leid belade.

7   Und sieh, wie Kunde Lukas uns verlieh'n,
8   Daß Christus zween, die unterweges waren,
9   Erstanden aus dem Grabgewölb', erschien;

10   So uns ein Schatten - hinter uns, die Scharen,
11   Dort ausgestreckt, betrachtend, ging er fort
12   Und ließ sich sprechend erst von uns gewahren.

13   "Gott geb' euch Frieden, Brüder!" war sein Wort,
14   Das plötzlich hin zu ihm uns beide kehrte;
15   Und ziemend dankt' ihm mein getreuer Hort

16   Und sprach: "Zu denen, so der Herr verklärte,
17   Versetz' er dich, zu jenem sel'gen Chor,
18   Des Frieden er auf ewig mir verwehrte."

19   Und jener sprach: "Wenn Gott euch nicht erkor,"
20   (Doch säumte nicht, indessen fortzugehen,)
21   "Wer leitet' euch die heil'ge Stieg' empor?"

22   Virgil darauf: "Sieh hier die Zeichen stehen,
23   Die diesem eingeprägt vom Engel sind,
24   Und daß er auserwählt ist, wirst du sehen.

25   Allein weil sie, die unablässig spinnt, -
26   Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen,
27   Den KIotho anlegt, wenn ein Sein beginnt,

28   Hätt' er, allein, die Höhe nie gewonnen,
29   Weil seine Seele, Schwester dir und mir,
30   Noch nicht nach unsrer Art zu sehn begonnen.

31   Drum bin ich aus dem Höllenschlunde hier,
32   Und meine Schule wies und weist ihm alles,
33   Was sie gewähren kann der Wißbegier.

34   Doch sprich, was schwankte so gewalt'gen Pralles
35   Vorhin der Berg? Was tönte bis zum Strand
36   Der allgemeine Ruf so lauten Schalles?"

37   Mein teurer Meister, also fragend, fand
38   So meiner Sehnsucht Ohr, daß mein Begehren,
39   Mein Durst durch Hoffnung Lindrung schon empfand.

40   Und jener sprach: "Den Berg, den heil'gen, hehren,
41   Nichts trifft ihn sonder Ordnung, was es sei,
42   Und ew'ge Regel herrscht in diesen Sphären.

43   Stets ist er hier von jeder Störung frei;
44   Wenn einen Geist von ihm Gott aufgenommen,
45   Verkünden's Erdenstoß und Jubelschrei.

46   Wer jene kleine Stieg' emporgeklommen
47   Von dreien Stufen, sieht nicht Reif noch Tau,
48   Nicht Hagel mehr, noch Schnee, noch Regen kommen.

49   Kein Wölkchen trübt hier je des Himmels Blau,
50   Nie blinkt des Blitzes Schnell verschwundne Helle'
51   Nie baut sich Iris' Brück' auf dunkelm Grau.

52   Kein trockner Dunst steigt über jene Stelle,
53   Von der ich sprach, auf der die Füße stehn
54   Des Pförtners von der diamantnen Schwelle.

55   Von Stürmen, die im Erdenschoß entstehn,
56   Mag's sein, daß unten oft der Berg erdröhne,
57   Hier - wie, begreif ich nicht - ist's nie gescheh'n.

58   Hier bebt er, wenn in neuer Rein' und Schöne
59   Die Seele fühlt, sie woll' erhoben sein.
60   Ihr Steigen fördern dann die Jubeltöne.

61   Der Reinheit Prob' ist dieser Will' allein;
62   Frei, treibt er sie, zum Zuge sich zu rüsten,
63   Und er verleiht ihr sicheres Gedeih'n.

64   Erst will sie zwar, doch fühlt' auch, mit Gelüsten
65   Nach längrer Qual, daß nach Gerechtigkeit,
66   Die, so einst sündigten, erst leiden müßten.

67   Ich lag fünfhundert Jahr' in diesem Leid
68   Und länger noch und fühlte mir soeben .
69   Zum Aufwärtszieh'n den Willen erst befreit.

70   Drum fühltest du den ganzen Berg erbeben,
71   Drum pries den Herrn die ganze fromme Schar,
72   In Hoffnung, bald sich selber zu erheben."

73   Sprach's, und je heißer die Begierde war,
74   Je mehr fühlt' ich vom Tranke mich erquicken
75   Und fühlte mich gestärkt und frei und klar.

76   Virgil drauf: "Welche Netz' euch hier umstricken,
77   Wie ihr entschlüpft, was durch den Berg gezückt,
78   Was Jubeltön' empor die Seelen schicken,

79   Das hat dein Wort mir deutlich ausgedrückt.
80   Jetzt sage mir: Wer bist du einst gewesen?
81   Und was hat hier so lang dich schwer gedrückt?"

82   Drauf jener: "Damals, als das höchste Wesen,
83   Das Blut zu rächen, das für schnödes Geld
84   Judas verkauft, den Titus auserlesen,

85   Da lebt' ich mit dem Namen, der bei Welt
86   Und Nachwelt gilt, geschmückt mit höchstem Preise,
87   Doch war noch nicht vom Glaubenslicht erhellt.

88   So süß war des klangreichen Geistes Weise,
89   Daß Rom mich Tolosanen rief und hoch
90   Mich ehrte mit verdientem Myrtenreise.

91   Mich, Statius, nennt man jenseits heute noch.
92   Von Theben hob' ich, vom Achill gesungen,
93   Bis unterwegs ich sank dem zweiten Joch.

94   Auch meine Glut ist an der Flamm' entsprungen,
95   Der göttlichen, die Funken ausgesprüht
96   Und Tausende mit ihrem Licht durchdrungen.

97   Sie, die Äneis, ist's, die mich durchglüht,
98   Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten,
99   Und ohne sie war ich umsonst bemüht.

100   O hätt' ich mit Virgil gelebt! Mit nichten
101   Schien mir's zu schwer, ein Jahr lang, noch im Bann,
102   Dafür auf die Befreiung zu verzichten."

103   Bei diesen Worten sah Virgil mich an
104   Mit einem Blick, der schweigend sagte: Schweige!
105   Doch weil die Kraft, die will, nicht alles kann,

106   Nicht hindern kann, daß sich die Seele zeige,
107   Und, wie durch sie die jähe Regung blitzt,
108   Trän' oder Lächeln uns ins Antlitz steige,

109   So blinkt' ich lächelnd mit den Augen itzt,
110   Drum sah mir jener, dem dies nicht entgangen,
111   Ins Auge, wo das Bild der Seele sitzt.

112   "So wie du mögst zum großen Ziel gelangen,"
113   Begann er drauf, mir zugewandt, "So sprich:
114   Was schwebt' ein Lächeln jetzt um deine Wangen?"

115   Nun zeigen hier und dorten Schlingen sich.
116   Der heißt mich schweigen, jener, offenbaren.
117   Ich seufze nur, doch man ergründet mich.

118   "Du magst dir jetzt das längre Schweigen sparen,"
119   Begann Virgil, "sprich nur, denn er beweist
120   .Zu große Sehnsucht, alles zu erfahren."

121   "Vielleicht wohl wundert's dich, du alter Geist,"
122   Also begann ich jetzo, "daß ich lachte,
123   Doch will ich, daß du mehr verwundert seist.

124   Er, der mich aufwärts führt, wohin ich trachte,
125   Es ist Virgil, der Quell, der deinen Sang
126   Von Helden und von Göttern strömen machte.

127   Glaubst du, das andrer Grund des Lachens Drang
128   In mir erregt, magst du den Glauben lassen;
129   Es war dein Wort, das mich zum Lachen zwang."

130   Da neigt' er sich, die Knie ihm zu umfassen,
131   Zu meinem Hort, der sprach: "Laß, Bruder, laß!
132   Wir sind ja Schatten beid' und nicht zu fassen."

133   Und er stand auf und sprach: "Du wirst das Maß
134   Der Liebe, die mich an dich zieht begreifen,
135   Da ich der Körper Mangel ganz vergaß

136   Und Schatten sucht' als Festes zu ergreifen."

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