Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 26
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 26

1   Indem wir, einer so dem andern nach,
2   Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite:
3   "Gib acht und nütze, was ich warnend sprach."

4   Die Sonne schlug auf meine rechte Seite
5   Und übergoß, ein blendend Strahlenmeer,
6   Mit lichtem Weiß des Westens blaue Weite.

7   In meinem Schatten schien die Glut noch mehr
8   Hochrot zu glüh'n, drum sah'n bei solchem Zeichen
9   Der Schatten viel im Gehen nach mir her.

10   Und dieses schien zum Anlaß zu gereichen,
11   Daß über mich sich ein Gespräch erhob:
12   " Der scheinet einem Scheinleib nicht zu gleichen."

13   Soviel sie konnten, richteten sie drob
14   Sich zu mir hin, doch immer wohl beachtend,
15   Daß nie ihr Fuß der Flamme sich enthob.

16   "Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend,
17   Und nicht aus Trägheit nachgehst diesen zwei'n,
18   Oh, sieh mich hier in Durst und Feuer schmachtend

19   Und sprich, uns allen Labung zu verleih'n;
20   Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen,
21   Kann durst'ger nach dem Quell kein Libyer sein.

22   Wie machst du's doch, die Strahlen aufzufangen,
23   Gleich einer Wand, als wärest du dem Tod
24   Bis jetzt noch nicht, wie wir, ins Netz gegangen."

25   So rief der ein' in seiner Flammennot,
26   Und eben wollt' ich alles ihm verkünden,
27   Als meinem Blick sich etwas Neues bot.

28   Denn auf dem Weg, den Flammen rings entzünden,
29   Entgegen jenen, kam ein zweiter Hauf,
30   Drum späht ich hin, das Weitre zu ergründen.

31   Und die und jene machten schnell sich auf
32   Und küßten sich mit kurzer Lust und waren
33   Zufrieden schon und floh'n im vollen Lauf.

34   So sieht man im Gewühl der braunen Scharen
35   Sich Äms und Ämse mit den Rüsseln nah'n,
36   Vielleicht: Wie's geht? Wes Weges? zu erfahren,

37   Sobald der Gruß der Freundschaft abgetan,
38   Hob, eh' sie weiterzog, nach kurzer Weile
39   Die Schar wetteifernd laut zu schreien an.

40   "Sodom! Gomorra!" klang's von diesem Teile;
41   Von dort: "Pasiphae kroch in die Kuh,
42   Und also lockt' an sich den Stier die Geile."

43   Wie Kranichscharen teils nach kurzer Ruh'
44   Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise,
45   Teils scheu vor Hitze den Riphäen zu,

46   So zieh'n die hier-, die dortenhin im Kreise
47   Und singen dann ihr Lied mit Reu' und Gram
48   Und schrei'n von ihrer Schuld nach alter Weise.

49   Doch jener, der vorhin mir näher kam
50   Und bat, blieb wieder mit den andern stehen,
51   Dem Ansehn nach herhorchend, aufmerksam.

52   Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen,
53   Begann: "O ihr, die Hoffnung aufrechthält,
54   Sei's, wann es sei, zum Frieden einzugehen,

55   Nicht reif noch unreif ließ ich auf der Welt
56   Den Leib zurück und hob' auf diesen Wegen
57   Mit FIeisch und Bein und Blut mich eingestellt.

58   Ich stieg empor, die Blindheit abzulegen,
59   Und geh' - ein Himmelsweib erfleht' es mir -
60   Mit dem, was sterblich ist, dem Licht entgegen.

61   Doch wie sich euch erfüllen mag, was ihr
62   So heiß ersehnt: zum Himmel euch zu Schwingen,
63   Dem lieberfüllten räumigen Revier;

64   So sprecht, ich will's zu aller Kunde bringen:
65   Wer seid dort ihr, um die die Flamme schwirrt,
66   Und wer sind die, die euch entgegengingen?"

67   So stutzt, erstaunt, verblüfft, der Bergeshirt,
68   Dem beim Umherschau'n selbst die Worte fehlen,
69   Wenn, roh und wild, er sich zur Stadt verirrt,

70   Wie sie - ihr Ansehn könnt' es nicht verhehlen -
71   Allein sobald ihr trübes Staunen schwand,
72   Das bald sich abklärt in erhabnen Seelen,

73   "Heil dir, des Fuß den Weg in unser Land,"
74   Sprach er, den ich aus früh'rer Frage kannte,
75   "Des Geist zur Besserung Erfahrung fand!

76   Vernimm, daß jene Schar im Trieb entbrannte,
77   Ob des man Cäsarn, so, daß er's gehört,
78   Einst beim Triumphe Königin benannte,

79   Drum schrien sie: Sodom! - was sie einst betört,
80   Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen;
81   So wird der Brand durch Scham noch aufgestört.

82   Im Zwittertriebe waren wir entglommen,
83   Doch weil wir menschliches Gesetz verlacht,
84   Von tierischen Gelüsten eingenommen.

85   Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht,
86   Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen,
87   Das sich im Viehgebild zum Vieh gemacht.

88   Nun hortest du mich unsre Schuld bekennen,
89   Doch unsre Namen kundzutun verbeut
90   Die Zeit; auch wüßt' ich alle nicht zu nennen.

91   Wer ich bin, höre, wenn es dich erfreut.
92   Guid Guinicell, zur Läutrung zugelassen,
93   Weil ich vor meinem Tod die Schuld bereut." -

94   Wie hergestürzt, die Mutter zu umfassen,
95   Die Söhne, da sein Schwert Lykurgus schwang,
96   So wollt' ich tun, doch mußt' ich mehr mich fassen,

97   Als meines Vaters Name mir erklang,
98   Des Vaters manches, der vom süßen Minnen
99   Besser als ich in holden Weisen sang.

100   Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen
101   Und sagte nichts und hörte keinen Laut,
102   Auch ließ die Glut nicht weiter mich nach innen.

103   Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut,
104   Erbot ich mich, in allem ihm zu dienen,
105   In solcher Art, der gern der andre traut.

106   Und er: "Wie du so freundlich mir erschienen.
107   Tilgt deine Spur in mir nicht Leibes Flut,
108   Und ewig wirst du meinen Dank verdienen.

109   Doch meinst du's wirklich denn mit mir so gut,
110   So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder
111   So liebevoll auf mir dein Auge ruht?"

112   Und ich darauf: "Ob deiner süßen Lieder,
113   Die teuer sind den Herzen fort und fort,
114   Sinkt nicht der neuern Sprache ganz danieder."

115   "Ach, Bruder," sprach er, und bei diesem Wort
116   Zeigt' er mit seinem Finger hin auf einen,
117   "Der Sprache bessrer Schmied war jener dort,

118   Der in Romanz' und Liebesliedern keinen
119   Unüberwunden ließ; und Toren sind,
120   Die ihn von Giraut übertroffen meinen.

121   Nicht nach der Wahrheit - nach des Rufes Wind
122   Gerichtet werden Meinung und Gesichter;
123   So läßt Vernunft und Kunst sie taub und blind.

124   So machten's mit Guitton viel alte Richter,
125   Des Lob so viele schrien, weil andre schrien,
126   Bis Wahrheit ihn besiegt und andre Dichter.

127   Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verlieh'n,
128   Daß dir's erlaubt ist, zu dem Kloster droben,
129   Wo Christus selber Abt ist, hinzuzieh'n,

130   So bet' ein Paternoster doch dort oben
131   Bei ihm für mich, soweit's in dieser Welt
132   Noch not für uns, die wir der Sünd' enthoben."

133   Drauf schwand er, jenem, der sich nah gestellt,
134   Vielleicht Platz machend, in der Flammen Röte,
135   Wie in der Flut ein Fisch, der niederschnellt.

136   Und dem Gewiesnen naht' ich mich und flehte
137   Ihn inniglich um seinen Namen an,
138   Dem schon Willkommen! meine Sehnsucht böte.

139   Worauf er gleich mit frohem Mut begann:
140   "Die edle Frage weißt du zu verschönen,
141   Daß ich mich bergen weder will noch kann.

142   Ich bin Arnald und geh' in Schmerz und Stöhnen,
143   Den Wahn erkennend der Vergangenheit,
144   Und singe, hoffend, dann in Jubeltönen.

145   Jetzt bitt' ich dich, hast du die Herrlichkeit
146   Auf dieses Berges Gipfel aufgefunden,
147   Dann denke meines Leids zur rechten Zeit."

148   Hier war er in der Läutrungsglut verschwunden.

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