Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 29
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 29

1   In Sang, nach liebentglühter Frauen Art,
2   ließ sie zuletzt der Rede Schluß verhallen:
3   "Heil, wem bedeckt jedwede Sünde ward."

4   Und gleichwie Nymphen, in der Waldnacht Hallen,
5   Hier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort
6   Aufsuchend ihren Schimmer, einsam wallen;

7   Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord,
8   Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte,
9   Ging sie begleitend gegenüber fort.

10   Kaum hundert waren mein' und ihrer Tritte,
11   Da bog mit beiden Ufern sich der Bach,
12   Und ostwärts ging ich durch des Waldes Mitte.

13   Nicht lange zog ich dieser Richtung nach,
14   Da sah ich sich zu mir die Schöne wenden:
15   "Mein Bruder, halt' itzt Ohr und Auge wach!"

16   Sie sprach's, und gleich durchlief von allen Enden
17   Ein schnell entstandner Glanz den großen Hain;
18   Ich glaubt', es möge mich ein Blitzstrahl blenden,

19   Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein
20   Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte,
21   So dacht' ich still bei mir: Was mag das sein?

22   Und durch die Luft, die helle, lichtverklärte,
23   Zog süßer Laut, und eifrig schalt ich jetzt.
24   Daß Evas Frevelmut zu viel begehrte.

25   Wo Erd' und Himmel nicht sich widersetzt,
26   Da fühlt' ein Weib sich, kaum der Ripp' entsprossen,
27   Vom Schleier, der ihr Aug' umzog, verletzt.

28   O hätte sie sich fromm in ihm verschIossen,
29   Hätt' ich die überschwänglich große Lust,
30   Wohl früher schon und länger dann genossen.

31   Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewußt,
32   In diesen Erstlingswonnen fortgegangen,
33   Mit Drang nach größern Freuden in der Brust,

34   Da glüht', als war' ein Feuer aufgegangen,
35   Die Luft im Laubgewölb' - es scholl ein Ton,
36   Und deutlich hört' ich bald, daß Stimmen sangen.

37   Hochheil'ge Jungfrau'n, wenn ich öfter schon
38   Frost, Hunger, Wachen treu für euch ertragen,
39   Jetzt treibt der Anlaß mich, jetzt fordr' ich Lohn.

40   Laßt auf mich her des Pindus Wellen schlagen,
41   Urania sei meine Helferin,
42   Was schwer zu denken ist, im Lied zu sagen.

43   Ich glaubte sieben Bäume weiterhin
44   Von Gold zu schau'n, allein vom Schein betrogen
45   War durch den weiten Zwischenraum mein Sinn.

46   Denn als ich nun so nahe hingezogen,
47   Daß sich vom Umriß, der den Sinn betört,
48   Gestalt und Art durch Ferne nicht entzogen,

49   Da ließ die Kraft, die den Verstand belehrt,
50   Anstatt der Bäume Leuchter mich erkennen,
51   Und deutlich ward Hosiannasang gehört.

52   Und oben sah ich das Geräte brennen,
53   Und heller ward die Flamm' als Lunas Licht
54   In Monats Mitt' um Mitternacht zu nennen.

55   Zum Führer wandt' ich staunend mein Gesicht,
56   Doch nichts vermocht' er weiter vorzubringen,
57   Als was ein tief erstauntes Antlitz spricht.

58   Da blickt' ich wieder nach den hohen Dingen,
59   Die langsamer als eine junge Braut,
60   Sich stillbewegend, mir entgegengingen.

61   "Was bist du doch", so schalt die Schöne laut,
62   "Für die lebend'gen Lichter so entglommen,
63   Daß nicht auf das, was folgt, dein Auge schaut?"

64   Und hinter ihnen sah ich Leute kommen,
65   Wie man dem Führer folgt, weiß ihr Gewand,
66   Weiß, wie man nichts auf Erden wahrgenommen.

67   Das Wasser glänzte mir zur linken Hand,
68   Worin, wenn ich in seinen Spiegel sähe,
69   Ich meine linke Seite wiederfand.

70   Als ich am rechten Platze war, so nahe,
71   Daß nur der Fluß mich schied, hemmt' ich den Schritt,
72   Um besser zu erschau'n, was dort geschahe.

73   Ich sah, wie jede Flamme vorwärts glitt,
74   Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen,
75   Das, Pinselstrichen gleich, die Luft durchschnitt.

76   So sah man sieben Streifen oben strahlen,
77   Sie allesamt in jenen Farben bunt,
78   Die Phöbes Gurt und Phöbus' Bogen malen.

79   Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund,
80   Doch sah ich, daß an beiden äußern Grenzen
81   Zehn Schritt der erste von dem letzten stund.

82   Und wie ich also sah den Himmel glänzen,
83   Da zogen drunten, zwei an zwei gereiht,
84   Zweimal zwölf Greise her in Lilienkränzen.

85   Und alle sangen: "Sei gebenedeit
86   In Adams Töchtern! Herrlich und gepriesen
87   Sei deine Huld und Schön' in Ewigkeit."

88   Und als nun die beblümten frischen Wiesen,
89   Die jenseits das Gestad des Bachs begrenzt,
90   Die Auserwählten nach und nach verließen,

91   Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glänzt,
92   Vier Tiere dort zunächst sich offenbaren,
93   Und jedes ward mit grünem Laub bekränzt

94   Und war versehn mit dreien Flügelpaaren,
95   Mit Augen ihre Federn ganz besetzt,
96   Wie die des Argus, als er lebte, waren.

97   Nicht viel der Reime, Leser, wend' ich jetzt
98   Auf ihre Form, denn sparsam muß ich bleiben,
99   Da größrer Stoff mich noch in Kosten setzt.

100   Laß von Ezechiel sie dir beschreiben;
101   Von Norden sah er sie, so wie er spricht,
102   Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer treiben.

103   Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht,
104   Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen
105   Mir völlig bei und dem Propheten nicht.

106   Es stellt' im Raum sich, den die Tier' umfingen,
107   Ein Siegeswagen auf zwei Rädern dar,
108   Des Seil' an eines Greifen Hälse hingen.

109   Und in die Streifen ging der Flügel Paar,
110   Die hoch, den mittelsten umschließend, standen,
111   So, daß kein Streif davon durchschnitten war.

112   Sie hoben sich so hoch, daß sie verschwanden;
113   Gold schien, soweit er Vogel, jedes Glied,
114   Wie sich im andern Weiß und Rot verbanden.

115   Nicht solchen Wagen zum Triumph beschied
116   Rom dem Augustus, noch den Afrikanen;
117   Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht,

118   Sols Wagen, der, entrückt aus seinen Bahnen,
119   Verbrannt ward auf der Erde frommes Fleh'n
120   Durch Zeus' gerechten Ratschluß, wie wir ahnen,

121   Man sah im Kreis drei Frau'n sich tanzend dreh'n
122   Am Rande rechts, und hochrot war die eine,
123   Gleich lichter Glut der Flammen anzusehn.

124   Die zweite glänzte hell in grünem Scheine,
125   Gleich dem Smaragden, und die dritte schien
126   Wie frisch gefallner Schnee an Weiß' und Reine.

127   Die Weiße sah man bald den Reigen zieh'n,
128   Die Rote dann, und nach dem Sang der letzten
129   Die andern langsam gehn und eilig flieh'n.

130   Links vier im Purpurkleid, die sich ergötzten,
131   Und, wie die eine, mit drei Augen, sang,
132   Nach ihrer Weis im Tanz die Schritte setzten.

133   Nach allen diesen kam den Pfad entlang,
134   Ungleich in ihrer Tracht, ein paar von Alten,
135   Doch gleich an Ernst und Würd' in Mien' und Gang.

136   Der erste war für einen Freund zu halten
137   Des Hippokrat, den die Natur gemacht,
138   Um ihrer Kinder liebste zu erhalten.

139   Der andre schien aufs Gegenteil bedacht,
140   Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte,
141   Ward ich diesseits des Bachs in Angst gebracht.

142   Dann kamen vier daher, demüt'ge, schlichte,
143   Und hinter ihnen kam ein Greis, allein
144   Und schlafend, mit scharfsinnigem Gesichte.

145   Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein
146   Den ersten zweimal zwölf, doch nicht umblühten
147   Die Häupter Lilienkränz' in weißem Schein,

148   Rosen vielmehr und andre rote Blüten,
149   Und wer vom weiten sie erblickte, schwor,
150   Daß oberhalb der Brau'n sie alle glühten.

151   Mir gegenüber fuhr der Wagen vor,
152   Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte,
153   Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor,

154   Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.


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