Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 32
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 32

1   Den zehenjähr'gen Durst zu löschen, hingen
2   An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier,
3   Daß mir die andern Sinne ganz vergingen.

4   Seitwärts baut' eine Mauer dort und hier
5   Nichtachtung auf, denn mit dem Netz, dem alten,
6   Zog mich ihr heil'ges Lächeln hin zu ihr.

7   Da wandten mir die himmlischen Gestalten
8   Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht,
9   Mit diesem Ruf: Im Schauen Maß gehalten!

10   Nun stand ich dort wie einer, den das Licht
11   Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet,
12   Und dem zunächst die Sehkraft ganz gebricht.'

13   Doch als das wen'ge sie mir neu gespendet -
14   Nach jenem vielen wenig und gering,
15   Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet -

16   Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing
17   Sich rechts zu kehren an, indem's den Lichten,
18   Den sieben, nach, der Sonn' entgegenging.

19   Wie, wenn die Scharen auf den Sieg verzichten,
20   Sie unterm Schild sich mit der Fahne dreh'n,
21   Eh' sie, geschwenkt, sich ganz zum Rückzug richten,

22   So war die Schar des Himmelreichs zu sehn,
23   Und eh' sich um des Wagens Deichsel legte,
24   Sah man den Zug vor' und vorübergehn.

25   Die sieben Frauen rechts und links, bewegte
26   Der Greif die heil'ge Last mit stiller Macht,
27   So daß an ihm sich keine Feder regte.

28   Ich, Statius, sie, die mich zum Furt gebracht,
29   Wir leiteten dem Rade nach die Schritte,
30   Das, umgeschwenkt, den kleinern Bogen macht.

31   So ging es durch des hohen Waldes Mitte,
32   Öd', weil der Schlang' einst Eva Glauben gab,
33   Und Engelsang gab Maß für unsre Tritte.

34   Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab
35   Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen,
36   Und Beatrice stieg vom Wagen ab.

37   "Adam!" so ward ein Murmeln rings vernommen,
38   Und einen Baum, von Laub und Blüten leer,
39   Umringt' im Kreise nun die Schar der Frommen.

40   Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr
41   Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern
42   Durch seine Höhe zum Erstaunen war'.

43   "Heil dir, o Greif, mit deinem Schnabel plündern
44   Willst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar
45   Dem Gaumen gibt, doch Marter dann den Sündern."

46   So rief rings um den starken Baum die Schar.
47   Und er, in dem sich Leu und Aar verbunden:
48   "So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr."

49   Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden,
50   Schob er zum öden Stamm und ließ am Baum,
51   Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden.

52   Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum
53   Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen,
54   Das nach den Fischen glänzt am Himmelsraum,

55   Sich üppig bläh'n zu neuen jungen Sprossen,
56   Jede gefärbt nach der Natur Gebot, .
57   Eh' Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen;

58   So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rot
59   Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze,
60   Die erst verwaist erschien und kahl und tot.

61   Und wie sie nun erblüht' im neuen Glanze,
62   Ertönt' ein nie gehörter Lobgesang,
63   Doch nicht ertrug mein müder Sinn das Ganze.

64   Könnt' ich euch malen, wie mit süßem Klang
65   Von Pan und Syrinx einst Merkur den Späher,
66   Den unbarmherz'gen, zum Entschlummern zwang,

67   So zeigt' ich, wie nach einem Urbild, eher,
68   Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht,
69   Doch das Entschlummern sing ein bessrer Seher.

70   Ich springe bis zur Zeit, da ich erwacht,
71   Da mir ein Glanz zerriß den dunkeln Schleier,
72   Und eine Stimme rief: Steh auf, hab' acht!

73   Wie zu der Blut' des Baums, des Apfel teuer
74   Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann,
75   Der Speise gibt zur ew'gen Hochzeitsfeier,

76   Geführt, Jakobus, Petrus und Johann
77   Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden,
78   Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann,

79   Und nun vermindert ihre Schule fanden.
80   Denn Moses und Elias waren fort,
81   Und ihren Herrn in anderen Gewanden;

82   So ich - und über mich gebogen dort
83   Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten,
84   Die mich geführt entlang des Flusses Bord.

85   "Wo ist Beatrix?" rief ich, und mir glühten
86   Vor Angst die Wangen. "Auf der Wurzel", sprach
87   Die Schöne, "sitzt sie unter neuen Blüten.

88   Sieh hin, wer sie umgibt. Dem Greifen nach
89   Entfloh'n empor die anderen, mit Sange,
90   Der süßer, tiefer klang, als dort am Bach.

91   Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange,
92   Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand
93   Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange.

94   Sie saß allein auf jenem reinen Land,
95   Wie's schien, zur Hut des Wagens dort gelassen,
96   Den an den Baum der Zweigestalt'ge band.

97   Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen,
98   Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist
99   Des Nord- und Südwinds nie sich löschen lassen.

100   "Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist
101   Und wirst mit mir als ew'ger Bürger bleiben
102   In jenem Rom, wo Christus Römer ist.

103   Zum Heil der Welt mit ihrem bösen Treiben
104   Schau' auf den Wagen, um, was du gesehn,
105   Zurückgekehrt, den Menschen zu beschreiben."

106   Beatrix sprach's - wie könnt' ich widerstehn?
107   Ganz so, wie's der Gebieterin gefallen,
108   Ließ ich voll Demut Geist und Auge gehn.

109   Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen.
110   Aus dichter Wölk', ein flammendes Geschoß,
111   Den Blitz aus fernster Höhe niederfallen,

112   Als auf den Baum Zeus' Vogel niederschoß,
113   Nicht wühlend bloß in Blüten und in Blättern,
114   Die Rind' auch brechend, die sein Mark umschloß.

115   Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern,
116   Der bei dem Stoße rechts und links sich bog,
117   Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern.

118   Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog,
119   Ins Innre selbst des Wagens eingebrochen,
120   Wohin ihn Gier nach beßrer Speise zog.

121   Doch mit dem Vorwurf des, was er verbrochen,
122   Trieb meine Herrin ihn so eilig fort,
123   Als laufen konnten seine magern Knochen.

124   Und nochmals stürzte von dem hohen Ort,
125   Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen,
126   Und ließ ihm viel von seinen Federn dort.

127   Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen,
128   Klang aus dem Himmel eine Stimm' und sprach:
129   "Mein Schifflein, schlechte Ladung mußt du tragen!"

130   Und unten, zwischen beiden Rädern, brach
131   Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen,
132   Der nach dem Wagen mit dem Schwanze stach.

133   Dann zog er ihn zurück, wie's Wespen machen,
134   Nahm einen Teil des Bodens mit und schien,
135   Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen.

136   Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn
137   Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet,
138   Wie üppig Land mit Gras, sich überzieh'n.

139   Und dieses Werk war so geschwind vollendet,
140   Und voll die Deichsel und das Räderpaar,
141   Bevor die Brust ein Oh! und Ach! beendet.

142   Und Häupter trieb, als er verwandelt war,
143   Der Wagen vor, an den vier Ecken viere,
144   Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr,

145   Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere,
146   Die ersten vier mit einem Horn versehn;
147   So glich er nie geschautem Wundertiere.

148   Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn,
149   Saß eine zügellose Hure drinnen
150   Und ließ umher die flinken Augen späh'n.

151   Und, gleich, als solle sie ihm nicht entrinnen,
152   Stand ihr zur Seit' ein Ries', und diese zwei
153   Sah ich sich küssen und sich zärtlich minnen.

154   Allein, weil sie die Augen gierig frei
155   Auf mich gewandt, schlug sie der wilde Freier
156   Vom Kopf zum Fuß mit wütendem Geschrei.

157   Drauf löst' er ab vom Baum das Ungeheuer,
158   Von Argwohn voll und wildem Zorn und Arg,
159   Und zog es durch den Wald, des dichter Schleier

160   Die Hure samt dem Wundertier verbarg.

list operone