Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 33
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 33

1   Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen,
2   Abwechselnd drei und vier, mit süßem Klang,
3   Doch tränenvoll, die Frauen an zu singen.

4   Beatrix horchte schweigend dem Gesang,
5   Verwandelt wie Maria, die mit Grauen
6   Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang.

7   Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen
8   Erst Raum gegeben, sah ich sie erstehn,
9   G'rad', aufrecht, gleich dem Feuer anzuschauen.

10   " Über ein kleines sollt ihr nicht mich sehn,
11   Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben,
12   Über ein kleines werdet ihr mich sehn."

13   Sie sprach's und stellte vor sich alle sieben,
14   Und hinter sich, durch ihren Wink allein,
15   Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben.

16   Sie ging, doch mochten's kaum zehn Schritte sein,
17   Die sie gegangen und uns gehen lassen,
18   Da blitzt' ins Auge mir des ihren Schein.

19   "Geh itzt geschwinder," sagte sie geIassen,
20   "Komm näher her, daß, red' ich nun mit dir,
21   Du wohl vermögend seist, mein Wort zu fassen."

22   Kaum war ich, wie ich sollte, nah bei ihr,
23   Da sprach sie: "Bruder, bist mir nah gekommen,
24   Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?"

25   Wie wenn von zuviel Ehrfurcht schwer beklommen
26   Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann
27   Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen,

28   So sprach ich jetzt, da ich zu ihr begann:
29   "O Herrin, Ihr erkennt ja mein Verlangen,
30   Und was ich brauch', und was mir frommen kann."

31   Und sie: "Mach' itzt dich los von Scham und Bangen,
32   Ich will's, und rede sicher nun und klar,
33   Und nicht wie einer, der im Traum befangen.

34   Der Wagen, den die Schlange brach, er war,
35   Doch wer dies zu verschulden sich nicht scheute,
36   Er fürchte Gottes Rach' auf immerdar!

37   Nicht immer sonder Erben wird, wie heute
38   Der Adler sein, der ihm die Federn ließ,
39   Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute.

40   Schon nahen Sterne sich - wie ich's gewiß
41   Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen -
42   Da kommt, von Schranke frei und Hindernis,

43   Fünfhundert fünf und zehn hervorgebrochen,
44   Ein Gottgesandter, der die Dirn' erschlägt
45   Zusamt dem Riesen, der mit ihr verbrochen.

46   Und hab' ich jetzt dir Worte vorgelegt,
47   Wie Sphinx und Themis, schwierig zu erraten,
48   Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt,

49   So lösen bald dies Rätsel dir die Taten
50   Statt der Najaden auf, und unbedroht
51   Verbleiben drob die Herden und die Saaten.

52   Merk', was ich sagt', und höre mein Gebot:
53   Du sollst es dort den Lebenden erzählen,
54   Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod.

55   Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen,
56   Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich:
57   Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen.

58   Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich
59   Verletzt, kränkt Gott mit tät'gen Lästerungen,
60   Denn er schuf heilig nur den Baum für sich.

61   Für solchen Raub hat qualenvoll gerungen
62   Fünftausend Jahr und mehr der erste Geist
63   Nach ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen.

64   Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weißt,
65   So hoch sei jener Baum aus tiefen Gründen,
66   Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist.

67   Und hätte nicht, wie Elsas Flut, mit Rinden
68   Von Stein dein Grübeln die Vernunft bedeckt,
69   Und war' ihr Licht dir nicht getrübt von Sünden,

70   So hättest du, was das Verbot bezweckt,
71   Und wie darin der Herr gerecht erscheine,
72   Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt.

73   Doch weil dein Geist verhärtet ist zum Steine,
74   Befleckt von Schuld, verworren und berückt
75   Und blöde bei der Wahrheit hellem Scheine,

76   So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrückt
77   Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen,
78   Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmückt."

79   Und ich: "So fest, als nur im Wachse drinnen
80   Das Bild sich hält, das drein das Siegel gräbt,
81   Trag' ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen.

82   Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt,
83   Fliegt eu'r ersehntes Wort in solche Sphären,
84   Daß er es mehr verliert, je mehr er strebt."

85   "Auf, daß du wissest, welcher Schule Lehren",
86   So sprach sie, "du gefolgt, und sehst, wie weit
87   Sie meinem Wort zu folgen sich bewähren;

88   Und wie ihr fern mit eurem Wege seid
89   Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden
90   Des höchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit."

91   Und ich: "Nicht will's mir klar im Geiste werden,
92   Daß ich mich je entfernt von eurer Spur;
93   Nicht fühl' ich im Gewissen drob Beschwerden."

94   "Entsinnst du dessen dich nicht mehr?" so fuhr
95   Sie lächelnd fort; "doch von der Lethe Fluten
96   Trankst du noch heute, des gedenke nur.

97   Und, wie man richtig schließt vom Rauch auf Gluten,
98   So siehest du durch dies Vergessen klar,
99   Daß du dich abgewandt vom wahren Guten.

100   Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hülle bar,
101   Soviel, im engsten Kreise sich bewegend,
102   Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar."

103   Und flammender, sich trägem Schrittes regend,
104   Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet,
105   Das stets ein andres ist in andrer Gegend.

106   Da standen still, wie, wer als Führer zieht
107   Vor einer Schar, sich schickt zum Stillestande,
108   Wenn er auf seinem Wege Neues sieht,

109   Die sieben Frau'n an dichten Schattens Rande.
110   Wie grünbelaubt schwarzästig Waldgeheg
111   Auf kalte Flüss' ihn fließt im Alpenlande.

112   Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg
113   Sich aus derselben Quelle zu ergießen,
114   Sich dann, wie Freunde, trennend, still und träg.

115   "O Licht, der Menschheit Ruhm, welch Wasser sprießen
116   Seh' ich aus einem Ursprung hier und dann
117   Sich von sich selbst entfernend weiterfließen?"

118   Auf diese Bitte hob Beatrix an:
119   "Mathilden bitt'," - und diese sprach dagegen,
120   Wie wer vom Vorwurf leicht sich lösen kann:

121   "Dies und noch anderes ihm auszulegen,
122   Versäumt' ich nicht, was, des bin ich gewiß,
123   Der Lethe Wässer nicht zu tilgen pflegen."

124   Beatrix drauf: "Die größre Sorg' entriß,
125   Wie's oft geschieht, dies seinem Angedenken
126   Und ließ sein geistig Aug' in Finsternis.

127   Doch Eunoe sieh - eil', ihn dahin zu lenken,
128   Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut
129   Mit Leben die erstorbne Kraft zu tränken."

130   Wie ohn' Entschuldigung, wer, mild und gut,
131   Als eignen Willen fremden aufgenommen,
132   Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, tut,

133   So ging, nachdem sie mich am Arm genommen,
134   Die schöne Frau und sagte weiblich mild
135   Zu Statius: "Auch du sollst mit ihm kommen."

136   Hätt' ich, o Leser, Raum zu größerm Bild,
137   So würd' ich dir zum Teil die Wonnen singen
138   Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt.

139   Doch läßt sich nichts mehr auf die Blätter bringen,
140   Die ich zu diesem zweiten Lied erkor,
141   Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen.

142   Ich ging aus jener heil'gen Flut hervor,
143   Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne,
144   Gleich neuer Pflanz' in neuen Lenzes Flor,

145   Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.

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