Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 05
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 05

So ging's hinab vom ersten Kreis zum zweiten,
Der größern Schmerz verschließt an kleinerm Ort,
Wo Wehgeheul und Winseln sich verbreiten.

Minos steht furchtbar zähnefletschend dort,
Erforscht hier alle Schuld, erkennt und sendet
Dann, je nachdem er sich umwindet, fort.

Ich sage: wenn ein Sündenleben endet,
So kommt vor ihn, so beichtet ihm der Geist.
Der Sündenkenner, der, durch nichts geblendet, 9

Zum rechten Höllenplatze Jeden weist,
Schickt dann sie so viel Grad' hinab zur Hölle,
Als oft er sich mit seinem Schweif umkreist.

Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle,
Und nach und nach kommt Jeder zum Gericht,
Spricht, hört und eilt zu der bestimmten Stelle.

Du, der in diese Quaalbehausung bricht,
So rief mir Minos, als er mich ersehen,
Und ließ indeß die Uebung großer Pflicht; 18

Schau, wem du traust! leicht ist's hineinzugehen,
Doch täusche nicht dich ein verwegner Drang.
Mein Führer drauf: „Laß dir den Groll vergehen!

„Nicht hindre den verhängnisvollen Gang!
Die wollen's dort, die können, was sie wollen.
Nicht mehr gefragt, denn unser Weg ist lang.”

Bald hört' ich nun wie Jammertön' erschollen,
Denn ich gelangte nieder zu dem Haus,
Zur Klag' und dem Geheul der Unglückvollen. 27

Jedwedes Licht verstummt' g im dunkeln Graus,
Das brüllte, wie, wenn sich der Sturm erhoben,
Beim Kampf der Winde lautes Meergebraus.

Nie ruht der Höllen Wirbelwind vom Toben
Und reißt zu ihrer Quaal die Geister fort,
Und dreht sie um nach untcn und nach oben.

Und sind sie nun am Rand des Abgrunds dort,
Da heulen sie,da brüllen sie und klagen,
Und fluchen Gott mit wild verruchtem Wort. 36

Und ich vernahm hier, daß zu solchen Plagen
Verdammt die fleischlichen Verbrecher sind,
Die mit dem Triebe die Vernunft verjagen.

Wie, irren Fluges, wenn der Frost beginnt,
Ein dichtgedrängter breiter Troß von Staaren;
So sieht man sie in jenem Wirbelwind

Hierhin und dort, hinauf, hinunter fahren,
Gestärkt von keiner Hoffnung, mindres Leid,
Geschweige jemals Ruhe zu erfahren. 45

Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht,
In hoher Luft die Klagelieder krächzen,
So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit

Die Schatten hergeweht mit bangem Aechzen.
„Wer sind die, Meister, welche her und hin
Der Sturmwind treibt, und die nach Ruhe lechzen?”

So ich - und Er: „Des Zuges Führerin,
Von welchem du gewünscht, Bericht zu hören,
War vieler Zungen große Kaiserin. 54

Sie ließ von Wollust also sich bethören,
Daß sie für das Gelüst Gesetz' erfand,
Um nur der tiefen Schmach sich zu erwehren.

Sie ist Semiramis, wie allbekannt,
Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten,
Einst herrschend in des Sultans Stadt und Land.

Dann Sie, die, ungetreu Sichäus Schatten,
Aus Liebe sich dem Tode selbst geweiht.
Sieh dann Kleopatren im Flug ermatten.” 63

Auch Helena, die Ursach böser Zeit,
Achillen sah ich sich im Sturme heben,
Den Lieb' hinabgestürzt ins letzte Leid.

Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben,
Und tausend andre zeigt' und nannt' er dann,
Die Liebe fortgejagt aus unserm Leben.

Lang hört' ich den Bericht des Lehrers an,
Von diesen Rittern und den Fraun der Alten,
Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann: 72

Mit diesen zwei'n, die sich zufamnlen halten,
Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,
Möcht' ich, o Dichter. gern mich unterhalten.

Und Er darauf: Gieb Achtung, wenn der Wind
Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,
Die beide führt, da kommen sie geschwind.

Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,
Als ich begann: Gequälte Geister, weilt,
Wenns niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe. 81

Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte theilt,
Wenns mit weit ausgespreizten stäten Schwingen
Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt;

So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,
Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,
Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.

„O du, der uns besucht voll Güt' und Huld
In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde
Vordem mit Blut getüncht durch unsre Schuld, 90

Gern bäten wir, daß Fried' und Ruh dir werde,
Wär' uns der Fürst des Weltenalls geneigt,
Denn dich erbarmt der seltsamen Beschwerde.

Wie ihr zu Red' und Hören Lust bezeigt,
So reden wir, so leihn wir euch die Ohren,
Wenn nur, wie eben jetzt der Sturmwind schweigt.

Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,
Wo seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt,
Bald mit dem Flußgefolg im Meer verloren. 99

Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,
Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmückte,
Der mir geraubt wurde, wie's noch jetzt mich kränkt.

Die Liebe, die Geliebte stets berückte,
Ergriff für diesen mich mit solchem Brand,
Daß, wie du siehst, kein Leid ihn unterdrückte.

Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt -
Kaina harret deß, der uns erschlagen.”
Der Schatten sprachs, uns kläglich zugewandt. 108

Vernehmend der bedrängten Seelen Klagen,
Neigt' ich mein Angesicht und stand gebückt.
Was denkst du? hört' ich drauf den Dichter fragen.

Weh, sprach ich, welche Gluth, die sie durchzückt,
Welch süßes Sinnen, liebliches Begehren,
Hat sie in dieses Qnaalenland entrückt?

Drauf säumt' ich nicht zu Jener mich zu kehren:
„Franziska,” so begann ich nun, „dein Leid
Drängt mir ins Auge fromme Mitleidszähren. 117

Doch sage mir: In süßer Seufzer Zeit.
Wodurch und wie verrieth die Lieb' euch beiden
Den zweifelhaften Wunsch der Zärtlichkeit.”

Und Sie zu mir: Giebts wohl ein größres Leiden,
Als schöner Zeit Erinnrung bei der Wuth
Des Mißgeschicks? Dein Meister mags entscheiden.

Doch forschest du dem Ursprung unsrer Gluth
So eifrig nach, so sollst du ihn erfahren
Durch meine Red' und meine Thränenfluth- 126

Wir lasen einst zur Lust von den Gefahren
Des Lanzilott und wie ihn Lieb' umwand,
Wobei wir einsam und ohn' Argwohn waren.

Oft war beim Lesen unser Blick entbrannt,
Und unsre Wang' entfärbt - doch eine Stelle,
Nur eine war es, die uns überwand.

Denn wie des heißersehnten Lächelns Quelle
Im Buche küßt der Buhle, stolz und hehr,
Da naht' auch mir mein ewiger Geselle, 135

Da küßte zitternd meinen Mund auch Er -
Galeotto war das Buch, und der's verfaßte -
An jenem Tage laden wir nicht mehr.

Der eine Schatten sprachs, der andre faßte
Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn
Vor Mitleid, daß ich wie im Tod erblaßte,

Und wie ein Leichnam hinfällt, fiel ich hin.

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