Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 08
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 08

Bevor wir noch, so fahr' ich fort, zu sagen,
Den Fuß des hohen Thurms erreicht, hatt' ich
Den Blick zu seinem Gipfel aufgeschlagen.

Und dort entzündeten zwei Flämmchen sich,
Ein drittes auch entstand, doch so entlegen,
Daß, kennbar kaum, es einem Fünkchen glich.

Da kehrt' ich meinem Weisen mich entgegen:
„Was ist dies? welch ein Zeichen wohl bezweckt
Das dritte Feu'r? Wer sind sie, die's erregen?” 9

Und er zu mir: „Sieh hin, dein Aug' entdeckt
Was unsrer harrt, dort auf den schmutz'gen Wogen,
Wenn dirs der Qualm des Sumpfes nicht versteckt.”

Und rasch, wie ich den leichten Pfeil vom Bogen
Je fortgeschnellt durch hohe Lüfte sah,
Kam durch den Moor ein kleiner Kahn gezogen.

Bald war er uns am grauen Strande nah,
Obwohl von einem Rudrer nur gefahren,
Der schrie: Verruchte Seele, bist du da? 18

„Phlegias, Phlegias, du magst dein Schreien sparen,”
So sprach mein Herr, umsonst ists angestimmt;
Wir sind nur dein, so lang wir überfahren.”

Wie wer von einem großen Trug vernimmt,
Den man ihm angethan zu Schmach und Schaden,
So zeigte Phlegias wild sich und ergrimmt.

Und in den Nachen stieg von den Gestaden
Mein Führer ein, gebot mir dann, zu nahn,
Und als ich drinn war, schien er erst geladen. 27

Und schnell enteilte nun mit uns der Kahn,
Und furcht' im trüben Wasser tiefre Zeilen
Als er noch je mit andrer Last gethan.

Indessen wir die todte Moorfluth theilen,
Kommt einer, kothbedeckt, vor mich und spricht:
Wer heißt dich vor der Zeit herniedereilen?

„Ich komme,” sprach ich, „aber bleibe nicht.
Doch wer bist du, so widrig und abscheulich?” -
„Ein Heulender, dies sagt dir dein Gesicht.” - 36

Und ich: Denkst du, dein Heulen sey erfreulich?
Vermaledeiter Geist, fort, weg von mir!
Ich kenne dich, sey noch so wild und gräulich!

Die Hände streckt' er nun zum Kahn voll Gier
Und mit Gewalt mußt' ihn mein Herr verjagen,
Und sprach: Mit andern Hunden, weg von hier!

Drauf hielt er seinen Arm um mich geschlagen,
Und küßte mich und sprach: Erzürnter Geist,
Beglückt die Mutter, welche dich getragen! 45

Stolz war im Leben dieser - niemand preist
Von ihm nur einen guten Zug auf Erden,
Daher er hier sich noch in Wuth zerreißt.

Viel Fürsten giebts dort, die sich stolz geberden,
Die, Schmach nur hinterlassend, wie die Sau'n,
Im Schlamme hier auf ewig wühlen werden.

Und ich: Mein Meister, gern wohl möcht' ich schaun,
Wie er hinuntertaucht im schlamm'gen Bade,
Eh wir verlassen diesen See voll Graun. 54

Und er zu mir: Bevor du das Gestade
Erblicken kannst, wirst du befriedigt seyn,
Denn schauen sollst du ja auf deinem Pfade. -

Und bald erblickt' ich wie zu Quaal und Pein
Um ihn gedrängt die Kothbedeckten waren,
Und muß darob noch Dank dem Höchsten weihn.

Frisch, auf Philipp Argenti! schrien die Schaaren,
Dann sah ich, selbst sich beißend, auf sich los
Den tollen Geist des Florentiners fahren. 63

Und dies erzähl' ich nur von seinem Loos.
Ich ließ ihn dort, und hört' ein Schmerzens-Brüllen,
Und macht' um vorzuschaun, die Augen groß.

„Bald wird sich, Sohn, dir jene Stadt enthüllen,”
So sprach mein guter Meister, „Dis genannt,
Die schaarenweis' unsel'ge Bürger füllen.”

Und ich: Mein Meister, deutlich schon erkannt
Hab' ich im Thale jener Stadt Moscheen,
Gluthroth, als ragten sie aus lichtem Brand. 72

Drauf sprach mein Führer: Ew'ge Flammen wehen
In ihrem Innern, drum im rothen Schein
Sind sie in diesem Höllengrund zu sehen.

Bald fuhren wir in tiefe Gräben ein,
Den Zugang sperrend zu dem grausen Orte;
Die Mauer schien von Eisen mir zu seyn.

Dann aber hörten wir des Steurers Worte,
Nachdem vorher wir auf dem Pfuhle weit
Umhergekreuzt: „Steigt aus, hier ist die Pforte,” 81

Wohl Tausende, vom Himmel hergeschneit,
Sind auf dem Thor, und zornig schreien die Frechen:
Wer wagt's, noch lebend, voll Verwegenheit

Ins tiefe Reich der Todten einzubrechen?
Mein Meister aber, ihnen winkend, lud
Sie klüglich ein, ihn erst geheim zu sprechen.

Da legte sich ein wenig ihre Wuth.
Sie sprachen: Komm' allein, laß Jenen gehen,
Der hier hereindrang mit so keckem Muth. 90

Der Tolle kehr' allein, und mag er sehen
Ob, wenn du bleibst, auch ungeleitet, Er
Vermag, den dunkeln Rückweg zu erspähen.

Und nun bedenk', o Leser, wie so schwer
Mich der Verdammten Rede niederdrückte,
Denn ich verzweifelt' an der Wiederkehr.

„Mein theurer Führer, du, durch den mir's glückte,
Daß ich gerettet ward schon siebenmal,
Deß Schutz mich drohender Gefahr entrückte, 99

Verlaß mich,” sprach ich, „nicht in dieser Quaal,
Und darf ich auch nicht weiter vorwärts dringen,
So komm mit mir zurück durchs dunkle Thal.”

Und Er, befehligt, mich hierher zu bringen,
Sprach: Fürchte nichts; erlaubt hat unsern Gang
Er, dem nichts wehrt, drum wird er wohl gelingen.

Hier harre mein, und ist die Seele bang,
So magst du sie mit guten Hoffnung speisen,
Denn nicht verlass' ich dich in solchem Drang. 108

So ging er - Ich, getrennt von meinem Weisen,
Dem süßen Vater, fühlte Ja und Nein
Beim Zweifelkampf in meinem Haupte kreisen.

Nicht hört' ich, was sein Antrag mochte seyn,
Allein er blieb bei jenem Volk nicht lange,
Denn alle rannten in die Stadt hinein,

Und schlugen ihm das Thor im wilden Drange
Vorm Antlitz zu, und sperrten ihn heraus.
Da kehrt' er sich zu mir mit schwerem Gange. 117

Den Blick gesenkt, die Brau'n verstört und kraus,
Ließ er in Seufzern diese Worte hören:
Wer schließt mich von der Stadt der Schmerzen aus?

Und dann zu mir: Nicht mög' es dich verstören,
Wenn du mich zürnen siehst - ich siege doch,
Wie keck sie auch dort drinnen sich empören.

Schon früher stieg ihr kecker Muth so hoch,
An einem Thor, nicht so geheim gelegen,
Und ohne Schloß und Riegel heute noch, 126

Am Thor, von dem die schwarze Schrift entgegen
Dem Wandrer droht - doch diesseits schon von dort
Kommt, ohne Leitung, auf den dunklen Wegen

Ein Andrer her und öffnet uns den Ort.

<<< 24-34 zweisprachig Inhalt list operone >>>