Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 13
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 13

Noch war nicht Nessus jenseits 'am Gestade,
Da schritten wir in einen Wald volle Graun,
Und nirgend war die Spur von einem Pfade.

Nicht grün war dort das Laub, nur schwärzlich braun,
Nicht glatt ein Zweig, nur knotige, verwirrte,
Nicht Frucht daran, nur gift'ger Dorn zu schaun.

Nie bei Cornet und der Cecina irrte
Damhirsch und Eber durch so dichten Hain,
Dies Wild, das nie die Saat des Feldes kirrte. 9

Hier aber nisten die Harpy'n sich ein,
Die, von den Inseln Troja's Volk zu scheuchen,
Es ängsteten mit Unglücks-Prophezei'n.

Mit breiten Schwingen, Federn an den Bäuchen,
Klaun an den Füßen, menschlich von Gesicht,
Hört man sie von den Bäumen klagend keuchen.

Worauf zu mir mein guter Meister spricht:
„Vernimm zuförderst, eh wir weiter gehen,
Daß dich dcr zweite Binnenkreis umflicht. 18

Drauf siehst du dich von gräul'gem Sand' umwehen,
Doch gieb nur Acht, und alles, was ich sprach,
Wirst du hier unten klar bewiesen sehen.”

Schon hört' ich rings Geheul und O und Ach.
Doch sah ich keinen, der so ächzt' und schnaubte,
So daß mein Knie mir fast vor Schauder brach.

Ich glaub', er mochte glauben, daß ich glaubte,
Verborgne stöhnten in dem dunkeln Raum,
Die mir zu sehn das Dickigt nicht erlaubte. 27

„Brich nur ein Zweiglein ab von einem Baum”
Begann mein Meister, „und du wirst entdecken,
Was du vermuthest, sey ein leerer Traum.”

Da säumt' ich nicht, die Finger auszustrecken,
Riß einen Zweig von einem großen Dorn,
Und plötzlich schrie der Stumpf zu meinem Schrecken:

„Was brichst du mich?” - worauf ein blut'ger Born
Aus ihm entquoll, und diese Wort' erklangen:
„Was peinigt uns dein mitleidloser Zorn, 36

Uns, Menschen einst, von Rinden jetzt umfangen.
Wohl größre Schonung ziemte deiner Hand,
Und wären wir auch Seelen nur von Schlangen.”

Gleichwie ein grüner Ast, hier angebrannt,
Dort ächzt und sprüht, wenn, aufgelöst in Winde,
Der feuchte Dunst den Weg nach außen fand;

So drangen Wort und Blut aus Holz und Rinde,
Und mir entsank das Reis, das ich geraubt;
Dann stand ich dort, als ob ich Furcht empfinde. 45

„Verletzte Seele, hätt' er je geglaubt,
Was früher schon ihm mein Gedicht entdeckte,”
So sprach Virgil, „nie hätt' er sich erlaubt,

Daß er die Hand nach deinem Aste streckte.
Mich selber reut, daß, weils unglaublich schien,
Ich Lust in ihm zu solcher That erweckte.

Sag' ihm, wer warst du? und er wird, wenn ihn
Die Welt einst neu umfängt, dir gern vergüten,
Und neu ans Licht dein Angedenken ziehn.” 54

„Wohl muß die süße Rede mich begüten,”
Sprach drauf der Stamm, „und zwingt zum Sprechen mich,
Um über meinem Unglücksloos zu brüten.

Ich bins, der einst das Herz des Friederich
Mit zweien Schlüsseln auf- und zugeschlossen
Und sie so sanft und leis gedreht, daß Ich,

Ich nur, sonst Keiner, sein Vertraun genossen -
Und bis ich ihm geopfert Schlaf und Blut,
Weiht' ich dem hohen Amt mich unverdrossen. 63

Die Hure, die mit buhlerischer Gluth
Auf Cäsars Haus die geilen Blicke spannte,
Sie, aller Höfe Tod und Sünd' und Wuth,

Schürt' an, bis Alles gegen mich entbrannt,
Und alle schürten Friedrichs Gluthen an,
Daß heitrer Ruhm in düstres Leid sich wandte.

Da hat mein zornentflammter Geist, im Wahn,
Durch Sterben aller Schmach sich zu entwinden,
Mir, dem Gerechten, Unrecht angethan. 72

Bei diesen Wurzeln schwör' ich, diesen Rinden:
Nie brach ich Ihm die Treu', ihm, der als Held
Und Herrscher werth war, ew'gen Ruhm zu finden.

Kehrt einer je von euch zurück zur Welt,
So mög' er dort mein Angedenken heben,
Das jener Streich des Neids noch niederhält.”

Hier hielt er an, ich aber schwieg mit Beben.
Da sprach der Dichter: Ohne Zeitverlust
Frag' ihn, er wird auf Alles Antwort geben. 81

Ich aber: frag' ihn selbst. Dir ist bewußt,
Was mir ersprießlich sey, ihm abzufragen;
Ich könnt' es nicht, denn Leid drückt meine Brust.

Und Er: Soll einst, was du ihm aufgetragen,
Er frei vollziehn, dann, o gefangner Geist,
Beliebe dir, zuvor uns anzusagen,

Wie dieser Stämme Band die Seel' umkreist?
Und, wenn um sie sich starre Rinden legen,
Ob diesen Gliedern eine sich entreißt? 90

Ein starker Hauch schien sich im Stamm zu regen,
Dann aber ward der Wind zu diesem Wort:
„In kurzer Rede sag' ich dies dagegen:

Wenn die vom Leib' sich trennen, welche dort
Sich frevelhaft in wildem Grimm entleiben,
Schickt Minos sie zu diesem Schlunde fort.

Hier fallen sie, wie sie die Stürme treiben,
In diesen Wald nach Zufall, ohne Wahl,
Um wie ein Speltkorn wuchernd zu bekleiben. 99

So wachsen Büsch' und Bäum' in diesem Thal,
Und die Harpy'n, die sich vom Laube weiden,
Sie machen Quaal, und Oeffnung für die Quaal.

Einst eilen wir nach unserm Leib, doch kleiden
Uns nie darein, denn was man selbst sich nahm,
Will Gott uns nimmer wieder neu bescheiden.

Wir schleppen ihn in diesen Wald voll Gram,
Und an den Baum wird jeder Leib gehangen,
Den hier zur ew'gen Haft sein Geist bekam.” 108

Wir horchten auf den Stamm noch, voll Verlangen,
Mehr zu vernehmen, als urplötzlich schnell
Schrei'n und Getos zu unsern Ohren drangen,

Als ob hier Eber, Hund und Jagdgesell,
Die ganze Jagd, heran laut tosend brauste,
Mit Hüfthorns-Klang und Tosen und Geben. -

Und sieh, linksher, zwei Nackende, Zerzauste,
Fortstürmen, wie vom Aeußersten bedroht,
Daß das Gezweig zertrümmert kracht' und sauste. 117

Der Vordre schrie: Zu Hülfe, Hülfe, Tod!
Doch, ihm nicht folgen könnend, rief der Zweite:
Lan, liefst du doch so rasch nicht in der Noth

Bei Toppo einst, nach jenem großen Streite. -
Drauf barg er, da ihm Luft zu mangeln schien,
Sich ganz und gar in einem Busch zur Seite.

Doch schwarze Hündinnen verfolgten ihn,
Indem sie voll Begier die Läufe streckten,
Den Doggen gleich, die von der Koppel fliehn, 126

Und schlugen ihre Zähn' in den Versteckten,
Zerissen ihn und trugen stückweis dann
Die Glieder fort, die frischen, blutbefleckten.

Mein Führer faßte bei der Hand mich an,
Und führte mich zum Busche, der vergebens
Aus Rissen klagte, welchen Blut entrann.

Er sprach: Was machtest du doch eitlen Strebens
O Jacob, meinen Busch zu deiner Huth?
Trag' ich die Schulden deines Lasterlebens? 135

Mein Meister, dessen Schritt bei ihm geruht,
Sprach: Wer bist du? Warum aus so viel Wunden
Hauchst du zugleich die Schmerzensred' und Blut?

Und Er: Ihr, die ihr euch hierher gefunden,
Und, mir zur jammervollen Schmach, geschaut,
Wie meinem Busch sein düstres Laub geschwunden,

O bringts zum Stamme her, den Blut bethaut.
Ich bin aus jener Stadt, die statt des alten
Sich einem neuen Schutzpatron vertraut. 144

Feindselig wird drum stets ihr Jener walten,
Und wenn am Arno-Paß sein Bild nicht stand,
Wenn auch nur roh, aus alter Zeit erhalten,

Dann glückte wohl auf Asche von dem Brand
Des Attila der Wiederaufbau nimmer,
Und fruchtlos mühte sich der Bürger Hand, -

Zum Galgen macht' ich mir mein eignes Zimmer.

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