Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 14
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 14

Von Rührung für die Vaterstadt durchdrungen,
Las ich das Laub, und gab's mit tiefem Leid
Dem Busch zurück, deß Laute schon verklungen.

Zur Grenze kamen wir in kurzer Zeit
Vom zweiten Binnenkreis, und sahn im dritten
Ein grauses Kunstwerk der Gerechtigkeit.

Und nun eröffnete vor unsern Schritten
Und unsern Blicken sich ein ebnes Land,
Deß Boden nimmer Pflanz' und Gras gelitten. 9

Und wie sich um den Wald der Graben wand,
War dieses von dem Schmerzenswald umwunden.
Hier weilten wir an beider Kreise Rand.

Dort ward ein tiefer, dürrer Sand gefunden,
Der jenem Sand' in Libyens Wüsten glich,
Durch welchen einst sich Cato's Fuß gewunden.

O Gottes Rache! Jeder fürchte dich,
Dem, was ich sah, mein Lied wird offenbaren,
Und wende schnell vom Lasterwege sich. 18

Denn nackte Seelen sah ich dort in Schaaren,
Die, alle klagend jämmerlich und schwer,
Doch sich nicht gleich in ihren Strafen waren.

Die lagen rücklings auf der Erd' umher,
Die sah ich sich zusammenkrümmend kauern,
Noch andre gingen immer hin und her.

Die Mehrzahl mußt im Gehn die Straf' erdauern,
Der Liegenden war die geringre Zahl
Doch mehr gedrängt zum Klagen und zum Trauern. 27

Und langsam sah ich hier mit rothem Strahl
Hernieder breite Feuerflocken gleiten,
Wie Schnee bei stiller Luft im Alpenthal -

Und wie in Indien vor uralten Zeiten
Auf Alexanders sieggewohnte Schaar
Die Feuer-Ballen bis zur Erde schneiten;

Daher er dann in dringender Gefahr
Den Boden stampfen ließ von seinen Heeren,
Weil einzeln sie zu löschen leichter war; 36

So sah ich stets die Gluthen wiederkehren.
Wie unterm Stahle Schwamm, entglomm der Sand,
Um bis zum Doppelten den Schmerz zu mehren.

Nie hatten hier die Hände Stillestand,
Und hier- und dorthin sah ich sie bewegen,
Abschüttelnd von der Haut den frischen Brand.

Da sprach ich: Du, dem alles unterlegen,
Bis auf die Geister, die sich dort voll Wuth
Am Thor zur Wehr gestellt und dir entgegen, 45

Wer ist der Große, welcher, diese Gluth
Verachtend, liegt, die Blicke trotzig hebend,
Noch nicht erweicht von dieser Feuerfluth?

Und Jener rief, mir selber Antwort gebend,
Weil er gemerkt, daß ich nach ihm gefragt,
Uns grimmig zu: Todt bin ich, wie einst lebend.

Sey auch mit Arbeit Jovis Schmidt geplagt,
Von welchem Er den spitzen Pfeil bekommen,
Den er zuletzt in meine Brust gejagt; 54

Zur Hülfe sey die ganze Schaar genommen,
Die rastlos schmiedet in des Aetna Nacht;
Hilf, hilf, Vulkan, so schrei' er zornentglommen,

Wie er bei Phlägra that in jener Schlacht;
Mit aller Macht sey das Geschoß geschwungen,
Gewiß, daß nie ihm frohe Rache lacht -

Da hob so stark, wie sie mir nie erklungen,
Mein Meister seine Stimm', ihm zuzuschrei'n:
O Kapaneus, daß ewig unbezwungen 63

Der Stolz dich nagt, ist deine wahre Pein,
Denn keine Marter, als dein eignes Wüthen,
Kann deiner Wuth vollkommne Strafe seyn.

Drauf schien des Meisters Zorn sich zu begüten.
Von jenen sieben war er, sagt' er mir,
Die Theben zu erobern sich bemühten.

Er höhnte Gott in seiner wilden Gier
Und, wie ich sprach, sein Stolz bleibt seine Schande,
Sein Trotz des Busens wohlverdiente Zier. 72

Jetzt folge mir, doch vor dem heißen Sande
Nimm immer noch die Füße wohl in Acht,
Und halte dicht sie an des Waldes Rande.

Wir gingen schweigend fort, und sahn mit Macht
Vor jenem Wald ein Flüßchen sprudelnd quellen,
Deß Röthe noch mich heute schaudern macht.

Dem Sprudel bei Viterbo gleichzustellen,
Der Buhlerinnen schändlichem Verein,
Entrann es niederwärts mit raschen Wellen. 81

Und Grund und Ufer waren dort von Stein,
Auch beide Ränder, die den Fluß umfassen,
Drum mußte hier der Weg hinüber seyn.

Von Allem, was ich noch dich sehen lassen,
Seit wir durch jenes Thor hier eingekehrt,
Das uns, wie Alle, ruhig eingelassen,

War noch bis jetzt nichts so bemerkenswerth,
Als dieser Fluß, zu dem du eben ziehest,
Der über sich die Flämmchen schnell verzehrt. 90

So Er zu mir und ich darauf: Du siehest
Mich schon genug von Lüsternheit entbrannt.
Gieb Kost nun, wie du Essenslust verliehest.

Im Meere, sprach er, liegt ein ödes Land,
Das Creta heißt, und Keuschheit hat gewaltet,
Als unter seinem Herrn die Erde stand.

Ein Berg hier, Ida, war einst schön gestaltet,
Mit Quellen, Laub und Blumen reich geschmückt,
Jetzt ist er öd, verwittert und veraltet. 99

Hierher hat Rhea ihren Sohn entrückt,
Und, alle Späher listig hintergehend,
Des Kindes Schrei'n durch Tosen unterdrückt.

Ein hoher Greis ist drinn, grad' aufrecht stehend,
Den Rücken nach Damiette hingewandt,
Nach Rom hin, wie in seinen Spiegel, sehend;

Das Haupt von feinem Gold, Brust, Arm und Hand
Von reinem Silber, weiter dann hernieder
Von Kupfer nur bis an der Hüften Rand; 108

Von tücht'gem Eisen bis zur Sohle nieder,
Nur von gebranntem Thon der rechte Fuß,
Und dennoch ruht auf ihm die Last der Glieder.

Das Gold allein ist von gediegnem Guß;
Die andern haben Spalt' und träufeln Zähren,
Und diese brechen durch die Grott' als Fluß,

Um ihren Lauf nach diesem Thal zu kehren,
Als Acheron, als Styx, als Phlegethon.
Und bilden, wenn sie zu den tiefsten Sphären 117

Durch diesen engen Graben hingeflohn,
Dort den Cocyt; doch nahst du diesem Teiche
Bald selber dich, drum hier nichts mehr davon.

Und ich zu ihm: „Wenn auf der Erd', im Reiche
Des Tages, schon der kleine Fluß entstund,
Wie kommt es, daß ich ihn erst hier erreiche?”

Und Er zu mir: „Du weißt, der Ort ist rund,
Und ob wir gleich schon tief hernieder drangen,
Doch haben wir, da wir uns links zum Grund 126

Herabgewandt, den Kreis nicht ganz umgangen,
Und Staunen bring' es nicht auf dein Gesicht,
Wenn wir zu manchem Neuen hingelangen.”

Und Ich: „Du gabst vom Ursprung mir Bericht,
Und von den Rahmen, so die Wässer tragen,
Allein was sprichst du von der Lethe nicht?”

Mein Meister drauf: „Gern hör' ich deine Fragen,
Doch sollte dieser rothen Wässer Sud
Auf deine letzte wohl dir Antwort sagen. 135

Nicht in der Hölle fließt der Lethe Fluth,
Dort siehst du sie beim großen Seelen-Bade,
Wenn die bereute Schuld auf ewig ruht.

Jetzt fort vom Wald! Und schreite nur gerade
Hier, wo die Bahn sich öffnet, hinter mir,
Denn hier ist Stein, nicht brennen die Gestade

Und jeder böse Dunst verschwindet hier.”

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