Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 15
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 15

Wir gingen längs dem Rand von Stein zusammen,
Und feuchter Dampf, den Fluß umnebelnd, schützt
Die Wässer und die Dämme vor den Flammen.

Gleichwie sein Land der Flandrer unterstützt
Die Springfluth fürchtend, die vom festen Baue
Rückprallend, Schaum in hohe Lüfte spritzt;

Wie längs der Brenta Schloß und Dorf und Aue
Gesichert werden vor der Fluthen Macht,
Bevor der Schnee der Chiarentana thaue; 9

So waren hier die Dämm' am Fluß gemacht,
Doch hatte nicht so hoch und nicht so dicke
Der Meister, wer's auch war, sie angebracht.

Weit ließen wir bereits den Wald zurücke,
Auch war die Gegend nirgends nebelfrei,
Drum barg er gänzlich sich vor unserm Blicke.

Am Fuß des Damms kam vieles Volk herbei,
Und wie am Neumond bei des Abends Grauen
Man lugend späht, wer der und jener sey, 18

So sahn wir sie auf uns nach oben schauen;
Und wie der alte Schneider nach dem Oehr,
So spitzten sie nach uns die Augenbrauen.

Und wie sie Alle gafften, faßte Wer
Mich bei dem Saum, und wie er mich erkannte,
Rief er erstaunt: „Welch Wunder! Du? Woher?”

Und ich, wie er nach mir gegriffen, wandte
Den Blick ihm fest aufs Angesicht, das schier
Geröstet war; doch zeigte das verbrannte 27

Sogleich die wohlbekannten Züge mir,
Drum neigt' auch ich nach seinem Hals die Arme,
Und rief: „Ei, Herr Brunetto, seyd ihr hier?”

Mein Sohn, sprach Jener, daß dich mein erbarme!
Gern spräche wohl Brunett Latini dich
Ein wenig hier, entfernt von diesem Schwarme.

Ich bitt' euch selbst darum, entgegnet' ich,
Daher ich gern mit euch mich setzen werde,
Wenn's dieser billigt, denn Er leitet mich. 36

Und Er: „Ach Sohn, wer weilt von dieser Heerde,
Darf sich nicht wedeln hundert Jahr hernach,
Und liegt, die Gluth erduldend, auf der Erde.

Drum geh', ich folge deinem Tritte nach,
Bis wir aufs neu zu meiner Rotte kommen,
Die weinend geht in Leid und ew'ger Schmach.”

Gern wär' ich neben ihn hinabgeklommen,
Doch wagt' ichs nicht, und ging, das Haupt geneigt,
Als wär' ich ganz von Ehrfurcht eingenommen. 45

„Du, welcher vor dem Tod herniedersteigt,”
Begann er nun, „welch Schicksal führt dein Streben?
Und wer ist der, der dir die Pfade zeigt?”

„Dort oben,” sprach ich, „in dem heitern Leben
Sah ich, bevor das Alter mir genaht,
Mich jüngst, verirrt, von einem Thal umgeben,

Aus dem ich eben gestern Morgens trat.
Zurück ins Thal wollt' ich, da kam mein Leiter
Und führt mich wieder heim auf diesem Pfad.” 54

Drauf sprach er: „Folgst du deinem Sterne weiter,
Dann, wenn ich recht bemerkt im Leben, schafft
Er dich zum Hafen, ehrenvoll und heiter.

Und hätte mich der Tod nicht weggerafft,
Hätt' ich, da dir so hold die Sterne waren,
Dich selbst zum Werk gestärkt mit Muth und Kraft.

Doch jenes Volk von Schnöden, Undankbaren
Einst von Fiesole herabgerannt,
Noch jetzt, dcn Felsen ähnlich, rohe Schaaren, 63

Ist, weil du wacker thust, von Haß entbrannt,
Und dies mit Recht, weil übel stets im herben
Ebreschenwald die süße Feige stand.

Die Blinden hießen sie schon längst, und sterben
Vor Stolz und Geiz und Neid, der sie verzehrt.
Laß ihre Sitten nimmer dich verderben!

Dein Glück bewahrt dir solchen Ruhm und Werth,
Daß beide Theil' einst hungernd nach dir ringen.
Doch ihrem Schnabel ist solch Kraut verwehrt. 72

Mag sich das Vieh von Fiesole verschlingen,
Doch nie berühr' es mehr ein edles Kraut,
Kann seinem Mist ein solches sich entringen,

In dem man neu belebt den Saamen schaut
Von jenen Römern, die dorthin gezogen,
Als man dies Nest der Bosheit auferbaut.”

„O hätte mein Gebet der Herr erwogen,”
Entgegnet' ich, „so hättet ihr noch nicht
Des Leibes Hüll' auf Erden ausgezogen. 81

Das theure gute Vater-Angesicht,
Noch seh' ichs vor betrübtem Geiste schweben,
Noch denk' ich, wie ihr mich im heitern Licht

Gelehrt, wie Menschen ew'gen Ruhm erstreben,
Und wie ich euch geliebt, soll mein Gesang,
So lang ich lebe, vor der Welt erheben.

Was ihr erzählt von meines Lebens Gang,
Wird meine Herrin mir zu deuten wissen,
Darum bewahr' ichs, bis ich zu ihr drang. 90

Deß seyd gewiß: Ist ruhig mein Gewissen,
Zu jedem Schicksal bin ich dann bereit,
Und nimmer solls die feste Brust vermissen.

Mir ist nicht neu, was ihr mir prophezeiht.
Doch mag, wie Bauern ihre Hacken schwingen,
Ihr Rad Fortuna drehn zu Glück und Leid.”

Mein Meister aber, hinter dem wir gingen,
Kehrt hier sich um, und sah mich an und sprach:
„Gut hören, die's behalten und vollbringen.” 99

Ich aber ließ drum nicht im Sprechen nach,
Und wünschte die berühmtesten zu kennen
Von den Genossen dieser Pein und Schmach.

Drauf Herr Brunett: „Gut ist es, ein'ge nennen,
So wie von andern schweigen löblich scheint,
Auch würd' ich nicht von Allen sagen können.

Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint
Von großem Ruf, die einst besudelt waren
Mit jenem Fehl, den Jeder nun beweint. 108

Franz von Accorso geht in diesen Schaaren,
Auch Priscian, und war dirs nicht zu schlecht,
Vorhin so schnöden Aussatz zu gewahren,

So sahst du Jenen, den der Knechte Knecht
Zwang, nach Vicenz vom Arno aufzubrechen,
Allwo der Tod sein toll Gelüst gerächt.

Gern sagt' ich mehr - doch mit dir gehn und sprechen
Darf ich nicht länger, denn schon hebt sich dicht
Ein neuer Rauch auf jenen sand'gen Flächen. 117

Auch naht hier Volk, von dem mich das Gericht
Geschieden hat - Mein Schatz sey dir empfohlen,
Ich leb' in ihm noch - mehr begehr' ich nicht.”

Hier wandt' er sich, die Andern einzuholen,
Wie nach dem Ziel mit grünem Tuch geziert,
Der Veroneser läuft mit flücht'gen Sohlen,

Und schien, wie wer gewinnt, nicht wer verliert.

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