Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 16
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 16

Von fernher hallte schon des Wassers Brausen,
Das sich herniederstürzt' ins nächste Thal,
Gleich eines Bienenschwarmes dumpfem Sausen;

Da rannten Schatten her, drei an der Zahl,
Und trennten sich von einer größern Bande,
Die hinlief durch des Feuerregens Quaal,

Und schrien: „Halt du, wir sehn es am Gewande
Dir deutlich an, du bist hierher versetzt
Aus unserm eignen schnöden Vaterlande.” 9

Ach, alt' und neue Wunden, eingeätzt
Von Flammen, sah ich nun in ihrem Fleische,
Und noch voll Mitleid denk' ich ihrer jetzt.

Mein Meister stand nun still bei dem Gekreische,
Und sah mich an und sprach: „Hier harren wir,
Und hören freundlich an, was Jeder heische.

Und wäre nicht der Feuerregen hier,
Nach der Natur des Orts, so würd' ich sagen:
Die Eile zieme, mehr als ihnen, dir.” 18

Und wie wir standen, fing ihr altes Klagen
Von neuem an, doch als sie uns erreicht,
Da sah ich sie sich selbst im Kreise jagen.

Wie Kämpfer, nackend und von Salben feucht,
Angriff und Schutz sich abzusehen pflegen,
Bevor man noch sich Püff' und Stöße reicht;

So sah ich sie im Kreise sich bewegen,
Mir immer dar das Antlitz zugewandt,
Und Hals und Fuß an Richtung sich entgegen. 27

Und Einer sprach: „Wenn dieser lockre Sand
Und unsre Noth uns nicht verächtlich machte,
Und unsre Haut, so rusig und verbrannt,

Dann unser Flehn, ob unsers Rufs, beachte;
Sprich, wer du bist? wie lebend hier erscheinst?
Und was dich sicher her zur Hölle brachte?

Der, welchem du mich folgen siehst, war einst,
Muß er auch nackt hier und geschunden rennen,
Von höherm Range wohl, als du vermeinst. 36

Wer hörte nicht Gualdrada's Enkel nennen
Den Guidoguerra, dessen Schwert und Geist
Wohl Puglia und Florenz als tüchtig kennen?

Der hinter mir den lockern Sand durchkreist,
Tagghiajo ists, deß Rath man noch auf Erden,
Thut man, was sich geziemt, als heilsam preist.

Ich, ihr Genoß in schrecklichen Beschwerden,
Bin Iacob Rusticucci, den die Wuth
Des bösen Weibes ließ so elend werden.” - 45

Ich wollte gern, war irgend vor der Gluth
Dort Schutz und Schirm, vom Damm zu ihnen nieder,
Auch hieß mein Meister wohl die Regung gut,

Allein verbrannt hätt' ich auch meine Glieder,
Drum unterdrückte Furcht in mir die Lust,
Die Jammervollen zu umarmen, wieder.

Nicht der Verachtung bin ich mir bewußt,
Begann, ich nur des Leids für euch Geplagte,
Und schwer verwinden wird es meine Brust. 54

Ich fühlt' es, seit mein Herr mir Worte sagte,
Aus deren Inhalt ich mir wohl erklärt,
Daß, wer jetzt komme, hoch auf Erden ragte.

Ich bin aus eurem Land, und euer Werth
Läßt dort noch eurer Thaten Ruhm erklingen,
Und euren Nahmen hab' ich stets geehrt.

Die Galle lass' ich, um mich hinzuringen
Zur süßen Frucht, die mir mein Herr verspricht,
Doch muß ich erst zum Mittelpunkte dringen. 63

„Soll lange noch dein Geist des Führers Pflicht
Dem Leib' erweisen,” sprach er nun dagegen,
„Soll leuchten lang nach dir des Ruhmes Licht,

So sage mir, bewohnen, wie sie pflegen,
Wohl unsre Stadt noch Kraft und Edelmuth?
Sind sie verbannt und völlig unterlegen?

Denn Borsiere, welcher diese Gluth
Seit kurzem theilt, und dort mit Andern schreitet,
Erzählt' uns Manches, was uns wehe thut! - ” 72

„Neu Volk und schleuniger Gewinn verleitet
Zu Unmaaß dich und Stolz, der dich bethört,
Florenz, und dir viel Leiden schon bereitet!”

Ich riefs, das Angesicht emporgekehrt,
Da sahn die drei sich an bei meinen Reden,
Wie man sich anblickt, wenn man Wahrheit hört.

Wir wünschen Glück, wenn du so wohlfeil Jeden
Abfert'gen kannst, war Aller Gegenwort,
Und dir's bekommt, nach Herzenslust zu reden. 81

Entkommst du einst aus diesem dunkeln Ort,
Und siehst den Sternenglanz, den schönen, süßen,
Und sagst dann froh und heiter: Ich war dort,

Vergiß dann nicht, die Welt von uns zu grüßen! -
Hier aber brachen sie den Kreis und flohn
Voll Eil und wie mit Flügeln an den Füßen.

Eh man ein Amen ausspricht waren schon
Sie alle drei aus meinem Blick verschwunden,
Drum ging sogleich mein Meister auch davon. 90

Ich folgt' ihm nach, um Weitres zu erkunden,
Worauf uns bald des Stroms Gebraus erklang,
So nah, daß wir uns sprechend kaum verstunden.

Gleich jenem Flusse mit dem eignen Gang,
Deß Fluthen ostwärts vom Berg Veso rennen,
Linkshin vom Apenin, den Po entlang,

Den wir dort oben Aquacheta nennen,
Bis er sich senkt, um dann bei Forli bald
Von seinem ersten Nahmen sich zu trennen; 99

Deß Sturz vom jähen Felsenhang erschallt,
Bei Benedicts Abtei, mit solchcm Brausen,
Daß Berg und Thal erzitternd wiederhallt;

So brach von einem Felsenhang voll Grausen
Der rothgefärbte Fluß sich brüllend Bahn,
Und kaum ertrug das Ohr sein wildes Sausen.

Lang trug als Gurt ich einen Strick, im Wahn,
Damit das Thier, mit dem ich oft gerungen,
Das buntgefleckte Pantherthier zu fahn. 108

Und als ich ihn vom Leibe losgeschlungen,
Reicht' ich, denn so gebot des Meisters Wort,
Den Strick ihm dar, zum Knäuel fest verschlungen.

Rechts wandt' er nun sich nach dem grausen Ort,
Und schleuderte zum dunkeln Felsenschlunde
Weithin vom Rande dieses Bündel fort.

Ich dachte: Sicher, daß die neue Kunde
Dem neuen Wink, und diesem Blick' entspricht,
Mit dem der Meister starrt zum tiefen Grunde. - 117

Behutsamkeit vergeßt, ihr Menschen, nicht
Bei solchen, die des Herzens Sinn erspähen,
Und nicht die That allein und das Gesicht.

Er sprach: „Bald werden wir auftauchen sehen
Was ich erwart'; und das, was du gedacht,
Wird deutlich bald vor deinen Blicken stehen.”

Bei Wahrheit, die der Lüge gleicht, habt Acht
So viel ihr kennt, euch nimmer auszusprechen,
Sonst werdet ihr ohn' eure Schuld verlacht. 126

Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen,
Und schwör, o Leser, dir, bei dem Gedicht,
Dem nimmer möge huld und Gunst gebrechen:

Ich sah durch jene Lüfte schwarz und dicht
Ein Bild nach oben schwimmen, wohl erschreckend
Den kühnsten Muth, ein wunderlich Gesicht,

Die Füß' einziehend, und die Hände streckend,
Wie Einer, der ins Meer herniederfährt,
Den Anker, in des Riffes Spalte steckend, 135

Herauszuziehn, wenn er nach oben kehrt.

<<< 24-34 zweisprachig Inhalt list operone >>>