Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 17
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 17

Sieh hier das Unthier mit dem spitzen Schwanze,
Das, Berge spaltend, brechend Mau'r und Wehr,
Gestank und Pestqualm haucht durchs große Ganze!

So sprach mein Führer und dann winket' Er
Das Ungethüm zu jenes Flusses Rande,
Und nah zu unserm Marmorpfade her.

Da kam des Truges Gräuel-Bild zum Lande,
Und schob den Kopf und dann den Rumpf heran,
Doch zog es nicht den scharfen Schweif zum Strande. 9

Von Antlitz glich es einem Biedermann,
Und ließ von außen Mild' und Huld gewahren,
Doch dann fing die Gestalt des Drachen an,

Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,
Und Rücken, Brust und Seiten, die bemahlt
Mit Knoten und mit kleinen Schnörkeln waren;

Vielfarbig, wie kein Werk Arachnr's strahlt,
Wie, was auch Türk' und Tartar je gewoben
So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt. 18

Wie man den Kahn, im Wasser halb, halb oben,
Am Lande sieht an unsrer Flüsse Strand,
Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben,

Der Biber in der deutschen Fresser Land;
So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend
Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand,

Wild zappelnd, mit dem Schweif durchs Leere schlagend,
Und, mit der Scorpionen Wehr versehn,
Die Gabel windend und sie aufwärts tragend. 27

Mein Führer sprach: Jetzt müssen wir uns drehn,
Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer
Dorthin, wo's jetzo liegt, hinunter gehn.

Nun führte rechter Hand mich mein Getreuer
Nur wenig Schritt' hinab am Rande fort,
Den heißen Sand vermeidend und das Feuer.

Und unten angelangt, erkannt' ich dort
Noch etwas vorwärts auf dem Sande Leute,
Nah sitzend an des Abgrunds dunklem Bord. 36

Mein Meister sprach: „Erkennen sollst du heute
Den ganzen Binnenkreis mit seiner Pein,
Drum geh' und sieh, was jenes Volk bedeute.

Doch kurz nur dürfen deine Worte seyn.
Ich will indeß dem Ungethüm befehlen,
Den starken Rücken uns zur Fahrt zu leihn.”

Nun ging ich fort am Rand der schwarzen Höhlen
An dieses Kreises Grenz', allein, und nahm
Den Weg zum Sitze der betrübten Seelen. 45

Aus jedem Auge starrte Schmerz und Gram,
Indeß die Hand, jetzt vor dem heißen Grunde,
Jetzt vor dem Dunst dem Leib zu Hülfe kam.

So scharren sich zur Sommerzeit die Hunde
Mit Fuß und Schnauze, jetzt gezwickt von Flöh'n,
Jetzt fühlend eines Wespenstiches Wunde.

Die Augen wandt' ich nun auf den und den,
Der dort im Regen saß und heißer Asche.
Zwar kannt' ich keinen, doch ich konnte sehn, 54

Vom Halse hänge jedem eine Tasche,
Bezeichnet und bemahlt, und wie voll Gier
Nach diesem Anblick noch ihr Auge hasche.

Ich sah, wie ich genaht, ein blaues Thier
Auf gelbem Beutel, wie auf einem Schilde,
Das schien ein Leu an Kopf und Haltung mir.

Dann blickt' ich weiter durch dies Quaal-Gefilde,
Und sieh, ein andrer Beutel, blutig roth,
Zeigt' eine butterweiße Gans im Bilde. 63

Ein blaues Schwein auf weißem Sacke bot
Sich dann dem Blick', und seine Stimm' erheben
Hört ich den Träger: „Du hier vor dem Tod?

Fort! fort! doch wisse, weil du noch am Leben
Bald findet mir mein Nachbar Vitalian,
Zur Linken seinen Sitz, hier gleich daneben.

Oft schrein mich diese Florentiner an,
Mich Paduaner, mir zum größten Schrecken:
Möcht' aller Ritter Ausbund endlich nahn! 72

Wo mag doch die Drei-Schnabel-Tasche stecken?” -
Hier zerrt' er's Maul schief, und die Zunge zog
Er vor, gleich Ochsen, so die Nase lecken.

Schon fürchtet' ich, weil ich so lang verzog,
Da Eil mein Herr verlangt, sein Mißvergnügen,
Daher ich schnell mich wieder rückwärts bog.

Ich fand den Meister, der, schon aufgestiegen,
Sich auf das Kreuz des Ungethüms gesetzt,
Und zu mir sprach: „Jetzt sey dein Muth gediegen! 81

Hinunter gehts auf solcher Leiter jetzt.
Steig vorn nur auf, ich will immitten sitzen,
Daß dich des Schwanzes Stachel nicht verletzt.”

Wie wer mit todtenkalten Fingerspitzen
Erzitternd fühlt, das Fieber nahe sich,
Und nicht vermag, sich vor dem Frost zu schützen;

So wurde bei des Meisters Worten ich,
Doch nöthigte die Schaam, gleich einem Knechte,
Bedroht vom milden Herrn, zum Muthe mich; 90

Drum setzt' ich auf dem Unthier mich zurechte.
Und bitten wollt' ich (doch erstarb der Ton)
Daß er mich halten und umfassen möchte.

Doch Er, der oft bei der Dämonen Drohn
Mich unterstützt und der Gefahr entzogen,
Umfaßte mich mit seinen Armen schon.

Und sprach: „Geryon, auf! Nun fortgeflogen!
Allein bedenke, wen dein Rücken trägt,
Drum steige sanft hinab in weiten Bogen.” 99

Wie rückwärts sich vom Strand her Kahn bewegt,
Schob sichs vom Damm, doch, kaum hinabgeklommen,
Ward dann im freien Spielraum umgelegt.

Als, wo die Brust war, nun der Schweif gekommen,
Ward dieser, wie ein Aalschweif, ausgestreckt,
Und mit dem Tatzenpaar die Luft durchschwommen.

So, glaub' ich, war nicht Phaëton erschreckt,
Als einst die Zügel seiner Hand entgingen,
Beim Himmels-Brand, deß Spur man noch entdeckt; 108

Noch Icarus, als von erwärmten Schwingen
Das Wachs herniedertroff, bei Dädals Schrein:
Dein Weg ist schlecht, dein Flug wird nicht gelingen;

Wie ich, nichts sehend, als das Thier allein,
Und rings umher von öder Luft umfangen,
Wo nie entglomm des Lichtes heitrer Schein.

Daß wir uns, langsam langsam niederschwangen,
Im Bogenflug, bemerkt' ich nur beim Wehn
Der Luft von unten her an Stirn und Wangen. 117

Rechts hört' ich schon das Wirbeln und das Drehn
Des Wasserfalls und sein entsetzlich Brausen,
Und bog mich vorwärts, um hinabzusehn.

Doch schüchtern wieder bei des Abgrunds Sausen,
Bei Klag' und Gluth, die ich vernahm und sah,
Setzt' ich im Schluß mich fest mit tiefem Grausen.

Was ich erst nicht gesehn, das sah ich da:
Wie wir im weiten Kreis hinunterstiegen,
Und sah mich überall den Quaalen nah. 126

Gleichwie ein Falk, wenn er, nach langem Wiegen
In hoher Luft, nicht Raub noch Lockbild sieht,
Und ihn der Falkner ruft, herabzufliegen,

So schnell er stieg, so langsam niederzieht
Und, zürnend, wenn der Herr ihn eingeladen,
Im Bogenflug zum fernen Sitze flieht;

So setzt' uns an den steilen Felsgestaden
Geryon ab, und flog in großer Eil,
Sobald er nur sich unsrer Last entladen, 135

Zurück, gleich einem abgeschnellten Pfeil.

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