Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 19
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 19

O Simon Magus, und ihr armen Leute,
Ihm folgend, die, was nur die Tugend schenkt,
Das Göttliche, ihr räuberisch als Beute

Durch Gold und Silber zu erbuhlen denkt,
Für euch muß jetzo die Posaun' erbrausen,
Denn ihr seyd in den dritten Sack versenkt.

Schon waren wir beim nächsten Schlund voll Grausen,
Und sahn vom hohlen Felsen in den Schooß
Senkrecht hinab der schwarzen Marterklausen. 9

Allweisheit, wie ist deine Kunst so groß,
Im Himmel, auf der Erd, im Höllenschlunde,
Und wie gerecht vertheilst du jedes Loos!

Ich sah dort an den Seiten und im Grunde
Viel Löcher im schwarzbläulichen Gestein,
Gleich weit gehöhlt, und sämmtlich in der Runde.

Sie mochten so, wie die, in die hinein
Beim Taufstein Sanct Johanns die Täufer treten,
Und enger nicht, doch auch nicht weiter seyn. 18

Eins dieser sprengt' ich einst, weil ich in Nöthen
Ein Kind drin sah, und glücklich half ich doch.
So sey's besiegelt, so will ichs vertreten!

Aus jedes Loches Munde ragen noch
Zwei Füße vor, die Bein' auch bis zum Dicken,
Verborgen ist der andre Leib im Loch.

Und aus den Sohlen sieht man Flammen zücken,
Daher die Knorren zappeln und sich drehn,
Und sprengen würden jedes Band von Stricken. 27

Wie wirs an ölgetränkten Dingen sehn,
Wo obenhin die Flammen flackernd rennen,
So von der Ferse dort bis zu den Zehn.

„Gern, Meister,” sprach ich, „möcht' ich diesen kennen,
Der stärker zappelt als die Andern hier,
Und dessen beide Sohlen röther brennen.”

Und Er: „Ich will dich gern, vertraust du mir,
Hier, an dem schiefern Abhang niedertragen.
Dort nennt er sich und seine Sünden dir.” 36

Und ich: „Was dir gefällt, ist mein Behagen.
Du bist der Herr, du, dem mein Innres kund,
Weißt, was du willst, das werd' ich nie versagen.”

Wir kamen zu des vierten Dammes Rund
Und klommen linker Hand hinab die Höhe
Zu dem durchlöcherten und engen Grund.

Nicht von der Hüfte ließ mein Herr mich, ehe
Wir hingelangt zum jammervollen Geist,
Der mit den Beinen klagt' ob seinem Wehe. 45

„Du, mit dem Obern unten, wer du seyst,
Hier eingerammt gleich einem Pfahl, verkünde,
Dafern du kannst,” so sprach, ich, „wie du heißt.”

Ich stand, dem Pfaffen gleich, dem seine Sünde
Der Mörder beichtet, welcher, schon im Loch,
Ihn noch zurückruft, daß er Aufschub finde.

Da schrie er: „Bonifaz, so kommst du doch,
So kommst du doch schon jetzt, mich fortzusenden?
Und man versprach dir manche Jahre noch? 54

Schon satt des Guts, ob deß mit frechen Händen
Du trügerisch die schöne Frau geraubt,
Um ungescheut und frevelnd sie zu schänden?”

Ich stand verlegen, mit gesenktem Haupt,
Wie wer nicht recht versteht, was er vernommen,
Und sich beschämt kein Gegenwort erlaubt.

Da sprach Virgil: „Was stehst du so beklommen?
Sag' ihm geschwind, daß du nicht Jener seyst,
Den er gemeint!” - Ich eilt', ihm nachzukommen. 63

Die Füße nun verdrehte wild der Geist,
Und sprach mit Seufzern und mit dumpfen Klagen:
„Was also ists, das so dich fragen heißt?

Doch standest du nicht an, dich herzuwagen,
Um mich zu kennen, wohl, so sag' ich dir,
Daß ich den großen Mantel einst getragen.

Der Bärin wahrer Sohn war ich, voll Gier
Fürs Wohl der Bärlein, und für diese steckte
Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier. 72

Auch unter meinem Haupt giebts viel Versteckte.
Dort, durchgepreßt durch einen Felsenspalt,
Sind, die vor mir die Simonie befleckte.

Und dort hinab versink' auch ich, sobald
Der kommt, für welchen ich dich angesehen,
Und der mir folgt in diesem Aufenthalt.

Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen,
Die Füße brennend, köpflings umgewandt,
Fest eingepfählt in diesem Loche stehen. 81

Denn nach ihm kommt, vom Westen hergesandt,
Ein wilder Hirt, zu größerm Fluch erlesen,
Der mich und ihn in tief'res Dunkel bannt.

Ein neuer Jason ists, von dem zu lesen
Im Maccabäer-Buch, dem Philipp wird,
Was diesem einst Antiochus gewesen.”

Ich weiß nicht, ob ich nicht zu sehr geirrt,
Auf solche Red' ihm dieses zu versetzen:
„Sprich, was verlangte Christus, unser Hirt, 90

Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schätzen,
Um ihm das Amt der Schlüssel zu verleihn?
Komm, sprach er, um mein Werk nun fortzusetzen!

Was trugs dem Petrus und den Andern ein,
Als man durch Loos einst den Matthias kührte,
Statt dessen, der ein Raub ward ew'ger Pein?

Nichts ward dir hier, als das, was sich gebührte!
Betrachte nur das schlecht erworb'ne Geld,
Das gegen Karln zur Kühnheit dich verführte. 99

Und nur weil Ehrfurcht meine Zunge hält
Für jene Schlüssel, die du einst getragen,
Da du gewandelt in der heitern Welt,

Enthalt ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Daß schlecht die Welt durch eure Habsucht ist,
Die Guten sinken und die Schlechten ragen.

Euch Hirten meinte der Evangelist
Bei Ihr, die sitzend auf den Wasserwogen
Mit Königen zu huren sich vermißt. 108

Sie, mit den sieben Häuptern auferzogen,
Sie hatt' in zehen Hörnern Kraft und Macht,
So lang der Tugend ihr Gemahl gewogen.

Eu'r Gott ist Gold und Silber, Glanz und Pracht.
Wohl besser sind die, so an Götzen hangen,
Die einen haben, wo ihr hundert macht.

Welch Unheil, Konstantin, ist aufgegangen,
Nicht, weil du dich bekehrt, nein, aus dem Gut,
Das Papst Silvester einst von dir empfangen.” 117

Indeß ich also sprach mit keckem Muth,
Da, sey's daß Zorn ihn, daß ihn Reue nagte,
Verdreht' er beide Bein' in großer Wuth.

Doch konnt' ich wohl bemerken: es behagte
Dem Führer, der zufrieden horchend stand,
Daß ich so nachdrucksvoll die Wahrheit sagte.

Und als er mit den Armen mich umspannt,
Und mich auf seine Brust hinaufgenommen,
Stieg er den ersten Weg empor am Strand. 126

Bald hatt' er auch des Bogens Höh' erklommen
Und trug, nie rastend, immer mich umfaßt
Um bis zum fünften Damme hinzukommen.

Hier setzt' er sanft zu Boden meine Last,
Auf einem rauhen steilen Felsenstücke,
Das kaum zum Weg für eine Ziege paßt.

Da lag ein andres Thal vor meinem Blicke.

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