Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 21
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 21

So schritten wir, noch sprechend manches Wort,
Das ich zu sagen nicht für nöthig halte,
Von Brück' auf Brück' im hohen Bogen fort,

Und blieben stehn ob einer neuen Spalte,
Und hörten draus den eitlen Laut der Quaal,
Und sahn, wie unten tiefes Dunkel walte.

So sieht man in Venedigs Arsenal
Das zähe Pech im Winter siedend wogen,
Womit das lecke Schiff, das manches Mal 9

Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen,
Kalfatert wird - da stopft nun der in Eil
Mit Werg die Löcher aus am Seitenbogen,

Der klopft am Vorder-, der am Hintertheil,
Der ist bemüht, die Seegel auszuflicken,
Der bessert Ruder aus, der dreht ein Seil;

So ist ein See von Pech dort zu erblicken,
Das kocht durch Gottes Kunst, und nicht durch Gluth,
Deß Dünste sich am Strand zum Leim verdicken. 18

Nichts aber sah ich in der zähen Fluth,
Die bald sich blähte, bald sich wieder senkte,
Als Blasen, ausgehaucht vom regen Sud.

Indem ich ganz darein den Blick versenkte,
Begann mein guter Meister: „Jetzt hab' Acht!”
Wobei er mich zu seiner Stelle lenkte.

Da wandt' ich mich, gleich Einem, den mit Macht
Die Neugier zieht, das Schreckliche zu sehen,
Und der, da jähe Furcht ihn schaudern macht, 27

Doch, um zu schaun, nicht zögert, fortzugehen.
Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang
Uns hinterdrein auf jenen Felsenhöhen.

Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang.
Wie wild er schien, wie froh in Andrer Schaden!
Gespreizt die Schwingen, leicht und schnell den Gang,

Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladen
Mit einem Sünder her, der oben ritt,
Und mit den Klauen packt' er seine Waden. 36

„Von Lucca bring' ich einen Rathsherrn mit” -
Schrie er, „auf, taucht ihn unter Grimmetatzen!
Und jene Stadt ist wohl versehn damit,

Drum hol' ich gleich noch mehr von solchen Fratzen.
Gauner sind alle dort, nur nicht Bontur,
Und machen Ja aus Nein für blanke Batzen.”

Hinunterwarf er noch den Sünder nur,
Und rannte gleich zurück in solcher Eile,
Wie je der Hofhund nach dem Diebe fuhr. 45

Der Sünder sank, doch hob sich sonder Weile,
Da schrien die Teufel unten:„ Fort mit dir,
Hier dient kein Heilgenbild zu deinem Heile.

Ganz anders, als in Serchio, schwimmt man hier.
Und sollen dich nicht unsre Haken packen,
So bleib' im Peche nur, sonst fassen wir.”

Gleich packten ste mit tausend scharfen Zacken,
Und schrien: „Dein Tänzchen mache hier versteckt.
Such' unten Einem etwas abzuzwacken.” 54

Nicht anders macht's ein Koch, wenn er entdeckt,
Das Fleisch im Kessel komm' emporgeschwommen,
Und schnell es mit dem Haken untersteckt.

Da sprach Virgil: „Eh sie dich wahrgenommen,
Birg hinter einem Felsenstücke dich,
Es wird dir jetzt, um dich zu schirmen, frommen.

Sey nur getrost, wie sehr man immer mich
Beleid'gen mag - wohl kenn' ich ihre Tücke,
Und früher schon in solchem Zwist war ich.” 63

Er ging nun völlig über jene Brücke,
Und wie er kaum erreicht den sechsten Strand,
Da braucht' er sein Vertrann zum guten Glücke.

Denn wie im wilden Sturm, von Wuth entbrannt,
Die Haushund' auf den armen Bettler fallen,
Wenn er am Haus', laut flehend, stille stand;

So stürzten Jen' aus dunkeln Felsenhallen,
Und streckten all' auf ihn die Haken hin,
Er aber schrie: „Zurück jetzt mit euch Allen. 72

Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn?
Doch tret' erst Einer vor, um mich zu sprechen,
Und dann bedenkt, ob ich zu packen bin.”

„Geh vor denn, Stachelschwanz!” so schrien die Frechen,
Und Einer kam - die Andern blieben stehn -
Und fragte, „wie er wag', hier einzubrechen?”

„Wie,” sprach mein Meister, „würdest du mich sehn,
Wie würd' ich wagen, je hier einzudringen,
Wär' ich auch sicher, euch zu widerstehn, 81

Wenn's Gott und Schicksal also nicht verhingen?
Drum laß mich ziehn, der Himmel will, ich soll
Als Führer Einen durch die Hölle bringen.”

Die Haken warf, da dieses Wort erscholl,
Der Stolze hin, von jäher Furcht durchschauert,
Und rief: „Gesellen, still, laßt euren Groll.”

„Du, der dort zwischen Felsenstücken kauert,”
Rief nun mein Meister, „eile zu mir her,
Da jetzt kein Feind mehr auf dem Wege lauert.” 90

Und vorwärts trat ich, und kam schnell daher,
Doch sah ich vorwärts auch die Teufel fahren,
Als gelte nichts die Uebereinkunft mehr;

Und war voll Schrecken, wie Caprona's Schaaren,
Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah,
Als sie die Festung übergeben, waren.

Fest drängt' ich mich an meinen Führer da,
Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen,
Aus denen ich nichts Gutes mir ersah. 99

Und diese Rede hört ich zwischen ihnen:
„Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? sprich!”
Der Andre: „Ja, du magst ihn nur bedienen!”

Doch jener Geist, der mit dem Meister sich
Besprochen, wandte schleimig sich zurücke.
Und rief: „Still, Raufbold, ruhig halte dich.”

Und dann zu uns: „Auf diesem Felsenstücke
Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund
Liegt längst zertrümmert schon die sechste Brücke. 108

Und wollt ihr fort, so geht durch diesen Schlund,
Dann seht ihr vorwärts einen Felsen ragen,
Und kommt darauf bis zu dem nächsten Rund.

Denn gestern, um euch alles anzusagen,
Wars just zwölfhundert sechs und sechszig Jahr,
Seit jenen Weg ein Erdenstoß zerschlagen.

Dorthin entsend' ich ein'ge meiner Schaar,
Um Sündern, die sich lüften, nachzuspüren;
Mit ihnen geht, und fürchtet nicht Gefahr. 117

Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu rühren!
Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran,
Du, Sträubebart, sollst alle zehen führen.

Auf, Drachenblut, Kratzkrall' und Eberzahn,
Scharfhaker, und auch du, Grimmroth der Tolle,
Und Firlefanz, schickt euch zum Wandern an.

Schaut, wer etwa im Pech' auftauchen wolle,
Doch wißt, daß dieses Paar in Sicherheit
Bis zu der nächsten Brücke reisen solle.” 126

„Ach, guter Meister,” rief ich, „welch Geleit?
Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren,
Und bin mit dir allein zu gehn bereit.

Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gähren,
Wie sie die Zähne fletschen und mit Drohn
Nach uns die tiefgezognen Brauen kehren.”

Und Er zu mir: „Nicht fürchte dich, mein Sohn,
Laß sie nur fletschen ganz nach Gutbedünken,
Sie thun dies nur zu der Verdammten Hohn.” 135

Sie schwenkten dann sich auf dem Damm zur Linken,
Nachdem vorher die Zunge jeder wies,
Hervorgestreckt, dem Hauptmann zuzuwinken,

Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.

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