Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 22
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 22

Oft sah ich Reiter aus dem Lager ziehn,
Die Mustrung machen, in die Feinde brechen,
Auch wohl sich schwenken und zurückefliehn;

Von Streifpartein sah ich in euren Flächen,
Ihr Aretiner, einst euch hart bedrohn;
Sah Festturnier' und große Lanzenstechen;

Trommeten hört' ich, Trommeln, Glockenton,
Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen,
Und fremd' und heimische Signale schon; 9

Doch nimmer hieß ein Tonwerkzeug, dergleichen
Ich hier gehört, das Volk zu Roß und Fuß,
Zu Land und Meer, noch vorgehn oder weichen.

Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdruß,
Doch dacht ich, daß man Säufer in den Schenken,
Und Beter in den Kirchen suchen muß,

Und suchte stets den Blick zum Pech zu lenken,
Um ganz des Orts Bewandtniß zu erspähn,
Und welche Leut' in diese Gluth versänken. 18

Wie die Delphine vor des Sturmes Wehn
Mit den gebognen Rücken oft verkünden,
Zeit seys, sich mit den Schiffen vorzusehn;

So, um Erleichterung der Quaal zu finden,
Taucht' oft ein Sünder-Rücken auf und schwand
Im Peche dann so schnell, wie Blitze schwinden.

Und wie die Frösch' an eines Grabens Rand
Mit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken,
Die Schnautzen nur nach außen hingewandt; 27

So sah man Jen' hervor die Mäuler strecken,
Allein, wenn sie den Sträubebart erschaut,
Sich schleunig in dem heißen Pech verstecken.

Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut,
Nur Einen harren, wie wenn all' entsprangen,
Ein einzler Frosch noch aus dem Pfuhle schaut.

Kratzkralle, der am weit'sten vorgegangen,
Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar,
Und zog ihn auf, wie Angler Fische fangen. 36

Ich wußte schon, wie Jedes Nahme war
Von ihrer Wahl, und, daß mir nichts entfalle,
Nahm ich der Nahmen dann im Sprechen wahr.

„Frisch, Grimmroth, mit den scharfen Klauen falle
Auf diesen Wicht! Er soll geschunden seyn!”
So schrie'n zusammen die Verruchten alle.

Und ich: „Mein Meister, zieh' Erkund'gung ein,
Wie dieser Arme heißt, der in die Klauen
Der Feinde fiel zu Mehrung seiner Pein.” 45

Mein Führer bat ihn nun, ihm zu vertrauen,
Wie seine Heimath heiß' und sein Geschlecht;
„Ich bin gebürtig aus Navarra's Auen.

Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht,
Weil sie von einem Prasser mich empfangen,
Der all sein Gut und auch sich selbst verzecht.

Dann, in den Dienst des Theobald gegangen,
Des guten Königs, trieb ich Gaunerei,
Wofür ich hier im Pech den Lohn empfangen.” 54

Und Eberzahn, aus dessen Munde zwei
Hauzähne ragten, wie aus Schweinefratzen,
Bewies ihm jetzt, wie scharf der eine sey.

Die Maus war in den Krallen arger Katzen,
Doch Sträubebart umarmt' ihn fest und dicht.
Und rief: „Ich halt' ihn, fort mit euren Tatzen.”

Und zu dem Meister kehrt er das Gesicht:
„Willst du, bevor die Andern ihn zerreißen,
Noch etwas fragen, wohl, so zaudre nicht.” 63

Mein Führer: „Sprich, wie andre Sünder heißen,
Dort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?”
Und Jener sprach: „Mir war dort in der heißen

Pechfluth vor kurzer Zeit noch Einer nah!
Was mußt' ich doch darüber mich erheben,
Da ich dort nichts von Klaun und Haken sah!”

„Wir haben's schon zu lange zugegeben!”
Scharfhaker schrie's, und hakt' auf ihn hinein,
Auch blieb ein Stück vom Arm am Haken kleben. 72

Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein,
Allein der Hauptmann blickt' auf seine Schaaren
Im Kreis herum und schien ergrimmt zu seyn.

Da wandte sich, sobald sie stille waren,
Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied
Herniedersah, um mehr noch zu erfahren.

„Wer ists, von dem dein Mißgeschick dich schied,
Als du dich nach der Oberfläch' erhoben?”
„Der von Gallura ists, der Mönch Gomit. 81

Im Trug bestand er all' und jede Proben,
Hielt des Gebieters Feind' in seiner Hand,
Und that mit ihnen, was sie alle loben.

Er nahm ihr Geld, und ließ sie, wie bekannt,
In Frieden ziehn; so wie er sonst in Ehren
Als Herr und König aller Gauner stand.

Viel pflegt er mit Herrn Zanche zu verkehren
Von Logodor - sie schwatzen immerfort,
Als ob sie jetzt noch in Sardinien wären. 90

Ach, seht, wie fletscht die Zähne Jener dort!
Gern spräch' ich mehr, doch würd' er mich kuranzen!
Er droht ja wüthend schon bei jedem Wort.”

Allein der Probst, gewandt zu Firlefanzen,
Deß Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr:
„Verdammter Vogel, wirst du rückwärts tanzen?”

„Willst du”, begann der bange Wicht nunmehr,
„Willst du Toskaner und Lombarden sehen?
Ich schaffe sie dir nach Belieben her, 99

Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen,
Und deren Rache sie nicht zittern macht.
Und ich, ich will nicht von der Stelle gehen,

Und locke doch dir leicht statt Eines, acht,
Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen,
Um anzudeuten, daß kein Teufel wacht.”

Da streckt' ihm Bluthund seine Schnauz' entgegen,
Und schrie kopfschüttelnd: „Hört die Büberei!
Er will ins Pech, sobald wir uns bewegen.” 108

Allein der Sünder, reich an Schelmerei,
Sprach: „Wahrlich, bübisch bin ich wohl zu nennen,
Denn zu der Meinen Unglück trag' ich bei.”

Und Senkflug wollt' ihm den Versuch vergönnen,
Und sprach, mit Jenen uneins: „Senkst du dich,
So werd' ich nicht im Sprunge nach dir rennen,

Nein, übers Pech im Fluge schwing' ich mich.
Wir treten hinter diesen Damm, und sehen,
Ob du wohl mehr vermagst, als die und ich.” 117

Jetzt, Leser, wird ein neuer Tanz entstehen!
Man wandte sich - der erst der Aergste war,
War doch der Erste jetzt, hinabzugehen.

Da nahm den Vortheil der Navarrer wahr,
Stemmt' ein die Füß' und war mit einem Satze
Im Augenblick befreit von der Gefahr.

Dort standen alle mit verblüffter Fratze.
Und jener, der die Schuld des Fehlers trug,
Flog nach, und schrie: „Du bist in meiner Tatze!” 126

Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug.
Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder,
Und rückwärts nahm der Teufel seinen Zug.

So taucht die Ente vor dem Falken nieder,
Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich
Zur Luft empor das sträubende Gefieder.

Eistreter kam, wie Jener sank, sogleich
Im schnellsten Fluge durch die Luft geschossen
Und fiel, erboßt von diesem Narrenstreich, 135

Mit seinen scharfen Klaun auf den Genossen,
Und beide hielten über'm Pech voll Wuth
In wilder Balgerei sich fest umschlossen.

Doch braucht' auch Jener seine Krallen gut,
Und beide stürzten bald zu den Bepichten,
Die sie bewachten, in die heiße Fluth.

Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten,
Doch, ganz bepicht das rasche Flügelpaar,
Vermochten sie es nicht, sich aufzurichten. 144

Und Sträubebart, der sehr betreten war,
Ließ vier der Seinen rasch zu Hülfe fliegen,
Die äußerst schnell mit ihren Haken zwar,

Auf sein Geheiß zum Peche niederstiegen,
Wo Jeder den Besalbten Hülfe bot,
Doch sahn wir sie gekocht im Sude liegen,

Und ließen sie in dieser großen Noth.

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