Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 29
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 29

Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
Sie hatten so die Augen mir berauscht,
Daß sie vom Schaun mir ganz voll Zähren stunden.

Da sprach Virgil: „Was willst du noch? Was lauscht
Und starrt dein Auge so nach diesen Gründen,
Wo's Gräuelbild um Gräuelbild vertauscht?

Nicht also that'st du in den andern Schlünden.
An zwanzig Stunden windet sich dies Thal,
Drum kannst du hier nicht Jegliches ergründen. 9

Schon unter unserm Fuß glänzt Lunens Strahl,
Und wenig dürfen wir uns nur verweilen,
Denn noch zu sehn ist viel' und große Quaal.”

Ich sprach: „Erlaubtest du, dir mitzutheilen,
Welch einen Grund ich hatt', hinabzuspähn,
So würdest du wohl minder mich beeilen.”

Er ging und ich ihm nach, und gab im Gehn
Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde,
Und sprach: „Wohl hab' ich scharf hinabgesehn, 18

Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde
Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr
Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde.”

Mein Meister sprach darauf: „Nicht mache dir
Noch länger Sorg' um diesen Anverwandten;
An Andres denk', Er aber bleibe hier.

Ich sah ihn bei der Brücke den Bekannten
Dich zeigen, und dir mit dem Finger drohn,
Und hörte, wie sie ihn del Bello nannten. 27

Doch du bemerktest eben nichts davon,
Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten.
Als dieser ging, war jener schon entflohn.”

„Weil Rach' und Schwert des Feindes ihn ereilten”
Sprach ich, „und Keiner seinen Tod gerächt.
Von allen denen, so die Kränkung theilten,

Zürnt er auf mich und zürnt auf sein Geschlecht,
Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter,
Und darin, glaub' ich, hat der Arme Recht.”36

Nun folgt' ich hin zum Felsen meinem Leiter,
Zum Felsen, wo man sah' ins nächste Thal,
Wär' irgend nur von Licht die Tiefe heiter.

Doch von der Brück' erschien mit einem Mal,
Der letzte Klosterbann von Uebelsäcken,
Und Mönche waren drin in großer Zahl.

Sie schossen, mir zum Mitleid und zum Schrecken,
Gleich spitzen Pfeilen, Jammertön' heraus,
Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken. 45

Wär' aller Schmerz aus jedem Krankenhaus
Zur Zeit, da wild die Sommergluthen flammen,
Und Valdichiana's und Sardiniens Graus

Und Seuch' und Pest in einem Schlund beisammen,
Nicht ärger wär's als hier, wo Leichenduft
Und Stank und fauler Qualm die Luft durchschwammen.

Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft
Vom langen Felsen niederwärts zur Linken,
Und deutlicher erschien der Schooß der Gruft. 54

Gerechtigkeit, nie irrend, Gottes Winken
Gehorsam stets, bestraft die Fälscher hier,
Die oben rettunslos in Schuld versinken.

Der Ort schien traurig, wie Aegina mir,
Wo alle Menschen vor uralten Tagen
Ja, bis zum kleinsten Wurm jedwedes Thier,

Der pesterfüllten, gift'gen Luft erlagen;
Und aus Ameisenblut dem öden Land,
Wie für gewiß die alten Dichter sagen, 63

Ein neu erschaffnes, frisches Volk entstand.
So zeigte sich dies dunkle Thal den Blicken,
Wo man schichtweise sieche Geister fand,

Den auf des Andern Bauch, den auf dem Rücken.
Ein andrer strebt', auf allen Vieren dort
Auf ekelm Wege krächzend vorzurücken.

Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort,
Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen,
Und horchten auf ihr kläglich Jammerwort. 72

Sich gegenseitig stützend, saßen zweeen,
Wie in der Küche Pfann' an Pfanne lehnt,
Mit Grind bedeckt vom Kopf bis zu den Zehen.

Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt
Und bald sein Tagwert hofft, vollbracht zu haben,
Die Striegel eiligst führt, und öfters gähnt;

So sah ich sie sich mit den Nägeln schaben
Und hier und dort sich kratzen und geschwind,
So gut es ging, ihr wüthend Jücken laben. 81

Und schnell war unter ihren Klaun der Grind
Wie Schuppen von den Barschen abgegangen,
Die unterm Messer schneller Köche sind.

„Du, vor deß Fingern Schien' und Masche sprangen,”
Begann Virgil zu einem von den zwei'n
„Und der du sie auch oft gebrauchst, wie Zangen,

Sprich, fanden sich auch hier Lateiner ein,
Und mögen dich zu kratzen und zu krauen,
Dafür dir ewig scharf die Nägel seyn.” 90

„Lateiner kannst du in uns beiden schauen,”
So sprach der Ein', und stöhnte laut vor Quaal,
„Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen.”

Mein Meister drauf: „Ich muß von Thal zu Thal
Als Führer diesen durch die Hölle bringen,
Der wiederkehrt zum goldnen Sonnenstrahl.”

Da schien das Band, das alle hielt, zu springen;
Nach mir hin wandte zitternd Jeder sich,
Wie sie von dieser Rede Kund' empfingen. 99

Mein guter Meister blickte nun auf mich,
Und sprach: „Du magst sie nach Belieben fragen!”
Dann, als er sich von mir gewandt, sprach ich:

„Soll dein Gedächtniß noch in späten Tagen
Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist
Erhalten seyn, so magst du jetzo sagen,

Wie du dich nennst und deine Heimath heißt?
Und, trotz der ekeln Quaal, nimm dich zusammen,
Daß du in deinen Reden offen seyst.” 108

„Mich zeugt' Arezzo, und den Tod in Flammen
Verschafft' einst Albero von Siena mir,
Doch andrer Grund hieß Minos mich verdammen.

Wahr ists, ich sagt' im Scherz: ins Luftrevier
Verstünd' ich mich im Fluge hinzuschwingen.
Er, klein an Witz, und groß an Neubegier,

Verlangt', in diese Kenntniß einzudringen,
Und nur, weil man ihn nicht als Dädal prieß,
Befahl sein Vater dann, mich umzubringen. 117

Allein ich bin im zehenten Verließ,
Weil ich mich dort der Alchemie ergeben,
Nach Minos Spruch, der nie sich täuschen ließ.”

Zum Dichter sagt' ich: „Sprich, ob man im Leben
So eitles Volk, wie die Sanesen fand?
Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben.”

Der andre Grind'ge, welcher mich verstand,
Rief: „Mag nur Stricca ausgenommen bleiben,
Der all sein Gut so klüglich angewandt; 126

Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben,
Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt,
Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben,

Und jener Klubb, der schön die Zeit gekürzt,
Der Gold, Verstand, Wald, Weinberg, Feld und Auen
Zersplittert hat, und durch den Schlund gestürzt.

Doch daß du wissen magst, auf wen du bauen
Im Kampf mit Siena kannst, so sieh auf mich,
Ja, such' ins Antlitz mir recht scharf zu schauen. 135

Du siehst dann, des Capocchio Geist bin ich,
Metall verfälscht' ich, daß ich Gold erschaffe,
Und, wenn ich dich erkannt, erinnre dich:

Ich war von der Natur ein guter Affe.”

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