Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 30
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 30

Als Juno gegen alles Blut von Theben
Bereits in mancher Art des Zornes Gluth,
Ob Semele's, durch Thaten kund gegeben,

Befiel den Athamas so tolle Wuth,
Daß er ausrief, wie er sein Weib entdeckte,
Auf jedem Arm ein Kind, sein eignes Blut:

„Die Löwin und die Jungen, die sie heckte!
Das Netz gestellt am Furth und aufgepaßt.” -
Und dann nach ihr die wilden Klauen streckte. 9

Dann als er einen, den Learch, gefaßt,
Geschwungen und am Felsenstück zerschlagen,
Sprang sie ins Meer mit ihrer zweiten Last.

Und als das Glück, das alles kühn zu wagen,
Die stolzen Trojer trieb, sein Rad gewandt,
So daß zusammen Reich und Fürst erlagen,

Und Hekuba, gefangen und verbannt,
Geopfert die Polixena erblickte,
Und sie ihr Mißgeschick an Thraciens Strand 18

Zum Leichnam ihres Polidorus schickte,
Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund,
Weil Schmerz den Geist verkehrt' und ganz bestrickte.

Doch nichts in Theben ward noch Troja kund,
Von einer Wuth, die Vieh und Menschen packte,
Wie ich hier sah, wo, mit dem Schaum am Mund,

Ein Paar von Geistern, todtenfahle, nackte,
Vorbrechend, wie aus seinem Stall das Schwein,
Auf Alles mit den grimmen Zähnen hackte. 27

Der eine biß auf den Capocchio ein,
Zog ihn am Halse fort und kratzt' ihm, eben
Nicht säuberlich, den Bauch am harten Stein.

Der Aretiner blieb und sprach mit Beben:
„John Schicchi ists, der tolle Poltergeist,
Der solch ein Schauspiel oft schon uns gegeben.” -

„Wie du geschützt von jenem Andern seyst,”
Entgegnet ich, „so sprich, eh' er entronnen,
Wer dieser Schatten ist, und wie er heißt.” 36

Die Myrrha ists, die schnöden Trug ersonnen,”
Erwiedert' er, „die mehr als sich gebührt
Vor alter Zeit den Vater lieb gewonnen,

Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt,
Weil sie die fremde Form sich angedichtet,
Wie jener, der Capocchio dort entführt,

Weil Simon ihn durchs beste Roß verpflichtet,
Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt
Und so für ihn ein Testament errichtet.” 45

Als nun die Tollen sich vorbei bewegt,
Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen,
Und sah, was sonst der Schlund an Sündern hegt.

Und Einer war der Laute zu vergleichen,
Nur paßt zu diesem Bild die Gabel nicht,
Die jeder Mensch hat, abwärts von den Weichen.

Der Wassersucht schwer lastendes Gewicht,
Ein Glied abmagernd und das andre blähend,
So daß der Wanst dem Antlitz schlecht entspricht, 54

Hielt ihm die beiden Lippen offenstehend,
Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt,
Und lechzend schien er und vor Durst vergehend.

„Ihr die ihr schmerzenlos und unversehrt,
Dies Land durchzieht - wie? weiß ich nicht zu sagen - ”
Begann er nun, „o weilt, und seht und hört

Des Meister Adam jämmerliche Plagen.
Kein Tröpflein labt hier meines Durstes Glühn,
Und dort lebt' ich in Reichthum und Behagen. 63

Die muntern Bächlein, die vom Hügelgrün
Des Casentin zum Arno niederrollen,
Und frisch mit Thau den Blumenbord besprühn,

Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen,
Und nicht umsonst - mehr, als die Wassersucht,
Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen.

Denn die Gerechtigkeit, die mich verflucht,
Treibt durch den Ort, wo ich in Schuld verfallen,
Zu größrer Eile meiner Seufzer Flucht. 72

Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen
Geringren Werths verfälscht das gute Geld,
Weshalb ich dort der Flamm' anheimgefallen.

Doch wäre Guido nur mir beigesellt,
Und jeder, der zum Laster mich verführte,
Ich gäbe drum den schönsten Quell der Welt.

Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürte
Er jüngst den Einen auf in dieser Nacht.
Doch da dies Uebel meine Glieder schnürte, 81

Was hilft es mir? Hätt' ich nur so viel Macht,
Um im Jahrhundert einen Zoll zu gehen,
So hätt' ich schon mich auf den Weg gemacht,

Um mich nach ihm im Thal hier umzusehen,
Mag's auch sich eine halbe Stunde ziehn
Der Breite nach, und in der Runde zehen.

Bei dem Gesindel hier bin ich durch ihn,
Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden
An schlechtem Zusatz drei Karat verliehn.” 90

Und Ich: „Was mochten jene Zwei verschulden,
Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand,
Fest an dir liegend, ihre Straf' erdulden?”

Er sprach: „Sie liegen fest, wie ich sie fand,
Als ich hieher geschneit nach Minos Winken
Und werden ewiglich nicht umgewandt.

Die ist das Weib des Potiphar, zur Linken
Liegt Simon ihr, berühmt durch Troja's Roß.
Im faulen Fieber liegen sie und stinken.” 99

Und dieser letzte, den's vielleicht verdroß,
Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte,
Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoß,

Daß dieser gleich der besten Trommel tönte.
Doch Meister Adam schlug ihm ins Gesicht
Mit dem nicht minder harten Arm, und stöhnte:

„Zwar regen kann ich Leib und Beine nicht,
Doch thut mein Arm noch, wie du eben spürtest,
Gar schnell in voller Freiheit seine Pflicht.” 108

„Als du zum Scheiterhaufen gingst, da rührtest,”
Sprach jener, „du so schnell nicht Arm und Hand,
Doch schneller, da du einst den Stempel führtest.”

Und Adam: „Das ist wahr und sey bekannt!
Allein in Troja hat man kein Exempel
Von großer Wahrheitsliebe dich genannt.”

„Fälscht' ich das Wort, so fälschtest du den Stempel!
Nur eine Schuld hat mich hierher gebracht,
Du aber dientest stets in Satans Tempel.” 117

So Sinon. „Hast du nicht des Rosses Acht,”
Schrie Jener mit dem aufgeschwollnen Bauche.
„Sey zornig nur, die Welt hat dein gedacht.”

Der Grieche: „Zornig sey auf dich die Jauche
Und schwelle stets den Wanst zum Bollwerk dir!
Der Durst, der deine Zung' in Flammen tauche!”

„Zerrissen sey dein schlechtes Maul, voll Gier,”
Sprach drauf der Münzer, „Schändliches zu sagen.
Mir bleibe Durst, mein Wasser bleibe mir, 126

Wenn Dich nur Brand und arges Kopfweh plagen,
Bät' Einer dich: Sauf' aus den ganzen Bach!
Ich denke wohl, du würdest's nicht versagen.”

Ich horchte stumm, was der und Jener sprach,
Da rief Virgil: „Nun, wirst du endlich kommen?
Zu lange sah ich schon der Neugier nach.”

Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen,
Wandt ich voll Schaam zu ihm das Angesicht,
Und fühle jetzt noch mich von Schaam entglommen. 135

Wie man im schreckensvollen Traumgesicht
Zu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge
Und das, was ist, ersehnt, als wär' es nicht;

So bangt' ich, daß mir Schaam das Wort entzöge,
Und ich entschuldigte mit Schweigen mich,
Indem ich glaubte, daß ichs nicht vermöge.”

„Durch mindre Schaam entschuldigt Schlimm'res sich,”
Begann mein Meister drauf, „als du begangen,
Drum gräme jetzt deshalb nicht weiter dich. 144

Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen,
So denke stets, daß ich dir nahe bin,
Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen,

Denn drauf zu horchen zeigt gemeinen Sinn.”

<<< 24-34 zweisprachig Inhalt list operone >>>