Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 32
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 32

O hätt' ich Reime von so heiserm Schalle,
So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus,
Auf welchem ruhn die andern Felsen alle,

Dann drückt' ich, was ich will, vollkommen aus;
Doch, sie nicht habend, geh' ich nur mit Bangen
Jetzt an die Rede, wie zum harten Straus.

Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen,
Der Grund zu singen unsers Weltenalls,
Und nicht mit Kinder-Lallen auszulangen. 9

Doch helft, ihr Fraun, mir, die ihr halfet, als
Amphion einst geschlossen Thebens Mauern,
Dann sing ich, wie die That ist, grausen Schalls.

O schlechtste Brut des Orts, den ich mit Schauern
Beschreiben will, daß ihr im Leben hier
Nicht Schaaf' und Ziegen war't, ist zu bedauern.

Schon in dem dunkeln Brunnen waren wir,
Tief unter des Giganten mächt'gen Füßen,
Der Mauer nah, und noch schaut' ich nach ihr, 18

Da hört' ich diese Stimme mich begrüßen:
„Schau, wie du gehst! Zu treten hüthe dich
Die Häupter armer Brüder, die hier büßen.”

Ich wandte mich, und vor mir zeigte sich
Und unter mir ein festgefrorner Weiher,
Der nur dem Glase, nicht dem Wasser, glich.

Nicht hemmt der Winter mit so dickem Schleier
Der Donau Lauf, und in der längsten Nacht,
Bleibt selbst der kalte Don vom Eise freier. 27

Und wäre der Mont-Blanc mit aller Macht
Darauf gestürzt, nicht hätte nur am Saume
Das Eis geklirrt, geknistert und gekracht.

Wie Abends, wenn die Bäuerin im Traume
Noch Aehren lies't, die Schnauze vorgestreckt,
Der Frösche Volk quäkt aus dem nassen Raume;

So bis dahin, wo sich die Schaam entdeckt,
Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zähne schlagend,
War elend Geistervolk im Eis versteckt, 36

Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend,
Vom Froste mit dem Mund, und von den Weh'n
Des Herzens mit den Augen Zeugniß sagend.

Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn,
Schaut' ich zum Boden hin und sah von oben
Zwei, eng umfaßt, vermischt das Haupthaar, stehn.

„Ihr, die ihr drängend Brust an Brust geschoben,
Wer seyd ihr?” sprach ich - dann, als sie auf mich,
Die Hälse rückend, ihre Blick' erhoben, 45

Sah ich die Augen, feucht erst innerlich,
Von Thränen träufeln, die, noch kaum ergossen,
Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich,

Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen,
Drum stießen sich im Grimme wilden Streits,
Gleich zweien Böcken, diese Quaalgenossen.

Und Einer, der sein Ohrenpaar bereits
Durch Frost verlor, brach, stets gebückt, das Schweigen:
„Was hängst du so am Schauspiel unsres Leids? 54

Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen?
Das Thal, das des Bisenzio Fluth benetzt,
War ihnen einst und ihrem Vater eigen.

Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt
Caina ganz, du findest sicher Keinen
Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt;

Nicht ihn, des Brust und Schatten einst durch einen
Stoß seines Speers durchbohrt des Artus Hand;
Focaccia nicht, noch ihn, des Kopf den meinen 63

So deckt, daß mir die Aussicht gänzlich schwand,
Den, hörst du Sassol Mascheroni nennen,
Du, ein Toskaner, sicher leicht erkannt.

Jetzt hör', um mir nur schleunig Ruh zu gönnen,
Ich, Camicion, erwarte den Carlin,
Und werde neben ihm mich brüsten können.”

Noch sah ich Viele Hundesfratzen ziehn
Vor großem Frost in diesem dunkeln Kreise,
Und schaudre noch vor dem, was mir erschien. 72

Und weiter ging zum Mittelpunkt die Reise,
Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht,
Und selber zittert' ich beim ew'gen Eise.

War's Vorsatz, war's Geschick - ich weiß es nicht,
Genug, es stieß mein Fuß beim Weitergehen
Durch viele Häupter, eins ins Angesicht.

„Was trittst du mich” - so hört' ich's heulend schmähen,
„Rächst du noch schärfer Montapert an mir?
Wenn aber nicht, weswegen ists geschehen? - ” 81

„Mein Meister,” sprach ich, „harr' ein wenig hier,
Denn gern belehrt' ich mich von diesem näher,
Dann folg' ich, wie dir's gut dünkt, eilig dir.”

Still stand, wie ich gewünscht, der hohe Seher,
Und Jener fluchte noch so wild wie erst,
Da sprach ich: „Wer bist du, du arger Schmäher?”

„Und du, der du durch Antenora fährst,”
Sprach er, „wer du, der so stößt Andrer Wangen,
Daß es zu arg wär, wenn du lebend wärst?” - 90

„Ich lebe,” sagt' ich. „Hättest du Verlangen
Nach Ruf, so wird er dir durch mich zu Theil,
Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen.”

Drauf Er: „Ich wünsche nur das Gegentheil,
Drum packe dich. Von einem solchen Tropfe
Empfängt man hier nicht eben großes Heil.”

Ich aber faßt' ihn mit Gewalt beim Schopfe,
Und rief ihm drohend zu: „Gleich nennst du dich,
Sonst bleibt kein einzig Haar auf deinem Kopfe.” 99

Er aber rief mir zu: „Zerzause mich,
Zerstampfe mich, doch sollst du nichts erkunden,
Und nimmer stille deine Neugier sich.”

Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden,
Und ob schon ausgerauft manch Büschel war,
Schaut' er hinab, und bellte gleich den Hunden.

Da rief ein Andrer: „Bocca, nun fürwahr,
Du ließest schon genug die Kiefern klingen,
Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?” 108

„Dich,” rief ich, „mag ich nicht zum Reden zwingen,
Verräther du, allein zu deiner Sehmach
Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen.”

„Erzähle, was du willst, doch hintennach,”
Rief Bocca, „magst du diesen nur nicht schonen,
Der eben jetzo so geläufig sprach.

Sieh ihn für's Gold der Franken hier belohnen,
Und sage, daß Duera da nicht fehlt,
Wo ziemlich kühl und frisch die Sünder wohnen. 117

Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt,
So kannst du auch von Beccheria sagen,
Den jüngst die Florentiner abgekehlt.

Hier kannst du den Soldanier auch erfragen,
Gan, Tribaldello, der Faenza's Thor
Geöffnet, da im Schlaf die Bürger lagen.”

Wir gingen fort, und, etwas weiter vor,
War, Haupt auf Haupt gedrückt, ein Paar zu finden,
Das fest in einem Loch zusammenfror. 126

Und wie man nagt an hartem Brot und Rinden,
So nagt' am Untern der, der oben war,
Da, wo sich Nacken und Gehirn verbinden.

Wie Tydens einst, geweiht dem Tode zwar,
Doch seine Zähn' in Menalipp geschlagen,
So macht es der mit Schädel, Fleisch und Haar.

„O du, der du mit viehischem Behagen
Den Haß an diesem stillst, den du verzehrst,
Weshalb,” begann ich, „magst du dich beklagen? 135

Und wenn du mich von deinem Recht belehrst,
Und wer er sey, und was dein Nagen räche,
So mach' ich, daß du dort zu Ehren kehrst,

Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche.”

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