Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 33
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 33

Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus
Der Sünder jetzt, und wischt' ihn mit den Locken
Des angefreß'nen Hinterkopfes aus.

Er sprach: „Du willst zum Reden mich verlocken?
Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneun,
Bei deß Erinn'rung schon die Pulse stocken?

Doch darf ich hoffen, Saaten auszustreun,
Die Schmach als Frucht für den Verräther bringen,
Nicht Worte werd' ich dann noch Thränen scheun. 9

Zwar, wer du bist, wie dir hierher zu dringen
Gelungen, weiß ich nicht, doch schien vorhin
Wie Florentiner-Laut dein Wort zu klingen,

Drum höre jetzt: ich war Graf Ugolin,
Erzbischof Roger Er, den ich zerbissen.
Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin.

Zwar, daß er mich, der ich auf sein Gewissen
Vertraute, fing durch seinen argen Rath,
Und dann mich tödtete, das wirst du wissen. 18

Doch wie der Tod mir quaalenvoll genaht,
Das weißt du nicht - so hör' es, um zu schauern
Und sprich, ob Haß mir ziemt für solche That.

Ein enges Loch in des Verließes Mauern,
Durch mich beniemt vom Hunger, wo gewiß
Fortan noch manche fest verschlossen trauern,

Es zeigte kaum nach nächt'ger Fiusterniß
Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen
Der dunkeln Zukunft Schleier mir zerriß. 27

Er jagt', als Herr und Meister, durch die Auen
Den Wolf und seine Brut zum Berge hin,
Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen.

Mit Hunden, mager, schnell, von gier'gem Sinn,
Und mit Lanfrank, Gualand und mit Sismunden
Zog dieser vor der wilden Jagd dahin.

Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden,
Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod
Sah ich von scharfen Zähnen sie verwunden. 36

Als ich erwacht' im ersten Morgenroth,
Da jammerten, im Schlafe noch, die Meinen
Die bei mir waren, und verlangten Brot.

Theilst du nicht meinen Schmerz, so theilst du keinen,
Und denkst du, was mein Herz mir kund gethan,
Und weinest nicht, wann pflegst du denn zu weinen?

Schon wachten sie, die Stunde naht' heran,
Wo man uns sonst die Speise bracht', und Jeden
Weht' ob des Traumes Unglücksahndung an. 45

Verriegeln hört' ich unter mir den öden,
Gramvollen Thurm - und ins Gesicht sah ich
Den Kindern allen, ohn' ein Wort zu reden.

Ich weinte nicht, so starrt' ich innerlich,
Sie weinten, und Anselm, mein Kleiner, fragte:
Du blickst so, Vater! ach, was hast du? sprich!

Doch weint' ich nicht, und diesen Tag lang sagte
Ich nichts, und nichts die Nacht, bis abermal
Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte. 54

Als in mein jammervoll Verließ sein Strahl
Ein wenig fiel, da schien es mir, ich fände
Auf vier Gesichtern mein's und meine Quaal;

Da biß ich mich vor Schmerz in beide Hände,
Und Jene, wähnend, daß ich es aus Gier
Nach Speise thät, erhoben sich behende

Und schrie'n: Iß uns, dann leiden minder wir!
Wie wir von dir die arme Hüll' erhalten,
O so entkleid' uns, Vater, auch von ihr. 63

Da sucht' ich ihrethalb mich still zu halten;
Stumm blieben wir den Tag, den andern noch.
Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten?

Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch
Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen:
Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch!

Dort starb er - und so hab' ich sie gesehen,
Wie du mich siehst, am fünften, sechsten Tag,
Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen. 72

Schon blind, tappt' ich dahin, wo jeder lag,
Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen,
Bis Hunger that, was Kummer nicht vermag.”

Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen,
Den Schädel an, den er zerriß, zerbrach,
Mit Zähnen, wie des Hundes, stark für Knochen.

O Pisa, du, des schönen Landes Schmach,
In dem das Si erklingt mit süßem Tone,
Sieht träg dein Nachbar deinen Freveln nach, 81

So schwimme her Capraja und Gorgone,
Des Arno Mund zu stopfen, daß die Fluth
Dich ganz ersäuf' und keiner Seele schone.

Denn, wenn auch Ugolino's Frevelmuth,
Wie man gesagt, die Schlösser dir verrathen,
Was schlachtete die Kinder deine Wuth?

O neues Theben, war an solchen Thaten
Unschuldig nicht das zarte Knabenpaar,
Das ich genannt? nicht Hugo sammt Brigaten? - 90

Wir gingen nun zu einer andern Schaar,
Die, statt, wie jene, sich hinabzukehren,
Das Antlitz aufwärts, eingefroren war.

Die Zähren selber hemmen hier die Zähren,
Drum wälzt der Schmerz, der nicht nach außen kann,
Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren.

Denn, was zuerst dem trüben Aug' entrann,
War zum krystall'nen Klumpen festgefroren,
Und füllte ganz die Augenhöhlen an. 99

Und ob mir gleich an Wangen, Nas' und Ohren
Die Haut vor Frost bedeckt mit Schwielen schien,
Und deshalb jegliches Gefühl verloren,

Doch schien ein schwacher Wind auf mich zu ziehn,
Drum sprach ich: „Herr, wie mag hier Luft sich regen,
Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?”

Und Er: „Du gehst der Antwort schnell entgegen,
Und siehst, wenn wir noch weiter fortgereis't,
Aus welchem Grund die Lüfte sich bewegen.” 108

Da rief ein eisumstarrter armer Geist:
„Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte
Zu dieser letzten Stelle Minos weis't,

Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte,
Damit ich lüfte meines Herzens Weh'n,
Eh' neu die Thräne sich zu Eis verdichte.”

Ich sprach: „Soll dir's nach deinem Wunsch gescheh'n,
So nenne dich, und wenn ich's nicht erzeige,
So will ich selbst zum Grund des Eises gehn.” 117

„Ich bin bekannt durch Frucht von bösem Zweige,”
Erwiedert' er: „bin Bruder Alberich,
Und speise hier die Dattel für die Feige.”

„O,” rief ich; „noch im Leben glaubt' ich dich!”
Und Er: „Nicht weiß ich es, ob noch am Leben
Mein Körper ist? ob er bereits erblich?

Denn Ptolommäa hat den Vorzug eben,
Daß oft hierher die Seele stürzt, eh' ihr
Dazu noch Anstoß Atropos gegeben. 126

Damit du lieber thust, was ich von dir
Gebeten habe, sollst du mehr noch wissen.
Sobald der Geist Verrath übt, wie von mir

Geschehen ist, wird ihm der Leib entrissen,
In dem ein Teufel lebenslang regiert,
Indeß die Seel' in diesen Finsternissen,

Im tiefen kalten Brunnen sich verliert.
Vielleicht ist oben noch der Körper dessen,
Der hinter mir in diesem Eise friert. 135

Kommst du von dort, so magst du's selbst ermessen,
Herr Branca d'Oria ist's, der jämmerlich
Schon manches Jahr im Eise fest gesessen.”

„Ich glaube,” sprach ich, „du betrügest mich,
Denn Branca d'Oria ist noch nicht begraben,
Und ißt und trinkt und schläft und kleidet sich.”

Und Er darauf: „Es konnte jenen Graben,
An dem beim Pech die Schaar von Teufeln wacht,
Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben, 144

Da war sein Leib schon in des Dämons Macht.
So ging's auch dem von d'Oria's Geschlechte,
Der den Verrath zugleich mit ihm vollbracht.

Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte
Und nimm das Eis hinweg” - doch that ich's nicht,
Denn gegen ihn war Schlechtseyn nur das Rechte.

O Genua, Feindin jeder Sitt' und Pflicht,
Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen,
Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht? 153

Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen
Der Euren Einen, für sein Thun belohnt,
Die Seel' in des Cocytus Eis verschlossen,

Deß Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.

<<< 24-34 zweisprachig Inhalt list operone >>>