Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 11
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 11

1   "Oh Vater unser, in den Himmeln wohnend,
2   Du, nimmer zwar von ihrer Schrank' umkreist,
3   Doch lieber bei den ersten Werken thronend,

4   Es preis deinen Namen, deinen Geist,
5   Was lebt, weil deinem süßen Hauch hienieden
6   Der Mensch nur würdig dankt, wenn er ihn preist.

7   Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden,
8   Den keiner je durch eigne Kraft errang,
9   Und der zu uns nur kommt, von dir beschieden.

10   Gleichwie die Engel beim Hosiannasang
11   Ihr Wollen auf das Deine nur beschränken,
12   So opfre dir der Mensch des Herzens Hang.

13   WoII' unser täglich Manna heut uns schenken;
14   Zurückgeh'n ohne dies auf rauher Bahn
15   Die, so am meisten vorzuschreiten denken.

16   Wie wir, was andre Böses uns getan,
17   Verzeih'n, oh so verzeih uns du in Hulden
18   Und sieh nicht das, was wir verdienen, an.

19   Nicht laß die schwanke Kraft Versuchung dulden
20   Vom alten Feinde, sondern mache los
21   Von ihm, des Arglist reizt zu Sünd' und Schulden.

22   Für uns nicht, teurer Herr, für jene bloß
23   Geschieht, tut not die letzte dieser Bitten,
24   Die dort noch sind in unentschiednem Los."

25   So für sich selbst, für uns auch betend, schritten
26   Die Schatten langsam unter schwerer Last,
27   Wie man im Traum oft ihren Druck erlitten,

28   Im ersten Kreise, der den Berg umfaßt;
29   Sie läutern sich vom Erdenqualm und tragen
30   Ungleiche Bürden, matt, doch ohne Rast.

31   Wenn stets für uns dort jene Gutes sagen,
32   Was kann für sie von solchen hier gescheh'n,
33   Die Wurzeln schon im bessern Sein geschlagen?

34   Sie unterstütze treulich unser Fleh'n,
35   Daß sie der Erdenschuld sich bald entringen
36   Und leicht und rein die Sternenkreise sehn.

37   "Euch möge Recht und Huld Erleicht'rung bringen,
38   Um zu dem Ziel, daß euch die Sehnsucht zeigt,
39   Mit freien Flügeln bald euch aufzuschwingen.

40   Ihr aber zeigt uns, wo man aufwärts steigt,
41   Weist uns den Weg, und gibt es mehr als einen,
42   So lehrt uns den, der minder steil sich neigt.

43   Denn dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen
44   Von Adam her bekleidet und beschwert,
45   Muß wider Willen träg im Steigen scheinen."

46   So sprach mein Führer, jenen zugekehrt,
47   Und diese Rede ward darauf vernommen,
48   Doch wußt' ich nicht, von wem ich sie gehört.

49   "Ihr könnt mit uns zur rechten Seite kommen,
50   Dort ist ein Paß, nicht steiler, als der Fuß
51   Des Lebenden schon anderwärts erklommen.

52   Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß
53   Den stolzen Nacken jetzt der Erd' entgegen,
54   So daß ich stets zu Boden blicken muß,

55   So würd' ich nach ihm hin den Blick bewegen,
56   Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
57   Erkenn', und um sein Mitleid zu erregen.

58   Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land,
59   Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte,
60   Erzeugte mich, und ist euch wohl bekannt.

61   Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen machte
62   So übermütig mich und stolz und roh,
63   Daß ich nicht mehr der Mutter aller dachte.

64   Und ich verachtete die Menschen so,
65   Daß ich drum starb, wie die Sanesen wissen
66   Und jedes Kind in Campagnatico.

67   Omberto bin ich; nicht nur mein Gewissen
68   Befleckt der Stolz, er hat auch alle schier
69   Von meinem Stamm ins Elend fortgerissen.

70   Bis ich dem Herrn genugtat, ruht auf mir
71   Die schwere Last, und was ich dort im Leben
72   Nicht tat, daß tu' ich bei den Toten hier."

73   Ich horcht' und ging gesenkten Blicks daneben,
74   Ein andrer aber, unterm Steine, fing
75   sich an zu winden, um den Blick zu heben.

76   Er sah, erkannt' und nannte mich und hing,
77   Kaum fähig, doch den Blick vom Grund zu trennen,
78   An mir, der ganz gebückt mit ihnen ging,

79   "Du Odrisl" rief ich, froh, ihn zu erkennen,
80   Scheinst Gubbios Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein,
81   Die Miniaturkunst die Pariser nennen."

82   "Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderei'n,"
83   Versetzte jener, "Franks, des Bolognesen,
84   Sein ist der Ruhm nun ganz, zum Teil nur mein.

85   So edel war' ich, lebend, nicht gewesen,
86   Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll
87   Damals mein stolzes Herz, mein ganzes Wesen.

88   Fürs solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll.
89   Wo ich, weil ich bereute, durch Beschwerden
90   Von seinem finstern Dampf mich läutern soll.

91   O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden!
92   Wie wenig dauert deines Gipfels Grün,
93   Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden.

94   Als Maler sah man Cimabue blüh'n,
95   Jetzt sieht man über ihn den Giotto ragen,
96   Und jenes Glanz in trüber Nacht erglüh'n.

97   Den Ruhm der Sprache nahm in diesen Tagen
98   Ein Guid' dem andern, und ein andrer lauscht
99   Vielleicht versteckt, auch ihn vom Nest zu jagen.

100   Ein Windstoß nur ist Erdenruhm. Er rauscht
101   Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen,
102   Indem er Seit' und Namen nur vertauscht.

103   Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen,
104   Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist,
105   Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen,

106   Eh' tausend Jahr' entflieh'n? - wohl kürzre Frist
107   Zur Ewigkeit, als zu dem trägsten Kreise
108   Des Himmels deines Auges Blinken ist.

109   Ganz Tuscien scholl einst laut von dessen Preise,
110   Der dort vor mir so träg und langsam schleicht,
111   Jetzt flüstert's kaum von ihm in Siena leise.

112   Dort herrscht' er, als, von dem Geschick erreicht,
113   Fiorenzas Wut erlag, der stolzen, kühnen,
114   Der Stadt, die jetzt der feilen Hure gleicht.

115   Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grünen,
116   Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt,
117   Die erst es mild hervorrief, zu ergrünen."

118   Und ich: "Mir dämpft den Stolz dein wahres Wort
119   Und weiß mir trefflich Demut einzuprägen;
120   Doch sprich: Wer geht so schwer belastet dort?"

121   Silvani," sprach er, "ist es, hier deswegen,
122   Weil sich so weit sein toller Stolz vergaß,
123   Dem freien Siena Ketten anzulegen.

124   Drum ging er so und geht ohn' Unterlaß,
125   Seitdem er starb - der Zoll wird hier erhoben
126   Von jedem, der sich dort zu hoch vermaß."

127   Und ich: "Weilt jeder, welcher aufgeschoben
128   Bis zu dem Rand des Lebens Reu' und Leid.
129   Dort unten erst und dringet nicht nach oben,

130   Wenn ihm nicht Hilfe gläubig Fleh'n verleiht,
131   Bis so viel Jahr', als er gelebt, vergangen,
132   Wie kam denn er herauf in kürzrer Zeit?" -

133   Und er: "Er ist auf Sienas Markt gegangen
134   Zur Zeit, da er den höchsten Ruhm erstrebt,
135   Hat dort gestanden, nicht von Scham befangen,

136   Und, weil sein Freund in Carlos Haft gelebt,
137   Um Hilf ihm und Befreiung zu gewähren,
138   Als Bettler dort an jedem Puls gebebt.

139   Ich red' unklar, doch wird's nicht lange währen,
140   So handelt also deine Nachbarschaft,
141   Daß du vermagst, dir alles zu erklären -

142   Die Tat hat jene Schrank' ihm weggeschafft."

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