Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 12
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 12

1   Gleichmäßig, wie zwei Stier' im Joche zieh'n,
2   Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten,
3   Solang es gut dem süßen Lehrer schien.

4   Doch als er sprach: "Laß ihn, um vorzuschreiten,
5   Hier gilt's. soviel man immer kann, den Kahn
6   Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!"

7   Da richtet' ich mich auf zur weitern Bahn
8   Mit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange
9   Des Geistes Blicke noch zu Boden sahn,

10   Und folgte meinem Hort im regen Drange
11   Der Wißbegier, und beide zeigten wir,
12   Wie leicht wir waren, schon im raschen Gange;

13   Bis daß er sprach: "Zu Boden blicke hier,
14   Um, was dein Fuß beschreitet, zu gewahren,
15   Denn zu des Weges Kürzung frommt es dir."

16   Wie, um der Freund' Erinnrung zu bewahren,
17   Auf ird'schen Gräbern dargestellt erscheint,
18   Was, die drin ruhen, einst im Leben waren,

19   So daß bei diesem Anblick jeder weint,
20   Gereizt vom Schmerz der aufgerißnen Wunde,
21   Der's gut und fromm mit ihnen einst gemeint;

22   So wies der Vorsprung mir, der in der Runde,
23   Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschloß,
24   Manch Bild, doch trefflicher, auf seinem Grunde

25   Ihn, edler, als was je der Erd' entsproß,
26   Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile
27   Des Blitzes hier vom Himmel niederschoß.

28   Dort aber auf des Weges anderm Teile,
29   In starrem Todesfrost und träg und schwer,
30   Lag Briareus, durchbohrt vom Himmelspfeile.

31   Mars, Phöbus, Pallas standen hoch und hehr,
32   Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend,
33   Bewaffnet noch, um ihren Vater her.

34   Am Fuß des großen Werks den Nimrod stehend,
35   Erblickt' ich dann, und wie verwirrt und toll
36   Nach den Genossen seiner Arbeit spähend.

37   Dich Niobe, dich sah ich jammervoll,
38   Hier sieben Kinder tot, dort andre sieben;
39   Wie jedem Aug' ein Tränenstrom entquoll.

40   Saul, du schienst, ins eigne Schwert getrieben,
41   Tot, wie auf Gilboa, das seit der Zeit
42   Von Tau und Regen unbenetzt geblieben.

43   Arachne, Törin, einst voll Eitelkeit,
44   Halb Spinn' itzt, auf den Fetzen vom Gewebe,
45   Das du, o Arme, wobst zu deinem Leid.

46   Rehabeam - es schien, als ob er bebe,
47   Als ob er, statt wie immer sonst, zu droh'n,
48   Im Wagen flüchtig, unverjagt, entschwebe.

49   Man sah Eriphylen und ihren Lohn,
50   Wie teuer das unselige Geschmeide
51   Ihr hier bezahlt ward von dem eignen Sohn:

52   Den Sanherib, den seine Söhne beide
53   Im Tempel töteten voll Frevelmut
54   Und liegen ließen in dem letzten Leide.

55   Des Cyrus Tod und der Tomyris Wut -
56   Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen:
57   Dein Durst war Blut, nun füll' ich dich mit Blut.

58   Dann der Assyrer Heer - es floh, geschlagen,
59   Nach Holofernes' Tod, und hinterdrein
60   Sah man mit grimmer Wut die Feinde jagen.

61   O Ilion, wie niedrig und wie klein!
62   Wohl standest du auf Trojas Fluren dreister
63   Als hier, in Asch' und Schutt, auf dem Gestein!

64   Wer war des Griffels und des Pinsels Meister,
65   Der Formen und Gebärden ausgedrückt
66   Selbst zur Bewunderung der feinsten Geister?

67   Mir schien, wie ich dahinging, tiefgebückt,
68   Was tot war, tot, was lebend war, zu leben,
69   Nicht besser hat's, wer's wirklich sah, erblickt.

70   Stolziert nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben,
71   Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Söhn', er weist
72   Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben! -

73   Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist,
74   Schon war die Sonne weiter fortgegangen,
75   Als ich bemerkt mit dem befangnen Geist;

76   Als er, des Fuß und Seele vorwärts drangen,
77   Begann: "Blick' auf, erhebe Haupt und Sinn!
78   Nicht ist's mehr Zeit, den Bildern anzuhangen.

79   Ein Engel naht - drum blick' empor, dorthin!
80   Schon kehrt, von schnellen Fittichen getragen,
81   Zurück des Tages sechste Dienerin.

82   Schmück' itzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen,
83   Dann führt er wohl mit Freuden uns empor.
84   Denk', nie wird dieser Tag dir wieder tagen."

85   Und da er mich ermahnt schon oft zuvor,
86   Die Zeit zu nutzen, kam es, daß ich nimmer
87   Den Sinn, den solch ein Wort verschloß, verlor.

88   Das schöne Wesen naht' - ein weißer Schimmer
89   War sein Gewand; dem Stern des Morgens war
90   Sein Antlitz gleich an zitterndem Geflimmer.

91   Die Arm' erschloß er, dann das Flügelpaar,
92   Und sprach: "Kommt jetzt, denn nahe sind die Stufen
93   Und leicht erklimmt ihr sie und ohne Fahr.

94   Nur wen'ge nah'n von vielen, die berufen.
95   O Mensch, du fällst bei jedes Windes Weh'n,
96   Du, den zum Aufflug Gottes Händ' erschufen."

97   Bald ließ er uns des Felsen Öffnung sehn.
98   Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flügel
99   Und hieß mich dann gesichert weitergehn.

100   Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zügel
101   So wohl zu führen weiß wie Recht und Pflicht,
102   Am Weg zur Kirche, rechts am steilen Hügel,

103   Den kühnen Schwung des Bergs die Treppe bricht,
104   Die man gebaut in jenen guten Zeiten,
105   Wo sicher war das Maß und das Gewicht;

106   So war der Fels, durch Stufen zu beschreiten,
107   Obwohl er jäh sich senkt als steile Wand,
108   Doch streift man das Gestein von beiden Seiten.

109   Laut klang's, indem ich dort mich aufwärts wand,
110   "Den geistlich Armen Heil!" - mit einem Sange,
111   Wie ich so süß noch keinen je empfand.

112   Wie anders war es hier, als bei dem Gange
113   Ins Höllenreich! Bei Liedern klomm ich auf,
114   Und dort hinab bei wildem Jammerklange.

115   Die heil'gen Stiegen klommen wir hinauf,
116   Und leichter schien mir's hier, emporzukommen,
117   Als erst auf ebner Bahn der leichtste Lauf.

118   Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen,"
119   So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt,
120   "Daß ich fast mühelos emporgeklommen?"

121   Und er: sind diese P, die zwar noch jetzt
122   Dein Antlitz trägt, doch die schon halb verschwunden,
123   Erst, wie das eine, völlig ausgewetzt,

124   Dann wird den Fuß dein Streben überwinden,
125   So daß ihm Klimmen keine Mühe macht,
126   Ja, Wonne wird er dann im Steigen finden."

127   Da tat ich jenen gleich, die, sonder Acht,
128   Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen,
129   Bis sie bemerkt, daß man sich winkt und lacht;

130   Drum sie die Hand gebrauchen, um zu spähen,
131   Mit dieser suchen, finden und damit
132   Zuletzt erschau'n, was nicht die Augen sehen.

133   Denn mit den ausgespreizten Fingern glitt
134   Ich an der Stirne hin, und sieh, vergangen
135   War eins der Zeichen, das der Engel schnitt.

136   Da schwebt' ein Lächeln um des Meisters Wangen.

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