Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 14
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 14

1   "Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht,
2   Eh' ihn der Tod beschwingt - dem, nach Behagen,
3   Das Auge bald sich schließt, bald offen steht?"

4   "Daß er allein nicht ist, das kann ich sagen,
5   Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin,
6   Magst du, damit er red', ihn höflich fragen."

7   So redeten, von mir zur Rechten hin,
8   Zwei Geister dort, sich zueinander neigend,
9   Dann, um zu sprechen, hoben sie das Kinn.

10   "O Seele, die, empor zum Himmel steigend,"
11   Sprach dann der eine, "noch im Körper steckt,
12   O sprich, dich hold und trostreich uns erzeigend,

13   Woher? Wer bist du? Denn solch Staunen weckt
14   Die Gnade, die wir an dir schauen sollen,
15   Wie wenn, was nie gescheh'n, sich uns entdeckt."

16   Und ich: "Ein Fluß, der Falteron' entquollen,
17   Lustwandelt mitten durch das Tuscierland,
18   Dem hundert Miglien Laufs nicht g'nügen wollen.

19   Ich bringe diesen Leib von seinem Strand.
20   Doch sagt' ich, wer ich sei - nicht würd' euch's frommen,
21   Da wenig Ruhm bis jetzt mein Name fand."

22   "Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen,
23   Meinst du den Arno und sein Talgebiet?"
24   So sprach jetzt, der zuerst das Wort genommen.

25   Der zweite sprach darauf: "Warum vermied
26   Er, jenes Flusses Namen zu verkünden,
27   Wie's sonst nur mit Abscheulichem geschieht?"

28   Und jener sprach: "Nicht kann ich dies ergründen,
29   Doch wert des Untergangs ist jenes Wort,
30   Das nur Erinnrung weckt an Schmach und Sünden.

31   Denn von dem Ursprung im Gebirge dort,
32   Von dem sich einst Pelorum trennen müssen,
33   Dort wasserreich, wie sonst an keinem Ort,

34   Bis dahin, wo der Fluß mit ew'gen Güssen
35   Das, was dem Meer die Sonn' entsaugt, ersetzt,
36   Was Nahrung gibt den Bächen und den Flüssen,

37   Wird, sei's durch schlechte Sitt' und Neigung jetzt,
38   Sei's, daß der Ort an einem Fluche leide,
39   Die Tugend, gleich den Schlangen, fortgehetzt.

40   Denn was im Tal, gedrückt von schwerem Leide,
41   Nur irgend wohnt, hat die Natur verkehrt,
42   Als hätt' es mitgeschmaust auf Circes Weide.

43   Zu garst'gen Schweinen, mehr der Eicheln wert
44   Als dessen, was Natur den Menschen spendet,
45   Ist erst sein wasserarmer Lauf gekehrt.

46   Dann, wie er weiter seine Wogen sendet,
47   Trifft er ohnmächt'ge kleine Kläffer an,
48   Von welchen er die Stirn unwillig wendet

49   Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn,
50   Sieht der unsel'ge maledeite Graben
51   Die Hund' an Art sich mehr den Wölfen nah'n.

52   In tiefen Tümpeln scheint er drauf vergraben
53   Und trifft dann Füchs, in List so eingeweiht,
54   Daß sie nicht scheu mehr vor dem Schlau'sten haben.

55   Frei red' ich. Sei der Horcher auch nicht weit,
56   Und gut wird's diesem sein, das zu behalten,
57   Was der wahrhafte Geist mir prophezeit.

58   Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten,
59   Der jene Wölfe so zu jagen weiß,
60   Daß sie vor grauser Todesangst erkalten.

61   Denn er verkauft sie lebend scharenweis,
62   Dann sticht er sie, gleich einem alten Schlachtvieh, nieder.
63   Das Leben raubt er vielen, sich den Preis.

64   Zuletzt verläßt er, blutbespritzt die Glieder,
65   Den Wald gefällt, und ringsum öd und tot,
66   Und tausend Jahr' erneu'n sein Laub nicht wieder."

67   Wie bei Verkündigung zukünft'ger Not
68   Des bangen Hörers Züge sich umschatten,
69   Der sich gefährdet glaubt und rings bedroht,

70   So sah ich jetzo jenen andern Schatten,
71   Der zugehorcht, verstört und bange stehn,
72   Wie seinen Geist erfüllt die Worte hatten.

73   Was ich von dem gehört, von dem gesehn,
74   Mich reizt' es, ihren Namen nachzufragen,
75   Und bittend ließ ich meine Frag' ergehn.

76   Und den, der erst gesprochen, hört' ich sagen:
77   "Du also willst, für dich tun soll ich dies,
78   Was du für mich zu tun mir abgeschlagen?

79   Doch kargen will ich nicht, denn herrlich ließ
80   Gott in dir strahlen seine Huld und Güte.
81   Drum wisse, daß ich Guid del Duca hieß.

82   Von Neid verbrannt war also mein Gemüte,
83   Daß, wenn ich sah, ein andrer sei erfreut,
84   Ich schwarz vor Gall' in bitterm Ingrimm glühte.

85   Hier mäh' ich Saat, die ich dort ausgestreut.
86   O Sterbliche, was müßt ihr das begehren,
87   Was Ausschluß der Genossenschaft gebeut!

88   Der hier ist Rainer, der zu Preis und Ehren
89   Das Haus von Calboli gebracht, des Mut
90   Und Kraft und Wert die Erben ganz entbehren.

91   Denn alle sieht man jetzt aus seinem Blut
92   Das Schlechte tun, das Rechte träg versäumen,
93   Und zwischen Po, Berg, Ren und Meeresflut

94   Sieht man's nur sprossen noch in gift'gen Bäumen,
95   Und keinem Gärtner glückt's, der schlechten Art
96   Wildwucherndes Gewürzel wegzuräumen.

97   Wo mag der wackre Licio, wo Manard,
98   Wo Traversar, wo Guid Carpigna bleiben?
99   Ist jeder Romagnol heut ein Bastard?

100   Ein Schmied muß in Bologna Äste treiben,
101   Und in Faenza jetzt ein Bernardin,
102   Der edle Sproß aus niederm Keim, bekleiden!

103   Nicht staune, Tuscier, daß ich traurig bin,
104   Wenn ich des Guid von Prata noch gedenke,
105   Und des, der mit uns war, des Ugolin.

106   Dann auf Tignoso die Erinnrung lenke,
107   Auf Traversars und Anastasens Haus,
108   Und über den enterbten Stamm mich kränke;

109   Auf Ritter, Frau'n, auf Ruhe, Müh' und Strauß,
110   Was wir aus Lieb' und Edelsinn begannen,
111   Wo jetzt die Herzen sind voll Tück' und Graus.

112   Brettinoro, fliehst du nicht von dannen,
113   Da, um zu flieh'n Verderben, Schand und Hohn,
114   Die Guten allesamt aus dir entrannen!

115   Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn!
116   Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben
117   Dich solche Grafen, wie du zeugst, bedrohen!

118   Gut handeln einst, wird erst ihr Dämon sterben,
119   Faenzas Herr'n, doch nimmer werden sie
120   Des Ruhmes reines Zeugnis sich erwerben.

121   Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie
122   Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen,
123   Da dir das Schicksal keinen Sohn verlieh.

124   Doch jetzt, Toskaner, geh; denn nicht zum Sprechen,
125   Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land,
126   Und preßt mein Herz durch Untat und Verbrechen."

127   Durchs Ohr ward jenen unser Gehn bekannt,
128   Drum wußten wir, da sie es schweigend litten,
129   Daß wir uns auf den rechten Weg gewandt.

130   Indem wir einsam nun von dannen schritten,
131   Scholl eine Stimm' uns zu, eh wir's gedacht,
132   Gleich einem Blitze, der die Luft durchschnitten:

133   Mich tötet, .wer mich trifft! Sie rief's mit Macht
134   Und floh im schnellen Flug dann und verhallte,
135   Dem Donner gleich, der aus den Wolken kracht.

136   Und wie sie kaum an uns vorüberwallte,
137   Braust' eine zweite schon an unser Ohr,
138   Die schrecklich, wie ein zweiter Donner schallte:

139   Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror!
140   Und als ich an Virgil mich drängen wollte,
141   Schritt ich vor großer Angst zurück, nicht vor.

142   Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte,
143   Da sprach Virgil: "Dies ist der harte Zaum,
144   Der auf der rechten Bahn euch halten sollte.

145   Doch winkt des alten Feindes Köder kaum,
146   So laßt ihr euch in seinem Hamen fangen,
147   Gebt nicht dem Rufe, nicht dem Zügel Raum.

148   Euch rufend, hält der Himmel euch umfangen,
149   Der, ewig schön, rings seine Kreise zieht,
150   Doch euer Blick bleibt an der Erde hangen,

151   Und deshalb schlägt euch der, der alles sieht."

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