Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 20
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 20

1   Schwer kämpft der Wille gegen bessern Willen,
2   Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund,
3   Weil er es wünscht', ohn' erst den Durst zu stillen.

4   Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund
5   Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade,
6   Gleich engem Steg am Mauerzinnenrund.

7   Denn jene Schar, die sich im Tränenbade
8   Vom Übel, das die Welt erfüllt, befreit,
9   Versperrt' uns mehr nach außen hin die Pfade.

10   Du alte Wölfin, sei vermaledeit!
11   Kein Tier erjagt sich Beute gleich der deinen,
12   Doch bleibt dein Bauch noch endlos hohl und weit.

13   O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen,
14   Der Erde Sein und Zustand wandeln soll,
15   Wann wird der Held, der sie vertreibt, erscheinen?

16   Wir gingen langsam fort und mühevoll
17   Ich, horchend, als aus jener Schatten Mitte
18   Ein jammervoller Klageton erscholl.

19   "Maria, Süße!" klang's vor meinem Schritte,
20   Und wie ein kreißend Weib zu jammern pflegt,
21   So kläglich schien der Ruf der frommen Bitte.

22   "Du warst so arm!" so sagt' es dann bewegt,
23   "Der Armut sehn wir jene Kripp' entsprechen,
24   In welche du die heil'ge Frucht gelegt."

25   "Fabricius, Wackrer!" hört' ich's weiter sprechen,
26   "Tugend mit Armut schien dir mehr Gewinn
27   Als der Besitz des Reichtums mit Verbrechen."

28   Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn,
29   Und um zu sehn, wer von den Felsenbänken
30   Sie ausgesprochen, wandt' ich mich dahin.

31   Und weiter sprach er noch von den Geschenken,
32   Die Nikolaus gemacht den Mägdelein,
33   Um sie zum Weg der Ehre hinzulenken.

34   "O Geist, der du so wohl sprichst," fiel ich ein,
35   "Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde
36   Erneust du hier so würd'ges Lob allein?

37   Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde,
38   Kehr' ich zurück zum Rest der kurzen Bahn
39   Des Lebens, das da eilt zur letzten Stunde."

40   Und er: "Nicht will von dort ich Hilf empfah'n,
41   Doch red' ich, denn mir strahlt im hellen Lichte
42   Die Huld, die Gott dir vor dem Tod getan.

43   Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte
44   Umschattung hüllt die ganze Christenheit,
45   Von dem man selten nur pflückt gute Früchte.

46   Doch wäre schon die Rache nicht mehr weit,
47   Wenn Macht Gent, Brügge, Lille und Douai hätten,
48   Auch bitt' ich drum des Herrn Gerechtigkeit.

49   Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten,
50   Philipp' und Ludwige, die auf den Thron
51   Des schönen Frankreichs jetzt sich üppig betten.

52   Als ich lebt' in Paris, ein Metzgersohn,
53   Erstarb der Königsstamm in allen Zweigen,
54   Und nur noch einer lebt' in Schmach und Hohn;

55   Da macht' ich mir des Reiches Zaum zu eigen,
56   Und so vermehrt' ich meine Macht alsdann,
57   So sah ich sie durch Land und Freunde steigen,

58   Daß den verwaisten Thron mein Sohn gewann,
59   Von welchem nach dem Walten ew'ger Mächte
60   Die Reihe der Gesalbten dort begann.

61   Bis der Provence Mitgift dem Geschlechte
62   Der Meinen nicht die heil'ge Scham entriß,
63   Galt's wenig zwar, allein vermied das Schlechte.

64   Seitdem verübt' es Tat der Finsternis,
65   Log, raubt' und stahl, worauf's, aus Reu' und Buße,
66   Die Normandie und Ponthieu an sich riß.

67   Karl kam nach Welschland, und, aus Reu' und Buße,
68   Köpft' er den Konradin und sandte drauf
69   Den Thomas heim zu Gott, aus Reu' und Buße.

70   Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf,
71   Denn besser sollt ihr seine Sitt' erkennen
72   Und seines Stammes Art, aus Frankreich auf.

73   Zur Rüstung wird er nicht sich Zeit vergönnen,
74   Und nur mit Judas Lanze, so, daß dir,
75   Florenz, der Wanst platzt, in die Schranken rennen.

76   Nicht Land, nur Sünd' und Schmach gewinnt er hier.
77   Und trägt er sie gar leicht und unbefangen,
78   So wird er einst noch mehr gedrückt von ihr.

79   Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen,
80   Verschachert, wie die Sklavin der Korsar,
81   Die Tochter, um das Kaufgeld zu empfangen.

82   Ach, was vermagst nicht du, o Geiz! Sogar
83   Sein eignes FIeisch beut, schmählich überwunden
84   Von deiner Macht, mein Blut zum Kaufe dar.

85   Doch ist der Frevel schon in nichts verschwunden;
86   Ich seh' Alagna, wo die Lilie weht!
87   Seh' im Statthalter Christum selbst gebunden.

88   Seh' ihn drauf verspottet und geschmäht!
89   Seh' ihn aufs neue Gall' und Essig schmecken!
90   Seh' ihn, der unter Räubern dann vergeht!

91   Den grimmigen Pilatus seh' ich schrecken
92   Und, noch nicht satt, ihn, ohne Kirchenschluß,
93   Die gier'ge Hand nach Kirchengütern strecken.

94   Gott, was säumt dein Rächerarm? Was muß
95   So lang' an mir gerechter Unmut nagen?
96   Die Frevler strafend, stille den Verdruß! -

97   Du hörtest mich vorhin von jener sagen,
98   Die einzig ist des Heil'gen Geistes Braut,
99   Und dies beweg dich, nach dem Grund zu fragen.

100   Von ihr erklingt das Flehen leis und laut
101   Beim Tageslicht, doch von den Gegensätzen
102   Tönt unsre Klage, wenn die Nacht ergraut.

103   Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen,
104   Der ein Verwandtenmörder ward, ein Dieb
105   Und ein Verräter aus Begier nach Schätzen;

106   Des Midas, der so lang im Elend blieb,
107   Das jedem, der ihn sah, weil's ihn nicht freute,
108   Als er die Gier gestillt, zum Lachen trieb;

109   Des tollen Achan auch, des Diebs der Beute,
110   Der, wie es scheint, noch hier nicht tragen kann
111   Des Josua Zorn, der ihm im Leben dräute.

112   Sapphiren tadeln wir und ihren Mann
113   Und loben den, der hinwarf Heliodoren;
114   Den ganzen Berg umkreist mit Schande dann

115   Polynestor, der totschlug Polydoren.
116   Zuletzt erklingt es: Crassus, sprich, wie schmeckt
117   Das Gold, das du zur Lieblingsspeis' erkoren?

118   Der redet laut, der leis und unentdeckt,
119   Je wie der Drang des Leids, das wir erproben,
120   Uns minder oder mehr erregt und weckt.

121   Ich sprach vom Heil, das wir am Tage loben,
122   Hier nicht allein, nur daß zu lautem Klang,
123   Die mir hier nah sind, nicht die Stimm' erhoben."

124   Wir richteten nun vorwärts unsern Gang,
125   Nachdem wir diesen Schatten kaum verlassen,
126   So schleunig, als es nur der Kraft gelang.

127   Da aber zitterten des Berges Massen,
128   Als stürz' er hin, und Furcht erfaßte mich,
129   Wie sie den, der zum Tod geht, pflegt zu fassen.

130   Nicht schüttelte so heftig Delos sich,
131   Eh, beide Himmelsaugen zu gebären,
132   Dorthin zum sichern Nest Laton' entwich.

133   Rings braust' ein Ruf, um meine Furcht zu mehren,
134   Doch näher trat zu mir mein Meister da:
135   "Ich führe dichl - was magst du Sorgen nähren?"

136   Und könnt' ich aus den Stimmen, die mir nah ?
137   Erklangen, recht das ganze Lied verstehen,
138   Klang's: Deo in excelsis gloria!

139   Wir blieben staunend, gleich den Hirten, stehen,
140   Die diesen Sang zum erstenmal gehört,
141   Und ließen Erdenstoß und Lied vergehen.

142   Doch dann, zum heil'gen Weg zurückgekehrt,
143   Sahn wir die Schatten, die am Boden lagen,
144   Schon wieder vom gewohnten Leid beschwert.

145   Noch nie bekämpften sich mit solchen Plagen
146   In mir Unwissenheit und Wißbegier,
147   Mag ich auch forschend die Erinnrung fragen:

148   Wonach ich grübelnd je gespäht? - wie hier.
149   Nicht fragen dürft' ich, denn er ging von hinnen,
150   Und nichts erklären könnt' ich selber mir;

151   So ging ich schüchtern fort in tiefem Sinnen.

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