Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 22
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 22

1   Schon hinter uns geblieben war der Engel,
2   Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt
3   Und mir getilgt ein Zeichen meiner Mängel.

4   Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt,
5   Sie riefen: "Heil dem Dürstenden!" und schwiegen,
6   Und ohne weitres war ihr Sinn erklärt.

7   Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen,
8   Ging aufwärts, den behenden Geistern nach,
9   Und sonder Mühe ward der Kreis erstiegen.

10   "An Lieb', entzündet von der Tugend," sprach
11   Mein Meister nun, "ist andre stets entglommen,
12   Wenn sichtbar nur hervor die Flamme brach.

13   Darum, seit Juvenal hinabgekommen
14   Zum Höllenvorhof, und mit uns vereint,
15   Von dem ich, wie du mich geliebt, vernommen,

16   War ich in Liebe dir so wohlgemeint,
17   Wie wir sie selten Niegesehnen weihen,
18   So, daß nun kurz mir diese Stiege scheint.

19   Doch sprich und wolle mir als Freund verzeihen,
20   Löst mir zu große Sicherheit den Zaum,
21   Und wolle Kunde mir als Freund verleihen:

22   Wie fand der Geiz doch - ich begreif es kaum -
23   Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben
24   Errungen hat, in deinem Busen Raum?"

25   Hier sah ich Lächeln jenes Mund umschweben,
26   Dann sprach er: "Jedes Wort aus deinem Mund,
27   Zeugt's nur von Liebe, muß mir Freude geben.

28   Oft werden uns von außen Dinge kund,
29   Die falsche Zweifel in der Seel' erregen,
30   Weil tief verborgen ist ihr wahrer Grund.

31   Du scheinst - die Frage zeigt's - den Wahn zu hegen,
32   Daß mich der Geiz auf Erden einst geplagt,
33   Vielleicht weil ich in diesem Kreis gelegen.

34   Jetzt wisse, daß ich ihm zu sehr entsagt,
35   Und dieses Unmaß hab' ich hier in Schlingen
36   So viele tausend Monden lang beklagt.

37   Dort unten müßt' ich, Steine wälzend, ringen,
38   Hätt' ich dein zürnend Warnen nicht gehört:
39   Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen.

40   Verfluchter Durst nach Gold, der uns betört! -
41   Die ernste Mahnung hört' ich dich verkünden
42   Und ward aus eitlen Träumen aufgestört.

43   Daß nur zu offen meine Hände stünden,
44   Dies ward mir nun in meinem Geiste klar,
45   Mit Reu' ob dieser und der andern Sünden.

46   Wieviel' erstehn einst mit verschnittnem Haar,
47   Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, daß Sühne
48   Durch Reu' auch diesem Fehler nötig war.

49   Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Bühne
50   Sich einer andern g'rad' entgegensetzt,
51   Verliert zugleich mit ihr hier ihre Grüne.

52   Drum sahst du mich bei jenen Scharen jetzt
53   Der Reuigen, die einst der Geiz bezwungen;
54   Drum hat das Gegenteil mich herversetzt."

55   "Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen.
56   Die Jokasten Gram zu Gram gefügt,"
57   Sprach jener, dem das Hirtenlied gelungen,

58   "War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht trügt,
59   Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet,
60   Bei dessen Mangel keine Tugend g'nügt.

61   Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet,
62   Welch irdisch Licht, daß du an deinem Kahn
63   Die Segel dann, dem Fischer nach, gerichtet?"

64   Und er: "Du zeigtest mir zuerst die Bahn
65   Zu dem Parnaß und seinen süßen Quellen
66   Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nah'n.

67   Dem, der bei Nacht geht, warst du gleichzustellen,
68   Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht,
69   Um hinter ihm die Straße zu erhellen,

70   Indem du sprachst: Erneuert wird die Zeit,
71   Ich seh' ein neu Geschlecht vom Himmel steigen
72   Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit.

73   Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen,
74   Durch dich ward ich den Christen beigeseIIt;
75   Wie? Soll sich dir in klarem Bilde zeigen.

76   Vom wahren Glauben schwanger war die Welt
77   Schon überall; es streuten diesen Samen
78   Die Boten ew'gen Reichs ins weite Feld.

79   Mit deinem oft berührten Worte kamen
80   Die neuen Pred'ger sämtlich überein,
81   Drum folgt' ich denen, die ihr Wort vernahmen.

82   Sie schienen mir so heilig und so rein -
83   Und als sie Domitian verfolgte, machten
84   Mich weinen ihre Klag' und ihre Pein.

85   Und ihnen beizustehn war all mein Trachten,
86   Da mir so redlich ihre Sitt' erschien;
87   All andre Sekten mußt' ich drum verachten.

88   Eh' dichtend, ich an Thebens Flüsse zieh'n
89   Die Griechen ließ, hatt' ich die Tauf empfangen,
90   Obwohl ich äußerlich als Heid' erschien,

91   Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen;
92   Und ob der Lauheit hab' ich mehr als vier
93   Jahrhunderte den vierten Kreis umgangen.

94   Sprich jetzo du, der du den Schleier mit
95   Gehoben hast vom Heile, das ich preise,
96   Denn Zeit genug beim Steigen haben wir:

97   Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise,
98   Cäcilius, Plautus? - sprich, ich bitte sehr,
99   Ob sie verdammt sind und in welchem Kreise?"

100   "Sie, ich und mancher sonst," erwidert' er,
101   "Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten,
102   Den Musenmilch getränkt, wie keinen mehr,

103   Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten;
104   Oft sprachen wir von jenem Berge schon,
105   Wo unsre süßen Nährerinnen walten.

106   Dort ist Euripides, Anakreon
107   Mit vielen Griechen, die der Lorbeer krönte,
108   Mit dem Simonides und Agathon.

109   Auch sie, von welchen einst dein Lied ertönte,
110   Antigone, Ismene, so gebeugt,
111   Wie einst, da sie um den Verlobten stöhnte.

112   Auch jene, die das Kind, das sie gesäugt,
113   Rückkehrend von Langia, tot gefunden,
114   Und Daphne, von Tiresias erzeugt."

115   Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden,
116   Vom Steigen frei und von der Felsenwand,
117   Und sah'n umher, das Weitre zu erkunden.

118   Die fünfte Dienerin des Tages stand
119   Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten,
120   Der Deichsel FIammenspitz' emporgewandt.

121   "Wir kehren, denk' ich, unsre rechten Seiten",
122   Begann mein Herr, "zum freien Rande hin,
123   Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten."

124   So ward Gewohnheit unsre Führerin;
125   Auch Statius winkte Beifall dem Genossen,
126   Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn,

127   Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen,
128   Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort,
129   Die meinem Geist der Dichtung Tief' erschlossen.

130   Doch machte bald der Dichter süßes Wort
131   Ein Baum mit würzig duft'gen Äpfeln schweigen.'
132   Inmitten unsers Weges stand er dort;

133   Und wie die Tann' aufwärts, von Zweig zu Zweigen
134   Sich enger abstuft, so von Sproß zu Sproß
135   Er niederwärts, erschwerend das Ersteigen.

136   Auf jener Seite, wo der Weg sich schloß,
137   Fiel klares Naß vom hohen Felsensaume,
138   Das auf die Blätter sprühend sich ergoß.

139   Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume,
140   Aus dessen Zweigen eine Stimm' erscholl:
141   "Die Speise hier wird teuer eurem Gaume."

142   "Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll
143   Sie auszurichten, galt Marias Sinnen,
144   Nicht ihrem Mund, der für euch sprechen soll. ,

145   Nur Wasser tranken einst die Römerinnen;
146   Nicht Königskost hat Daniel gewollt,
147   Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen.

148   Die Urzeit war so schön wie lautres Gold,
149   Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen
150   Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt.

151   Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen
152   Der Täufer in der Wüste nicht verschmäht,
153   Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen,

154   Wie's offenbart im Evangelium steht."

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