Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 24
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 24

1   Nicht hemmt' uns Gehn im Reden, Red' im Gehn;
2   Der Lauf ging beim Gespräch so rasch vonstatten,
3   Wie eines Schiffs bei guten Windes Weh'n.

4   Und die, wie's schien, zweimal gestorbnen Schatten,
5   Sie sogen Staunen durch die Augen ein,
6   Da sie bemerkt mein irdisch Leben hatten.

7   "Wohl eil'ger", sprach ich weiter, "würd' er sein,
8   Zum Platz zu zieh'n, der dort ihm angewiesen,
9   War' er nicht aufgehalten von uns zwei'n.

10   Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen,
11   Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht,
12   Ward durch den Ruf im Leben einst gepriesen?"

13   "Sie, meine Schwester, einst so schön als gut,
14   Trägt dort, wo wir das ew'ge Licht erkennen,
15   Die Krone des Triumphs mit heiterm Mut."

16   Sprach's, und darauf: "Hier darf man alle nennen,
17   Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt,
18   Würd' einer sonst den andern nimmer kennen.

19   Sieh dort" - er sprach's, den Finger hingekehrt -
20   "Den Buonagiunta; sieh dort den Erblaßten,
21   Vom Hunger mehr als jeden sonst, verheert,

22   Des Arme dort die heil'ge Kirch' umfaßten.
23   Er war von Tours und büßt hier manchen Schmaus
24   Von weinersäuften Aal mit schwerem Fasten."

25   Noch wählt' er manchen von der Schar heraus
26   Und nannt' ihn mir, was jeden sehr erfreute,
27   Und keiner sah drum trüb und finster aus.

28   Ich Sah den Bonifaz, der viel Leute
29   Mit Pfründenfett geatzt; den Ubaldin,
30   Der an den Zähnen selbst vor Hunger käute;

31   Sah den Marchese, den, trotz allem Zieh'n
32   Aus seinem Krug, der Durst nur ärger brannte,
33   Und dem der Mund beständig trocken schien.

34   Doch wie, wer viel sah, eins nur wählt. So wandte
35   Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt,
36   Der, wie es schien, mich dort am besten kannte.

37   Er murmelt' in sich, und von seinem Mund,
38   An dem sich hier der Schlemmer Sünden rächen,
39   Ward etwas wie das Wort Gentucca kund.

40   Ich sprach: "Der du das Schweigen abzubrechen
41   So lüstern scheinst, sprich so, daß man's versteht,
42   Und dich und mich befriedige dein Sprechen."

43   Drauf er: "Ein Weib, das noch entschleiert geht,
44   Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen,
45   So sehr man diese Stadt auch immer schmäht.

46   Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen,
47   Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit
48   Wird dir die Wirklichkeit er klarer sagen.

49   Doch sprich, erblick' ich den in meinem Leid,
50   Der jene neuen Weisen fand, beginnend:
51   Ihr Frau'n, die ihr der Liebe kundig seid."

52   Drauf ich: "Dem Hauch der Liebe lausch' ich sinnend;
53   Was sie mir immer vorspricht, nehm' ich wahr
54   Und schreib' es nach, nichts aus mir selbst ersinnend."

55   "Die Schlinge, Bruder," sprach er, "seh' ich klar,
56   Die von dem neuen süßen Stil gehalten
57   Mich diesseits hat, Guitton' und den Notar.

58   Ich seh', ihr lasset nur die Liebe walten,
59   Und eure Feder folgt, wie sie gebeut,
60   Wir aber ließen sie nicht also schalten.

61   Wer, Beifall suchend, keck sie überbeut,
62   Gibt Schwulst, statt des, was euch Natur verliehen."
63   Er schwieg und schien befriedigt und erfreut.

64   Wie Vögel, die zum Nil im Winter ziehen,
65   Sich oft versammeln in gedrängtem Hauf
66   Und schneller dann in Streifen weiterfliehen;

67   So machten alle dort sich wieder auf,
68   Die, abgewandt, sich eilig fort begaben,
69   Durch Magerkeit und Willen leicht zum Lauf.

70   Und gleich wie einer, atemlos vom Traben,
71   Die andern läßt, um ganz gemach zu gehn,
72   Bis ausgeschnauft die heißen Laugen haben,

73   So war es mit Forese jetzt gescheh'n;
74   Er, hinter mir, ließ zieh'n die heil'ge Herde
75   Und sprach: "Wann werd' ich wohl dich wiedersehn?"

76   "Nicht weiß ich es. Doch glaub' ich, daß der Erde",
77   Versetzt' ich, "nicht so schnell mein Geist entfleugt,
78   Als ich nach diesem Strand mich sehnen werde.

79   Denn seh' ich dort den Ort, der mich erzeugt,
80   Tagtäglich mehr vom Guten sich entblößen
81   Und jämmerlich bereits zum Sturz gebeugt!"

82   Und er: "Jetzt geh, den Stifter alles Bösen
83   Seh' ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort,
84   Von welchem Reu' und Tränen nie erlösen.

85   Stets schneller geht der Lauf des Tieres fort,
86   Und endlich läßt's den Leib des Jammervollen
87   Zerstampft, entstellt, ein widrig Scheusal, dort.

88   Nicht lange werden diese Kreise rollen"
89   -Zum Himmel blickt er auf - "und klar wird dir,
90   Was dämmernd nur mein Wort dir zeigen sollen.

91   Du bleibe jetzt; die Zeit ist teuer hier,
92   Und daß ich gleichen Schritts mit dir gegangen,
93   Dies kostet mich bereits zuviel von ihr."

94   Wie einer, wenn die Reiter vorwärts drangen,
95   Hervorsprengt aus der Reih', in der er ritt,
96   Den Ruhm des ersten Angriffs zu erlangen,

97   So trennt' er sich von uns mit größerm Schritt,
98   Indes ich hinter ihm mit meinem Horte
99   Und mit dem andern Meister weiterschritt.

100   Schon war er vor uns an so fernem Orte,
101   Daß ihm mein Blick dahin durch weiten Raum,
102   Wie die Erinnrung folgte seinem Worte;

103   Als wir voll Obstes einen andern Baum
104   Mit üppigem Gezweig nicht fern entdeckten,
105   Da wir uns bogen um des Kreises Saum.

106   Und Leute, die hinauf die Hände streckten,
107   Schrien auf zum Laub, das in die Lüfte steigt,
108   Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten,

109   Die bitten, während der Gebetne schweigt,
110   Und, um zu schärfen die Begier, ihr Sehnen
111   Hoch hinhält und es frei und offen zeigt.

112   Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Wähnen;
113   Wir aber schritten zu dem Baum heran,
114   Der alle Bitten abweist, alle Tränen.

115   "Vorüber schreitet, denn ihr dürft nicht nah'n!
116   Der Baum, der Even reizt', ist weiter oben.
117   Von ihm hat dieser seinen Keim empfah'n."

118   So sprach, ich weiß nicht wer, vom Baume droben,
119   Weshalb Virgil mit Statius, engverschränkt,
120   Und mir hinging, wo sich die Felsen hoben.

121   "An die verfluchten Wolkensöhne denkt,"
122   Sprach's, "die dem Theseus mit den Doppelbrüsten
123   Im Kampf getrotzt, von zuviel Wein getränkt.

124   An die Hebräer denkt und ihr Gelüsten,
125   Und denkt, weshalb verschmäht hat Gideon,
126   Mit ihnen gegen Midian sich zu rüsten."

127   So gingen wir, dem Felsen nah, davon,
128   Und hörten aus des Laubs geheimer Regung
129   Des Gaumens Schuld und ihren schlechten Lohn.

130   Dann aber ging's mit freierer Bewegung
131   Auf breitem Pfad an laufend Schritte fort,
132   Und jeder schwieg in sinniger Erwägung.

133   "Was geht ihr drei so ernst erwägend dort?"
134   Rief's plötzlich nun, ich aber fuhr zusammen,
135   Gleich einem scheuen Roß, bei diesem Wort.

136   Mein Haupt kehrt' ich dorthin, woher zu stammen
137   Die Rede schien, und sah in rotem Schein
138   Glas und Metall nie so im Ofen flammen,

139   Wie einen hier, der sprach: "Hier geht ihr ein,
140   Wollt ihr empor zur freien Höhe kommen,
141   Und im Genuß des ew'gen Friedens sein."

142   Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen,
143   Drum wandt' ich mich zu meinen Führern hin,
144   Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen.

145   Und wie des Morgenrots Verkünderin,
146   Die, Düfte raubend, in den Blüten wühlte,
147   Die Mailuft, weht, die süße Schmeichlerin,

148   So fühlt' ich an der Stirn ein Weh'n, so fühlte
149   Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir
150   Das Antlitz mit Ambrosiadüften kühlte.

151   Und dann erklang dies Wort: "O selig ihr,
152   Die ihr die Gnad' empfingt, daß unverdüstert
153   Des Geistes Licht euch bleibt von der Begier,

154   Indem euch nur, wie's ziemt, nach Speise lüstert."

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