Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 25
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 25

1   Die Stund' erheischte rasches Steigen schon,
2   Nachdem die Sonne hier den Mittagsbogen
3   Dem Stier geräumt, dort Nacht dem Skorpion.

4   Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen,
5   Was sich auch zeige, seines Weges zieht
6   Vom Drang der Not zu größter Eil' bewogen,

7   So drangen wir ins höhere Gebiet
8   Durch eine Stiege, die uns so beschränkte,
9   Daß uns die Enge voneinander schied.

10   Und wie ein Störchlein, das die Flügel schwenkte,
11   Aus Luft zum Flug, dann aber, sonder Mut,
12   Vom Neste fortzuzieh'n, sie wieder senkte,

13   So ich, bald lodernd, bald verlöscht die Glut
14   Der Fragelust, das Antlitz aIso zeigend,
15   Wie der, der sich zum Sprechen anschickt, tut.

16   Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend:
17   "Laß nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt,
18   Die Sehne nur bis hin zum Drücker beugend."

19   Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt,
20   Den Mund erschloß: "Wie wird man hier so mager,
21   Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis erhält?"

22   Drauf er: "Gedächtest du an Meleager,
23   Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward,
24   Sich abgezehrt, du wärst kein solcher Frager.

25   Und dächtest du, wie gleich an Mien' und Art
26   Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern,
27   Dann schiene lind und weich dir, was jetzt hart.

28   Allein um alles dir nach Wunsch zu schildern,
29   Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht,
30   Weil ich ihn bitte, deinen Durst zu mildern."

31   "Entwickl' ich ihm das göttliche Gericht,"
32   Sprach Statius drauf, "hier, wo du gegenwärtig,
33   So sei's verzieh'n - du willst, drum weigr' ich nicht."

34   Und dann: "Jetzt sei dein Geist bereit und fertig
35   Für meine Rede, Sohn - dann sei des Wie?
36   Das du erfragst, in vollem Licht gewärtig.

37   Das reinste Blut, das von den Adern nie
38   Getrunken wird, vergleichbar einer Speise,
39   Die über den Bedarf Natur verlieh,

40   Empfängt im Herzen wunderbarerweise ,
41   Die Bildungskraft für menschliche Gestalt,
42   Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise,

43   Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt,
44   Den man nicht nennt, von wo's zu anderm Blute
45   In ein natürlich Becken überwallt.

46   Daß beides zum Gebild zusammenflute,
47   Ist leidend dies, und tätig das, vom Ort,
48   In dem die hohe Bildungskraft beruhte.

49   Drin angelangt, beginnt's sein Wirken dort;
50   Geronnen erst, erzeugt es junges Leben
51   Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort.

52   Die Seel entsteht aus tät'ger Kräfte Streben,
53   Wie die der Pflanze, die schon stillesteht,
54   Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben.

55   Bewegung zeigt sich dann, Gefühl entsteht,
56   Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten
57   Beginnt die tät'ge Kraft, was sie gesät.

58   Nun beugt, nun dehnt die Frucht sich aus, beim Walten
59   Der Kraft des Zeugenden, die, nie verwirrt
60   Von fremdem Trieb, nur ist, um zu gestalten.

61   Doch, Sohn, wie nun das Tier zum Menschen wird,
62   Noch siehst du's nicht, und dies ist eine Lehre,
63   Worin ein Weiserer als du geirrt.

64   Er war der Meinung, von der Seele wäre
65   Gesondert die Vernunft, weil kein Organ
66   Die Äußerung der letztern uns erkläre.

67   Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgetan,
68   Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke!
69   Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfah'n,

70   Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke,
71   Zu ihr der Schöpfer sich und haucht den Geist,
72   Den neuen Geist ihr ein, von solcher Stärke,

73   Daß er, was tätig dort ist, an sich reißt,
74   Und mit ihm sich vereint zu einer Seele,
75   Die lebt und fühlt und in sich wogt und kreist.

76   Und, daß dir's nicht an hellerm Lichte fehle,
77   So denke nur, wie sich zum edlen Wein
78   Die Sonnenglut dem Rebensaft vermalte.

79   Gebricht es dann der Lachesis an Lein,
80   Dann trägt sie mit sich aus des Leibes Hülle
81   Des Menschlichen und Göttlichen Verein;

82   Die andern Kräfte sämtlich stumm und stille,
83   Doch schärfer als vorher in Macht und Tat,
84   Erinnerung, Verstandeskraft und Wille.

85   Und ohne Säumen fällt sie am Gestad,
86   An dem, an jenem, wunderbarlich nieder,
87   Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad.

88   Kaum ist sie nun auf sicherm Orte wieder,
89   Da strahlt die Bildungskraft rings um sie her,
90   So hell wie einst beim Leben ihrer Glieder.

91   Und wie die Luft, vom Regen feucht und Schwer.
92   Sich glänzend schmückt mit buntem Farbenbogen
93   Im Widerglanz vom Sonnenfeuermeer;

94   So jetzt die Lüfte, so die Seel' umwogen,
95   Worein die Bildungskraft ein Bildnis prägt,
96   Sobald die Seel' an jenen Strand gezogen.

97   Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt,
98   Wo irgendhin des Feuers Pfade gehen,
99   So folgt die Form, wohin der Geist sie trägt.

100   Sieh daher die Erscheinung dann entstehen,
101   Die Schatten heißt; so bildet sich in ihr
102   Jedwed Gefühl, das Hören und das Sehen.

103   Und daher sprechen, daher lachen wir,
104   Und daher weinen wir die bittern Zähren
105   Und seufzen laut auf unserm Berge hier.

106   Der Schatten bildet sich, je wie Begehren
107   Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram.
108   Dies mag dir, was du angestaunt, erklären."

109   Und schon als ich zur letzten Marter kam,
110   Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verließen,
111   Ward ich auf das, was dort war, aufmerksam.

112   Den Felsen sah ich Flammen vorwärts schießen,
113   Der Vorsprung aber haucht' empor zur Wand
114   Windstöße, die zurück die Flammen stießen.

115   Wir mußten einzeln gehn am freien Rand,
116   Und ängstlich hört' ich hier die Flamme schwirren,
117   Indes sich dort ein tiefer Abgrund fand.

118   Mein Führer sprach: "Hier laß dich nichts verwirren
119   Und halte straff der schnellen Augen Zaum,
120   Denn leicht ist's hier, mit einem Tritt zu irren."

121   Gott höchster Gnade! hört' ich's aus dem Raum,
122   Den jene große Glut erfüllte, singen
123   Und hielt den Blick an meinem Wege kaum.

124   Ich sah dort Geister, die durchs Feuer gingen,
125   Und sah auf meinen bald, bald ihren Gang
126   Und ließ den Blick von hier nach dorten springen.

127   Ich weiß von keinem Mann - dies Wort erklang
128   Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen,
129   Und neu begannen sie's mit leisem Sang,

130   Und riefen wieder, als sie's ausgesungen:
131   "Diana blieb im Hain und jagt' ergrimmt
132   Kalisto fort, die Venus' Gift durchdrungen."

133   Dann ward die Hymne wieder angestimmt,
134   Dann riefen sie von keuschen Frau'n und Gatten,
135   Die lebten, wie's zu Eh' und Tugend stimmt.

136   Und dies nur tun sie, ohne zu ermatten,
137   Wie's scheint, solang die Flamme sie umfließt,
138   Bis solche Pfleg' und Arzenei den Schatten

139   Zuletzt die Wund' auf ewig wieder schließt.

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