Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 28
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 28

1   Begierig schon, zu spähn umher und innen
2   Im göttlichen, lebend'gen, dichten Wald,
3   Der sanft den Morgen milderte den Sinnen,

4   Verließ ich das Gestad nun alsobald,
5   Um langsam, langsam in das Feld zu treten,
6   Auf einem Grund, dem ringsum Duft entwallt.

7   Von einem Lüftchen, einem sanften, steten,
8   Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt,
9   Nicht mehr, als ob mich Frühlingswind' umwehten.

10   Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt,
11   Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen,
12   Wohin der Berg den ersten Schatten schlägt.

13   Doch nicht so heftig wühlt' er in den Zweigen,
14   Daß es die Vöglein hindert', im Gesang
15   Aus grünen Höh'n all ihre Kunst zu zeigen.

16   Nein, wie der Lüfte Hauch ins Dickicht drang,
17   Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen,
18   Wozu, begleitend. Laubgeflüster klang,

19   So klingt's, wenn Zweig' um Zweige sich bewegen
20   Im Fichtenwald an Chiassis Meergestad,
21   Sobald sich des Schirokko Schwingen regen.

22   Schon war ich mit langsamem Schritt genaht,
23   Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen,
24   Daß nicht zu sehn war, wo ich ihn betrat.

25   Da sieh die Bahn durch einen Bach verschIossen,
26   Der links hin, mit der kleinen Wellen Schlag
27   Die Gräser bog, die seinem Bord entsprossen.

28   Das reinste Wasser hier am klarsten Tag,
29   Trüb scheint es und vermischt mit fremden Dingen,
30   Vergleicht man's dem, wo nichts sich bergen mag,

31   Obwohl, da Schatten ewig es umringen,
32   Es dunkel, dunkel strömt und nie hinein
33   Der Sonne noch des Mondes Strahlen dringen.

34   Es stand mein Fuß; doch jenseits in den Hain
35   Ließ übern Fluß ich meine Blicke schreiten,
36   Und sah dort mannigfache grüne Mai'n.

37   Und mir erschien - so stellt dem Blick zuzeiten
38   Sich unversehn Erstaunenswertes dar,
39   Den Geist von allem andern abzuleiten -

40   Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar
41   Im Gehen sang, aufsammelnd Blüt' um Blüte,
42   Womit vor ihr bemalt der Boden war.

43   "O Schöne, die du, zeigt sich das Gemüte,
44   Wie's pflegt, im Äußern, mich zu glauben zwingst,
45   Daß an der Liebe Strahl dein Herz entglühte,

46   O käme Lust dir, daß du näher gingst,"
47   Ich sprach's zu ihr, den Fuß zum Bache lenkend,
48   "Daß ich verstehen könne, was du singst.

49   Dich seh' ich jetzt, Proserpinens gedenkend,
50   Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor,
51   Und sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend."

52   Und wie die Tänzerin, die kaum empor
53   Die Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend,
54   Ein zartes Füßlein kaum dem andern vor;

55   So sah ich sie, durch bunte Blumen schreitend,
56   Jungfräulich bodenwärts den Blick gewandt,
57   Und Ehrbarkeit und Würde sie begleitend,

58   5o daß ich bald den Wunsch befriedigt fand,
59   Indem ich, wie sie näher hergezogen,
60   Den Sinn des süßen Liedes wohl verstand.

61   Sobald sie dort war, wo des Flusses Wogen
62   Den grünen Rasen am Gestad besprüh'n,
63   Erhob sie hold der Wimpern schöne Bogen.

64   Nicht mocht', als Amor, übermäßig kühn,
65   Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte,
66   In solcher Lust Cytherens Auge glüh'n.

67   Am rechten Ufer stand sie dort und lachte,
68   Und pflückte Blumen von der Wiese Saum,
69   Die ohne Saat hervor die Höhe brachte.

70   Das Bächlein trennt' uns um drei Schritte kaum,
71   Doch Hellespont, den Xexes überschritten,
72   Noch jetzt dem höchsten Menschenstolz ein Zaum,

73   Hat schärfer nicht Leanders Haß erlitten,
74   Indem er Sestos und Abydos schied,
75   Als meinen er, ein Hemmnis meinen Schritten.

76   "Ihr seid hier neu und weil in dem Gebiet,"
77   Begann sie nun, "das an der Menschheit Morgen
78   Zu ihrer Wiege Gott, der Herr, beschied,

79   Ich lächle, staunt ihr noch und seid in Sorgen.
80   Doch zeigt der PsaIm: Herr, du erfreutest mich -
81   Euch klar das Licht, das Nebel noch verborgen.

82   Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich;
83   Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhängen,
84   Drum frage nur, und ich befried'ge dich."

85   "Das Wasser," sprach ich, "samt des Waldes Klängen,
86   Sie müssen das, worauf ich kaum getraut,
87   Da sie ihm widersprechen, hart bedrängen."

88   Drum sie: "Vom Grunde des, was du geschaut,
89   Und was gehört, sei Kunde dir beschieden;
90   Sie scheucht den Nebel, welcher dich umgraut.

91   Das höchste Gut, allein in sich zufrieden,
92   Den Menschen schuf's zum Guten gut, und wies
93   Dies Land ihm an, als Pfand für ew'gen Frieden,

94   Aus welchem bald ihn seine Schuld verstieß,
95   Die Schuld, die süße Spiele mit Beschwerden,
96   Mit Zähren ehrbar Lachen wechseln ließ.

97   Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden
98   Die Dünste, die der Hitze nach, so weit
99   Es möglich ist, emporgezogen werden,

100   Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit,
101   Stieg himmelwärts der Berg in solcher Weise,
102   Und ist vom Tor an ganz von Dunst befreit.

103   Nun, weil noch immerfort im ersten GIeise
104   Der Lüfte ganzer Zirkellauf sich dreht,
105   Wenn nichts ihn unterbricht in seinem Kreise,

106   Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht,
107   Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend,
108   Den dichten Wald mit diesem Klang durchweht.

109   Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend,
110   Beschwängert dann die Luft mit ihrer Kraft,
111   Und diese streut sie aus in jede Gegend.

112   Die Länder, wie ihr Boden wirkt und schafft,
113   Ihr Himmelsstrich und ihre Lage, treiben
114   Dann Bäume von verschiedner Eigenschaft.

115   Nun wird dies fürder nicht ein Wunder bleiben,
116   Wie manche Pflanzen, wo man nicht bestellt,
117   Ja, ohne sichtbar'n Samen doch bekleiben.

118   Und wissen sollst du, daß im heil'gen Feld,
119   In dem du bist, die Samen alle sprießen,
120   Und Früchte, nie gepflückt in eurer Welt.

121   Den Fluß auch siehst du nicht aus Adern fließen,
122   Genährt vom Dunst, den Kälte niederpreßt,
123   Die bald vertrocknen, bald sich wild ergießen.

124   Ihm ward ein Quell, aus welchem, stät und fest,
125   Die Wässer, die dem Doppelarm entfluten,
126   Die Wille Gottes neu ersetzen läßt.

127   Der Arm hier hat die Kraft, daß in den Fluten
128   Jedweder Schuld Erinnerung versinkt;
129   Der andre dort erneuert die des Guten,

130   Der hier heißt Lethe; aber dorten winkt
131   Dir Eunoe - allein nur jenen letzen
132   Wird seine Kraft, der aus dem erstem trinkt.

133   Kein Wohlgeschmack ist seinem gleich zu schätzen;
134   Und wäre schon genügend, was ich sprach,
135   Vermöcht' ich auch nichts weiter zuzusetzen,

136   Doch bring' ich gern noch einen Zusatz nach,
137   Und deinen Dank vermein' ich zu verdienen,
138   Wenn ich dir mehr erfüll', als ich versprach.

139   Den alten Dichtern, glaub' ich, wenn von ihnen
140   Gepriesen ward das Glück der goldnen Zeit,
141   War dieser Ort im Traumgesicht erschienen.

142   Hier sproß die Menschheit ohne Schuld und Leid,
143   Hier jede Frucht in ew'gem Frühlingsleben,
144   Hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit."

145   Und als sie noch mir solches kundgegeben,
146   Kehrt' ich mich um, und sah ein Lächeln hier,
147   Bei diesem Schluß, der Dichter Mund umschweben,

148   Dann aber wandt' ich wieder mich zu ihr.

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