Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 30
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 30

1   Sobald der Empyre'n Gestirn des Norden,
2   (Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt,
3   Und das durch Sünden nur umnebelt worden;

4   Bei welchem jeder dort der Pflicht gedenkt,
5   Zu der es leitet, wie den Kahn hienieden,
6   Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt),

7   Stillstand, da wandten, die's vom Greifen schieden,
8   Die zweimal zwölf und vier Wahrhaften, sich
9   Zum Wagen hin als wie zu ihrem Frieden.

10   Und einer, der des Himmels Boten glich,
11   Rief dreimal singend zu der andern Sange:
12   "Komm, Braut vom Libanon, und zeige dich!"

13   Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange
14   Der Sel'gen Schar, mit leichtem Leib umfahn,
15   Dem Grab erstehen wird mit eil'gem Drange,

16   So hoben von des heil'gen Wagens Bahn
17   Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle,
18   Des ew'gen Lebens Diener, himmelan.

19   "Heil dir, der kommt!" so klang's im Widerhalle,
20   "Streut Lilien jetzt mit vollen Händen hin!"
21   Und Blumen warfen rings und oben alle.

22   Schon sah ich bei des Tages Anbeginn
23   Geschmückt den Osten sich mit Rosen zeigen,
24   Sah klar den Himmel und die Königin

25   Des Tages, sanft umschattet, höher steigen,
26   So daß, da ihren Schimmer Dunst umfloß,
27   Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen.

28   Hier, durch die. Blumenflut, die sie umschloß,
29   Und niederstürzend um und in den Wagen,
30   Sich aus der Himmelsboten Hand ergoß,

31   Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen,
32   Olivenzweig' ihr Kranz, und ums Gewand,
33   Das Feuer schien, des Mantels Grün geschlagen.

34   Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand,
35   Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben
36   Demüt'gen Staunens bange Lust empfand,

37   Fühlt', eh das Aug' ihm-Kunde noch gegeben,
38   Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll,
39   Die alte Liebe mächtig sich erheben.

40   Kaum war der hohen Kraft die Seele voll,
41   Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen
42   Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll,

43   So wandt' ich links mich hin, mit dem Verlangen,
44   Mit dem ein Kind zur Mutter läuft und Mut
45   Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen,

46   Um zu Virgil zu sagen: "Ach mein Blut!
47   Kein Tröpflein blieb mir, das nicht bebend zücke -
48   Ich kenne schon die Zeichen alter Glut."

49   Doch sein beraubt ließ uns Virgil zurücke,
50   Virgil, der väterliche Freund - Virgil,
51   Dem sie mich übergab zu meinem Glücke.

52   Was Eva einst verloren, da sie fiel,
53   Nicht half es mir, die Tränen zu vermeiden,
54   Wovon ein Strom die Wangen niederfiel.

55   "O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden,
56   Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht;
57   Zu weinen ziemt dir über andres Leiden!"

58   Und wie mit ernstgebietendem Gesicht
59   Ein Admiral, der, musternd seine Scharen
60   Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht,

61   So war sie links im Wagen zu gewahren,
62   Als ich nach meines Namens Klang mich bog,
63   Den hier die Not mich zwang, zu offenbaren;

64   Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog,
65   Als sie erschien, in jener Engelfeier,
66   Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog.

67   Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier,
68   Der von Minervens Laub umkränzet ward,
69   Mir ihren Anblick nur noch wenig freier.

70   Stolz sprach sie nun mit königlicher Art,
71   Gleich einem, der erst mild spricht, anzuschauen,
72   Und sich das härtre Wort fürs Ende spart:

73   "Schau' her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen
74   Führt dich zu diesen Höh'n? Wie? Weißt du nicht,
75   Beglückte wohnen nur in diesen Auen."

76   Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht,
77   Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben,
78   Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht.

79   So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben,
80   Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort
81   Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben.

82   Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort
83   Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen,
84   Bis: Stellest meine Fuß auf weiten Ort.

85   Wie auf den Rücken Welschlands, welcher offen
86   Den Stürmen ragt, der Schnee, im Frost gehäuft,
87   Zu Eis erstarrt, vom slaw'schen Wind getroffen,

88   Dann, in sich selbst versickernd, niederträuft,
89   Wenn laue Wind' aus Libyen ihn verzeihen,
90   So wie, dem Feuer nah, das Wachs zerläuft;

91   So war ich ohne Seufzer, ohne Zähren,
92   Bevor die Engel sangen, deren Sang
93   Nur Nachklang ist vom Lied der ew'gen Sphären.

94   Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang,
95   Wohl heller klang, als hätten sie gesungen:
96   "Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?"

97   Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen,
98   Zu Hauch und Wasser bald und kam durch Mund
99   Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen.

100   Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund,
101   Sie wandte sich dem Engelchor entgegen,
102   Und tat den heil'gen Scharen dieses kund:

103   "Ihr wacht im ew'gen Tag, und nimmer mögen
104   Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht,
105   Den das Jahrhundert tut auf seinen Wegen.

106   Drum ist die Antwort wohl für ihn bedacht,
107   Der drüben weint, damit sie klar beweise,
108   Daß große Schuld auch große Schmerzen macht.

109   Nicht durch die Kraft allein der ew'gen Kreise,
110   Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt,
111   Das ihm sein Stern gesteckt für seine Reise,

112   Durch das auch, was die Gnade Gottes schenkt,
113   Sie, deren Regen solche Dünst' umgeben,
114   Daß sich kein Blick in ihre Tiefen senkt,

115   War dieser einst in seinem neuen Leben
116   Gar hoch begabt, um sich zur Trefflichkeit
117   Durch rechte Sitte mächtig zu erheben.

118   Doch wilder wird in schnöder Üppigkeit
119   Jedweder schlechte Same sich entfalten,
120   Je kräft'ger ist des Bodens Fruchtbarkeit.

121   Wohl wußt' ich ein'ge Zeit ihn festzuhalten,
122   Indem ich ihm die jungen Augen wies;
123   Da ließ er gern als Führerin mich walten.

124   Doch hatt' er, als ich kaum die Welt verließ,
125   Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen,
126   Indem er andern ganz sich überließ.

127   Als ich vom FIeisch zum Geist emporgeflogen,
128   Und höh're Tugend, höhern Reiz empfah'n,
129   Da war er minder hold mir und gewogen.

130   Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn,
131   Trugbildern folgend schnöden Wonnelebens,
132   Den falschen Lockungen und leerem Wahn.

133   Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens,
134   Und Mahnung haucht' ich ihm und Warnung ein,
135   Doch blieb er taub im Leichtsinn eiteln Strebens.

136   Ein Mittel könnt' ihm nur zum Heil gedeih'n,
137   So tief schon hatt' er sich im Wahn verloren,
138   Und solches war der Anblick ew'ger Pein.

139   Deswegen drang ich zu der Hölle Toren
140   Und habe den, der ihn herauf geführt,
141   Mit Bitten und mit Tränen dort beschworen.

142   Nicht wär's, wie sich's nach ew'gem Rat gebührt,
143   Wenn er durch Lethe ging' und sie genösse,
144   Und nicht vorher, bußfertig und gerührt,

145   In Reuezähren seine Schuld ergösse.

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