Die göttliche Komödie
des
Dante Alighieri

Andeutungen zur Kenntniß des Dichters und seines Zeitalters.

Keins der größern Werke der Dichtkunst trägt entschiedener das Gepräge der Zeit, in welcher es entstanden, und der Schicksale des Dichters, als Dante's göttliche Komödie. Wer nicht nur an allgemein verständlichem, oder durch besondere Bemerkungen zu erläuternden Einzelnheiten derselben sich ergötzen, sondern das Ganze und den Geist, der darin vorherrscht, begreifen will, muß sich zuvörderst von beiden unterrichten. Ohne diese Kenntniß muß das Original, folglich auch die klarste Uebertragung, zum größten Theile unverständlich bleiben. Der Uebersetzer hält es daher für unerläßlich nothwendig, dem Werke einige Nachrichten hierüber vorauszuschicken, und wünscht, daß sie hinreichen mögen, dem Kundigen, wenn er es nicht vorzieht, sie ungelesen zu lassen, das Bekannte ins Gedächtniß zurückzurufen, dem Unkundigen aber eine zwar nur allgemeine, aber klare Ansicht der Sache zu geben.

Die große Frage, ob, wie Gregor der siebente behauptet hatte, der Pabst die Sonne sey, die allein Kaisern und Königen ihren Glanz leihe, oder ob des deutsch-römischen Kaisers Herrschaft von Gott herstamme, und er als weltlicher Herr, auch der Päbste selbst, anerkannt werden müsse? hatte schon lange die Gemüther in Deutschland und Italien in Bewegung gesetzt, ehe sich in dem letzten Lande aus den entstandenen Gährungen zwei sich bekämpfende Partheien entschieden entwickelten. Von dem Streife zweier deutschen Fürstenhäuser, der mit jener Frage selbst nichts gemein hatte, wurden sie die Ghibellinen, vom Kaiser Konrad's Schlosse Weiblingen, und die Guelfen, vom Herzoge Welf von Baiern, genannt. Als sich aber die heftigen Fehden zwischen den Kaisern und dem Pabste entspannen, und der letztere, obwohl er anfangs sclbft für die Ghibellinen sich erklärt hatte, die Parthei ihrer Feinde ergriff, bezeichnete man fortan die Anhänger der Kaiser mit dem Rahmen der Ghibellinen, die der Päbste mit dem der Guelfen.

Die Städte Italiens mußten sich in der Regel mehr zu der letzten Parthei hinneigen. Unter dem Schutze freier Municipal-Verfassungen waren in vielen derselben Handel und Gewerbfleiß aufgeblüht und hatten ihnen einen Reichthum und eine Macht verliehen, welche ihnen, mit dem Streben nach Unabhängigkeit auch die Mittel gaben, sie mit den Waffen in der Hand zu behaupten. Von den an weltlichen Mitteln minder mächtigen Päbsten war eine Beeinträchtigung dieser Unabhängigkeit weniger zu befürchten, als von den Beherrschern Deutschlands, welches, wenn nicht die unseligen Streitigkeiten seiner Fürsten von jeher den vollen Gebrauch seiner Macht unmöglich gemacht hätten, alle Nachbarländer zu unterwerfen im Stande gewesen wäre. Es war daher eben so natürlich, daß die Städte an den Pabst sich anschlossen, als daß der Pabst, der in diesen kleinen Republiken eine Vormauer gegen die Macht der Kaiser sah, ihre Feindschaft gegen diesen nährte und förderte und sie bei seiner Parthei zu erhalten suchte. So behielten in der Regel die Guelfen in den Städten die Oberhand.

Ghibellinen dagegen waren alle, welche die Macht der Städte zu fürchten und von den Kaisern Schutz gegen sie zu erwarten hatten; der nicht städtische Adel, dieMarkgrafen und Grafen, welche sich oft in ihren Schlössern von jenen Republiken bedroht sahen. Auch die minder mächtigen Städte, die Macht der größern fürchtend, schlossen sich oft der kaiserlichen Parthei an.

Oft auch drang der Partheigeist in das Innere der Städte selbst ein, und erregte blutige Kämpfe zwischen den Anhängern derKaiser oder Päbste. Sie endigten sich gewöhnlich mit der Verbannung des besiegten Theils, welcher dann, da sich die Spaltung über ganz Italien verbreitete, seine Anhänger auswärts aufzusuchen und sich mit ihnen zu verbinden pflegte, um mit Gewalt in die Vaterstadt zurückzukehren und die Herrschaft an sich zu reißen.

Diese Streitigkeiten erloschen nicht, obwohl die Kaiser vom Tode Konrads des vierten (1254) bis zur Thronbesteigung Heinrichs des siebenten (1308) sich um Italien nicht bekümmern konnten, und der Kampf nur durch Konradins vorübergehende Erscheinung von außen wieder angefacht, fast ohne einen Gegenstand zu seyn schien. Aber, einmal getheilt, ist ein Volk nur schwer wieder zu vereinigen, und die Partheien erlöschen nicht mit ihrem Gegenstande. Ob diese oder jene Parthei, nicht ob der Kaiser oder Pabst, herrschen solle, war die Frage, und der Kampf vielleicht um so heftiger, da Guelfen und Ghibellinen nur für sich selbst kämpften.

Diese Zeit wirkte auf das Volk, wie immer die Zeiten der Revolution und Partheiung zu wirken pflegen. Eine neue furchtbare Sittenlehre entsteht, wenn die Leidenschaft der Partheiwuth in einem Volke zum bleibenden Zustande wird. Nur der Parthei angehören, ist dann Tugend; nur ihr entgegen treten, Laster; alles, was dazu dient, den Gegner zu vernichten, Recht. Kein Mittel ist so verrucht und schändlich, das nicht zu solchem Zwecke erlaubt, ja löblich wäre; kein Band der Natur und der Gesellschaft so stark, das diese Leidenschaft nicht zerisse. Und wie viel furchtbarer mußte dieser Zustand nach so langen bürgerlichen Kämpfen, bei dem kochenden Blute des Volks, insonderheit bei einem noch durch kein Licht der Aufklärung erhellten, blinden Glauben werden, nach welchem es die Kirche, die hier selbst als Parthei auftrat, in ihrer Gewalt hatte, von jedem Verbrechen zu entbinden und loszuzählen, dem ärgsten Frevler die Seligkeit jenseits zu sichern und dem Tugendhaftesten sie zu entziehen? Wenn schon einzelne Strahlen von Wissenschaft und Kunst, von Griechen und Arabern ausgehend, in dies Dunkel herein zu brechen anfingem,so erleuchteten sie doch nur Einzelne, ohne die allgemeine Nacht zu erhellen, die Italien in Glanbenssachen überschattete. Die Kirche, deren oberster Sitz in diesem Lande war, hatte es hier mehr als anderwärts in ihrer Gewalt, der Wirkung jener einzelnen Strahlen entgegen zu arbeiten. Die Bildung im allgemeinen war noch so wenig vorgerückt, daß eben erst die Sprache anfing, sich nach gewissen Regeln zu bilden.

Zu den bedeutendsten Freistaaten Italiens gehörte zu jener Zeit die Republik Florenz, deren Macht in einem Zeitpunkt der Ruhe und Einigkeit so hochstieg, daß sie, nach Macchiavellis Versicherung, im Jahre 1298 dreißig tausend Bewaffnete aus der Stadt Florenz selbst, und siebenzigtausend aus dem ihr untergebenen Gebiete aufstellen konnte. Aber leider war die Ruhe und Einigkeit in Florenz, so viele Versuche auch zu ihrer Wiederherstellung gemacht wurden, immer nur von kurzer Dauer. Schon ini Jahre 1215 hatte sich dort die Stadt in die Partheien der Buondelmonti und Uberti getheilt, weil ein junger Mann aus der Familie jenes Rahmens ein bereits mit ihm verlobtes Mädchen verstoßen hatte, und aus Rache unter Mitwirkung des mit der Verschmähten verwandten Geschlechts der Uberti ermordet worden war. Zwanzig Jahre hindurch dauerte der nur zuweilen durch Waffenstillstand unterbrochene Kampf zwischen den Anhängern beider Theile in der Stadt selbst fort, ohne daß der eine Theil den andern ganz zu überwinden und zu verjagen vermocht hatte, bis Kaiser Friedrich der zweite im Jahre 1246, mit sich einer Parthei zu versichern, die Uberti begünstigte, und nun von selbst, nur mit Veränderung der Nahmen, statt der Uberti nnd Buondelmonti, dort die Ghibellinen und Guelfen entstanden. Die letztern wurden verjagt, kehrten aber bald friedlich zurück, worauf man den Versuch machte, durch bessere Staatseinrichtungen die Ruhe zu sichern. Als aber bald darauf die Guelfen mit Unterstüztng der Kirche wieder die Oberhand gewannen und die ansehnlichsten Staatsämter an sich rissen, leiteten die Ghibellinen geheime Unterhandlungen ein, um mit Hülfe Manfreds von Neapel ihr verlorenes Uebergewicht wieder herzustellen. Indessen wurde das Geheimniß verrathen und die Regierung beschloß, die Ghibellinen zur Untersuchung zu ziehen. Statt der dazu erhaltenen Ladung zu folgen, ergriffen sie die Waffen und versehanzten sich in ihren Häusern. Da verband sich das Volk, erbittert über dies Benehmen der Ghibelline, mit den Guelfen, und zwang Jene, Florenz zu verlassen (1257) Aber, nur bis nach Siena entwichen, suchten und fanden sie Hilfe bei Manfredi, und schlugen (1258) die Guelfen bei der Arbia dergestalt, daß diese, Alles verloren gebend, nach Lucca fich flüchteten und ihren Gegnern Florenz gänzlich überließen.

Als darauf eine Beratschlagung über die weitern Maaßregeln gepflogen wurde, faßten die Ghibellinen den Beschluß, Florenz von Grund auf zu zerstören, weil nur diese Stadt es sey, welche den Guelfen in Toskana einen festen Stützpunkt gewähre. Nur Farinata degli Uberti, ein Häuptling seiner Parthei, rettete durch seinen kräftigen Widerstand die Stadt vom Untergange. Er erklärte: bei allen seinen Anstrengungen habe er keinen andern Zweck gehabt, als in seiner Vaterstadt wieder zu wohnen. Diesen Zweck habe er nun durch Gunst des Glücks erreicht, und wolle genießen, was er erlangt. Derselbe Muth, welcher die Stadt den Guelfen entriffen, werde sie auch gegen sie zu vertheidigen vermögen. Er selbst aber werde jeden, der vom Untergang der Vaterstadt spreche, mit derselben Kraft bekämpfen, mit welcher er die Guelfen bekämpft habe.

Muth und Kraft, welche sich der Vertheidigung des Guten weihten, wirkten hier, wie immer. Die Stadt blieb verschont.

Aber die Ghihellinen erfuhren, was jede Parthei zu erfahren pflegt, die zur Besiegung der Gegner auswärtige Hülfe ins Vaterland ruft. Sie selbst waren mit der Stadt der Gewalt ihres Bundesgenossen überlassen, welcher die innern Einrichtungen der Republik gänzlich umstürzen und die Stadt durch seine Stellvertreter regieren ließ. Aus dem Bundesgenossen war ein Feind geworden, gefährlicher, als der, den sie mit seiner Hülfe überwunden hatten. Das Volk theilte seinen Haß zwischen Ghibellinen und Neapolitanern, die, obwohl sich gegenseitig hassend, zu seiner Unterdrückung vereint waren.

Die aus Florenz verjagten Guelfen hatten sich indessen mit iher Parthei in Parma vereinigt, hier die Ghibellinen besiegt und sich mit deren Gütern bereichert. Sie boten nun ihre Hülfe dem Pabst an, welcher das Geschlecht der Hohenstaufen vom Throne Neapels verjagen und Karla von Anjou auf diesen Thron setzen wollte, Dieser Zweck wurde erreicht. Die Guelfen, vom Pabste mit einer geweihten Fahne beschenkt, gewannen neuen Muth, und die Ghibellinen fürchtetcn ihre Rückkehr. Zu spät, und daher vergebens, versuchten sie durch innere Einrichtungen, welche dem Volke gefallen sollten, dessen Gunst zu erwerben; denn nur für das, was den Völkern freiwillig geboten wird, wäre es auch nur wenig, sind sie dankbar, und spotten der Bewilligungen, zu welchen die Gewalt der Umstände zwingt. Auch wirkte der Bundesgenosse ihrem Zwecke entgegen. Der neapolitanischc Feldherr schrieb, um seine Soldaten zu bezahlen, Steuern aus, deren Druck das Volk zu den Waffen rief. Es verjagte die Fremdlinge, und die Ghibellinen, ihrer Stütze beraubt, flüchteten sich aus der Stadt. Einen Augenblick gewann die Vernunft die Oberhand. Guelfen und Ghibellinen wurden vom Volke zurückgerufen, um ruhig bei einander zu wohnen. Aber wie hätte dies die Partheiwuth gelitten? Konradins Unternehmen erregte sie aufs neue, und die unglückliche Wendung, welche es nahm, gab den Guelfen ein solches Uebergewicht, daß die Ghibellinen, ohne die Ankunft der Schaaren Karls von Anjou abzuwarten, unverjagt aus Florenz entflohen (1267).

Aber die neue Begebenheit bringt nur die alte Wirkung hervor. Florenz hat den Einfluß Manfreds mit dem Karls von Anjou vertauscht. Als dieser zu mächtig wird, suchen die Päbste selbst ihn zu beseitigen und dann bei veränderten Umständen wieder herzustellen. Die Guelfen, jetzt die Herrschenden, werden dem Volke, wie früher die Ghibellinen, durch Bedrückung und Uebermuth verhaßt. Die letztern werden zurückgerufen. Neue innere Zwistigkeiten entstehen, eine Zeitlang nur gestillt; durch einen äußern Krieg, welcher die Kräfte und Wünsche zur gemeinsamen Wirkung nach außen vereinigt. Bald bekämpfen sich nicht allein Guelfen und Ghibellinen, sondern auch Volk und Adel. Kein Gesetz herrscht, unbestrafter Mord ist an der Tagesordnung. Verfassung wechselt mit Verfassung, aber durch keine wird ein geordneter Zustand hergestellt. Erst im Jahre 1298 entsteht wieder eine vorübergehende Ruhe, in welcher die Macht und der Wohlstand der Republik schnell aufzublühen beginnen. Dauerndes Glück sollte Florenz erst erlangen, als die republikanische Regierungsform in der monarchischen untergegangen war.

So war die Zeit, in welcher Dante Alighieri leben, so der Schauplatz beschaffen, auf welchem er auftreten sollte.

Dante ward den 27. Mai 1265 geboren.

Als könnte der Ruhm dessen, der seinen Nahmen durch eigene Kraft zum Gegenstande der Verehrung für alle Zeiten und Völker gemacht hat, erhöht werden, wenn man beweise, daß er diesen Ruhm schon durch die Vorfahren begründet vorgefunden, haben mehrere Biographen sich bemüht, darzuthun, daß er von einem alt-berühmten Geschlechte herstamme. Allein er selbst scheint diese Ansicht nicht getheilt zu haben. Er läßt den Cacciaguida, welchen er die Wurzel seines Stammes nennt, von sich selbst sagen (Paradies XVI. V. 43): Es genüge von seinen Ahnen zu wissen, daß sie waren. Dieser Cacciaguida, des Dichters Ur-Eltern-Vater, war im Jahre 1106 in Florenz geboren. Seine Nachkommen lebten dortwohlhabend und geachtet und hielten sich zur Parthei der Guelfen, deren Schicksale sie theilten. Dante's Vater, ein Rechtsgelehrter, gehörte ebenfalls zu dieser Parthei.

Als des Dichters große Gaben sich entwickelten und ein bedeutendes Leben ankündigten, fand man, daß die Sterne selbst seinen Ruhm prophezeit hätten. Sein Lehrer, Brunetto Latini, ein Astrolog, entdeckte, daß die Sonne bei seiner Geburt in der Konstellation der Zwillinge gestanden, und folgerte daraus große Ehre. Seine Mutter soll sich kurze Zeit vor der Geburt im Traum unter einem Lorbeerbaume, gebährend, befunden und ihr Kind, wunderbar sich verwandelnd, und von den Früchten des Lorbeers sich nährend, gesehen haben - Anzeichen künftiger Größe, auf welche man im dreizehnten Jahrhunderte einen Werth legte, welchen sie, nachdem er lang verloren gewesen, nach dem allgemeinen Kreislaufe der Dinge im neunzehnten wieder zu gewinnen scheinen.

Dante's Vater starb schon im Jahre 1270, in des Dichters fünftem Jahre. Aber er hinterließ einen Wohlstand, welcher hinreichend war, ihm eine sorgfältige Erziehung zu verschaffen. Von der Einwirkung seiner Mutter auf dieselbe finden wir nichts erwähnt. Aber der aufftrebende Genius brach sich selbst Bahn und erregte bald die Aufmerksamkeit der Beobachter. Das Glück führte ihm zeitig einen Lehrer zu, dem er, ungeachtet er ihn eines häßlichen Lasters wegen in die Hölle wesen mußte, doch auch dort noch seine innigste Dankbarkeit ausdrückt (Hölle XV. 79-87). Brunetto Latini war Geheimschreiber der Republik, berühmt als Philosoph und Rhetoriker, und nicht ohne Verdienst um Ausbildung der Sprache, die eben jetzt erst bestimmtere Formen zu gewinnen anfing. Nicht bloß den Wissenschaften ergab sich der Dichter; er erwarb sich auch Fertigkeit in der Musik und im Zeichnen. Auch versäumte er nicht, feinen Körper durch die in den höhere Ständen gewöhnlichen Uebungen Stärke und Gewandtheit zu geben.

Das Merkwürdigste, was uns aus seinem Jugendleben bekannt worden, ist seine frühzeitige Neigung zu Beatricen, die er selbst uns in seiner Vita nuova beschreibt *). Sie war die Tochter eines angesehenen Florentiner Bürgers, Falco Portinari, und erschien dem Dichter, als er neun Jahr alt war, zuerst bei einem Feste, welches man in Florenz beim Beginnen des Mai zu feiern pflegte. Der Eindruck, welchen das Mädchen, ihm an Alter ziemlich gleich, auf ihn machte, begleitete ihn durch sein Leben, und dauerte nach ihrem Tode fort, der im Jahre 1290 erfolgte. Indessen hinderte ihn der Schmerz über ihren Tod nicht, sich bereits im Jahre 1291 mit Gemma Donati, aus einem der angesehensten Florentinischen Geschlechter, zu vermählen. Wie aber die Verbindung mit Beatricen,

*) Die von den Kommentatoren aufgeworfene Frage: Ob die Beatrice, welche er in der göttlichen Komödie aufführt, eine wirkliche oder nur eine allegorische Person sey? ist gänzlich unfruchtbar. Daß er eine Beatrice liebte und frühzeitig verlor, in erwiesen; daß er aber der Erinnerung an die Abgeschiedene alles Schöne und Herrliche anknüpfe, und sie dadurch zur allegorischen Person machte, ist natürlich. Niemand wird wohl glauben, daß Beatrice wirklich ihm den Virgil zugeschickt und ihn durch das Paradies geleitet habe.

auf welche wir bei seiner Vita nouva zurückkommen werden, rein geistig geblieben zu seyn scheint, fo diirfte die mit seiner Gattin ganz körperlich gewesen seyn. Er erzeugte zwar mit ihr mehrere Kinder; allein nirgends finden wir in seinem Gedichte, so oft er auch darin auf seine Lebensverhältnisse zurückkommt, ihrer erwähnt. Auch soll die Ehe mit dieser Gattin, welche von den Schriftstellern der Xantippe des Socrates verglichen wird, keine glückliche gewesen seyn.

Die Nachrichten, die wir sonst über sein Jugendleben finden, sind unbedeutend.

Er soll zuerst dem Franziskanerorden bestimmt gewesen, jedoch vor Beendigung des Noviziats wieder ausgeschieden seyn.

Nachher im Jahre 1289 hat er dem Feldzuge gegen Arezzo beigewohnt, darin tapfer gefochten und gut gerathen. Bei Einnahme des Schlosses Caprona ist er gegenwärtig gewesen.

Auch als Gesandter, bei benachbarten kleinen Freistaaten sowohl, als bei auswärtigen Monarchen, hat er seinem Vaterlande gedient, immer gleich seinen Vorfahren, zu der eben damals herrschenden Parthei der Guelfen sich zählend.

Endlich in seinem fünf und dreißigsten Jahre, mit seiner Wahl in den erst kurz vorher errichteten Magistrat der Prioren, wird sein Leben durch Unglück bedeutend.

Die Prioren, an der Zahl zwölf, wurden aus den Zünften durchs Loos ernannt. Wer zu einem Staasamte gelangen wollte, mußte sich in eine Zunft einschreiben lassen. Dante gehörte zu der Zunft der Aerzte und Apotheker, sey es, weil er selbst dieser Kunst sich widmen wollte, oder weil seine Familie eine Apotheke besaß. Ihm wiederfuhr die Auszeichnung, daß er nicht dem Loose, sondern freier Wahl, seine Ernennung verdankte.

Schon war die kurze Ruhe, welche von 1298 an wenigstens scheinbar und von außen bestanden hatte, wieder unterbrochen. Wie konnte auch eine Regierung, die selbst aus Partheigliedern bestand, die Partheien im Zaume halten. Nur diejenige vermag dies, die, von beiden Partheien sich freihaltend, hoch über beiden stehht und auf diesem Standpunkte in der Gerechtigkeit die Kraft findet, sie beide zu zügeln.

Unter den mächtigen Familien von Florenz zeichnete sich die der Cerchi aus, minder angesehen durch Alterthum des Stammes als durch Reichthum. Das Gefchlecht der Donati, älter und berühmter, aber minder reich, konnte jener ihren Einfluß nieht verzeihen. Eine Erbschaft, welche einem Donati von den Cerchi entzogen seyn sollte, reizte seine Rache so, daß er einige derselben vergiften ließ. Beide Theile werben sich Anhänger und bald theilt sich nach ihnen die Stadt, und es giebt nun zwei Partheien unter den Guelfen. Die Donati verbreiten, daß die Cerchi, um ihre Parthei zu verstärken, sich mit den damals unterdrückten Ghibellinen verbunden haben. Kaum erfährt dies Pabst Bonifaz der achte, fo sendet er den Kardinal Matthäus von Aquasparta alsLegaten naeh Florenz, angeblich um Frieden zu stiften, in der Wahrheit, um den Cerchi und Ghibellinen entgegen zu arbeiten, sollte es auch durch Erregung neuer Unruhen seyn. Die Regierung, wahrscheinlich nur auf Dante's Rath vernünftig und partheilos, entledigt sich des Legaten und verbannt die Häupter beider Partheien an die Grenzen des Gebiets. Doch ist, da die Machthaber sich mehr zur Parthei der Weißen hinneigen, die Unpartheiligkeit mehr scheinbar als wirklich, indem nur einige von dieser Parthei verbannt werden, die dann bald unter allerlei Vorwand zurückkehren. Um so weniger sind durch diese Maaßregel die zurückgebliebenen Anhänger zur Ruhe gebracht. Die Wuth bricht aufs neue los und wilder Kampf tobt in Florenz.

Aehnliche Ereignisse beunruhigen gleichzeitig Pistoja. Dort hatte die mächtige Familie der Cancellieri sich selbst, und mit fich die Bürger, in zwei Partheien, die weiße und schwarze getheilt. Unter sich selbst im Kriege, wollen die Florentiner in Pistoja Frieden stiften und rufen die Häupter nach Florenz. Da aber hier eben die Donati und die Cerchi sich bekriegen, so vereinigen sich die letztern mit der weißen, die ersten mit der schwarzen Parthei der Cancellieri. So entstehen die in der Geschichte bekannten weißen und schwarzen Guelfen.

In dieser Unruhe geschah der Vorschlag, Karln von Anjou, der eben auf einem Kriegszuge nach Sicilien begriffen war, herbeizurufen, damit er die Ruhe wieder herstellen möge. Aber Dante widersetzte sich diesem Vorschlage, wohl wissend, welche Gefahr früher schon dergleichen fremde Hülfe dem Vaterlande gebracht habe, und die Regierung folgte seinem Rathe. Allein einer Parthei gelang, durchzusetzen, was Dante widerrathen hatte.

Einige von den verbannten Weißen waren zurückgekehrt, und die Schwarzen versammelten sich, um sich fester zum Verderben ihrer Feinde zu verbinden. Obgleich die Regierung dies mißbilligte, und mehrere Anhänger der Donati bestrafte, wandten sich die letztern doch an Bonifaz den achten, mit der Bitte, ihnen die Hülfe Karls von Anjou auszuwirken.

Der Pabst stand nicht an, diesem Gesuche zu willfahren. Karl, von ihm mit Geld und Truppen unterstützt, wandte sich von Rom aus gegen Florenz, versprach der Regierung, welche ihm Gesandtc entgegengeschickt, sich nicht in ihre innern Angelegenheiten zu mischen, vielmehr nur als unpartheiischer Vermittler aufzutreten *), und zog den 4. Nov. 1301 mit zwölfhundert Reitern in die Stadt ein.

Kaum aber in ihrem Besitze, säumte er nicht, jene Zusage zu brechen. Die Unruhen begannen, durch ihn selbst erregt, von neuem. Die Schwarzen begünstigend, suchte er die Verbannung der Weißen zu bewirken, die man im Verdacht hatte, im Herzen Ghibellinen, folglich Feinde der Feinde der Hohenstaufen zu seyn.

Dante, obwohl mit der Familie Donati verschwägert, hatte sich zu der Parthei der Weißen hingeneigt, und mußte jetzt den Zorn des fremden Machthabers um so mehr erregen, da er, durch das Uebergewicht seines Geistes furchtbar, mit dem ehrenvollen Vorwurfe belastet war, sich seiner Berufung widersetzt zu haben. Man gab ihm ferner Schuld, die Rückkehr der verbannten Weißen, insonderheit seines Freundes Guido Cavalcanti, veranlaßt **),

*) Machiavelli versichert dagegen: I Bianchí, per farselo amico, gli dettero autorità, che potesse secondo l'arbitrio suo disporre della città. Ein interessanter Zug im bekannten Charakter der Partheien, von welchen, in der Regel, die schwarze gerade so viel und so wenig werth ist, als die weiße.

**) Machiavell. obwohl er, wie sein Dialog über die Sprache des Dante zeigt, mit dem politischen Vernehmen desselben keineswegs zufrieden ist, gedenkt dieses Vorwurfs nicht. Er bemerkt nur, daß man, um unpartheiisch zu scheinen, mit den Schwarzen auch einige Weiße verbannt habe „i quali di poi sotto colore di oneste cagioni tornarono.”

ja, man warf ihm sogar vor, die Gerechtigkeit für Geld verkauft und öffentliche Gelder veruntreut zu haben *). Als hinreichender Beweis dieses schimpflichen Verbrechens ward das öffentliche Gerücht angenommen, das man, jedem Gesetze der Vernunft und Gerechtigkeit mit der gewöhnlichen Schamlosigkeit der Partheiwuth Hohn sprechend, durch ein Gesetz zum triftigen Verdammungsgrund erhoben hatte. Er ward daher im Anfang des Jahres 1302 mit mehrern Mitgliedern des Priorats auf zwei Jahre verbannt und in eine Geldbuße von achttausend Lire verurtheilt. Da er die Geldstrafe nicht sofort bezahlte, wurde sein Vermögen konfiscirt und sein Haus vom Pöbel geplündert. Später wurde die Verbannung auf seine Lebenszeit ausgedehnt, und ihm, wenn er sich im Gebiete

*) Tiraboschi, in seinem Leben Dante's, äußert über dies dem Dichter vorgeworfene Verbrechen: Io sredo, che in quei tempi di turbolenze e di dissensioni fosse assai frequente l'apporre falsi delitti, e che questi facilmente e volontieri si credessero da coloro, che voleano sfogare il lor mal talento contro i loro nemici.

der Republik betreffen lassen würde, die Strafe des Scheiterhaufens angedroht.

Dante befand sich, als das erstere Urtheil gesprochen wurde, in Rom, wohin er sich begeben hatte, um die Aussöhnung der weißen Parthei mit dem Pabste zu vermitteln. Nur ungern hatte er dies Geschäft übernommen, zweifelnd, ob er die wichtige Verhandlung in Rom einem andern überlassen und sich in der großen Krisis von Florenz entfernen solle oder nicht. Wir erkennen sein Selbstgefühl und seine geringe Achtung fiir die eigene Parthei in den uns aufbehaltenen Worten, die er bei dieser Gelegenheit aussprach: S'io vo, chi resta? e se io resto, chi va? (Wenn ich gehe, wer bleibt? wenn ich bleibe, wer geht?)

Als Dante in Rom die Ereignisse, die sich in Florenz zugetragen hatten, erfuhr, eilte er nach Siena um sich von dem Vorgefallenen näher zu unterrichten. Leider mußte er sich überzeugen, daß jetzt für ihn an keine Rückkehr zu denken sey. Er wandte sich daher nach Arezzo, um sich mit den andern Verbannten, die sich dort zusammengefunden hatten, über die zu ergreifenden weitern Maaßregeln zu berathen. Sie beschlossen, Arezzo einstweilen zu ihrem Mittelpunkte zu machen, und ein Heer zu sammeln, mittelst dessen sie ihre Feinde demüthigen und sich in Florenz wieder festsetzen wollten. Zum Hauptmann wurde der Graf Alexander von Romana gewählt, dem zwölf Räthe beigegeben wurden, unter welchen sich unser Dichter befand. Allein der Podesta von Arezzo, dem Pabste anhängend, verfolgte sie, dergestalt, daß sie diese Stadt verlassen und in Forli einen Zufluchtsort suchen mußten.

Immittelst war dem feindseligen Bonifaz der friedliebende Pabst Benedict der elfte gefolgt, welcher einen Versuch machte, die Partheien in Florenz zu versöhnen, und zu diesem Zwecke den Kardinal Nicolaus von Prato dahin absandte. Schon hatten sich die Gesinnungen des Volks zum Vortheile der Weißen geändert. Es erkannte, daß sie, zurückgerufen, den Schwarzen, welche in Verbindung mit den Fremden die Stadt mit eisernem Scepter beherrschten, ein Gegengewicht seyn, daß höchstens beide Partheien unter einander sich befeinden würden, wogegen, wenn die Weißen mit Gewalt zurückkehrten, die Stadt aufs neue der Gefahr ausgesetzt war, welche früher Farinata's Muth und Vaterlandsliebe von ihr abgewandt hatte. Allein der zu den Schwarzen gehörige, jetzt herrschende Adel zog sein Interesse dem allgemeinen vor. Es schien ihm besser, selbst mit der größten Gefahr des Vaterlands die Herrschaft allein zu behalten, als sie wieder mit den verhaßten Feinden zu theilen. Der Legat ward verdächtig, im Herzen den Ghibellinen anzuhängen. Keins von den verächtlichen Mitteln, an welchen der Partheigeist zu jeder Zeit reich ist, blieb unversucht. Lüge, Verläumdung, selbst offene Beleidigung der Person des Kardinals, wurden angewandt, um ihn aus Florenz zu entfernen. Wirklich mußte er im Juni 1304 die Stadt unverrichteter Sache wieder verlassen.

Dieser fruchtlose Ausgang der päbstlichen Vermittelung veranlaßte die Weißen, die Rückkehr mit Gewalt zu versuchen. Sie versammelten ihre Anhänger, und waren in der Nähe der Stadt, ehe die Schwarzen sie vermutheten. Allein zu große Eile und schlechte Anführung vereitelten ihre Hoffnungen. Ohne hinreichende Vorbereitung, ohne ihre Kräfte vereinigt zu haben, drangen sie in die Stadt ein, mit der Hoffnung, in der Bestürzung der Feinde und dem Aufstande des Volks die wirksamste Hülfe zu finden. Als aber das Volk ruhig blieb, ja sogar diejenigen, welche früher für die flehenden, waffenlosen Verbannten sich verwandt hatten, gegen die bewaffnet eingedrungenen die Waffen ergriffen, wurden sie, Verrath fürchtend, von panischem Schrecken ergriffen, und stürzten in wilder Verwirrung zum Thore hinaus.

Daß Dante an dieser verunglückten Unternehmung persönlich Theil genommen, ist nicht erwiesen, aber wahrscheinlich. Auch bleibt ungewiß, wo er sich die nächste Zeit aufgehalten. Im Jahre 1306 war er, wie eine in seiner Gegenwart aufgenommene Urkunde beweist, in Padua. Im folgenden Jahre finden wir ihn bei einer Versammlung der Weißen und Ghibellinen in Mugello. Allein auch diese hatte so wenig Erfolg, als eine erneuerte Verwendung des Pabstes für die Verbannten. Unzufrieden mit seiner eigenen Parthei, die er selbst (Paradies XVII. 61. u. fol.) als undankbar, thöricht und ruchlos bezeichnet, machte er Versuche, sich mit seiner Vaterstadt auszusöhnen. Doch auch diese mißlangen durch die Einwirkung derer, welche sich im Besitze seiner konfiscirten Güter befanden. So irrte der Unglückliche, heimathlos, schwankend zwischen Furcht und Hoffnung umher, bis er die letztere, nachdem sie ihm wieder kurze Zeit geleuchtet hatte, für immer aufgeben mußte.

Eine Zuflucht auf kurze Zeit hatte der Verbannte bei einem edelmüthigen Feinde, dem Marchese Marcello Malaspina, gefunden, welcher, obwohl zur Parthei der Schwarzen gehörig, ihn im Jahre 1307 bei sich aufnahm, wofür ihm der dankbare Dichter den zweiten Theil seiner göttlichen Komödie zueignete.

Im Jahre 1308 scheint er sich nach Verona begeben zu haben, wo er am Hofe der Scaliger eine ehrenvolle Aufnahme fand. hier herrschten die Brüder Alboin und Can della Scala - Alboin, fromm, ruhig, friedliebend, wohlwollend, ein Beschützer der Kunst und Wissenschaft - Can, von den Zeitgenossen mit dem Zunahmen des Großen beehrt, geistreich, heiter, glänzend und freigebig; unglückliche Verbannte, besonders wenn sie, sey es durch die Waffen oder durch Kunst und Wissenschaft sich Ruhm erworben hatten, gern bei sich aufnehmend und sie schützend. Diesen letztern scheint der Dichter höher, als seinen zwar werthvollen, aber minder glänzenden Bruder geehrt zu haben. Er ist der edle Dogge, von welcher er im ersten Gesange der Hölle V. 101 u. ff. hoffte, daß sie das Zeitalter bessern werde. Ihm weihte er auch den dritten Theil der göttlichen Komödie, welcher wahrscheinlich unter seinem Schutze vollendet wurde.

Doch ein mächtiger, stolzer, rücksichtsloser Geist, ergriffen von Partheiwuth; durch Ungerechtigkeit herausgedrängt aus einer schönen Lebensbahn; verletzt in allen seinen Neigungen und Wünschen; durch die Verletzung empfindlich gemacht für die leiseste Berührung und nur noch stolzer durch das Unglück - wo findet ein solcher Geist Ruhe? Wann fügt er sich je den Lehren der Erfahrung? Auch Dante, am Hofe von Verona, fand diese Ruhe nicht, fügte sich nicht diesen Lehren. Unablässig verfolgte ihn das Gefühl, aus seinem Vaterlande verbannt zu seyn; der Haß gegen diejenigen, die sein Unglück verschuldeten und seiner sich erfreuten; das peinliche Bewußtseyn "fremdes Salz und Brot essen, fremde Treppen steigen zu müssen" (Paradies XVII. 58-60). Unfähig, sich der Nothwendigkeit zu beugen und die kleinste Kränkung zu ertragen, war er stets bereit, den kleinsten Angriff gewaltsam zu erwiedern. Als einst Can della Scala sich selbst von einem Possenreißer unterhalten ließ und sah, daß sein Hof sich sehr an den Schwänken desselben belustigte, fragte er den Dichter: Wie kommt es, daß ein so abgeschmackter Narr allen besser gefällt, als Du, den man für einen Weisen hält. Dante säumte nicht zu entgegnen: Weil Gleiches das Gleiche liebt.

Ein bitteres Witzwort dieser Art rächt, nie verziehen, die augenblickliche Ueberlegenheit, die es dem Sprecher ertheilt, an ihn selbst durch seine Folgen, Dante's Verhältniß am Hofe von Verona konnte durch solche Aeußerungen von Geringschätzung nur verschlimmert, seine Abhängigkeit nur peinlicher werden. Was Wunder, daß er voll Begier die Hoffnung auf einen gänzlichen Umschwung der Dinge ergriff, welche die Zeitereignisse in ihm erregten.

Ein halbes Jahrhundert war verflossen, seit kein deutscher Kaiser einen Römerzug unternommen hatte, und die Parthei der Ghibellinen war ihrer eigenen Kraft und einem Streben überlassen gewesen, welches, bei den Verhältnissen und Gesinnungen der letzten Kaiser, kaum noch einen Gegenstand hatte. Kaum aber war Graf Heinrich von Luxemburg unter dem nahmen Heinrichs des siebenten zum Kaiser erwählt, als diese Parthei in dem Muthe und Geiste desselben Grund zu neuen Hoffnungen fand. Auf dem Reichstage zu Speyer erschienen vor ihm Abgeordnete aus vielen Städten Italiens und viele Große aus der Lombardey und Toskana, um ihn zu einem Römerzuge zu bewegen. Die deutschen Fürsten zeigten sich dem Unternehmen ebenfalls geneigt. Ohne des Guido von Torre trügerische Versicherung: „er wolle ihn mit einem Falken auf der Hand durch die Lombardey führen, daher er nicht viel Volk mitzunehmen brauche” - zu beachten, sammelte Heinrich in Lausanne ein Heer, das nachher noch von Deutschland und Italien aus ansehnlich verstärkt wurde, und zog den 23. Dez. 1310 unter dem Frohlocken des Volks in Mailand ein. Am 6. Januar 1311 ward er sammt seiner Gemahlin mit der Lombardischen Krone gekrönt und empfing bald Abgeordnete aus den meisten Städten Italiens, welche ihm die Huldigung leisteten.

Ein so glänzender Anfang mußte den gesunkenen Muth der Ghibellinen aufs neue heben. Von allen Seiten strömten sie zu Heinrichs Fahnen herbei. Dante, welcher nur noch auf diese Art sich den Weg zur Rückkehr ins Vaterland zu bahnen hoffte, wagte es, die letzte Möglichkeit einer gütlichen Ausgleichung aufzugeben, indem er öffentlich gegen Florenz und als Sprecher der Ghibellinen auftrat. Einige versichern, er sey bereits vor Heinrichs Ankunft in Italien selbst nach Deutschland gereist, um den Kaifer zum Zuge gegen Florenz und die dortigen Guelfen zu bewegen. Wahrscheinlicher aber ists, daß er ihn in Italien aufgesucht und gesprochen hat. In einem an die Fürsten Italiens und die Römischen Senatoren gerichteten Sendschreiben empfahl er Heinrichs Krönung und rieth dringend, ihn aus allen Kräften zu unterstützen. Auch schrieb er an den Kaiser selbst, forderte ihn auf, seine Waffen gegen Florenz zu kehren, und machte ihm Vorwürfe über die wenige Aufmerksamkeit, die er seinen Anhängern schenke.

Dieser Brief, geschrieben den 16. April 1311 „Toscana sotto la fonte d'Arno” ist höchst eigenthümlich, orientasch bilderreich, und angefüllt mit Beziehungen auf Virgil, die alte Geschichte, die Mythologie und die Bibel. Er ruft darin dem Kaifer zu: Te il Signore unse in Re, e miseti in via e disse: Va, uccidi i peccatori d'Amalech. Nach Florenz soll sich der Kaiser wenden, wenn er die Feinde völlig besiegen will. Von dieser Stadt sagt er: Questa è la vipera, volta nel ventre della madre; questa è la pecora inferma, la quale col suo appressamento contamina la gregge del suo Signore; questa è Mira scelerata ed empia, la quale s'infiamma nel fuoco degli abbracciamenti del padre - Benennungen und Gesinnungen, welche ganz denjenigen entsprechen, welche wir an mehrern Orten der göttlichen Komödie, insbesondere im funfzehnten Gesange der Hölle V. 61. ff. ausgedrückt finden.

Aber alle diese Bestrebungen der Wuth und des Hasses waren fruchtlos.

Heinrich der siebente, jubelnd in Italien empfangen, fand bald den heftigsten Widerstand. Einer Empörung in Mailand, welche sich mit Mord und Plünderung endete, folgten mehrere in andern italienischen Städten. Die Statthalter, die er eingesetzt hatte, wurden vertrieben. Florenz, Lucca, Siena und andere Städte erklärten sich für frei.

So sah der Kaiser seine Hoffnung, die Ansprüche des Reichs auf Italien ohne Blutvergießen zu behaupten, und den Kampf der Partheien durch gütliche Vereinigung zu beenden, schmerzlich getäuscht. Er mußte sich entschließen, strengere Mittel anzuwenden, welche die Erbitterung nur vermehrten und zu heftigerem Widerstande aufforderten.

Im Jahre 1312 zog Heinrich nach großen Rüstungen gegen Rom, wo der Bruder seines Feindes, des unternehmenden Königs Robert von Neapel, das Kapitol besetzt hielt, und von da aus die Krönung in der Peters-Kirche verhindern konnte. Die angeknüpften Verhandlungen waren eben so erfolglos, als einige unbedeutende zum Vortheile der Deutschen ausgefallene Gefechte. Längeres Verweilen in solcher Lage schien gefährlich und Heinrich entschloß sich endlich, die Krönung in der Kirche des Lateran anzunehmen.

Obgleich im südlichen Italien König Robert von Neapel, nicht achtend des Kaisers Achtserklärung und Todesurtheil, ihn bekämpfte; im mittleren die Ghibellinen überall von den Guelfen vertrieben worden waren; in der Lombardey aber die Freiheit der republikanischen Städte ihr gewöhnliches Ende durch viele kleine Tirannen gefunden hatte, und alles in wilder Verwirrung tobte, faßte doch Heinrich den kühnen Entschluß, sich in der Mitte zu behaupten und Toskana, insonderheit Florenz sich zu unterwerfen. Denn er hoffte, hierdurch nicht nur die Verbindung seiner Feinde unter sich aufzuheben, sondern auch ihren Muth durch den Fall derjenigen Stadt zu schwächen, welche eine der mächtigsten, sich immer als seine heftigste Feindin gezeigt hatte. Wirklich langte er mit seinem Heere den 19. Sept. 1312 vor Florenz an, welches sich immittelst mit dem Könige von Neapel verbunden und diesem die Herrschaft auf fünf Jahre übertragen hatte. So fand Heinrich die Stadt wohl vorbereitet, und ihr heftiger Widerstand, nicht minder der Mangel an Lebensmitteln nöthigten ihn, die Belagerung aufzuheben und in der Nacht vom 31. Okt. abzuziehn, nachdem er vorher das Gebiet der Republik verwüstet hatte.

Zwar wurden zu einem neuen Feldzuge große Zurüstungen gemacht. Ein neues deutsches Heer rückte zur Unterstützung des Kaisers nach den Alpen und die Pisaner und Genueser boten ihm ihre Flotten an. Aber, als eben die Ghibellinen mit den schönsten Hoffnungen belebt waren, nahm plötzlich Alles eine andere Gestalt an. Der Kaiser empfand nach dem Genusse des Abendmahls plötzlich heftige Schmerzen. Aengstliche Frömmigkeit verbot ihm den Gebrauch eines Brechmittels, und so starb er den 24. Aug. 1313 in Buon Convento unweit Genua, wahrscheinlich ein Opfer der Partheiwuth und des pfäffischen Fanatismus, welcher selbst im Kaiser nur das Haupt der Gegenparthei erkannte, und, der Absolution gewiß, das heilige Mahl der Versöhnung zu vergiften kein Bedenken finden konnte.

So war auch diese Hoffnung Dante's verschwunden, und die einzige Frucht aller seiner Bestrebungen blieb ein, jetzt nicht mit Unrecht, vergrößerter Haß seiner Mitbürger. Hatte er auch, wie Leonardo Aretino versichert, aus Ehrfurcht für sein Vaterland unterlassen, sich dem Belagerungsheere des Kaisers persönlich beizugesellen, so hatten doch alle seine öffentlichen Schritte nicht nur nichts von dieser Ehrfurcht gezeigt, sondern auch die grimmigste Erbitterung ausgesprochen. Seine Verurtheilung wurde daher aufs neue bestätigt, und für unwiderruflich erklärt. Sein Schmerz hierüber mußte um so empfindlicher seyn, da die meisten andern Verbannten noch vor der Belagerung von der Regierung zurückgerufen und in ihre Güter wieder eingesetzt worden waren, in der Absicht, hierdurch die äußern Feinde der Republik zu vermindern und die Anhänger derselben im Innern der Stadt zu beruhigen.

Die Nachrichten über Dante's Leben von dieser Zeit an bis zu seinem Tode sind sehr schwankend und ungewiß. Boccaccio läßt ihn, in Verzweiflung über Heinrichs plötzlichen Tod, über die Apenninen in die Romagna gehen und dort seine letzte Stunde erwarten. Nach andern Nachrichten hat er sich erst nach Bologna, dann nach Paris begeben (nach andern Nachrichten hat er schon vor seiner Verbannung diese Städte besucht) und an beiden Orten ein den Wissenschaften geweihtes Leben geführt. Nachher soll er in mehrern Ländern, oft in der größten Armuth, umhergeschweift seyn und in einem einsamen Kamalduenser-Kloster di S. Croce di fonte Avellana bei Gubbio seine göttliche Komödie beendigt haben. Dort heißen noch gewisse Behältnisse "die Zimmer des Dante" und unter einer Marmorbüste des Dichters findet sich eine Inschrift vom Jahre 1557, nach welcher ein Kardinal Ridolfi dies Denkmal an dem Orte, wo Dante einen großen Theil seines Werks gedichtet habe, "ad tanti viri memoriam revocandam" hat setzen lassen. In Gubbio selbst soll sich die Tradition erhalten, daß ein Theil der göttlichen Komödie dort entstanden sey.

Gewiß ist nur, daß er, nach langen Irrfahrten und Mühseligkeiten, und nach drückender Armuth in Ravenna, unter dem Schutze des Guido von Polenta wenige Jahre vor seinem Tode einen ehrenvollen Zufluchtsort fand. Hier scheint er, lebenssatt und durchdrungen von der Richtigkeit alles Irdischen, sich frommen Uebungen gewidmet und die sieben Buß-Psalmen in Terzinen gedichtet zu haben, die wir unter seinen Werken finden. Auch dürfte er sein Credo in derselben Versart in dieser Zeit verfaßt haben, vielleicht um die Beschuldigung der Ketzerei und Gottverachtung zu widerlegen, die man ihm gemacht hatte. (Siehe Hölle XIX. 19. u. ff. und die dazu gehörige Anmerkung)

Hier starb er, ohne sein Vaterland wiedergesehn zu haben. Zwar war ihm, wahrscheinlich noch ehe er in Ravenna eine Zuflucht gefunden, die Erlaubniß zur heiß ersehnten Rückkehr durch einen Freund ausgewirkt, jedoch derselben die Bedingung beigefügt worden, sich einer kurzen Verhaftung und einer Geldstrafe zu unterwerfen und in einer Kirche seine Schuld durch ein Sühnopfer anzuerkennen. Durch eine solche Erniedrigung konnte aber des Dichters edler Stolz selbst die Rückkehr ins Vaterland nicht erkaufen. Er dankt seinem Freunde für seine Verwendung um so inniger, da, wie er bemerkt, Verbannte so selten Freunde finden; aber er äußert: Est ne ista revocatio gloriosa, qua Dantes Allighierius revocatur ad patriam per trilustrium fere perpessus exilium? haecne meruit conscientia manifesta quibuslibet? haec sudor et labor continuatus in studiis? absit a viro phisophiae domestico temeraria terreni cordis humilitas, ut more cujusdam scioli et ferri. Absit a viro praedicante iustitiam, ut, perpessus iniuriam, inferentibus, velud benemerentibus, pecuniam suam solvat. Non est haec via redeundi ad patriam. Sed si alia per vos, aut deinde per alios invenietur, quae famae Dantis, quae honori non deroget, illam non lentis passibus acceptabo. Quod si per nullam talem Florentia introitur, nunquam florentiam introibo, Quid ni? Nonne solis astrorumque specula ubique conspiciam?

Sein Tod erfolgte den 14. Sept. 1321, als er sein Alter auf 56 Jahre und 5 Monate gebracht hatte. Alle äußcrc Ehre, durch welche wir das Andenken geliebter und verehrtcr Todten zu verherrlichen und fest zu halten suchen, hatte Guido von Polenta ihm zu erweisen beschlossen. Aber eigenes Unglück verhinderte den großmüthigen Beschützer des Dichters an der Ausführung. Das Grab in der Franziskaner-Kirche blieb lange sogar ohne eine Inschrift, welche die Ruhestatt des berühmten Todten bezeichnet hätte. Erst im Jahre 1483 ließ Bernhardt Bernbo, Vater des berühmten Kardinals Peter Bembo, die Stelle mit einem würdigen Denkmale schmücken. Auch wurden ihm folgende Verse beigesetzt, welche Dante selbst beim Gefühle des herannahenden Todes verfaßt hatte:

Jura monarchiae, superos, phlegetonta, lacusque
Lustrando cecini voluerunt fata quousque:
Sed quia pars cessit melioribus hospita castris
Auctoremque suum petiit felicior astris,
Hic claudor Dantes patriis extorris ab oris
Quem genuit parvi Florentia mater amoris.

Ueber dem Grabe findet sich in Bas-Relief ein Brustbild des Dichters, mit Lorbeer bekrönt, vom Bildhauer Peter Lombardo, mit der Ueberschrift:

Virtuti et honori.

In Florenz hieß der Versöhner Tod den Haß gegen den Mann schweigen, den es im Leben verstoßen hatte. Gleich nach seinem Tode verlangte die Republik die Ausantwortung seiner irrdischen Ueberreste, die ihr Guido verweigerte. Mittelst Dekrets vom 9. Aug. 1373 gründete sie zur Erklärung der göttlichen Komödie einen eigenen Lehrstuhl, welchen zuerst Boccaccio einnahm. Im Jahre 1396 wurde ein Plan zu einem in der Kirche St. Maria del fiore dem Dichter zu errichtenden Denkmale entworfen, blieb jedoch unausgeführt. Aufs neue wurde im Jahre 1429 von Florenz der Versuch gemacht, die Gebeine des Dichters als Eigenthum seiner Vaterstadt zurück zu fordern. Aber auch dieser Versuch blieb, wie einige spätere fruchtlos, obgleich mehrere bedeutende Personen sich für das Gesuch verwandten. Sogar Michel Angelo's Erbieten, bei Errichtung des Denkmals seine Kunst mitwirken zu lassen, war vergeblich. So ruhen denn die Gebeine des berühmten Verbannten noch jetzt da, wo er nach langem Umherirren die Ruhestatt fand, die seinVaterland ihm versagt hatte.

Ganz Italien hallte von seinem Ruhme wieder. An mehrern Orten wurden, wie in Florenz, Lehrstühle zu Erläuterung seines Werks errichtet. Sein Volk legte ihm den Beinahmen des Göttlichen bei, eine Ehre, die außer ihm unter den Dichtern nur dem Ariost, unter den Mahlern dem Raphael und Michel Angelo zu Theil worden ist.

Dante war von mittler Größe; im Alter, dessen Herannahen durch ein verhängnißvolles Leben beschleunigt wurde, etwas gekrümmt; sein Gang ernst und langsam; sein Gesicht lang und bräunlich, mit einer Adlernase und großen Augen; die Kinnbacken stark; die Unterlippe vorstehend; Bart und Haupthaar schwarz, dicht und kraus; der Ausdruck des Gesichts schwermüthig und tiefsinnig.

Fragen wir seine Werke nach seinem innern Wesen, so finden wir in vielen seiner kleinern Gedichte, und in seiner Vita nuova die höchste Zartheit und Innigkeit der Empfindung, ja einzelne Spuren derselben selbst in der göttlichen Komödie. Aber im Ganzen zeigt dies Werk die rücksichtsloseste Strenge gegen sein Zeitalter und Alles, was darin verwerflich war, oder ihm als verwerflich erschien - eine Strenge, die ihm nicht erlaubte, selbst geliebte Menschen zu schonen, und ihn nöthigte, seinen hochverehrten Lehrer unter den Verdammten erscheinen zu lassen.

Ob diese Strenge immer gerecht war, muß nach Verfluß von fünf Jahrhunderten unentschieden bleiben. Wahrscheinlich ists, daß Partheiwuth und Zorn über erlittenes Unrecht, die sich an vielen Stellen mit so großer Gewalt aussprechen, den klaren und tiefen Geist des Dichters oft getrübt haben mögen. Wir sind dies zu vermuthen um so mehr berechtigt, da er uns an einigen Orten eben so unbefangen Spuren grimmiger Rachelust (Hölle Ges. 32. V. 97 ff.) zeigt, als ein Bewußtseyn des eigenen Werthes, das, so gerecht es auch immer an sich seyn mag, doch den Verletzten selten, am wenigsten aber in Zeiten der Partheiung, gerecht gegen andere macht. Allein dies hindert uns nicht, zu glauben, daß er, wie mehrere Schriftsteller ihm nachrühmem, in seinem gewöhnlichen Benehmen zwar ernst, aber höflich und edel, und zuweilen, besonders in Gesellschaft der Frauen munter, jovial, selbst muthwillig war. Aber sein ganzes Wesen mußte es ihm unmöglich machen, diejenige Lebensklugheit zu üben, welche gebietet, freiwillig nachzugeben, wo mit Gewalt nicht durchzudringen ist; zu schweigen, wo Sprechen nicht frommt; und für den Augenblick das minder Bedeutende aufzuopfern, um des Bedeutenderen sich zu versichern. Wahrscheinlich würden wir keine göttliche Komödie besitzen, wenn er dieser Klugheit fähig gewesen wäre. Auch im Leben, wie im Gedichte, haßte er jede Schmeichelei und trat als rücksichtsloser Tadler auf. Sein Selbstgefühl nöthigte ihn, jeden Angriff sofort zurückzuschlagen, oft vielleicht mit einer Gewalt, deren er kaum werth seyn mochte.

Daß er die Parthei der Guelfen mit der der Ghibellinen vertauschte, und diese mit großer Heftigkeit ergriff, verdient Entschuldigung, da er von seiner eigenen Parthei verstoßen und der andern mit Gewalt zugetrieben wurde. Und wenn wir mit Bedauern sehn, daß er selbst gegen sein Vaterland Gewalt übte und den Kaiser dazu anregte, so werden wir doch auch dies milder beurtheilen, wenn wir, auf das Zeugniß glaubwürdiger Schriftsteller, annehmen, daß das Regiment der Gegenparthei in Florenz und die Lage der Dinge trostlos war, daher der Dichter glaubte, daß nur durch einen gewaltsamen Umsturz eine bessere Ordnung begründet werden könne. Sein Haß gegen die Vaterstadt, so wild er sich ausspricht, dürfte nur die glühende Liebe bezeugen, durch deren schlechte Erwiederung er entflammt wurde. *) Seine beste Entschuldigung bleibt das Zeitalter, in welchem er lebte. Keiner, wie hoch auch sein Geist über die Zeit emporrage, kann sein Gemüth so frei von ihrer Einwirkung erhalten, daß es nicht zuweilen von ihren Wirbeln ergriffen würde. **)

*) Man lese folgende Stelle aus seinem Convito: Ahi piaciute fosse al dispensatore dell' universo, che la cagione della mia scusa mai fosse stata! Che ne altri contro me avria fallato, ne io sofferto avrei pena ingiustamente, pena, dico, d'esilio e dt povertà; poichè fu piachere de' cittadini della bellissima e famosissima figlia di Roma, Fuorenza. di gittarmi fuori del suo dolce seno nel quale nato e nudrito fui fino al colmo della mia vita, e nel quale, con buona pace di quella, desidero con tutto il cuore, di riposare l'animo stanco e terminare il tempo, che m'è dato. Per le parti quasi tutte, alle quali questa lingua si steude, peregrino, quasi mendicando sono andato, mostrando contro a mia voglia la piaga della fortuna, che suole ingiustamente al piagato molte volte essere imputata.

**) Einige Anekdoten, welche die Individualität des Menschen in gemeinen Verhältnissen bezeichnen, mögen hier Platz finden.
Als Dante einst bei einer Schmiede-Werkstatt vorbeiging, hörte er den Schmidt bei der Arbeit eine seiner Canzonen singen, sie jedoch jämmerlich verstümmeln. Im höchsten Zorn brach er in die Werkstatt ein, und warf alles Handwerks- und Eisenzeug auf den Boden umher. Der erschrockene Schmidt, der einen Wahnsinnigen zu sehn glaubte, konnte kaum die Frage hervorbringen: warum er ihm seine Arbeit verderbe? Dante antwortete: Schurke, ich thue Dir nur, wie Du mir. Verdirbst Du meine Arbeit, verderb' ich die Deinige.
Einem Eseltreiber, der auch eins seiner Gedichte sang, aber zwischen den Versen immer Arri rief, um sein Thier anzutreiben, gab er einen Stockschlag über die Schulter, mit den Worten: Das Arri habe ich nicht dazu gesetzt. Der Efeltreiber erwiederte die unsanfte Erinnerung an korrektern Gesang, indem er die Zunge hervorstreckte, und ihm eine unanständige Geberde zeigte (facendoli la fica). Dante erkannte, daß man den Eseltreibern keine Aesthetik beibringen könne, am wenigsten durch Stockschläge.

Daß Dante's Geist tief, sinnreich und schöpferisch war, daß er fast alle damals zugängliche Schätze menschlicher Wissenschaft sich zu eigen machte, und daß sein Fleiß nie ermüdete, bezeugen seine Werke.

Von diesen wurden zuerst einzelne Sonette und Canzonen zum Lobe seiner Beatrice bekannt und gingen in den Mund des Volks über,

Die frühste seiner größern Schriften ist die Vita nuova, die er im Jahre 1395 verfaßt haben soll. Der Zweck dieser Schrift ist, das neue Leben zu beschreiben, das ihm durch Beatricen vom neunten Lebensjahre an aufgegangen. Ihr Anfang lautet also: "In jenem Theile des Buchs meines Gedächtnisses, vor welchem nur wenig lesbar ist, findet sich eine Rubrik, welche sagt: Incipit vita nova. Unter dieser Rubrik finde ich die Worte geschrieben, welche ich zwar nicht ganz, aber doch ihrem Inhalte halte, nach in diesem Buche aufzeichnen will." Nun beschreibt er bald höchst einfach und innig, bald mit den wunderlichsten Bildern, Visionen und Deutungen, wie ihm Beatrice zuerst im neunten Jahre, wie sie ihm in der Folge erschien; welchen Eindruck sie auf ihn gemacht; wie er sich ewig nach ihrer Gegenwart gesehnt, und doch nie vermocht habe, sie ohne Zittern, ohne gewaltiges Schlagen aller Pulse zu ertragen. Die ganze Verbindung scheint rein geistig, Sie sehen, von Ihr reden, die höchste Seligkeit, ein Gruß von Ihr die höchste Gunstbezeigung geblieben zu seyn. Aber wie wirkte ein solcher Gruß? Wenn sie irgendwo erschien, sagt er, blieb mir bei der Hoffnung des wunderbaren Grußes kein Feind mehr. Eine Flamme von Zärtlichkeit für die ganze Welt kam über mich, welche machte, daß ich jedem verzieh, der mich beleidigt hatte. Wer dann mich gefragt, etwas von mir verlangt haben möchte - meine Antwort würde nur Liebe, mein Angesicht voll Demuth gewesen seyn.

Aber welch ein Geschöpf war auch diese Beatrice?

Diese herrliche (Im Orig. Gentilissima, ein Wort, das sich nicht mit allen Begriffen, die es veranlaßt, ohne Umschreibung im Deutschen ausdrücken läßt) Jungfrau, sagt er, kam in solche Huld bei Allen, daß, wenn sie vorüberging, die Leute herbeieilten, um sie zu sehen, worüber eine wunderbare Fröhlichkeit über mich kam. Nahte sie Einem, so erfüllte sein Herz eine solche Ehrbarkeit, daß er nicht wagte, die Augen zu erheben, noch ihren Gruß zu erwiedern. Sie aber, gekrönt und bekleidet mit Demuth, ging dahin, keinen Stolz zeigend über das, was sie sah und hörte. Viele sagten, wenn sie vorüber war: diese ist kein Weib, vielmehr einer der schönsten Engel des Himmels. Und andere sprachen: Sie ist ein Wunder. Gesegnet sey der Herr, der solche Wunder erschaffen kann.

Sonderbar ist die Beziehung auf die Zahl Neun, die er überall findet. In der neunten Stunde, am neunten Tage in der neunten Woche, im neunten Jahre, oder in einem Jahre, dessen Zahl stch mit Neun theilen läßt, geschieht alles Bemerkenswerthe. Besonders bei ihrem Tode bemüht er sich, überall die Zahl neun aufzufinden. Da der Monat, in welchem sie gestorben, nach unserer Rechnung nicht der neunte ist, so versichert er, nach der Rechnung der Syrer sey es der Monat Tisminz, der neunte des Jahres, gewefen. Diese Zahl neun findet sich, wie er mit sehr spitzfindiger Schlußfolge auseinanderfetzt, überall in Beatricens Leben, weil drei die Wurzel von neun ist. Weil nun der Schöpfer der Wunder in sich selbst drei ist, nämlich, Vater, Sohn und heiliger Geist, so ist Beatrice von der Zahl neun begleitet worden, damit erkannt werde, daß sie ein Wunder, und dessen Wurzel einzig die heilige Dreieinigkeit sey.

Nach Beatricens Tode zeigt eine schöne Frau so inniges Mitleiden mit seinem Schmerze, daß er bald ein Gefühl für sie empfindet, über welches er erschrickt. "Ich kam," sagt er, "durch den Anblick dieser mitleidigen Frau dahin, daß meine Augen anfingen, sich nur zu sehr an ihrem Anschauen zu ergötzen." Die Vorwürfe, die er sich darüber selbst macht, und der Kampf gegen eine neue, so kurze Zeit nach dem Tode der Geliebten entstandene Neigung, sind mit einer Einfachheit und Wahrheit beschrieben, welche diese Beschreibung zu einem der anziehendsten und lebendigsten Seelengemählde machen.

Das ganze kleine Werk ist durchflochten mit Sonetten und Canzonen, welche der Dichter immer bei der Erzählung des Vorfalles mittheilt, der sie entstehen ließ. Mehrere davon gehören zu dem Innigsten und Zartesten, was die lyrische Poesie je hervorgebracht hat. Der Uebersezzer hätte den deutschen Lesern gern einige davon in möglichst treuer Uebertragung mitgetheilt. Aber lyrische Hauche, Seufzer, welche der vollen Brust entstiegen sind, ertragen keine Uebersetzung. Das, was solch ein Gedicht seyn soll, entschlüpft geisterartig der Hand, die es zu berühren wagt. Uebersetzt kann nur werden, was mehr erkannt, als empfunden seyn will.

Merkwürdig sind die kritischen Bemerkungen, die Dante selbst diesen Gedichten folgen läßt. Er zeigt immer, in wie viele Theile jedes derselben einzutheilen sey, und was dieser und jener enthalte. Bei der Erzeugung selbst mag er schwerlich an eine solche anatomische Zerlegung gedacht haben. Bei einigen derselben äußert er: Dies Sonett ist klar, darum theilt sichs nicht.

Wann dasjenige Werk, welches seinen Nahmen unsterblich gemacht hat, die göttliche Komödie, begonnen und beendigt worden sey, ist nicht mit Genauigkeit auszumitteln. Wahrscheinlich ists nach den Angaben des Boccaccio, daß er die ersten sieben Gesänge vor seiner Verbannung beendigt und daß seine Frau bei der Plünderung seines Hauses das Manuscript gerettet habe. Der Anfang des achten Gesangs: Jo dico seguitando - scheint auf eine vorhergegangene Unterbrechung hinzudeuten. Daß er aber das Ganze vor dem Tode Heinrichs des siebenten beendigt hat, ist wohl als gewiß anzunehmen, da er noch im dreißigsten Gesange des Paradieses, nicht weit vor dem Schlusse des Ganzen, die Hoffnungen ausspricht, welche die Ankunft des Kaisers in ihm erregt hatte. Ein großer Theil des Werks ist wahrscheinlich während der kurzen Ruhe entstanden, die er am Hofe der Scaliger fand. Bald wurde es in mannigfachen Abfchriften verbreitet. Nach Erfindung der Buchdruckerkunst aber und bis jetzt, hat es zahlreiche Pressen in Bewegung gesetzt. Außer der Bibel, hat vielleicht kein Buch so viele Ausleger gefunden, die den Sinn des reichen und tiefen Werks zu erforschen gcsucht und ihm wohl oft genug ihren eigenen untergelegt haben.

Warum er es Komödie nennt (der Beinahme der göttlichen wurde dem Werke erst nach des Dichters Tode beigelegt), ergiebt sich aus seinem Werke: de vulgari eloquio.. Hiernach giebt es drei Arten des Styls, den tragischen oder höhern, den komischen oder niedern, und den elegischen oder klagenden. Er nahm an, daß die zweite Art des Styls in seinem Werke die vorherrschcnde sey.

Hier muß der sonderbaren Erscheinung gedacht werden, daß Italiener der neusten Zeit es unternommen haben zu beweisen, der tiefste und eigenthümlichste Dichter ihres Vaterlandes, den man bis jetzt für den Einzigen in seiner Art gehalten, sey nichts weiter, als ein Nachahmer, welcher die Erfindung eines Andern in gute Terzinen gebracht habe.

Schon Pelli hat in seinen Memorie per la vita di Dante (Venedig 1758) der Viston eines Mönchs Albericus gedacht, ohne eben darauf großen Werth zu legen. Andere haben dieser Vision ebenfalls beiläufig erwähnt, und im Jahre 1801 erschien davon in Rom ein Auszug. Größere Wichtigkeit hat schon Portirelli in seiner im Jahre 1804 zu Mailand erschienenen Ausgabe der göttlichen Komödie auf die Sache gelegt, und weil er beim Anfange des Drucks noch keine Kenntniß von der großen alten Neuigkeit hatte, ausführliche Nachricht darüber dem zweiten Bande vorausgeschickt. Allein ein Herr Cancellieri hat geglaubt, die Rückkehr des Pabstes nach Rom im Jahre 1814 nicht würdiger feiern zu können, als durch den Beweis, daß die göttliche Komödie aus der Vision eines neunjährigen Knaben entnommen sey, daß daher diesem, oder vielmehr dem heiligen Petrus, der ihn geführt, und nicht dem Ghibellinen, welcher nicht einmal den Pabst als Herrn der Christenheit anerkannt, der Ruhm des Werks gebühre. Dieser Beweis hat durch das ruhmwürdige Werk: Osservazioni intorno alla questione sopra l'originalità di Dante, di Fr. Cancellieri. Roma 1814, geführt werden sollen. Es enthält den ersten vollständigen Abdruck jener Vision und neben dem lateinischen Original eine italienische Uebersetzung, beides etwa scchszig Seiten füllend. Die Bemerkungen des Verfassers, welche dem Dichter den Ruhm der Originalität rauben sollen, sind ungefähr doppelt so stark.

Albericus, im Jahre 1100 geboren, fiel in seinem neunten Jahre in eine Schlaf- oder Starrsucht, welche neun Tage lang anhielt. In diesem Zustande erschien ihm eine Taube, welche ihn beim Haar ergriff, und durch die Luft zum heiligen Petrus brachte. Diefer, in Begleitung zweier Engel, führte ihn durch die Hölle und das Fegefeuer, und trug ihn durch die sieben Himmel und ins Paradies. Erwacht fühlte er sich von aller Krankheit genesen und weihte sich dem Klosterleben in Monte Casino. Immer beschäftigt mit der Erinnerung an jene Vision, führte er hier ein heiliges Leben und bald verbreitete sich mit seinem Ruhme auch der seiner Vision. Er ging von Munde zu Munde, und da die Geschichte auf diesem Wege, wie gewöhnlich, sehr entstellt worden war, befahl der Abt einem andern Mönche, sie so niederzuschreiben, wie Albericus sie ihm dictiren würde. Allein auch diese Arbeit war nicht vollständig, daher denn der Abt, weil Albcricus in seiner Zerknirrschung schreiben zu lernen vergessen hatte, ihn selbft noch umständlich befragte und im Jahre 1127 vom Diaconus Peter das Ereigniß ausführlich und vollständig niederschreiben ließ. Diese Schrift hat sich lange Zeit im Kloster-Archive verborgen gehalten, bis endlich ein glücklicher Kritiker den großen Fund machte, und seinen Ruhm dadurch für immer begründete, daß er dem göttlichen Dichter den Ruhm raubte, der Erfinder seines Werks zu seyn.

Die Beweise sind, man muß es bekennen, von der größten Wichtigkeit. Der kleine Albericus wird vom heiligen Petrus geführt, während sich der Nachahmer, wie billig, mit einem geringern Führer, dem heidnischen Dichter Virgil begnügt. Jenen trägt eine Taube, wogegen Dante, wahrscheinlich, weil er mehr ins Gewicht gefallen, als der neunjährige Knabe, an die Pforten des Fegefeuers von einem Adler getragen wird. Albericus findet den Abgrund der Hölle einem Brunnen ähnlich, hört dort in der Finsterniß gräuliches Getös, und sieht einen großen Wurm mit Ketten gefesselt. Auch findet er Seen von siedendem Blute und von Peche und die Sünder darin, wie Fleisch gekocht. Alles dies trifft man im Dante wieder, und das Plagiat wird ganz gewiß, da er sogar das Gleichniß vom gesottenen Fleische gebraucht. Mehrere andere Einzelnheiten, in welchem Dante mit jener Vision übereinstimmt, sind von ähnlicher Art und bleiben billig unangeführt.

Wir wollen den Kritiker nicht in der Freude über seinen Fund stören, die ein schadenfroher Schalk, der Ritter Gherardo de Rossi, ihm ohnehin so verleidet hat,daß er hat bekennen müssen, seine Entdeckung werde dem Dichter eben keinen Schaden thun. (S. le principali cose appartenenti alla divino commedia Rom. 1817. Seite 145 u. ff.) Gewiß ists, daß wenn Dante's Ruhm durch diese Entdeckung beeinträchtigt werden sollte, kein epischer oder tragischer Dichter der ältern oder neuern Zeit mehr den Ruhm der Originalität wurde behaupten können, da sie alte mehr oder weniger Volkssagen, Mythen und historische Stoffe benutzt haben *).

*) Ein lesenswerther Aufsatz über diesen Gegenstand findet sich im Edinbugh Review, Septemberheft 1818. Es wird dort insonderheit bemerkt, daß Visionen dieser Art zu jener Zeit nicht selten waren. - In den deutschen Volkssagen, gesammelt von den Gebrüdern Grimm (Berlin bei Nikolai) im 2ten Bande S. 148 ist eine ganz ähnliche Vision König Karls des Dicken nachzulesen, welcher seine Vorfahren in der Hölle und im Paradiese sieht. Auch hier finden sich Teufel mit Haken, Drachen und Schlangen, und glühende Seen, in welchen Karl einige seiner Vorfahren, eben so wie Dante die Tirannen, bis zum Nabel, zum Kinn, ja bis zum Haupthaar eingetaucht findet. - Wen übrigens der einzige Geist des Dichters nicht aus jedem Gesange eindringend anspricht, für den sind alle Beweife verloren.

Was Machiavelli, Voltaire und Andere tadelnd, viele Andere lobend über das Gedicht ausgesprochen haben, zu erörtern, oder selbst cine Kritik desselben zu geben, liegt außerhalb dem Zwecke und den Grenzen dieses Aufsatzes.

Wir erwähnen hier nur noch folgende Schriften des Dichters:

Das Convivio oder Convito, mittelst dessen er, wie die Einleitung sagt, den Unwissenden Geistesnahrung reichen will, enthält einen Kommentar über drei Canzonen, welche ihm Gelegenheit geben, sich über viele wissenschaftliche Gegenstände zu äußern.

Eine nicht vollendete lateinische Schrift de Monarchia, in welcher die Rechte des Kaisers gegen den Pabst vertheidigt werden, ist wahrscheinlich zu der Zeit geschrieben, in welcher die Hoffnungen der Ghibellinen durch Heinrichs des siebenten Zug nach Italien neu belebt waren.

Die Schrift: De vulgari eloquio oder eloquentia, enthält Abhandlungen über die Volkssprache Italiens, die verschiedenen Dialekte derselben und einige Formen der Dichtkunst.

Von kleinen Gedichten finden sich 25 Sonette, 7 Balladen, eine Sestine und 23 Canzonen gesammelt.

Bei der Ausarbeitung des vorliegenden Werkes hat der Uebersetzer dieselben Grundsätze befolgt, welche ihn bei Uebertragung des rasenden Roland und des befreiten Jerusalem geleitet haben. Er hat sich redlich bestrcbt, den Geist des Dichters im Ganzen zu erfassen und in jeder einzelnen Stelle dasjenige zu erkennen, was diesen Geist am deutlichsten bezeichnet. Dies hat er überall möglichst treu, wo es irgend thunlich war, wörtlich, wiederzugeben sich bemüht, und, da nun einmal eine völlig genaue Uebersetzung in so schwieriger Form gänzlich unmöglich ist, dieser Treue, wo es nöthig war, dasjenige, was ihm willkührlich und zufällig schien, aufgeopfert oder es durch Aehnliches zu ersetzen gesucht. Daß er dabei bescheiden und mit höchster Achtung gegen sein Original zu Werke gegangen ist, wird ihm hoffentlich das Werk selbst bezeugen.

Was die Form anlangt, so hat er gesucht, die Spuren der großen Mühe, die sie ihn gekostet, möglichst zu verlöschen, in der Ueberzeugung, daß alle auf die Form verwandte Mühe verloren sey, wenn der peinliche Zwang, welchen sich der Uebersetzer auferlegt, noch sichtbar ist. Sein Augenmerk muß in dieser Beziehung darauf gerichtet seyn, wieder ein Original zu erschaffen, durch welches ein freier, lebendiger Geist wehe. Freilich wird das Abild das Urbild nie ganz erreichen. Aber es wird ihm ähnlich werden können, wie das Bild des Regenbogens, das wir neben diesem auf dem schwarzen Wolkengrunde erscheinen sehen. Die Farben werden, wenn auch schwächer, doch dieselben seyn und sich leicht und natürlich unterscheiden und mischen. Der Bogen selbst wird, wenn auch enger gewölbt, als das Urbild, doch gleich diesem, scheinbar das leichte Werk des Augenblicks, durch die Lüfte springen. Wer aber Alles in die Form gewaltsam einzuzwängen versucht, wird ein Abbild hervorbringen, dem gleich, welches ein schlecht geschliffener Spiegel zurückwirft, der zwar jeden Zug wiedergiebt, aber diesen in die Länge, jenen in die Breiten, einen andern ganz schief gezogen, und so bei aller Treue statt des schönen Urbilds ein diesem völlig ungleiches Ungeheuer darstellt.

Es bedarf wohl keiner Erinnerung, daß der Uebersetzer hier nur das ausgesprochen, was er gewollt, nicht das, was er erreicht hat. Wie im Lebem, so in der Kunst, wird das Vollbringen immer hinter dem redlichen Wollen zurückbleiben.

Ein Vorwurf seltener Art ist dem Uebersetzer bereits über die einzeln erschienenen Proben dieser Arbeit gemacht worden, der nämlich: daß die Sprache zu leicht und zwanglos, befonders, daß sie zu modern sey. Es muß anerkannt werden, daß dieser Vorwurf nicht ungegründet ist. Das Bild des Originals würde treuer hervortreten, wenn es dem Uebersetzer möglich gewesen wäre, die Sprache alterthümlicher zu halten. Allein die Verhältnisse desselben haben ihm noch nicht erlaubt, der altdeutschen Poesie ein Studium zu widmen, durch welches er ihre Sprache ganz in sich aufgenommen und sich in den Stand gsesetzt hätte, sie ohne Zwang zu gebrauchen, oder doch der ganzen Diction einen alterthümlichen Anstrich zu geben. Er würde daher, wenn er ohne diese tiefe Kenntniß der alterthümlichen Sprachen, die vielleicht niemand bis zur eigenen Fertigkeit in der Ausübung gesteigert hat, sie an die Stelle der ihm natürlichen Rede zu setzen versucht hätte, in die Gefahr gekommen seyn, seinem ganzen Werke den Anstrich einer Ziererei zu geben, die, wie genug Beispiele beweisen, unerträglich ist. Es bleibt ihm also nichts übrig, als jenen Vorwurf zu ertragen. Vielleicht wird man, wenn diese Uebersetzung nach fünfhundert Jahren aus dem Staube einer Büchersammlung vorgezogen wird, die Sprache alterthümlich genug finden.

Ob der Hölle auch das Fegefeuer und das Paradies folgen werden, wird nicht nur von den äußern Lebensverhältnissen des Uebersetzers, welcher Arbeiten dieser Art nur die Stunden der Erholung von den Geschäften eines ernsteren Berufs widmen kann, und von der Aufnahme abhängen, welche dieser Verfuch findet. Vor der Hand möge man dieses Werk, als für sich bestehend, nachsichtig hinnehmen und bei der Beurtheilung die Schwierigkeiten nicht unerwogen lassen, welche zu überwinden gewesen sind.

Denjenigen Lesern, welche nicht bereits mit dem Originale sehr vertraut sind, rathen wir vor jedem Gesange die dazu gehörigen Anmerkungen durchzulesen.

Berlin, den 22. März 1824.

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